Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

USA – China: Der Showdown wird kommen

Wenn die Weltherrschaft ins Wanken gerät, dann wird es schwierig, die richtigen Koordinaten zu finden. Selten, sehr selten in der Geschichte haben es die großen Imperien vermocht, ihr Ende durch kluge Vorausschau zu koordinieren. Vielleicht ist es auch zu viel verlangt und es liegt nicht in der menschlichen Natur, sich mit dem abzufinden, was alles mit dem Niedergang assoziiert wird. Es geht in erster Linie um Verlust. Den Verlust von Gütern, den Verlust von Macht, den Verlust von Einfluss, den Verlust von Ansehen. Wer hätte, bei einer derartigen Ballung, nicht den Drang, sich mit aller Macht gegen diese Welle zu stemmen? Fast kommt man zu dem Ergebnis, dass die vehemente Wehr gegen das beschriebene Desaster ein grundmenschliches Muster ist, in dem der prachtvolle, orchestrierte Untergang mehr Wert zu haben scheint als der kluge, aber als Schmach empfundene Rückzug.

Bei Betrachtung der USA und ihrer Politik, vor allem seit der Wahl des aktuellen Präsidenten, ist sehr deutlich geworden, dass der Niedergang des Imperiums durch einen rauschenden Abgang inszeniert werden soll. Wenn nicht gar die Vorstellung vorherrscht, man vermöge den die Vormachtstellung ablösenden Konkurrenten, sprich China, noch rechtzeitig zu vernichten. Vieles, sehr vieles spricht dafür, dass alle vor dem großen Finale gezogenen Register, bereits gezogen wurden und nichts fruchteten. 

Insgesamt sind drei, nicht unbedingt aufeinanderfolgende, sondern zugleich geschaltete Phasen zu beobachten. Die ideologische Auseinandersetzung, immer erstes Mittel, um aufkeimende Konkurrenten zu schwächen. Problematisch dabei ist, dass die eigene Verseuchung der politischen Argumentation durch doppelte Standards ziemlich gelitten hat und die Argumente, die gegen China vorgebracht werden, oft dem eigenen Handeln entsprechen. Das durchschauen viele und lassen sich nicht mehr für den eigenen Standpunkt gewinnen. Auch kulturell ist die Dominanz des wankenden Imperiums dahin. Wo sind die Genres, Formen und Aussagen, die das ästhetische Empfinden der Menschen weltweit mobilisieren? Durch die flächendeckende Verdinglichung jeglicher Kunst und ihrer Deformation zur Discounter-Ware ist die Aura dahin.

Wenn politische Theorie und Kunst nicht mehr wirken, kommt die ökonomische Macht ins Spiel. Nur, wenn von Macht gesprochen wird, bezieht sich das in normalen Zeiten auf Produktivität, Technologie, Flexibilität und Innovation. Besonders auf diesem Sektor ist die Konkurrenz besonders mächtig und die zu beobachtenden Mittel von Schutzzöllen und Einfuhrbeschränkungen sind ein Indiz dafür, dass der Showdown auf wirtschaftlichem Gebiet längst gelaufen ist. Und das bezieht sich, vor allem an alle gerichtet, die sich mit einem schlichten Antiamerikanismus begnügen, auch auf die wirtschaftlich starken Länder in der EU, folglich auch die Bundesrepublik Deutschland. Produktivität sowie Technologie Chinas sind überlegen. Der Unterschied zu den USA besteht allerdings in einem Punkt, der vehemente soziale Sprengkraft besitzt. Im Gegensatz zu hiesigen Verhältnissen sind große Teile der us-amerikanischen Bevölkerung ohne chinesische Produkte auf dem Binnenmarkt aufgrund der Preise nicht mehr zu versorgen.

Was bleibt, im Szenario des Untergangs, ist der gute alte Krieg. Denn der neue Krieg, der über Bots und Akte intelligenter Sabotage ausgetragen wird, kann wahrscheinlich vom Konkurrenten besser geführt werden als von den Akteuren des alten Imperiums. Bleiben nur noch die Mittel, mit denen einst die Weltherrschaft erfochten wurde. Trotz aller Paralyse, die der weltweit die Regierungen beschäftigende Corona-Virus mit sich gebracht hat, sollte auf keinen Fall vergessen werden, dass ein klassischer Krieg vorbereitet wird. Das einzige, was auf Seiten des alten Imperiums zweifelhaft zu sein scheint, ist der festzusetzende Zeitpunkt. Niemand sollte sich Illusionen hingeben. Auch nicht in Verbindung mit diesem Szenario. Vieles hat sich seit den Gründertagen in der Volksrepublik China geändert, hinsichtlich der Haltung gegenüber einem möglichen Krieg allerdings ist davon auszugehen, dass es immer noch so ist, wie zu Beginn. Da hieß es, man sei gegen den Krieg, aber man fürchte ihn nicht. Wenn das keine Warnung ist.  

Ein revisionistisches Debakel?

Gestern sprach ich mit jemandem, den ich seit vielen Jahren kenne und mit dem ich immer wieder beruflich zu tun hatte. Nachdem wir feststellten, dass wir uns für viele Fragestellungen gesellschaftlicher wie kultureller Art gleichermaßen interessierten, wurde daraus auch ein privater Kontakt und wir tauschten uns öfters aus und hatten angeregte, uns gegenseitig inspirierende Diskussionen. Er wurde im benachbarten Ausland von dem Auftauchen des Corona-Virus und dem folgenden Lockdown erwischt. Schnell nutzte sowohl er als auch ich die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation. Und ebenso schnell sprachen wir über die Perspektiven, die sich nach der Krise bieten könnten. Folglich machten wir Entwürfe, produzierten Podcasts, versuchten andere in die Diskussion miteinzubeziehen. So eigenartig es klingt, es entstand bei ihm wie bei mir eine Art Aufbruchstimmung, auch wenn es ein durchaus bekanntes Phänomen ist, dass wissenschaftlich beschrieben ist: Menschen reagieren unterschiedlich auf Krisen, die einen fallen in den Zustand der Erstarrung und schleichen im Vorhof der Depression herum, andere wiederum werden hyperaktiv und beeindrucken sich selbst durch ihre Euphorie. Während die ersteren nach einer Weile ihre Lebensgeister zurückgewinnen und so langsam in einen neuen Bewegungsmodus kommen, fallen letztere dann, wenn die Euphorie sich nicht auf ihre Umwelt übertragen hat, ihrerseits in einen depressiven Zustand, oder zumindest in den einer tiefen Enttäuschung.

Als wir gestern sprachen, neigten wir dazu, uns beide dieser erst euphorischen und dann enttäuschten Gruppe zuzurechnen, weil von der anfänglichen Aufbruchstimmung nicht mehr viel zu verspüren war. Die vielen Ansätze, über die wir anfänglich diskutiert hatten, spielen nämlich in der öffentlichen Debatte um den zukünftigen Kurs von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft kaum noch eine Rolle. Weder ist eine ökologische Wende in Sicht, noch ist festzustellen, dass das Paradigma des Wirtschaftsliberalismus durch ein neues ersetzt wird. Überall sind die alten Lobbys  am Drücker, die Automobilindustrie setzt auf Subventionen für überholte Technologien, insgesamt soll Arbeitsschutz reduziert und Arbeitszeiten ausgeweitet werden, die Tendenz zum Homeoffice wird genutzt, um aus Vollzeitbeschäftigten Teilzeitkräfte zu machen, überall wird rationalisiert, was das Zeug hält, ohne dass dem eine Korrektiv entgegenstünde, von überall her tönt es, erstmal sei es wichtig, die Wirtschaft zum Laufen bringen, dann käme das andere. Mit Laufen ist der alte Modus gemeint. Und es wird nicht mehr lange dauern, und das gesellschaftliche Kollektiv wird sich ebenso im alten Habitus bewegen, die alten Paradigmen werden zurückkehren. Und was die internationale Politik anbetrifft, so ist leider ebensolches, zumindest aus deutscher Sicht zu beobachten. Immer noch trudelt man hinter dem kotigen Schweif eines völlig von Sinnen scheinenden, sich im freien Fall befindlichen Imperiums hinterher, das nur noch zwei Dinge zu garantieren scheint, globale Umweltvernichtung und kriegerisches Handeln, getragen von einer rotzdummen populistischen Politik. 

So sahen wir das gestern, und, wohl zum eigenen Schutz, führten wir die Sichtweise auf unsere Zugehörigkeit zu dem beschriebenen Phänomen der Krisenreaktion zurück: erst euphorisch, dann zu Tode betrübt. Andernfalls, so mein Gesprächspartner, hätten wir es jetzt mit einem revisionistischen Debakel zu tun, dass nicht auszuhalten wäre.

Mein Counterpart ist übrigens immer noch im Ausland und ich habe so langsam das Gefühl, dass er das Exil so langsam zu einem Dauerzustand machen will. Obwohl er weiß, dass die Probleme, vor denen wir stehen, wie die Lösungen, die zu entwickeln sind, keine Grenzen mehr kennen. Zum Schluss trösteten wir uns mit den Worten, die früher an den Landungsbrücken in Hamburg standen und das letzte waren, was die vielen Auswanderer in deutscher Sprache sahen: Der Mensch ist frei und sein Feld ist die Welt.