Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Opfer, Täter und der Teufel

Wenn das Leben nicht mit dem Label korrespondiert, das ihm zur Charakterisierung gegeben wird, dann läuft etwas gehörig schief. Und momentan wird heftig gelabelt. Es geht für viele um sehr viel, nämlich um Macht und Einfluss, für manche sogar um die nackte Existenz. Doch davon vielleicht ein anderes Mal. Was in starkem Maße auf allen Kanälen gesendet wird, ist das Bild einer Gesellschaft, die frei und gerecht ist und für die es sich zu kämpfen lohnt. Ausgerechnet diese Aussage in den Kontext der EU zu stellen, muss Menschen aus anderen Staaten zwar wie der blanke Hohn vorkommen, aber auch das ist nicht das Thema. Was irritiert, ist die Reklamierung des gegenwärtigen bestehenden politischen Systems als das freieste, sozialste und gerechteste überhaupt, und gleichzeitig sind in dieser Gesellschaft mehr Opfer und Opfergruppen gelistet als historisch jemals zuvor.

Der gesamte politische Diskurs dreht sich um das Schisma der Diskriminierung, es existieren starke, durch Lobbys vertretende Opfergruppen, ganze Opferhierarchien und Diskriminierungskataloge. Analog dazu sind Tätergruppen identifiziert, die längst nicht so zahlreich sind, aber die es in sich haben. In der finalen Logik ist es die Gesellschaft an sich oder  der alte weiße Mann, der die Gesellschaft durchtränkt hat mit seiner Dominanz und der daraus resultierenden Ungerechtigkeit des gesamten sozialen Systems. 

Wenn sich allerdings der politische Diskurs vornehmlich um Opfer und Diskriminierte dreht, wie kann es dann sein, dass die gegenwärtige Gesellschaft als die freieste aller Zeiten gefeiert wird? Das ist nicht schlüssig und entpuppt sich als Ideologie. Unter dem Strich ist diese Gesellschaft freier, als sie erscheint. Das scheint gewagt formuliert zu sein, erhält jedoch eine andere Perspektive, wenn die Wirkung der ganzen Opferideologie auf ihren tatsächlichen Gehalt überprüft wird. 

Wer sich zu den Opfern zählen darf, genießt einen schätzenswerten Status, zumindest formal und verbal, und muss im Grunde genommen nichts mehr tun. Es reicht, sich der Terminologie zu bedienen und sich den Ritualen der Emotionsbekundung anzuschließen. Resultat dieses Prozederes ist jedoch die tatsächliche soziale und politische Passivität. Was interessiert es die Macht, wenn irgendwo im Saal oder im Netz irgendwelche ausdifferenzierten Spezialgruppen gemeinsam den Gefangenenchor singen? Bequemer kann die Welt nicht sein, sagt die Macht, denn wer kollektiv jammert, der kämpft nicht, und wer nicht kämpft, der tut keinem weh.

Unter dem Aspekt der sozialen und politischen Gestaltung handelt es sich bei dem ausdifferenzierten Opferkult zum einen um ein sehr wirkungsvolles Instrument der Aufspaltung der Gesellschaft in ganz besondere, vermeintlich nicht miteinander korrespondierende Gruppen,, und zum anderen handelt es sich um das wohl mächtigste Entmündigungsprogramm der Neuzeit.

Nie zuvor konnte der Gesellschaft nahezu kollektiv suggeriert werden, dass jede und jeder in irgend einer Form zu einer stark diskriminierten Gruppe gehört, die es zu schützen gilt. Seltsamerweise scheint nie in diesem Zusammenhang der Rat auf, dagegen aktiv etwas zu tun. Man könnte ja den Frauen raten, bei ungleichem Lohn Streiks zu organisieren, den Immigranten raten, auf das Kanzleramt zu marschieren und den Paktboten, an jedem Montag der Woche kollektiv ihre Fracht zu verbrennen, bis die Bezahlung stimmt. Was wäre das für ein Feuerwerk an sozialer und politischer Revolte und was hieße das für die Stimmung im Land!

Aber nein. Bei der Opferideologie führt der Teufel Regie. Sein Wunsch ist Entmündigung und Passivität. Vor richtigen Tätern, da hätte der Teufel Angst.

Virtue Signalling, Slacktivism und Social Proof

Mit der Etablierung der Political Correctness zu einem geltenden Code für den gesellschaftlichen Diskurs haben sich bestimmte Verhaltensmuster etabliert, die den Stillstand garantieren. Es hat eine Verschiebung gegeben vom Für-sich zum An-sich. Es geht um die Frage, ob ein Zustand oder eine Position an sich bereits als gut und richtig gilt und die Mutation hin zu einem Für-sich, d.h. die Interessen aktiv vertretenden Momentum wird. Die These: die sich hinter der Political Correctness verbergenden Verhaltensmuster zementieren die gesellschaftliche Untätigkeit. Das hört sich vielleicht sonderlich an, kann jedoch bei der Betrachtung dessen, was sich als Massenverhaltensmuster bereits etabliert hat, gut illustriert werden.

Das Phänomen ist seit langem bekannt und wegen seines standardisierten Charakters genügend untersucht. Ein erster Begriff, der in diesem Kontext zunehmend auftaucht und der sich mit einer systemischen Konstante der PC beschäftigt, ist der des Virtue Signalling. Was heißt das? Er beschreibt das Phänomen, dass eine bestimmte Haltung, Position oder Auffassung als die politisch und moralisch richtige identifiziert wird und es wichtig wird, diese Haltung bekannt zu geben. Es geht um massenhafte Selbstbestätigung, die sich auf eine Auffassung bezieht. Wenn jemand Kinderarbeit, Rassendiskriminierung oder Umweltverschmutzung schlecht findet und dieses zum Ausdruck bringt, dann gehört er oder sie zu einer mächtigen Gruppe, die diese Meinung teilt. Das kulturell Neue und Phänomenale dabei ist der Umstand, dass es den Beteiligten in vielen Fällen ausreicht, sich dazu zu bekennen.

Damit käme der Begriff des Slacktivism ins Spiel. Von der Wortschöpfung setzt er sich aus Slacker, Faulenzer und Aktivismus zusammen. Er beschreibt die praktische Folgenlosigkeit des Virtue Signalling. Es reicht aus, sich zu einer Haltung zu bekennen, ohne sich tatsächlich für die Lösung des Problems aktiv engagieren zu müssen. In den sozialen Medien sind das die Hashtag-Communities, die vielen Likes und Buttons, die den Interagierenden suggerieren, sie seien tatsächlich aktiv. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Oder glaubt tatsächlich jemand, mit einem „Je suis Charlie“ gegen die Ursachen des Terrorismus und seine Bekämpfung etwas geleistet zu haben? Oder durch neue Wortschöpfungen für Menschengruppen, die als diskriminiert gelten, tatsächlich die Ursachen der Diskriminierung zu beseitigen? 

Was jedoch die große Gemeinde der sich gegenseitig Selbstversichernden vor der Erkenntnis bewahrt, gesellschaftlich gar nichts zu verändern und in der Blase einer virtuellen Bewegung zu wabern, ist wiederum das Phänomen der Social Proof. Wird das bloße Bekenntnis zu einer Position gegeben, dann ergibt sich daraus ein mächtiges Gefühl der Zusammengehörigkeit, das niemand der Beteiligten missen möchte.

Social Proof verfügt jedoch auch über eine Kehrseite, die beschreibt, wie mit denen umgegangen wird, die sich dem Kollektivdruck des Bekenntnisses nicht gleich beugen oder die ihrerseits mit dem kollektiven Phlegma gegenüber den notwendigen Aktivitäten, um etwas zu verändern und zu gestalten, nicht zufrieden geben. Diesen kritischen Gestalten wird durch kollektives Bashing der Garaus gemacht. Die gesellschaftliche Ausgrenzung ist ihnen sicher. Es reicht nicht, dass sie nicht dazu gehören. Ganz im Gegenteil, sie werden stattdessen der Vertretung von Positionen  bezichtigt, die sie gar nicht teilen. Ruckzuck stehen Rassisten und Nazis vor uns, die das Ergebnis einer sektiererischeren Logik sind, die die Gesellschaft zunehmend infiziert hat.

Wer mehr darüber wissen will, lese:

Daniel Ullrich, Sarah Diefenbach, Es war doch gut gemeint. Wie Political Correctness unsere freiheitliche Gesellschaft zerstört