Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Protektionismus: Mit dem Rücken zum Meer

Warum fiel mir heute wieder die Formulierung eines vehementen Verfechters der europäischen Idee ein, die er in einer Vortragsreihe am College de France gebrauchte? Ob es rein provokativ gemeint war, oder ob es die Basis der weiteren Analyse sein sollte, ist dabei unerheblich. Was ist, so führte er aus, denn das alte Europa anderes als ein Ensemble gedemütigter ehemaliger Imperien? Angesichts dessen, was der amerikanische Präsident mit allseitig verhängten Strafzöllen veranstaltet und beabsichtigt, könnte man fast glauben, dass eine solche Einschätzung auch seinen Maßnahmen entspricht. Hört man sich die Reaktionen seitens der EU-Bürokratie und einiger noch kommissarisch waltender bundesrepublikanischer Minister an, werden nun diesseits des Atlantiks die Messer gewetzt. Strafzölle auf Erdnussbutter, Whiskey und Kult-Motorräder sind bereits angekündigt. Angesichts solcher Volten kann man sich vorstellen, in welchem Gewand die Angst umgeht, an den Ufern des Potomacs.

Nein, spaßig ist das alles nicht. Aber, wie immer, wenn sich die Widersprüche zuspitzen, empfiehlt es sich, einen Schritt zurückzutreten, gut durchzuatmen und die Sachlage in einem größeren Zusammenhang zu betrachten. Und da haben wir es schlichtweg mit einem dramatischen Rückzug des Wirtschaftsimperialismus westlicher Prägung zu tun. Die Krise deutete sich durch gravierende Probleme auf dem Sektor vitaler Logistik während der Corona-Krise bereits an. Da fiel plötzlich auf, dass die aus rein betriebswirtschaftlichen Betrachtungen vollzogene Diversifikation der Produktion in Krisen dramatisch enden kann. Wie so häufig, waren allerdings nicht die Geschäftsführungen in der Kritik, die die Auslagerung von essentiellen Produktlinien in alle Regionen des Globus getroffen hatten, sondern diejenigen, die aufgrund des unschlagbaren Preises den Zuschlag bekamen. Nicht die deutschen Top-Manager, sondern die hinterhältigen Chinesen waren nach der Lesart oberflächlicher politischer Einordnung verantwortlich.

Dass mit dem Datum der Corona-Krise die Euphorie der Globalisierung ein Ende hatte, ist bereits intellektuelle Meterware. Dass allerdings bei tatsächlichen Unterschieden in der Anwendung von Arbeitskraft und Technologie nicht mehr die alten Platzhalter die größten Gewinne im Weltmaßstab einstrichen, führte zu einer Ernüchterung, die nachhaltig ist und immer noch anhält. Und dass nicht die Schlüsse daraus gezogen wurden, die aus einer eigenen Fehleranalyse und ja, einer eigenen Systemkritik resultierten, kann guten Gewissens als die grassierende Krankheit des ehemals alles dominierenden Westens bezeichnet werden. Statt zu überlegen, was notwendig ist,  um gut, innovativ und damit Maßstab setzend zu sein, griff man in die verstaubte Kiste der oben zitierten ehemaligen Imperien. 

Feindbilder wurden geschaffen oder reaktiviert. Nicht die eigene Trägheit und Schwäche, sondern die Durchtriebenheit der neuen Player wurde für den eigenen Nachteil verantwortlich gemacht. Und, ganz im eingeübten Schema doppelter Standards, weil man sich nicht anders zu helfen wusste, nahm staatliches Agieren anderer, die sich der gleichen Mittel wie man selbst bedienten, zum Anlass, um mit Hellebarden wie dem Protektionismus die eigenen Märkte behaupten zu wollen. Dass jetzt das taumelnde, letzte Imperium in der Tradition Roms auch und sehr konsequent zu diesem Mittel greift, dokumentiert, wie weit die eigenen Verteidigungslinien nach hinten verschoben wurden. Um ein weiteres, plastisches Bild gebrauchen zu wollen: der westliche Kapitalismus steht mit dem Rücken zum Meer. Und mit Protektionismus kommt er keinen Schritt mehr nach vorne. Das Dilemma ist kollektiv. Man mache sich da mal nichts vor.

Ostenmauer – 29. Deine Klasse und dein Verein

Da, wo ich aufwuchs, hatten die Bergleute eine wichtige Stimme. Ihre Sichtweise auf das Leben konnten selbst diejenigen, die nichts mit dem Bergbau zu tun hatten, nicht ignorieren. Die Stadt hatte fünfzigtausend Einwohner, über zehntausend davon arbeiteten auf der Zeche und noch einmal zwanzigtausend, die in Betrieben arbeiteten, die von der Zeche lebten. Diese Kraft war Ursache für die Verheerungen, die in den Städten stattfanden, als das Zechensterben begann. 

Auch das ein Begriff, den die Sieger in ihrer Geschichtsschreibung geprägt hatten. Das sollte sich nämlich so anhören, als wären die Zechen an ihrer eigenen Krankheit eingegangen. Sind sie aber nicht. Gemeuchelt wurden die Zechen von der kapitalistischen Verwertungslogik. Woanders, und wir sprechen von Polen bis Korea, wurde zu niedrigeren Löhnen abgebaut, die Sicherheitsbestimmungen waren geringer und die Kosten inklusive Transport waren niedriger. So funktioniert das Kapital. Einfach und transparent. Aber das ist nicht die Geschichte. Außer, dass sie immer so geschrieben wird, wie sich die Herrschenden das zurecht dichten. 

Wichtiger war für mich, was die Bergleute, die ich kannte, mir als Heranwachsendem wohlmeinend erzählten. Im Gegensatz zu einem weit verbreiteten Vorurteil, das die schäbige Gilde der Arbeiterverräter gerne in die Welt setzten, waren die Bergleute recht liberale Leute. Sie lebten nach dem Motto „Leben und leben lassen“. Es gab nur ganz wenige Gesetze, die du einhalten musstest, um zu jener Kategorie zu gehören, die die Bezeichnung „in Ordnung“ trug. Der alles beherrschende Satz war, dass man sich auf dich verlassen können musste. War das nicht gegeben, dann warst du raus. Ein für alle mal, oder, wie sie es so schön formulierten „unten durch“. Das kam von unter Tage, denn wenn man sich dort nicht aufeinander verlassen konnte,  dann konnte das den Tod bedeuten. Nichts weniger.

Der zweite Grundsatz war der, dass man wahrhaftig zu sein hatte. Mache, was du für richtig hältst, aber stehe dazu. Wenn du das nicht hinkriegst, auch dann kannst du nicht dazu gehören. 

Als ich die Schule beendet hatte und die Stadt verlassen wollte, was immer heißen konnte, dass man nie wieder zurückkam, nahm mich einer von den Bergleuten beiseite und gab mir noch einen Rat, den ich nie vergessen sollte. Er sagte, ich könne alles hinter mir lassen, nur zwei Dinge, die dürfe ich nie verraten: Meine Klasse und meinen Verein. 

Ich bin ehrlich. Ich habe mich an diesen letzten Rat gehalten. Manchmal war es traurig, manchmal schmerzhaft, manchmal hat es Spaß gemacht und manchmal hat es Trost gespendet. Manchmal war es auch nichts als ein Pflichtgefühl. Aber geholfen hat es mir immer. Es war die Heimat im Kopf, der Kompass im Sturm und auch der Maßstab, den ich an andere legte. Die, die ähnlich handelten, wurden meine Freunde, auch wenn sie es nicht bewusst taten. Und diejenigen, die weder ihrer Klasse noch ihrem Verein treu blieben, erwiesen sich allzu oft als Seelenlose, auf die man sich nicht verlassen konnte. Da, wo ich herkomme, heißt es, man sei auf Kohle geboren. Das bedeutet sehr viel. Und es ist alles andere als eine antiquierte Weltanschauung. Haltung und Charakter sind keine Modeerscheinung. 

Deine Klasse und dein Verein

Die liberale Demokratie und der dumme Freund

In Zeiten wie diesen, in einer Welt wie der unseren, ist eine Tendenz zu beobachten, die man auch als eine Hinwendung zum Autokratischen nennen könnte. Und damit sind nicht allein die so gerne in allen Schattierungen genannten Charaktere gemeint, die Trumps und Putins, die Erdogans und Orbans, die Le Pens und Melonis. Wären es die alleine, die mit zum Teil sehr ungewöhnlichen Attributen des Politikstils einer Sehnsucht begegneten, die schlicht mit Stärke und Führung bezeichnet werden könnte, wären die Verhältnisse überschaubarer. Denn, ob man es will oder nicht, große Teile der Bevölkerung geben den genannten Personen das politische Mandat. Und folgte man den medial autorisierten Deutungen, dann ist die Welt in Ordnung, wenn diese Personen, ihre Programme und ihr Stil scheitern. Und die Welt steht Kopf, wenn dies nicht der Fall ist.

Auf der anderen Seite, die streng genommen gar keine mehr ist, begeht man seit langer Zeit einen Fehler, vor dem der ebenfalls schillernde, heute in den Geschichtsbüchern gehuldigte Benjamin Franklin eindrücklich gewarnt hat: 

Bitte, versucht nicht die Freiheit zu schützen, indem ihr sie einschränkt! Damit meuchelt ihr sie schneller, als ihr denken könnt! 

Die Erkenntnis ist nicht nur zitierwürdig und klug, sondern auch sehr zutreffend auf die heutigen Verhältnisse. Denn alle, die sich als die alleinigen Verfechter der liberalen Demokratie verstehen, basteln permanent und unter vielen Chiffren an der Einschränkung von Freiheit. Mit dem Argument ihres Schutzes. Und es ist ihnen gelungen, dadurch Verhältnisse zu schaffen, in denen die offen autokratischen Erscheinungen und ihr Kampf gegen sie als anti-demokratischer Terror erscheint. Well done, hätte Benjamin Franklin wohl dazu gesagt. Die vermeintlichen Freunde der Demokratie erweisen sich in vielen Fällen als die schnelleren Liquidatoren von Freiheit als diejenigen, die mit ihr eo ipso weniger im Sinn haben.

Ein altes arabisches Sprichwort besagt, dass ein kluger Feind besser sei als ein dummer Freund. Das klingt brutal, ist allerdings von einer tiefen Weisheit geprägt. Und wendete man diese Erkenntnis auf die Betrachtung des Verhältnisses von liberaler Demokratie und Autoritarismus an, dann hat sich die liberale Demokratie die dümmsten Freunde ausgesucht, die verfügbar waren. Sie haben sich in Realität in vielen Fällen als die tatsächlichen Feinde der Freiheit zu erkennen gegeben. Mit teils subtilen, teils einfach nur tollpatschigen Finten gelingt es ihnen mit jedem Akt ihrer Amtsführung, weitere Einschränkungen von Freiheit durchzusetzen und zu begründen. 

Sieht man sich die vermeintlichen Verfechter der liberalen Demokratie genau an, dann fällt in vielen Fällen auf, dass sie sich weder in ihrer Sozialisation, in ihrer Klassenzugehörigkeit, in ihrem rhetorischen Gebaren, in ihrer Lebensführung noch generaliter in der Art ihrer Machtausübung von den vermeintlichen Autokraten und Despoten unterscheiden. Nur, und dieses Schnippchen schlägt die Geschichte nahezu regelmäßig den Falschspielern am Tisch, neigt Volkes Stimme dann letztendlich doch zu denen, die es ehrlich meinen. Man mag das nicht mögen oder sogar hassen, allerdings berechtigt es nicht zu der Arroganz derer, die durch ihre eigene Regierungsführung zunehmend in Misskredit geraten. 

Das Original ist immer attraktiver als die Fälschung. Merken Sie sich das. Egal, was man Ihnen erzählen will. Und dann denken Sie noch einmal nach, worum es eigentlich geht!