Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Zum Wording „Wir müssen Verantwortung übernehmen“

Verantwortung zu übernehmen ist für viele Menschen etwas, das zum Leben dazu gehört. Jeder Mensch füllt eine Rolle aus. Und zu dieser Rolle gehören bestimmte Funktionen wie Erwartungen, wie diese Funktionen ausgefüllt werden sollen. Mütter und Väter machen das, Spielerinnen und Spieler verschiedener Sportarten, Mitglieder von Zusammenschlüssen und Vereinen, alle, die im Arbeitsprozess stehen, Führungskräfte und Politiker. 

Brenzlig wird es, wenn der Eindruck entsteht, dass die Verantwortung, die mit einer bestimmten Funktion einhergeht, nicht angenommen wird und die Resultate dann nicht stimmen. Auch das gibt es in allen Bereichen, Väter, die sich von dannen schleichen, Mütter, die sich nicht um die Kinder kümmern, Präsidenten, die nur glänzen, aber nicht arbeiten wollen und Chefs, die das Unangenehme, das zuweilen mit ihrer Funktion verbunden ist, einfach meiden und den den Dingen ihren Lauf lassen. Dann wird davon gesprochen, dass die jeweilige Person ihrer Verantwortung nicht gerecht wird. Wird hingegen von einer verantwortungsvollen Person gesprochen, dann schwingt immer Respekt mit, weil sich ein Mensch in Funktion auch den anstrengenden, weniger schönen Seiten seiner Existenz aktiv stellt. Wer Verantwortung übernimmt, erfährt positive Resonanz.

In der bundesrepublikanischen Politik hat sich eine Phrase Gehör verschafft, die zunehmend zu hören ist. Diese bezieht sich auch auf die Verantwortung, die Deutschland jetzt endlich annehmen müsse. Gestern, auf dem Parteitag der Grünen, hat deren Vorsitzender Robert Habeck ausdrücklich darüber gesprochen, der Bundespräsident macht das bereits seit einiger Zeit, Wolfgang Schäuble weist seit langem darauf hin, Frau von der Leyen liebte diesen Hinweis sehr und ihre Nachfolgerin im Amt der Verteidigungsministerin, Annegret Kramp-Karrenbauer, wird nicht müde, davon zu sprechen.

Psychologisch ist das klug, weil es auf die positive Resonanz, die man erhält, wenn man Verantwortung übernimmt, spekuliert. Das Problem, das mit der Inflationierung des Gebrauchs assoziiert ist, besteht im nebulösen Kontext. Zumeist lässt sich vermuten, dass damit ein stärkeres militärisches Engagement gemeint ist. Präzisiert wird es nicht. Nun muss man kein Abenteurer mit Dreispitz und Messingfernrohr sein, um zu dechiffrieren, was die gegenwärtige Verteidigungsministerin mit Verantwortung meint, wenn es um die Entsendung von Truppen nach Syrien geht. Die Sicherung von Rohstoffen, die die deutsche Industrie braucht, um die Rolle zu spielen, die sie spielt. Dass sich in diesem Kontext die Grünen zu den gleichen Ambitionen bekennen, wie kürzlich deren Vorsitzender Habeck, der Marine mit ins Rote Meer schicken wollte, um „unsere“ Öltransporter, die nebenbei unter Billigflagge anderer Nationen fuhren, zu sichern, zeigt, dass eine Änderung der industriellen Charakteristik nicht direkt auf der Agenda steht.

Das Schräge am Gebrauch der Floskel, Deutschland müsse mehr Verantwortung übernehmen, ist ihre Entleerung in Bezug auf die Funktion und Rolle, die Deutschland in der Welt spielen will. Es ist der schleichende, heimliche Versuch, mit einer positiv besetzten Formel eine Politik durchsetzen zu wollen, die in kriegerischen Handlungen und imperialem Gehabe endet. Dafür wäre keine Mehrheit zu haben. 

Das heißt nicht, die veränderte Lage in der internationalen Konstellation auszublenden. Die USA übernehmen nicht mehr exklusiv die Interessen des Wirtschaftsstandortes Deutschland wahr. Dass man daraus folgern muss, nun selbst aufzurüsten, um das Land selbst verteidigen zu können, ja. Dass man daraus folgern muss, jetzt selbst mit der Brandfackel in die an Ressourcen reichen Regionen dieser Welt zu jagen, nein. 

Wie wäre es mit einer anderen Wirtschaftsordnung, die auf Kooperation, anständigen Arbeitslöhnen, fairen Preisen und Umweltverträglichkeit beruht? In der gegenwärtigen Vorstellung derer, die von der Verantwortung reden, scheint diese Option nicht vorhanden zu sein.

Übrigens: Gegenwärtig stinken sogar die viel gerühmten E-Autos, und zwar ganz penetrant. Sie stinken nach Raubbau, Kinderarbeit und Putsch.  

Das Auge des Tigers und der globalisierte Warenmarkt

Es gab Zeiten, da wurde die Bezeichnung Kosmopolitismus sehr ehrfürchtig ausgesprochen. Sie galt dem Phänomen, dass es bestimmten Menschen gelungen war, in verschiedenen Regionen der Welt mit unterschiedlichen Kulturen Fuß gefasst zu haben und sich dort jeweils sicher bewegen zu können. Ein Kosmopolit kannte die Welt, er oder sie sprach verschiedene Sprachen, wusste um die kulturellen Gegebenheiten. Kosmopoliten hatten aufgrund dieser Kenntnisse und Fähigkeiten auch einen Horizont erworben, der sehr weit gefasst war.

Ich erinnere mich im Kontext dieses Themas an zwei Begebenheiten, die illustrieren, wie die Mutation von einer tiefen, auf Fähigkeiten und Erfahrungen erworbenen Exklusivität zu einer Massenware vonstatten ging, die nichts mehr mit der ursprünglichen Qualität zu tun hat. 

Da war einerseits ein heftiger Disput meinerseits vor mehreren Jahrzehnten mit einem Bekannten, als wir im am südlichen Rand Europas weilten. Ich hatte ihn kritisiert, weil er sich nicht auf landesübliches Essen einließ, sondern immer nach Gerichten suchte, die für den teutonischen Tourismus angeboten wurden. Ich misstraute dieser damals schon zu beobachtende, anschwellenden Tendenz, er verteidigte sie als Erleichterung des Reisens und der Orientierung in der Welt. 

Eine andere Begebenheit war der ca. 15 Jahre später stattgefundene Dialog mit einem anderen Bekannten, der als Consultant gut im Geschäft und international unterwegs war. Eines Tages teilte er mir mit, dass er damit aufhöre und sich einen weitaus schlechter bezahlten Job in der Provinz gesucht hatte. Er begründete mir die Entscheidung mit zweierlei: einerseits führe sein isoliertes Nomadenleben, das übrigens zwischen Tokio, Mailand und Sydney stattfand, zu einer dramatischen sozialen Entwurzelung. Er habe alle Freunde verloren und eine Partnerin kennenzulernen und mit ihr zu leben, dazu habe er keine Zeit. Und zweitens beklagte er sich über die Uniformität und Ödnis seiner Behausungen in den verschiedenen Ländern. 5-Sterne-Hotels, die alle gleich aussähen und in denen es das gleiche Essen gebe. Am besten, so seine Worte, du schreibst in deiner Hotel-Suite mit einem Textmarker an den Spiegel, wo du dich gerade befindest, dann verlierst du die Orientierung nicht.

Die beiden kleinen Episoden beschreiben eine Seite der zeitgenössischen Globalisierung, die zumindest in den kulturell uniformen Strukturen des Westens kaum noch als problematisch empfunden werden. Die Hegemonie des für den Weltmarkt bestimmten Warenkorbes blickt mittlerweile auf ein kulturelles Massaker zurück, das historisch einzigartig ist. Die Globalisierung, die unter der Regie früherer Imperien stattfand, hatte, wie beim Römischen Reich, lediglich die Integration der Streitkräfte und die Erhebung von Steuern zur Folge, sie ließ die kulturellen Eigenheiten ausdrücklich unberührt. Der kapitalistische Weltmarkt hat dagegen ganze Arbeit geleistet. Die Uniformität hat die Herrschaft übernommen. Der Kosmopolitismus ist nahezu tot.

War der Kosmopolitismus historisch eher ein Privileg für wenige Menschen, so ist die globale Mobilität heute eine Massenerscheinung. Das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Rund-um-die Welt-Reisen kaum noch zu den Erkenntnissen und Erfahrungen früherer Zeiten führen. Das Exotischste vieler Orte ist zumeist der Name, Unbekanntes lässt sich in standardisierten Hotels vermeiden und notfalls helfen Apps, um auf keinen Fall auf Irrwege zu kommen. Das reisende Individuum wird sicher geführt durch das Delirium eines weltumspannenden Konsumtempels, der jede Exotik auf ihren profanen Warenwert komprimiert. Mata macam bisa melihat hanya di film. Das Auge des Tigers sieht man nur noch im Film. 

Schöne neue Welt!