Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Herrschaft und Tabu

Was ist die Signatur einer aufgeklärten Zeit? Richtig! Es ist die Verbannung des Tabus in die Arsenale der Vergangenheit. Wenn Tabus herrschen, dann ist das der Ausdruck einer unausgesprochenen Herrschaft von Menschen, Interessen und Konventionen. Letzteres ist in der Menschheitsgeschichte eher der Normalfall. Doch wenn die Form von Herrschaft vor allem vom Tabu bestimmt wird, dann ist auch der Diskurs über die Herrschaft unterbunden. Wenn nicht mehr gefragt werden darf, warum etwas so ist, wie es ist, dann ist wird die Herrschaft der Vernunft entzogen. Man könnte auch sagen, alles, was dem Räsonnement verwehrt wird, ist eine Form der Despotie. 

Es existieren Tabus, die sich vor allem auf das Sittenleben beziehen, die einem tiefen gesellschaftlichen Konsens entspringen. Sie beziehen sich auf das Zusammenleben und ergeben durchaus einen Sinn. Die Menschenrechte sind so ein Beispiel. Wenn es Tabu ist, Menschen zu diskriminieren, wenn es Tabu ist, Menschen in ihrer Meinungsfreiheit zu beschränken oder wenn es Tabu ist, ihnen das Recht auf Freizügigkeit zu verwehren, dann ist das eine Sache, die der Zivilisation wie der Vernunft entspringt. Wenn es jedoch nicht mehr gelingt, die vernünftige Grundlage eines unausgesprochenen Tabus zu erklären, dann ist auch in dieser Gesellschaft etwas schief gelaufen.

Der Zeitgeist, auf den wir gesellschaftlich im Hier und Heute treffen, ist jedoch auf eine ganz andere, exzentrische Weise auf eine Tabuisierung zurückzuführen, die jeden Akt einer erratischen Regierungsführung unter Schutz stellen soll. Jede wie auch immer geartete Form von Regierungshandeln unterliegt dem Tabu der Nachfrage. Wir alle kennen es: Wer nachfragt, welche tatsächlichen Interessen hinter militärischen Interventionen außerhalb des eigenen Territorium stecken, wer sich erkundigt, warum eine Regierungskrise in Hongkong die Regierung mehr erregt als ein Bürgerkrieg im benachbarten Frankreich, wer wissen will, welchen ökologischen Impact militärische Operationen haben oder wer generell danach fragt, warum einerseits kritische Stimmen mit dem Bann belegt werden während andere, eindeutig interessenfinanzierte Meinungsmacher ein breites Forum bekommen, wird zur Paria erklärt. Zumeist mit dem zynischen Kommentar, wer wirres Zeug rede, müsse damit rechnen, auch Gegenwind zu bekommen.

Alle, wirklich alle despotischen Herrschaftsformen haben sich des Mittels bedient, diejenigen, die die herrschaftsbedingten Tabus hinterfragt haben, ob ihrer geistigen Zurechnungsfähigkeit anzuzweifeln, um sie dann, bei Bedarf, wenn der Ruf der Delinquenten erst einmal ruiniert war, zu vernichten. Das Beispiel Julian Assange zeigt, wie despotisch es zugeht. Weil er das Tabu gebrochen hat, den Terror und die Folter der Mächte des „Guten“ mit Schweigen zu belegen, soll  er nun vernichtet werden. Und, denken wir an die Gedenkfeiern der letzten Tage und den eindringlichen Appell der überlebenden Opfer des Holocausts, die Reaktion der demokratischsten Gesellschaft aller Zeiten ist Gleichgültigkeit!   

Geistig Verwirrte, von Russland Bezahlte, von Verschwörungstheorien Besessene, von der Komplexität der Welt Überwältigte stehen denen gegenüber, die jeden Herrschaftsmythos unreflektiert glauben schenken und sich in einer langweiligen, öden, überall immer gleichen Welt eines platzenden Warenmarktes als Gewinner der Globalisierung von den tatsächlichen Profiteuren und ihren Meinungsmaschinen feiern lassen. Sie gleichen, dieser Hieb sei erlaubt, den bigotten Pietisten aus grauer Vorzeit, die jedes Tabu dazu nutzen, ihren eigenen, kleinlichen, selbstsüchtigen und schmutzigen Interessen im Schutze der Dunkelheit nachzugehen.

Diejenigen, die die profanen Tabus unserer Tage auf den hell erleuchteten Seziertisch werfen, ihnen gebührt Respekt. In jeglicher Hinsicht.

Die Komplexität eines Phänomens wie dem Klimawandel auf das Individualverhalten eines Promilles der Weltbevölkerung zu reduzieren, ist keine Erklärung, sondern Indiz für die Herrschaftsfantasien mittelständischer Parvenüs der alten Welt. Der Beitrag Kampagnenjournalismus und chinesische Reissäcke erschien zuerst auf Neue Debatte.

über Kampagnenjournalismus und chinesische Reissäcke — Neue Debatte

Nie wieder! Ein leerer Slogan?

Wie oft haben wir gehört, dass es historische Fakten gibt, die niemand leugnen sollte! Es ist ein kluger Rat, der allerdings nur dann Bestand hat, wenn diejenigen, die diesen Sachverhalt anmahnen, sich selbst daran halten. Es ist aber nicht so. Die Gedenkveranstaltungen an die Befreiung der Insassen aus der Vernichtungsmaschine Auschwitz hatten bewegende Momente. Sie gingen unter die Haut, wenn die Betroffenen das Wort hatten. Das war authentisch und vermittelte einen Eindruck, was es heißt, von industriell betriebener Erniedrigung und Vernichtung bedroht zu sein. 

Ernst Bloch prägte den Begriff des Unsäglichen, wenn es darum ging, das zu beschreiben, was tatsächlich in dieser Zeit des Nationalsozialismus vor sich ging. Er meinte damit, dass es nicht möglich ist, die Dimension des Grauens mit den Worten, die uns zur Verfügung stehen, zu erfassen und angemessen zu bewerten. Primo Levi, ein einstiger Insasse, ein italienischer Jude, der überlebte und sich Jahrzehnte später das Leben nahm, weil er der Erinnerung nie hatte ausweichen können, hatte einen anderen Weg gewählt. Er beschrieb in seinem bis heute einzigartigen Werk „Ist das ein Mensch?“ in kalter Betrachtung das System der Vernichtung. Indem er nicht die einzelnen Greueltaten, sondern das Muster der Vernichtung zeichnete, vermittelte er eine sehr genaue Ahnung von der Dimension des Verbrechens.

Die Zeitzeugen, die heute noch leben, mahnten. Sie mahnten vor allem, das, was sich ereignet hat, niemals zu vergessen. Und das Dringendste, was ihnen am Herzen lag, war der Appell an die Nachlebenden, niemals in Gleichgültigkeit gegenüber der Verrohung zu verfallen. Das unterschrieben viele der dort Anwesenden, obwohl sie genau das in vielerlei Hinsicht in der aktuellen Politik ausklammern. Es ist ein schwerer Vorwurf, aber er lässt sich nicht von der Hand weisen. 

Kommen wir zu den historischen Fakten. Das Lager Auschwitz wurde von der Roten Armee befreit. Es handelte sich dabei um die Armee des Landes, das selbst in dem II. Weltkrieg 20 Millionen Menschen verloren hatte. Es war überfallen worden und wendete den Krieg nach der Schlacht von der damaligen Stadt Stalingrad zu Ungunsten des deutschen Heeres. Den Rechtsnachfolger der damaligen Sowjetunion, das heutige Russland, von der Gedenkfeier in Auschwitz auszuschließen, ist ein Skandal, der nicht gleichgültig lassen kann. Die Begründung der polnischen Regierung, die davon sprach, es hätte sich bei den Auschwitz befreienden Verbänden der Roten Armee vor allem um ukrainische Soldaten gehandelt, ist so eine der Spielarten von Geschichtsverfälschung, die weder mit dem Völkerrecht vereinbar ist noch mit dem Postulat korrespondiert, sich an historische Fakten zu halten.

Der Sprecher des Opferverbandes in Deutschland, Max Mannheimer, ein heute 92jähriger Mann, hatte die polnische Regierung aufgefordert, den russischen Präsidenten Putin einzuladen. Unterstützung für diese Position bekam er von offiziellen Stellen der Bundesrepublik nicht. Stattdessen wurde versucht, die polnische Haltung mit Verweisen auf den Hitler-Stalin-Pakt und die dort vollzogene Aufteilung Polens, historisch vor dem Kriegsausbruch zu verorten, zu plausibilisieren. Weitere polemische Verlautbarungen folgten, bis hin zu Wortfindungen wie der „so genannten Roten Armee“, die Auschwitz befreit hätte. 

Die Frage, die sich stellt, ist die, ob Akteure, die sich in den vergangenen Tagen unter dem Banner des „Nie wieder!“ versammelt hatten, es ernst meinen mit der Akzeptierung historischer Fakten. Die Taten sprechen nicht dafür. Und wenn das so ist, wie es vorexerziert wurde, muss die Frage erlaubt sein, ob es nicht einen Konnex gibt zu den Geschichten, die fabriziert werden, wenn Terrorakte, die, wenn sie selbst erlebt würden, auch als solche zu bezeichnen sich niemand scheuen würde, plötzlich im Narrativ als gezielte Tötung erscheinen? Wer sich dem geistigen Instrumentarium der Täter immer mehr nähert, sollte es unterlassen, sich mit den Opfern zu solidarisieren.