
Ostenmauer – 26. Samstagsfieber


Jean-Paul Sartre wird zugeschrieben, über das Vertrauen gesagt zu haben, dass man es in Tropfenportionen gewinne, jedoch eimerweise verliere. In Bezug auf die neue Regierung, und dort vor allem den Kanzlerkandidaten, kann das Bild vervollständigt werden: alle Eimer sind leer und das Wort Vertrauen findet man allenfalls noch im Duden. In einem einzigartigen Manöver hat dieser Mann gezeigt, wie man diejenigen, in deren Auftrag er handeln müsste, wenn er das ganze System ernst nähme, als Volltrottel ins Abseits stellt. Wählerbetrug hat es schon immer gegeben. Zumeist hat der Faktor Zeit dabei eine Rolle gespielt. Aber in wenigen Tagen nach einer Wahl alle Aussagen in ihr Gegenteil zu verkehren, das ist ein Novum. Und das dreckige Grinsen des Delinquenten unterstreicht sein Format.
Trost bietet wiederum ein anderes Zitat. Es stammt von Benjamin Franklin:
„Nichts schmerzt so sehr wie fehlgeschlagene Erwartungen, aber gewiss wird auch durch nichts ein zum Nachdenken fähiger Geist so lebhaft wie durch sie erweckt.“
Alle, die den seit längerem anhaltenden Prozess des Verfalls der demokratischen Staatsidee mitverfolgen und die für sich reklamieren, noch einen lebhaften Geist zu besitzen, können dem Vertreter der Zerstörungsfraktion also nur dankbar sein, dass er so vorgegangen ist, wie er es tat. Allerdings sei allen noch einmal ins Buch der Erkenntnis geschrieben, dass es sich hier um einen Kulminationspunkt handelt. Es ist nicht der Anfang, sondern das Ende des Vertrauensverlustes in eine Staatsform, die lange Zeit für Frieden und einen gewissen Wohlstand bürgen konnte. Und mit beidem ist es vorbei.
Die soziale Spaltung der Gesellschaft steht in jeder Statistik und ist bei jeder Schulspeisung und an jedem Müllcontainer, an dem sich Rentner versorgen, sichtbar. Und der Frieden ist mit der geplanten Aufrüstungsorgie mental schon lange eine Reminiszenz der Vergangenheit. Wenn einmal die Archive geöffnet werden, anhand welcher Methoden die Ukraine in die Lage getrieben wurde, in der sie sich heute befindet, wird sichtbar werden, mit welchen chauvinistischen Geistern koaliert wurde, um die nie besiegten Ressentiments gegen Russland zu aktivieren.
Seit Jahren sind die durch staatliche Mittel finanzierten Denkfabriken dabei, die Geschichte umzuschreiben. Sie sollten nur aufpassen, dass da nicht irgendwann steht, am Sender Gleiwitz sei zurückgeschossen worden. Das träfe nämlich die polnischen Verbündeten, die ihrerseits auch im Kriegsrausch sind, vielleicht doch zu sehr. Narkotisiert wie die Experten aus den Denkfabriken von den medialen Rauschmitteln sind, haben sie jede Form von Realitätssinn verloren und fabulieren nun von einem bevorstehenden Krieg. Wenn das Szenario stimmte, von dem der ehemalige Pop-Beauftragte und Außenminister als Häuptling der Atlantikbrücke sprach, dass der Russe 2028 vor der Tür stünde, dann könnte man sich die gewaltigen Investitionssummen sparen. Bis das Kriegswerkzeug verfügbar und von entsprechenden Militärkräften bedienbar wäre, vergehen ca. 2 Jahrzehnte. Worum es geht? Ums Geschäft! Und wer in diesem Zusammenhang von Klima spricht, torkelt genauso durch die Realität wie die eben Beschriebenen.
Nein, seien wir ehrlich! Das politische System hat mit dem agierenden Ensemble bereits abgedankt. Niemand weiß, wie der weitere Verlauf sein wird. Nur eines ist sicher, wer derartig verkommen agiert, kann nur noch auf ein Gefolge hoffen, das sich im Milieu von Korruption, Kollusion und Nepotismus zuhause fühlt. Die lebhaften Geister, von denen Benjamin Franklin sprach, wenden sich angeekelt ab und sinnen auf Neues.
Immer wieder ist es mir so ergangen. Ich fand Menschen, mit denen ich mich verstand. Da stimmte alles. Die Hoffnungen, die auf eine Zukunft gerichtet waren. Das Lebensgefühl. Der Lebenswillen. Der Genuss. Der Humor. Und die Unersättlichkeit. Wir freundeten uns an, wir stahlen uns das Leben und fraßen vom Kuchen des Daseins bis nichts mehr hineinpasste. Dabei fragten wir nicht nach der Zeit, sondern lebten in den Tag hinein. Jeder Tag ein Fest. Jeder Tag eine Revolution. Jeder Tag ein Superlativ. Und es schien, als ginge das immer so. Bis zum Jüngsten Tag.
Aber es war nicht so. Und es wird nie so sein. irgendwann war das Pulver verschossen. Irgendwann ereilte uns die Einsicht, dass es noch etwas anderes gab, das gemacht werden musste. Oder sollte. Weil im tiefen Innern doch so etwas wie eine Vernunft waltete, die uns soufflierte, dass das schöne Leben, mit allen Widrigkeiten, die auch das bot, nicht ewig so weitergehen konnte. Irgendwann rief die Pflicht. Sie war der Wink, den das bürgerliche Leben dem Drop Out gab. Hey, ihr kleinen Strunzer, nun mal ans Werk, wenn aus euch etwas werden soll.
Bei manchen, mit denen ich unbeschwerte Zeiten erlebte, kam der Wink nicht. Sie blieben das, was sie waren und versanken in der Belanglosigkeit. Manchmal reichten nur wenige Jahre, die ich sie nicht sah, und dann, wenn ich sie traf, ereilte mich das blanke Entsetzen. Sie so zu sehen, wie ich vor dieser Zeit auch war, nur ein bisschen älter, nur ein bisschen zerstörter. Sie blieben dort, und wenn sie nicht gestorben sind, dann vegetieren sie noch heute in der Vergangenheit.
Und andere wiederum, die auch den Wink bekommen hatten, sich aber anders orientiert hatten, sie waren, wenn ich sie traf, spannend geblieben. Das Interessante bei solchen Zusammenkünften war, dass wir uns viel zu erzählen hatten. Über das, was in der Zwischenzeit passiert war und das, was da noch kommen sollte. Die gemeinsame Vergangenheit spielte gar keine Rolle. Was uns verband, war das zurückliegende Glück und das inzwischen Gelernte.
Der Stillstand derer, mit denen ich so wilde Zeiten erlebt hatte, hat mich immer betrübt. Und das Tempo derer, die sich weiter entwickelt hatten, hat mich immer beglückt, auch wenn ich es oft nur noch aus der Ferne wahrnehmen konnte.
Der Ausgangspunkt war, zumindest bei mir, der Wunsch, aus beengten Verhältnissen entfliehen zu wollen. Da passte der Refrain des Dylan Songs.
How does it feel
To be on your own
With no direction home
Like a complete unknown
Like a rolling stone.
Was sich zu Anfang des Wegs wie der Blues pur anfühlte, ist heute, nach so viel Jahren und so vielen Erfahrungen, ein einziges Glücksgefühl. Ja, das ist der Weg, der ist richtig, und er bedeutet Freiheit. Und ja. Sie hat ihren Preis. Du darfst immer träumen. Aber nicht an der falschen Stelle. Das ist das Geheimnis.

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