Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

AKKs Syrien-Initiative: Kesselschlagen in verwirrtem Zustand

Donnerschlag! Die Bundesverteidigungsministerin hat einen Vorschlag gemacht. Muss sie auch, denn ihre Ambitionen, einmal Kanzlerin zu werden, haben in der letzten Zeit einige Dämpfer bekommen. Also raus aus der Defensive, oder, um in einer Metapher ihres Ressorts zu bleiben, Angriff ist die beste Verteidigung. 

Die Resonanz auf den Vorschlag fällt unterschiedlich aus. Erstaunlich jedoch, wie viele direkt positiv auf ihn anspringen. Es scheint so, auch nach dem Auftritt des ehemaligen SPD-Vorsitzenden und heutigen Chefs der deutschen Atlantikbrücke, Sigmar Gabriel, im ZDF, dass jetzt der Zeitpunkt für eine stärkere deutsche militärische Präsenz auf der Welt als gekommen betrachtet wird. Das ist übrigens folgerichtig. Wer Exportweltmeister sein will, braucht bei den heute relevanten Technologien Treibstoff aller Art und Seltene Erden. Und wenn der alte Schutzpatron, die USA, das Protektorat für beendet erklärt, dann müssen Entscheidungen getroffen werden.

Aber so weit sind wir noch nicht. AKK scheint die durch ein NATO-Mitglied entstandene irrsinnige Situation für eine neue Option des militärischen Interventionismus nutzen zu wollen. Sie plädiert für eine Schutzzone im Norden Syriens. Gegen Schutzzonen ist grundsätzlich bei prekären internationalen Konflikten nichts einzuwenden. Sie können sinnvoll und für die Zivilbevölkerung lebenswichtig sein. 

Was den Vorstoß zu einem Paradestück für das Kesselschlagen in verwirrtem Zustand macht, sind die Andeutungen zur Realisierung. Denn da soll die NATO die Regie übernehmen. Normalerweise sind das die Vereinten Nationen. Die beschließen, vor allem bei völkerrechtswidrigen Interventionen, was zu tun ist, um humanitäre Katastrophen zu verhindern. Dass AKK jetzt die Initiative bei der NATO sieht, ist ein Indiz für das Risiko, dass sie selbst darstellt. Denn die Situation ist durch den völkerrechtswidrigen Einmarsch des NATO-Mitglieds  Türkei erst entstanden und der IS wird bei der Intervention zudem von den türkischen Truppen unterstützt. Also die Organisation, aus der die Aggression kam und die nicht in der Lage oder willens war, die Intervention zu verhindern, soll nun die schlimmsten Folgen des eigenen Tuns verhindern. Das ist logischer Bankrott.

Eher amüsant ist auch das nachgeschobene Ansinnen, bei der Initiative müssten auch irgendwie die Türkei und Russland eingebunden sein, sonst würde das nichts. Da hat die Verteidigungsministerin zwar Recht, doch mit dem Irgendwie ist das so eine Sache. Russland hat sich immer auf das Mandat der eigenen Intervention durch die syrische Regierung berufen können und sich zum Völkerrecht konform verhalten. Die Türkei hat das Gegenteil getan, steht aber in starkem Maße zunehmend unter russischem Einfluss, weil sie sich im Westen zunehmend isoliert hat. Erdogan spielt zwar gerade diese Karte gegenüber dem Westen, weil letzterer ein Abgleiten er Türkei in die Sphäre Russlands verhindern möchte. Die Karte sticht übrigens zusammen mit den syrischen Flüchtlingsgeiseln sehr gut, was die Militär- und Finanzhilfen gerade aus Deutschland zeigen. 

Nur stellt sich die Frage, warum vor allem Syrien, dann Russland und zuletzt der Invasor Türkei an einer NATO-Schutztruppe Interesse haben sollten? Weil Frau AKK Kanzlerin werden will? Wohl kaum. Wenn eine Initiative Gewicht haben könnte, dann müsste sie aus dem UN-Sicherheitsrat kommen. Ob diese dann mehrheitsfähig ist, bleibt abzuschätzen. Der Vorschlag aus dem deutschen Verteidigungsministerium ist ein Werbecoup in eigener Sache, der allerdings ein ziemlich wirres Bild von den waltenden Kräften verrät. Das einzig interessante daran ist die Möglichkeit der Erkenntnis, wie groß die Bereitschaft für mehr und größere kriegerische Handlungen geworden ist. Einige haben bereits die Deckung verlassen. 

  

Vom Wolf zum Bürger?

Harald Jähner. Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945 -1955

Dass Geschichte und ihre Darstellung zumeist das Handwerk derer ist, die die Macht besitzen, ist keine neue Erkenntnis. Erstaunlich, dass es immer wieder gelingt. Denn die Fakten liegen oft auf der Hand. Das Beispiel der Dechiffrierung eines Zeitraumes, der historisch gar nicht so weit weg liegt und dennoch das Publikum in großem Maße erstaunt wie beglückt, ist der Deutschlands kurz nach der Niederlage zu Ende des II. Weltkrieges. In seinem Buch „Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945 – 1955“ hat der Journalist Harald Jähner einen Zeitraum ausgewählt, der für sich meistens exklusiv unter dem Aspekt der Staatsgründungen von DDR und BRD betrachtet wurde. Was tatsächlich im täglichen Leben geschah, welche informellen Strukturen sich sehr schnell nach dem letzten Schuss herausgebildet hatten und wie sich die Deutschen in den unterschiedlichen Besatzungszonen selbst organisierten, da blieb lange Zeit das Erzählwerk derer, die dabei waren, es war ein Teil der Oral History.

In Wolfszeit greift sich Harald Jähner bestimmte, aus seiner Sicht zentrale Themen heraus, erzählt, was geschehen ist und enthält sich nicht einer Kommentierung, welche Bedeutung das Geschehen für die weitere Entwicklung haben sollte. Dabei sind dann bekannte Narrative, aber auch Phänomene, die in den Überlieferungen der Überlebenden selten eine Rolle spielten und dennoch den späteren Geschichtsverlauf maßgeblich bestimmen sollten. 

So wird aufgeräumt mit dem Mythos der „Stunde Null“, die es nie gab, denn die spontane Organisation des täglichen Lebens schuf Formen, die später wieder revidiert wurden, weil sie den Vorstellungen der etablierten Macht widersprachen. So waren die Frauen das alles beherrschende, organisierende und betreibende Geschlecht. Sie hatten de facto die Geschäftsführung inne und standen einer physisch wie psychisch ramponierten Männerwelt gegenüber. Die neu etablierten Verhältnisse wurden später wieder revidiert, vor allem im Westen. Sie gingen in den frühen Tagen allerdings wesentlich weiter, als dies sich der in den 1960iger Jahren neu entstehende. In  Feminismus vorstellen konnte. 

Ein weiterer, hoch interessanter Aspekt ist die Migration von Deutschen von Ost nach West, vor allem aus Ostpreußen und Pommern. Mit dem Vorrücken der Roten Armee und dem Verlust der Ostgebiete flüchteten Hunderttausende immer weiter nach Westen. Die Friktionen innerhalb der deutschen, sich gerade formierenden Gesellschaft waren immens, die Diskriminierung würde aus heutiger Sicht Aufschreie der Empörung verursachen und ihre Integration, die entscheidend durch die eigene Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft genährt wurde, ist aus heutiger Sicht eine Blaupause für Erfolgsmöglichkeiten wie Grenzen ähnlicher Vorhaben.

Selbstverständlich stellt sich der Autor auch Begriffen, die vielen noch in Erinnerung sind und die unter dem Terminus der Verdrängung zusammenfassbar sind. Es wird die Frage beleuchtet, wie die Deutschen mit den Traumata umgingen, die sie selbst anderen zugefügt und die sie als Konsequenz auch selbst zu erleiden hatten, wie sie die Schuld schnell relativierten und aus einem der größten Täter der Weltgeschichte quasi über Nacht ein Opfer machen konnten. Und wie sich die Alliierten – übrigens in der Ost- wie in den Westzonen, die Augen rieben, wie aus den Werwölfen von gestern blitzartig wieder die Untertanen wurden, die als Accessoire des  wilhelminischen Kaiserreichs so belächelt worden waren. 

Das Buch bietet zahlreiche Aspekte, die bis heute voller Aktualität sind und die, zurück an ihren historischen Wurzeln, vieles erhellen. Wunderbar wird die Ökonomie des Schwarzmarktes gezeichnet und Firmengeschichten von VW oder Beate Uhse verraten in ihrer Genese mehr als sich so mancher Analyst aus den heutigen Beraterkonsortien träumen lässt. 

Bis hin zur Förderung der abstrakten Kunst, selbst durch Einheiten der CIA, die damit bewusst ein Pendant zu dem im Osten propagierten Sozialistischen Realismus etablierten, erhellen vieles, was lange im Dunkeln lag. Jähners Buch ist eine Betrachtung, die lange überfällig war und die das Paradoxon erhält, dass das Defizit erst auffällt, wenn es behoben ist!