Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Naher Osten: Ressourcen und ihre Zeit

Irgendwo in der Wildnis, jenseits aller Zivilisation, wenn dort Bodenschätze in der Neuzeit gefunden wurden, dann begann es, dass ein archaischer Kampf um das edle Gut ausbrach. Das, was als Ressource der Menschheit viel Gutes bringen konnte, wurde Anlass für Fieberträume, Gier, Raub und Mord. Nicht die Vorstellung vom Nutzen des edlen Gutes beherrschte die Akteure, die daran gingen, es zu bergen, sondern die Fantasie von unbegrenztem, unermesslichem Reichtum. Das war so beim Silber in Peru, bei den Gewürzen in Südostasien, beim Gold am Klondike, bei den Diamanten am Kongo, und das war so beim Öl in den Wüsten Arabiens. Der große Nutzen des Fundes machte ihn schnell zum allgemeinen Äquivalent, sein Wert machte ihn zur Währung, die alles beherrschte. Wer über diese Ressource verfügte, dominierte Wirtschaft und Politik. Und um an diese Ressource heranzukommen, dafür wurde alles getan.

Der konkrete Nutzen war, wie die unvollständige Auflistung zeigt, sehr unterschiedlich. Von der Zubereitung von Speisen, einem sehr großen, erdumspannenden Markt, über das Ästhetische und den großen Wert auf kleinem Raum (Silber, Gold, Diamanten) bis zur Energie. Jede dieser Ressourcen steht für eine bestimmte Epoche. Die strategisch wohl am dramatisch am meisten begrenzte ist die des Öls. Selbst historisch ist sie kurz, aber umso intensiver. Öl als Treibstoff für die sich nun langsam aus der Geschichte verabschiedenden Automobile und als Energie für den sich ebenfalls in dieser Form dramatisch wandelnden Industrialismus dürfte auch bald passé sein. So, wie es aussieht, ist die Muskatnuss von den Molukken historisch resistenter als das Barrel Öl.

Dennoch sind historische Erkenntnisse und persönliche Interessen von Menschen mit einer immer noch und auch in Zukunft geringen Halbwertzeit zwei unterschiedliche Dinge. Die Akteure einer untergehenden Epoche handeln nicht mit der Weisheit der historischen Betrachtung, sondern sie gehorchen nach wie vor dem Impuls der persönlichen Bereicherung und dem größtmöglichen Nutzen. In Phasen des Umbruchs wird dieses Spiel als besonders grotesk erlebt. Dramatisch inszeniert, gleicht das dem Bild eines Roulette-Spielers auf der Titanic, der trotz seines Wissens um das Sinken des Schiffes gierig den Tisch nach seinen gewonnenen Chips absucht und sich die Taschen damit vollstreckt. Von außen betrachtet ist dieser Akteur geblendet von den Erfolgen vergangener Tage, die in der aktuellen historischen Situation angesichts der veränderten Umstände nur noch den Eindruck eines Irrsinnigen vermitteln.

Und das ist das Bild, das sich aufdrängt bei der Betrachtung der Politik des nur noch formal vereinigten Westens in der arabischen Welt und im Nahen Osten. Selbstverständlich wird das Öl noch einige Zeit eine Rolle spielen, aber seine Zeit ist vorbei. Und so geht es mit Imperien, die die Bewegung der Geschichte missverstehen. Sie suchen die alten, ihnen nutzenden Verhältnisse mit aller Macht zu erhalten oder wiederherzustellen und machen sich keine Gedanken darüber, wie die Zukunft auszusehen hat. Keine Vorstellung von dem, was da kommen wird, führt zu einem wilden, hysterischen Festhalten am Altbekannten.

Die historischen Momente, in dem die Akteure des Alten mit aller Gewalt am Bekannten festhält, während das Neue sich zunehmend bemerkbar macht, sind die Augenblicke, in denen große Dramen geschrieben werden können. Sie können die Dilemmata der menschlichen Natur zuspitzen und illustrieren, am Lauf des Großen und Ganzen werden auch diese Dramen nichts ändern. Trost spenden sie nicht, aber sie faszinieren. Sie zeigen Wesen, die immer weiter voranschreiten und dennoch untergehen. Wer würde das nicht interessiert betrachten, wenn er in der Loge säße? Das Heikle ist nur, dass dieses Privileg niemand besitzt.

Von einer ballistischen Hinrichtung

Manchmal bedarf es der Anwendung der Verfremdungstechniken eines Bertolt Brecht, um zu verdeutlichen, wie ungeheuerlich Geschehnisse sind, die in einer Welt des Abstrusen als normal wahrgenommen werden. Man stelle sich folgendes Szenario vor: NATO-Generalsekretär Stoltenberg weilt in seiner Funktion in einem europäischen Land, sagen wir einmal Deutschland, zu Konsultationen über die Erhöhung des deutschen Militärbeitrages. Und plötzlich schlägt an dem Ort, wo derartige Dinge gerne verhandelt werden, etwas abseits des Tagesgeschäfts, irgendwo am Tegeler See, eine russische Rakete ein und tötet sowohl den NATO-Generalsekretär als auch einen hohen Unterhändler aus dem deutschen Verteidigungsministerium. Der russische Präsident Putin teilt kurz darauf über Twitter mit, es habe sich um eine rein defensive Maßnahme Russlands gehandelt. Stoltenberg sei ein schlimmer Finger, der kräftig dabei sei, weitere Aggressionen gegen Russland vorzubereiten und daher sei die Aktion gerechtfertigt.

Was in dem angenommenen Setting klingt wie ein bizarrer Thriller, dem nicht viel an Realistischem abzugewinnen ist, ist in der heutigen, außenpolitischen Realität der USA das Normale. Um das zu beschreiben, lohnt es sich nicht, all die Rechtszustände und Vereinbarungen zu zitieren, die sich auf den zivilen Umgang der Nationen miteinander beziehen, vor allem nicht das Völkerrecht. Wer sich subjektiv im Kriegszustand mit dem Rest der Welt befindet, fühlt sich nicht an die zivilen und zivilisierten Vereinbarungen gebunden. Ein Handelskrieg hier, eine militärische Aktion dort, mal eine Erpressung und mal ein ganz trivialer Mord. 

Die ballistische Hinrichtung des iranischen Generals Suleimani ist ein kriegerischer Akt, der mit keinem Recht der Welt zu rechtfertigen ist. Begründet wird dieses mit seinem Konto in Bezug auf feindliche Aktionen gegen die USA. Wenn das reichte, um Drohnenmorde zu begründen, dann wäre der amerikanische Präsident in Bezug auf seine Bilanz in Sachen Humanität, Ökonomie, Ökologie und Atmosphäre zum Abschuss freigegeben. Ein derartiger logischer Schluss ist im Innern des Imperiums nicht vorgesehen, was nicht ausschließt, dass man sich dessen woanders besinnt.

Es ist anzunehmen, dass man nicht nur in Berlin, sondern auch in anderen europäischen Hauptstädten entsetzt ist über diese amerikanische Eskalation in einer sehr geschundenen und fragilen Region. Es geht schließlich um Krieg und Frieden. Es geht um Henkerregimes wie Saudi Arabien, denen man selbst hilft, sich bis an die Zähne zu bewaffnen, es geht um die USA, die sich nicht mehr als Verbündeten erweisen, sondern sich derzeit als reine Kriegstreiber erweisen und es geht um die eigenen Sicherheitsinteressen.

Letztere sehen anders aus als auf einen neuen Krieg im Nahen Osten zuzusteuern. Man ist allerdings mit von der Partie, wenn man nichts anderes aufbietet, als das von den USA selbst produzierte Negativregister des Opfers nachzureden. Dass Suleimani – bei aller Vorsicht – seinen nationalen wie regionalen Nimbus besonders durch seinen Kampf gegen den IS erworben hat, seinerseits ein bestialisches Produkt taktischer amerikanischer Hemmungslosigkeit, wird geflissentlich in der Berichterstattung übersehen. Stattdessen wird das Opfer eines terroristischen Anschlags schlichtweg dämonisiert und wer auf die ansonsten bei derartigen Ereignissen auftauchende Diktion eines feigen, verabscheuungswürdigen Anschlag wartet, kann sich auf den Sanktnimmerleinstag einrichten.  

Die Lage spitzt sich zu, die Kriegsgefahr steigt. Das strategische Ziel der USA ist die Vernichtung des Irans. Mit im Boot dieses Vorhabens sind sowohl Saudi Arabien als auch Israel. Israel ist die Geisel, macht es nicht mit, wird es den Wölfen zum Fraß vorgeworfen, macht es mit, hat es sich lediglich unbestimmte Zeit gekauft, aber den Untergang sicher auf dem Erbschein stehen. Wer mit dem Teufel ins Bett geht …