Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

FFF: Des Tigers Sprung?

Es ist ein Phänomen! Dass ausgerechnet dort, wo einmal das Land der Dichter und Denker verortet wurde, das Denken, vor allem das politische Denken, zu einer Art Paria geworden ist. Ja, das mit den Dichtern und Denkern war auch ein bisschen Spott seitens der längst gesetzten Nationen Großbritannien und Frankreich, die etwas auf dieses Konstrukt von 36 Fürstentümern, das der nationalen Einigung entgegenstand,  belustigt herunterschauten. Aber die Bespotteten bildeten sich dennoch lange etwas darauf ein, so bezeichnet zu werden. Am Ende einer relativ langen historischen Entwicklung, die mit der klassischen deutschen Philosophie begann und den Revolutionstheorien endete, versuchte dieses Gebilde, einen Platz in der Geschichte gemäß seiner Größe und Kraft zu finden. Das Maß wurde nie gefunden, mal basierte die eigene Bestimmung auf der Unterwerfung anderer, mal war das eigene Maß wegen der eigenen Unterwerfung, die aus dem Überlegenheitsgefühl resultierte, beschämend gering.

Die Dilemmata, die aus der Suche nach einem eigenen Profil, das den eigenen Vorstellungen entsprach und mit dem Selbstwertgefühl der vielen europäischen Nachbarn kompatibel war, erwuchsen, sind mehr denn je zu spüren. Ihre Wirkung ist nicht das, was sich die Akteure wünschen. Mehr und mehr gerät alles zu einem Spiel ohne Gewinner. Das Große, das stets im eigenen Raum gesehen wurde, holt sich versteckt über einzelne, private Protagonisten das, was imperialer Größe gebührt. Es wird mit der Nation, dem Staat von den anderen, betroffenen Akteuren identifiziert und der tatsächlich handelnde Staat wird seitens der Betroffenen dafür verantwortlich gemacht. 

Es klingt absurd, aber es ist so: Das Volk der Dichter und Denker hat eine Regierung, die Verantwortung für diejenigen übernimmt, die nichts oder nur wenig zu den Belangen des Volkes beitragen. Sie ist bereit, die Zeche für die Verwerfungen zu bezahlen, die die individuellen Interessen einiger Weniger verursacht haben. Im Gegenzug weigert sie sich, den Verheerungen, die durch das rücksichtslose Handeln zustande kommen, wirksam zu begegnen. 

Die Bevölkerung, um von dem lediglich metaphorisch gebrauchten Begriffes Volk wegzukommen, die Bevölkerung dieses Landes, das noch vor nicht allzu langer Zeit für den höchsten gewerkschaftlichen Organisationsgrad weltweit und eine massive Friedensbewegung stand, ist in großen Teilen geistig gelähmt, wenn es um die Frage der Auflösung der beschriebenen misslichen Lage geht. Vieles ist wirr und nicht mehr nachvollziehbar geworden. Der einstige politische Arm der Gewerkschaften ist nun selbst Betriebsrat und sitzt in der Regierung und die Friedensbewegung ist mit dem Erpressungscoup über Auschwitz zu einer völkerrechtswidrigen militärischen Intervention in Schönheit gestorben.

Stattdessen triumphiert gegenwärtig eine neue, ökologische Bewegung, der es bis heute gelingt, die Frage der Ursache für die zu beobachtenden Zerstörungen bei denen zu privatisieren, die am Ende der Kette stehen und das massive kriegerische Handeln auf diesem Planeten sorgsam außer Betracht zu lassen. Es ist geraten, so kalt wie diejenigen, die für die Verwüstungen auf dem Globus Verantwortung tragen, zu bilanzieren, denn das können sie. Die Ergebnisse der Bewegung liegen in einer sich immer mehr breit machenden Spaltung der Generationen und kleinlichen Streitereien über dass persönliche Konsumverhalten. Vieles kann sich noch tun, doch derzeit stehen die Zeichen auf einen kläglichen Ausgang. 

Es scheint zum Schicksal des Gebildes zu gehören, das sich immer noch das als das der Dichter und Denker fühlt, dass aus des Tigers Sprung zumeist ein blasser Bettvorleger wird. Wie wäre es, einfach mal den Kopf zu benutzen, und die Lage analytisch zu betrachten, wie sie ist. Ohne Appell, ohne Moral und ohne Selbstüberschätzung?

In der Sphäre rauchender Colts

Ich erinnere mich an eine Situation, wo mich mein in der westlichen Hemisphäre geprägtes Weltbild nicht mehr weiterbrachte. Es war im Indonesien um die Jahrtausendwende. Das Land hatte sich von dem eisernen Griff des Diktators befreit, aber viele Kräfte des alten Regimes wirkten noch hinter und vor den Kulissen. Vieles war lebensgefährlich für diejenigen, die den Neuanfang gewagt hatten und niemand hätte vorhersagen können, wie der Machtkampf letztendlich ausgeht. Es ist erst Mitternacht, so sagten viele in der Metapher des Schattenspiels, und das bedeutete, dass noch bis zum Sonnenaufgang einiges geschehen konnte. 

In dieser Lage bot sich die Möglichkeit, durch schnelles Handeln einen taktischen Vorteil bei der neuen Regierungsbildung zu erhalten. Nur die Person, die hätte handeln müssen, tat es nicht. Sie blieb in dieser Phase zu lange passiv, sodass der Vorteil nicht mehr gegeben war. Ich war zugegen, als die Frage mit der Person von sehr enttäuschten Mitstreitern angesprochen wurde. Zum Teil wütend wurde der Mann konfrontiert, und es handelte sich um jemanden, der durchaus als ein Profi im Spiel der Macht bezeichnet werden konnte. 

Er begründete sein Nicht-Handeln mit den schlichten Worten, er habe Angst gehabt. Was in mir Verblüffung auslöste, widersprach es doch allem, was sich ein Mann, im Spiel der Macht, in unseren Breitengraden, leisten konnte, so war es für seine Mitstreiter die einzige Erklärung, die sie akzeptierten. Wenn das so ist, so die erleichterte Reaktion der anderen, dann hast du richtig gehandelt. Denn Angst, Angst haben wir alle, aber wenn sie zu stark im Spiel ist, dann wird es zu gefährlich. Dann können Dinge passieren, die man nicht mehr kontrollieren kann. Weder faktisch noch emotional.

Wie so oft in dieser Zeit unterzog ich mich der Übung, das Ereignis in meinen Kulturkreis zu übertragen. Ich stellte mir vor, ein erfahrener und versierter Politiker bliebe in einer Lage, in der er sich profilieren und seiner Sache dienen könnte, einfach passiv und er er erklärte hinterher den enttäuschten Beobachtern und der lauernden Presse, er habe schlichtweg Angst gehabt. Die Reaktion wäre eine andere gewesen als in Indonesien. Man hätte sich über diesen Menschen empört, man hätte an seiner Männlichkeit gezweifelt, man hätte ihm die Eignung für die Politik abgesprochen und die Witze, die über ihn gerissen worden wären, hätten kein Ende genommen.

Bei der Betrachtung dieses Ereignisses geht es nicht um die Konfrontation von Weltbildern. Das wäre vielleicht westlich, sondern es geht um die Reflexion von Menschen, Rollen und Zuständen, vielleicht eher östlich, wenn diese Kategorien nicht zu unscharf sind.

Denn der Mann, um den es ging, hatte ja nicht sein Recht auf Angst eingefordert und eine große Toleranz gegenüber seinem Verhalten, das durch Passivität gekennzeichnet gewesen war, verlangt, sondern er hatte eingestanden, dass sein persönlicher Zustand kein guter gewesen war, um in einer bestimmten historischen Situation einem Handlungsmuster zu folgen, das plausibel erschien. Das ist hohe Reflexion, scharfer Verstand und Empathie zugleich. 

Es geht darum, diese Form von Zivilisation besser kennenzulernen und von ihr zu lernen. Jeder Tag, der vergeht, ist ein Lehrstück, wie barbarisch und brachial die Umgangsformen sind, die aus dem Westen gegenüber anderen Kulturen, die reflektiert handeln, an den Tag gelegt werden. Da bewegt man sich in der Sphäre rauchender Colts und denkt nicht darüber nach, wie das auf die Zukunft wirkt. Dabei ist Angst natürlich Tabu. Aber sie existiert, überall.