Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Der Manager und das Mädchen

Das ging schnell. Joe Kaeser, Chef von Siemens, lud mal schnell die kleine Neubauer von der Fridays-for-Future-Bewegung zu einem Gespräch ein und bot ihr hinterher gleich einen Vorstandsposten bei seiner Firma an. Ja, so macht man das. Frau Neubauer war wohl etwas überwältigt und musste sich einige Zeit sammeln, bevor sie absagte. Das hat sie gerettet. Hätte sie zugesagt, wäre das einem massiven Schlag gegen die eigene Bewegung gleichgekommen. Die Idee hätte gelitten, der Rest der Bewegung hätte gelitten und Frau Neubauer hätte ihre Seele verkauft. Wie sich damit lebt, haben schon andere bewiesen. Materiell geht es ihnen gut, das Stimmige in der eigenen Psyche ist dahin. Wer sich dafür bezahlen lässt, eine Idee zu schänden, findet das persönliche Glück nicht mehr.

Signore Kaeser dachte indessen wohl, nichts würde so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Warum sollte plötzlich auch alles anders sein? Da stellst du eine schöne Schachtel Pralinen auf den Tisch, und die Damen sind dir zugeneigt. Wenn es sein muss, noch eine Flasche Kognak und ein Paar Seidenstrümpfe. Dann ist aber auch gut! Ohne Frau Neubauer heroisieren zu wollen, denn sie hat noch viele Prüfungen vor sich, die sie wird bestehen müssen und in denen sie wird zeigen müssen, dass sie mehr ist als eine Variante des üppigen Mittelstandes, aber auf diesen Trick aus der Vertreterbranche des Wirtschaftswunders ist sie nicht hereingefallen. Signore Kaeser hingegen hat, ohne es zu wollen, dokumentiert, wie der fortgeschrittene Teil seiner Branche verhaftet ist in Werten, Verhaltensweisen und bei der Anwendung von Instrumenten, die von Sizilien aus den erfolgreichen Siegeszug in die Industriezentren dieser Welt genommen haben. Der Ehre wie der Zuversicht halber sollte allerdings nicht übersehen werden, dass aus der Industrie heraus selbst auch einiges an Umdenken entwickelt wird, ohne das eine Veränderung keine Chance haben würde.

Die umworbene Bewegung, die bis heute, was die zeitlichen Aktivitäten betrifft, nur punktuell in Erscheinung tritt und die, was ihre Programmatik anbetrifft, noch vieles klären muss, kann aus der Avance aus dem deutschen Top-Management zumindest lernen, wie schnell es gehen kann, dass politische Relevanz festzustellen ist. Das ist wohl auch das Positive, das aus dem Ereignis spricht. Mehr nicht. Und es wird dabei bleiben, wenn jetzt nicht mehr folgt. 

Wut allein im Bauch reicht nicht aus. So etwas muss praktische Folgen haben. Mit diesen Worten Bertolt Brechts ist genau das umschrieben, was die junge Bewegung vor sich hat. Die praktischen Folgen, sprich gezielte Maßnahmen gegen den Klimawandel, wird es nicht geben, wenn keine breite Front hergestellt werden kann zwischen denen, die mit der Vernichtung und Zerstörung von Ressourcen Geld verdienen und denen, die darunter zu leiden haben. Ökonomie, Ökologie und Frieden gehören zusammen. Und es ist eine schwere Hypothek, die da auf den Schultern vieler lasten. Denn jetzt nur auf die junge Bewegung zu schauen und selbst in der Betrachterrolle zu verharren ist nahezu eine Garantie für deren Scheitern. 

Die Spange zwischen Wirtschaftsinteressen, Friedenswunsch und Sphärenschutz ist von verschiedenen Seiten her zu schließen. Die seit den Balkankriegen am Boden liegende Friedensbewegung muss ebenso auferstehen wie die befriedete Gewerkschaftsbewegung, um die neue, nicht von irgendwelchen Think Tanks gesteuerte ökologische Bewegung zu unterstützen. Nur im Schulterschluss der allseitigen Aktivierung kann auch das verhindert werden, was als eine Spaltung der Generationen bereits inszeniert durch viele Köpfe geistert. 

Together we stand, divided we fall. Let´s work together! 

Think Tanks: Wie die Seuchen im Dreißigjährigen Krieg

Sie haben sich verbreitet wie die Seuchen im Dreißigjährigen Krieg. Diese waren es, die die verheerende Wirkung hervorbrachten, die mit diesem jahrzehntelangen Ereignis in die Geschichte eingegangen sind. Im Verhältnis zu den Seuchen waren die menschlichen Verluste aus militärischen Konflikten sehr gering. Das ist den meisten nicht bewusst, sollte bei Kenntnisnahme jedoch zum Nachdenken anregen. Die Seuche, die sich bereits in die existierenden und zeitgenössisch drohenden militärischen Auseinandersetzungen eingeschlichen haben, ist als solche kaum identifiziert. Was sie nicht davon abbringen wird, ähnliche Verheerungen anzurichten, wenn ihrer nicht Einhalt geboten wird.

Es handelt sich um den Befall des unabhängigen Denkapparates. Der Befall, um den es hier in einigen Kulturen im bereits besorgniserregenden Ausmaß geht, wurde andernorts geplant und dient einem strategischen Ziel. Ist erst einmal das kritische Denkvermögen und der Impuls zur eigenen Recherche aus den Denkstuben verbannt, kann aller mögliche Unsinn verbreitet werden, um die eigenen Handlungen, die von den Interessen derer, die da infiltriert werden, erheblich abweichen, als deren eigene verkauft werden. Und alles, was unter dem blasphemischen wie irreführenden Namen der Fake News als Bazillus in die Kulturen der sich erodierenden Staaten eingepflanzt wurde, breitet sich in raschem Tempo aus. Das beobachtete Phänomen gleicht einer Seuche. Es ist die Pest der Gegenwart.

Nicht, dass es nicht sinnvoll wäre, Organisationen zu fördern, die sich mit bestimmten Fragestellungen und Themen beschäftigten. Das gab es schon immer. Kreise, die sich besonders für bestimmte Aspekte von Politik und den Beziehungen, die zur Realisierung dieser führten, interessierten. Was bei der gegenwärtigen Ausdehnung dieser Kreise erstaunt, ist die Tatsache, dass sie zumeist in den USA gegründet und auch von dort finanziert wurden und werden. Da werden oft als Financiers große Mäzene genannt oder Stiftungen angeführt, die von alten Hasen der Politik gegründet wurden. Was allen, Mäzenen wie Politprofis, gemein ist, ist die Tatsache, dass sie für eine expansive imperiale Politik der USA stehen. 

Letztere hat sich in den Dekaden seit Ende des Kalten Krieges von dem Zwang befreit, für das Gute, Demokratische stehen zu müssen, um sich in Konfrontation mit der Sowjetunion hier und den Blockfreien dort mit der Aura einer neuen, friedlichen, freien Welt umgeben zu können. Das gelang partiell, wurde aber immer überflüssiger und spielt heute unter der existierenden Präsidentschaft keine Rolle mehr. America first. 

Und obwohl viele der Organisationen, die sich die Metapher einer Fabrik gegeben haben, was ihren Charakter sehr gut beschreibt, da dort serienmäßig an Meinungsbildung gearbeitet wird,  nicht unbedingt mit der konkreten Politik des gegenwärtigen Präsidenten übereinstimmen, mit dem strategischen Ziel der imperialen Dominanz der Vereinigten Staaten von Amerika identifizieren sie sich in Gänze.

Der Coup, der den Strategen jenseits des Atlantiks mit der massenhaften Etablierung von Think Tanks und Denkfabriken gelungen ist, hat zu der anfangs erwähnten seuchenmäßigen Verbreitung von Ideologieversätzen unterschiedlicher Nuancierung geführt, die von überall auf die unabhängigen Denkapparate der hier lebenden Menschen abgefeuert werden. Die Agenten dieser Institutionen haben bereits die hiesigen Institutionen der öffentlichen Meinungsbildung unterwandert. Vor allem die öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten sind flächendeckend infiziert. Keine Nachrichtensendung ohne die Bezugnahme auf eine dieser Fabriken und ihre dort produzierte Ware, kein Expertengespräch ohne die unmaßgebliche Meinung einer solchen nicht an exponierter Stellung einzuholen. 

Der Diskurs, der zur öffentlichen Meinungsbildung führt, ist längst von den Ideologieschmieden jenseits des Atlantiks durchdrungen. Das Vorgehen, das sich empfiehlt, kann gar nicht anders sein als das der medizinischen Expertise bei akutem Befall durch schädliche Viren: Lokalisierung der Keimträger, großzügige Entfernung derselben und Entwicklung eines Heilplans, der sich vor allem auf die Autoimmunkräfte konzentriert.