Die große Tragödie unserer Tage scheint in dem Umstand begründet zu sein, dass sowohl das individuelle wie das gesellschaftliche Sein zu einer mittelbaren Größe verkommen sind. Das Unmittelbare, selbst Erlebte wird zunehmend zu einer Sondererscheinung in einer Welt, in der viele Kenntnisse und Erfahrungen über eigens dafür geschaffene Instrumente vermittelt werden.
Das für viele der analogen Generation zugeschriebene Menschen ganz Normale, nämlich das Hinausgehen in die Welt, das Fehler-Machen, die Schmerzen, die daraus erwachsen und der daraus resultierende Erkenntnis- und Lernprozess sind für die digital Gebürtigen ein zunehmend verblassendes Narrativ. Das sich Verlaufen auf dem Weg von A nach B findet nicht mehr statt, denn die App führt exakt dorthin, liegt das Instrument nicht vor, kann der Ort aber weder gefunden noch aufgesucht werden. Erkennungslinien können sich so nicht mehr herausbilden.
Auch die
physiologische Komponente, die sich im römischen mens sana in corpore sana
manifestierte, produziert bei der zunehmenden Bewegungslosigkeit in der
virtuellen Welt böse Folgen, die in einer Häufung von Zivilisationskrankheiten
wie Diabetes und Adipositas zum Ausdruck kommen. Wenn es zynisch formuliert
werden sollte, dann könnte davon gesprochen werden, dass die wachsende
Lethargie die notwendige Folge einer zunehmend bequemeren und weniger
erkenntnisreichen Welt darstellt.
Was wäre
logischer als die Konsequenz dahin gehend zu formulieren, sich für mehr
Bewegung und weniger Routine einzusetzen. Es hätte gar eine subversive Wirkung
auf die durch Programme und Algorithmen eingefriedeten Menschen. Das, was die
Diskussionen um eine bessere Welt lähmt, sind die Systembrüche zwischen der
alten, analogen und der neuen, digitalen Welt.
Die digitale
Welt suggeriert den hin- und hergerissenen Menschen die Möglichkeit, in der
Blase von abnehmender Bewegung, wachsender Bequemlichkeit und ständigem
Wachstum so wie bisher weiter existieren zu können. Dass das ein Trugschluss
ist, merkt jeder, der den Zivilisationskrankheiten erliegt, jeder, der selbst
bei großer Betroffenheit nicht mehr die Energie hat, aufzustehen und für seine
Rechte einzutreten und jeder, der die Journale über ökologische Katastrophen
liest.
Man darf sich
nicht blenden lassen: Kritik, Wirkung und Konsequenz zu alledem ist nichts
Über-Komplexes, Kompliziertes und Unveränderbares, sondern schlicht und
einfach, wenn man der Logik der menschlichen Existenz nur mehr folgt. Wer die
Verhältnisse, so wie sie sich darstellen, nicht mehr so hinnehmen will, der
sollte sich dafür entscheiden, alles zu minimieren, was sich nur mittelbar
abspielt und alles zu maximieren, was dem unmittelbaren Erleben zuträglich ist.
Das bedeutet, sich
der eigenen Bewegung zu verschreiben, sich in direkte soziale Kontakte zu
begeben, eifrig zu interagieren, den Ort zu wechseln und möglichst vieles selbst
auszuprobieren. Denn nur der eigene Antrieb ist in der Lage, den Infekt der
Lethargie hinter sich zu lassen und irgendwann, nach Überwindung der Wehen, die
beim Kampf aus der Lethargie, Apathie und Passivität entstehen, den Weg frei zu
machen für das, was als selbstbewusste Gestaltung bezeichnet werden kann.
Es ist zwar
schon oft kolportiert, aber der Satz eines der Inspiratoren der dialektischen
Denkweise, dass nämlich die Bewegung der Ursprung allen Daseins ist, dieser
Satz ist zu einem Axiom geworden für die Befreiung aus dem
Unterdrückungsverhältnis von Maschine und Mensch. Denn die Frage ist nicht, ob
diese Form der Unterdrückung kommt. Sie ist längst da. Sehen sie sich Ihre
eigene Bilanz an! Wieviel Unmittelbares bestimmt Ihr Leben? Und wieviel
Mittelbares nimmt Ihnen die Zeit?
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