Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Manipulation zum Preis der eigenen Verblendung

Es ist ein alter Hut, dass die Selektion von Nachrichten darüber entscheidet, welches Bild in einem Kopf entsteht. Und manchmal ist es mehr als eindrücklich, wenn sich täglich bestimmte Nachrichten wiederholen bzw. analoge Vorgänge die Informationen dominieren und dann, wenn ein bestimmtes Ereignis, wie z.B. Wahlen, verstrichen ist, scheinbar nichts mehr in dieser Hinsicht passiert. Ein markantes Beispiel sind die Delikte von Migranten mit dramatischen Folgen. Gefühlt fanden derartige Vorkommnisse nahezu täglich vor der Bundestagswahl statt, folglich dominierte auch dieses Thema, über das sich die verschiedenen Parteien stritten. Seit dem Wahlabend ist, glaubt man Funk, Fernsehen und den großen Printmedien, kein Vorfall mehr zu registrieren. Stattdessen erreichen uns Nachrichten, wie erfolgreich die Asylpolitik der Noch-Regierung gewesen sei, was anhand von Antragszahlen belegt wird. 

Auch was die Weltlage anbetrifft, ist die Selektion von Nachrichten ein näheres Hinsehen wert. Gerade am Wochenende waren zwei Veranstaltungsarten zu registrieren, die als Massenproteste bewertet werden können. Zum einen zahlreiche Demonstrationen in den USA gegen die Politik des amtierenden Präsidenten Trump und große Demonstrationen in Italien gegen die Militarisierungspläne der EU-Kommission. Gemeldet wurden die Proteste gegen Trump, vor allem das beeindruckende Votum aus der italienischen Metropole Rom fand keine Erwähnung. 

Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um die jeweiligen Selektionskriterien als ein Abbild politischer Intention zu sehen. Die Politik Donald Trumps zu kritisieren passt in die eigene Sichtweise, eine wachsende Kritik an der militärpolitischen Ausrichtung der EU hingegen wird schlichtweg als falsch und systemgefährdend gewertet.

Selektion basiert auf Bewertung. Nichts ist dem Zufall überlassen und keine Information, und beträfe sie auch nur ein Verbrechen in der Provinz oder den Unfall eines E-Rollers, landet ohne intendierte Wirkung in einem Informationsportfolio. Und, da die Kritik an der Selektionsweise vieler Medien wächst, sei einmal darauf geachtet, wie lange sich bestimmte Meldungen halten. Diejenigen, die die herrschende Sichtweise untermauern, werden bis zur schlafwandlerischen Sicherheit  wiederholt, und andere, die zum Nachdenken anregen könnten, verschwinden sehr schnell wieder zugunsten von profanen Lückenfüllern.

Man könnte in die Weise verfallen, dass da in großem Maßstab manipuliert wird, was allerdings auch stimmt, aber reduziert darauf wäre eine Kritik nicht hinreichend. Was in komplett anderer Art beunruhigt, ist zudem die bewusste Verschließung der eigenen Augen vor den tatsächlichen Verhältnissen hinsichtlich der eigenen Position. Im Falle des Konfliktes mit Russland, bei dem man lange genug am Rockzipfel us-amerikanischer Aggressionspolitik mit gebaumelt hat, scheint man tatsächlich an die Märchen zu glauben, die man der Öffentlichkeit über die tatsächlichen Kriegsgründe erzählt hat, genauso wie an die Überschätzung der eigenen Möglichkeiten. Wenn den USA der Preis für eine Bezwingung Russlands zu hoch war, wie wollen dann die militärischen Zwerge Resteuropas dieses Werk vollbringen? 

Und nun, auch diese Information sucht man vergeblich im Sortiment der täglichen Informationen, hat China sich dahingehend geäußert, dass es sich ohne Wenn und Aber hinter Russland stellt, wenn die NATO offen in diesem Konflikt interveniert.  Anstatt sich der eigenen Lage zu vergewissern, posaunen ehemalige Politiker von der Resterampe laut zu besten Sendezeiten genau die Notwendigkeit der eigenen und offenen militärischen Beteiligung in die sedierten Hirne. 

Diagnose: In der Selektion von Nachrichten durchaus versiert. Manipulative Interventionen funktionieren einigermaßen. Allerdings zum Preis der eigenen Verblendung. So geht Scheitern. Jede Wette! 

Ostenmauer – 31. Ali

Es möge noch einmal erlaubt sein, in einer anderen Zeit, in der vieles von dem nicht mehr zu gelten scheint, als in der, um die es geht. Es geht um die Zeit, als auf der Welt noch Vorstellungen herrschten, dass es gerechte wie ungerechte Kriege gebe, und dass es Rufe gab, die hießen Freiheit oder Tod. Heute nennen Historiker die Zeit, in der es das nicht mehr gibt, die post-heroische. Folglich muss der Abschnitt, um den es jetzt geht, ein heroischer gewesen und herausragende Persönlichkeiten noch Helden gewesen sein.

Ein Held meiner Kindheit und frühen Jugend war ein Boxer namens Cassius Clay aus Louisville,  Kentucky. Später wurde er unter dem Namen Muhammad Ali weltberühmt. Er räumte von unten, im wahren Sinne des Wortes, sozial, rassisch und politisch im amerikanischen Boxsport auf. Er flog von Kentucky direkt in den Himmel, wo er alle vorführte, die bereits einen Namen hatten. Ali war schnell der Größte, was er auch sagte. 

Niemand beherrschte das Clausewitz´sche Diktum vom Kriege so perfekt wie er, niemand war so schnell, so unberechenbar, so elegant, so gnadenlos, so smart und so intellektuell. Ali erschuf die Rap-Batttle, bevor es Rap gab, er hinterließ eine Lyrik, die sich mit Sinn für Gutes zu zitieren lohnt, er miniaturisierte den großen Kosmos des Lebens im Boxring. Und er schrieb Weltgeschichte. In New York, in Kinshasa und in Manila. Da bezwang er Giganten, die das Pech hatten, in einer Ära zu leben, in der neben den Irdischen noch ein Intergalaktischer wandelte: George Foreman und Joe Frazier. 

Muhammad Ali verweigerte den Militärdienst und ging nicht in den ungerechten Krieg in Vietnam. Dafür durfte er in seinen besten Jahren nicht boxen. Er trat zum Islam über und gehörte damit zu denen in den USA, die den Islam politisierten. Er ließ sich von den daraus entstehenden Machtverhältnissen nur bedingt instrumentalisieren. Ali bereiste Afrika, um den Menschen dort die Verbundenheit der nordamerikanischen Schwarzen mit ihrer Herkunft zu demonstrieren und forderte sie auf, stolz zu sein und sich nicht zu beugen. Nicht alles, was Muhammad Ali in seinem Leben tat, war klug und bis zum Ende durchdacht. Aber Ali zahlte immer alle Rechnungen. Ohne zu murren. Heroisches Zeitalter.

Nachts um Zwei ging die Schlafzimmertür auf. Dann stand dort mein Vater und rief, es geht gleich los. Das war, wenn Ali an der Ostküste kämpfte. Dann wurde das live angesehen. Dann brannten alle Lichter in unserer Straße. Dann wurden wir Zeugen, wie es ist, wenn ein inspirierter Geist die alte organisierte Macht bricht. In unseren Herzen waren Alis Kämpfe Befreiungskriege. Alle diese Kämpfe sind noch im Kopf, jeder Zug, und dazu ein passendes Zitat, das die kalte Strategie und Taktik in große Lyrik taucht. Morgens, müde, in der Schule, wurde das alles immer und immer wieder analysiert, auch im Unterricht, mit den Lehrern. Wir wussten, wir erlebten Großes.

Was bleibt, die immer währende Frage, wenn ein Gigant sich aus unserem Dasein verabschiedet? Ali fehlt mir, ehrlich gesagt, schon lange. Nicht, weil er fast dreißig Jahre lang unter einer unheilbaren Krankheit litt, mit der er für zu viele Kämpfe bezahlte. Nein, vielleicht weil der Rausch des Siegens längst verflogen ist. Aber zu wissen, dass es etwas gibt, für das es sich zu kämpfen lohnt und daraus noch ein Kunstwerk machen zu können, das verdanken wir Ali! 

Grace til the End

Grüße nach Rom!

Am Wochenende lief in Rom gar nichts. Das hatte weder etwas mit dem Heiligen Jahr noch mit dem beginnenden Frühling und den damit verbundenen Touristeninvasionen zu tun. Alles lag brach und die Stadt war voller demonstrierender Menschen. Der Anlass? Die von der EU-Kommission geplanten 800 Milliarden Euro für ein großes Aufrüstungsprogramm. Wie im benachbarten Frankreich und wie in Spanien hat man in Italien ein großes Gespür dafür, was eine solche Ankündigung bedeutet. Es geht nicht um den an die Wand gemalten Krieg gegen den russischen Imperialismus. Denn wäre er so, wie er beschrieben wird, dann würde der geplante Großeinkauf von Militärmaterial zu spät kommen. Nein, es geht um den Krieg gegen die eigene Bevölkerung. Im genauer zu sein, um den Kampf von Reich gegen Arm. Aus diesem Bewusstsein heraus gab es aktuell die größten Demonstrationen in Rom seit Dekaden. Die Botschaft derer, die jetzt keinen anderen Zweck mehr in der europäischen Politik sehen, als den der Militarisierung, ist angekommen. Ihr wollt den Krieg? Und zwar den gegen die eigene Bevölkerung? Ihr könnt ihn haben! Und seid euch nicht so siegessicher!

Bis dato sind diese Nachrichten noch nicht so richtig in Deutschland angekommen. Denn vorsorglich, damit der deutsche Mob nicht auf falsche Gedanken kommt, bleiben Meldungen, die etwas mit Widerstand zu tun haben, mit großer Regelmäßigkeit im Sieb der manipulativen Vorsorge hängen. Und wenn es bekannt würde, wäre es sicher, bitte achten Sie darauf, dass diejenigen, die in Italien den Mut haben, gegen das korrupt-bellizistische Konsortium, das die europäischen Befehlsstrukturen gekapert hat, aufbegehren, in Windes Eile in die faschistische Ecke gestellt werden. Übrigens eine Usance, die sich durchgesetzt hat und an Frivolität nicht zu überbieten ist: der Widerstand gegen die Abrissbirnen jeglicher demokratischer Strukturen werden mit dem Vorwurf des Faschismus überzogen. Schreit da nicht der Dieb, man möge ihn halten? 

Jedes Manöver wird irgendwann erkannt und dann wird seine Dechiffrierung zum Allgemeingut. Wer die korrupten, irren Schreihälse, die mitten im Geschehen, live, medial erfasst, von einer Lügengeschichte in die nächste stolpern, einmal, nach dem ersten Erstaunen, nach der ersten Irritation, als das erkannt hat, was sie eigentlich sind, wird irgendwann auch zu Schlüssen kommen, die zum Beispiel am letzten Wochenende in Rom zu diesen gewaltigen Protesten geführt haben. Wenn der Apfel reif ist, fällt er vom Baum. Gegen dieses Gesetz kommt keine Mediendominanz auf Dauer an.

Während sich die im Kriegsrausch befindende politische Nomenklatura hierzulande überlegt, wie sie mit weiteren Gesetzen die unveräußerlichen Rechte beschneiden und jede Form der Freiheit der Allianz kriminalisieren kann, wachen also Bevölkerungen in anderen Teilen der EU bereits auf und stellen sich gegen den Kurs okzidentaler Oligarchen gegen die eigene Bevölkerung. Dieser Gedanke wird um sich greifen und aus dem ohnehin im Kräfteparallelogramm der Welt handlungsunfähigen Europa eine neutrale Zone schaffen, das erst dann wieder eine Rolle spielen wird, wenn es sich von den Kriegstreibern, gekauften Chaqueteros und mediokren Hasardeuren getrennt hat und auf seine eigenen Stärken besinnt. Wie hieß es so treffend in einem klugen Aufsatz über die Perspektiven Europas? Es wird erst dann wieder als ein wichtiger Akteur im Weltgeschehen erscheinen, wenn es ihm gelingt, dass seine schöpferischen Kräfte das Ressentiment im Zaum halten. Grüße nach Rom!