Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Ostenmauer – 35. Vom Hinfallen

Mein Vater, wie alle die Väter meiner Generation, hatte einen Rat immer parat: Hinfallen ist nicht schlimm, aber liegen bleiben. Wie das kommt? Sie waren im Krieg. Der hatte sie diese schlichte Wahrheit gelehrt. Wer liegen blieb, der war so gut wie tot. Wer hinfiel, musste möglichst schnell wieder auf die Beine kommen, um weiter vorwärts oder rückwärts zu stürmen, egal in welche Richtung. Wem das nicht gelang, der wurde vom Feind oder den eigenen Leuten überlaufen und verreckte im Dreck. Das Interessante für mich war und ist, dass diese Kriegsweisheit auch im zivilen Leben nur allzu sehr den Kern trifft. Wenn du abstürzt und dich nicht wieder aufrappelst, dann bist du weg, dann nimmt dein Leben einen anderen Lauf. Dann bist du nicht Jäger, sondern Beute.

Warum so martialisch? Weil es, zumindest in der Welt, in der ich mich bewegte, stimmte. Ob auf der Straße, in der Schule oder im Beruf. Diejenigen, die Niederlagen erlitten und sich nicht davon erholten, waren aus dem Spiel. In einer netten, sozial ausgewogenen Atmosphäre ließ man sie in Ruhe dahin vegetieren, im harten Konkurrenzkampf bekam man pausenlos etwas auf die Schnauze. 

Hingefallen bin ich in jungen Jahren oft, das Aufstehen musste ich lange üben. Ohne Narben ging das nicht vonstatten. Aber, wie es so ist, wenn du den Punkt einmal überwunden hast und weißt, wie das Spiel funktioniert, dann hast du keine Angst mehr, dann spürst du keinen Schmerz mehr, sondern alle deine Energie fokussiert sich auf das Aufstehen. Der Preis war zuweilen hoch, weil das Leben in der einen oder anderen Situation sogar bequemer verlaufen wäre, wenn ich das Liegenbleiben vorgezogen hätte. Vielleicht nicht einmal so schlecht. Aber, und das ist der andere Preis, wenn du einmal aufgestanden bist, kannst du beim nächsten mal nicht liegen bleiben. Das würde dich vernichten. Weil nicht nur du von dir selbst enttäuscht wärest, sondern alle anderen den letzten Respekt vor dir verloren hätten.

Und noch einmal. Das gilt für mich. Jede Generation hat ihren Ballast, ihre Metaphern und ihre Lebensweisheiten. Auch diese Erkenntnis beruhigt. Es ist auch ein schönes Gefühl, niemanden belehren zu wollen oder zu müssen. Goethe! Der Mensch ist frei und sein Feld ist die Welt! 

Vom Hinfallen

Proteste: Tesla oder BILD?

Es ist bemerkenswert, wie sich die Sichtweisen verschoben haben. Das Halali, welches eine monopolisierte Presse bläst, scheint für alle, die sich auf dem Feld der Meinungsbildung tummeln, das verbindliche Signal zu sein. Zuerst und zubitterst sieht man das bei einer substanzlosen politischen Kaste, die sich auf alles hetzen lässt, was von den Marionettenspielern im Hintergrund auserkoren wird. Das beste Beispiel ist das der aktiven Parteinahme in einem imperialistisch inszenierten Krieg in der Ukraine. Die Schößlinge der monopolistisch veröffentlichen Meinung merken dabei nicht einmal mehr, dass sie wortgetreu den Ressentiments der alten Nazis folgen. Heutige Minister reden wie die Galgenvögel aus der Reichspropagandaabteilung während des II. Weltkrieges und niemand, bis auf die längst als aussätzig Erklärten und wo möglich Relegierten scheint es zu bemerken. Der Geist des historischen Faschismus ist längst zurück. Und zwar mitten in Regierung und Parlament.

Dass die Art der Verhetzung keine Grenzen mehr kennt,  liegt an der Willfährigkeit derer, die über Jahre hinaus an die beschämende Schlichtheit der Massenbeeinflussung gewöhnt wurden. Machen Sie einmal den Test und stellen sich vor, wie manche Tagesmeldungen von heute vor zwanzig Jahren auf die damals noch nicht gemietete,  sondern real existierende Zivilgesellschaft gewirkt hätte! Es hätte einen Sturm der Entrüstung gegeben, auch aus den Medienhäusern, in denen noch Menschen saßen, die das Handwerk des Journalismus in Übersee gelernt hatten und das damals auch dort noch seiner Aufgabe nachkam: die Mächtigen zu kontrollieren.

Stattdessen wurde der Boulevard zum Qualitätsmaßstab erhoben und es vergeht kein Tag, an dem nicht mit Hass und Hetze auf das Publikum eingewirkt wird. Und, bitte achten Sie auch darauf, diejenigen, die am lautesten gegen Hass und Hetze schreien,  sind diejenigen, die dieses Medium lediglich als Monopol für sich reklamieren. Keine Plattitüde ist ihnen zu frivol, und kein Amt zu heilig, um es nicht mit den eigenen Wort-Fäkalien zu beschmieren.

Und wieder werden wir Zeugen, wie weit das führen kann. Ein Beispiel sind die Elektroautos aus den Fabriken eines amerikanischen Milliardärs. Die waren vor einiger Zeit noch Referenzstücke für einen neuen Zeitgeist und sind nun zum Hassobjekt gegen eine nicht mehr genehme Politik verkommen. Und die Fahrt ist frei für Kampagnen gegen das Industrieprodukt bis hin zur öffentlichen Begeisterung über dessen Demolierung. Wenn man dokumentieren will, wie weit eine Gesellschaft mental und intellektuell am Boden liegt, dann sehe man sich diese Form der Verirrung an. 

Es sei denn, man richtete seine überall befeuerte Wut gegen die Stellen, die diesen ganzen Irrsinn initiieren und in Massenproduktion verfertigen. So etwas gab es auch in der Geschichte der Bundesrepublik schon einmal. Da wandte sich ein Teil der Gesellschaft gegen die medialen Demagogen und Kriegstreiber.  Da wurde die Auslieferung dieser Hetzblätter verhindert und die Initiatoren an den Pranger gestellt. 

Bei der gegenwärtigen, politisch hoch brisanten und gefährlichen Lage, wäre vielleicht doch noch einmal zu überdenken, ob eine Ansage an den Produzenten von Tesla tatsächlich etwas bewirkte oder ob es nicht angebrachter wäre, den Springern und Schaubs und den vermaledeiten Mediengruppen ab und zu martialische Grüße zu schicken, damit sie realisierten, dass das Feuer, das sie täglich schüren auch dazu führen kann, dass sie selbst sich gehörig die Finger verbrennen. 

Proteste: Tesla oder BILD?

Deutschland: Weder Rom, noch die Alliierten!

Nein, bitte keine terminologische Eskalation! Hört man in den Wald der Nachrichtensender und der digitalen Foren, dann lauert der Faschismus überall. Und, obwohl er sich in einer neuen, zeitgenössischen Form längst wieder etabliert hat, ist es nicht hilfreich, wenn der Begriff wieder bemüht wird. Sowohl die offiziellen Vertreter der Bundesrepublik Deutschland benutzen ihn, um jegliche Form der Opposition zu beschreiben als auch die verschiedenen Fraktionen der Opposition selbst, um die Entwicklung der viel gepriesenen liberalen Demokratie zu benennen, die von Doktrinären und Kriegseiferern gekapert worden ist. Da ist von Tarnkappen- oder Kryptofaschismus die Rede, aber was hilft es?

Ein altes Sprichwort besagt, dass man sich anschauen müsse, mit wem jemand befreundet ist, um Aufschluss darüber zu bekommen, mit wem man es zu tun hat. Die Klugheit dieser Sichtweise ist unbestritten. Und wenn man dazu noch einen Anlass nimmt, der in den Augen derer, die ihn begehen, einen hohen Stellenwert hat, dann kann man schon, bitte verzeihen sie die Formulierung, relativ gesichert eine Aussage über den Charakter der zu beobachtenden Figuren treffen.  

Der 8., und der 9. Mai sind ein solches Datum, an dem man im Osten wie im Westen an das Ende des II. Weltkrieges gedenkt. Dass dieses Datum besonders mit der Rolle Deutschlands verbunden ist, liegt an dem Ansinnen, sich die Welt mittels militärischer Gewalt untertan machen zu wollen. Und dass der Tag als einer der Befreiung gefeiert wird, ist das Ergebnis einer Koalition, in der die einzelnen Mitglieder unterschiedlich hohe Preise bezahlt, aber für eine gewisse Zeit an einem Strang gezogen haben, um das Ungeheuer aus deutschen Landen zu bezwingen. Den höchsten Preis mit mehr als 25 Millionen Toten zahlten die Völker der Sowjetunion und dass die Allianz erst so richtig nach den Kämpfen um Stalingrad, in der die Niederlage Deutschlands besiegelt wurde, zustande kam, sollte, wie so vieles aus diesem Krieg, nicht vergessen werden.

Heute, achtzig Jahre nach der Kapitulation Deutschlands, feiert man in Moskau diesen Tag, der entscheidend ist für das nationale Selbstverständnis Russlands. Weder Napoleon noch Hitler konnten Mütterchen Russland bezwingen. Und, auf der anderen Seite, reiht sich die westeuropäische politische Elite in Feierlichkeiten in der Ukraine ein, um zusammen mit ehemaligen Kollaborateuren der deutschen Wehrmacht den Tag zu begehen. 

Ja, seit dem 8. und 9. Mai 1945 haben sich viele Dinge ereignet, die einstigen Verbündeten wurden Konkurrenten und Konfliktparteien, Deutschland immer als Geisel irgendwo dazwischen und mental immer gespalten. Ein Teil traumatisiert durch den russischen Sieg, ein anderer traumatisiert durch die amerikanische Befreiung.  Egal, wie man es betrachtet, es sieht so aus, als ob ein eigener, souveräner und an Frieden und Wohlstand orientierter Weg mit der durch das ganze Drama ramponierten deutschen Psyche nicht zu machen gewesen ist. Es gab erfolgreiche Versuche, aber die sind bereits Geschichte. 

Heute befinden wir uns, wie bei einem dieser hirnlosen Brettspiele, wieder an dem Punkt, wo alles noch einmal losgehen und wiederholt werden soll. Der Ungeist, die Barbarei und die Vorstellung, erfolgreich zu sein, wenn man andere zerstört, werden im öffentlichen Diskurs als ultima Ratio gehandelt. Dass der Ausgang dieser Phantasie zu einer verheerenden Niederlage nicht führen kann, sondern führen wird, ist ausgemacht. Weder Rom noch die Alliierten haben es vermocht, die Barbarei aus diesem Land zu vertreiben.  

Deutschland: Weder Rom, noch die Alliierten