Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Mein Kioskmann und der Manchester-Kapitalismus

Er tobte. So hatte ich ihn noch nie erlebt. Der Mann, der den Zeitschriften- und Tabakkiosk in meiner Straße führt. Ich müsste nicht zu ihm, Zeitungen, physisch, lese ich seit langem nicht mehr und die Zigarillos, die ich bei ihm kaufe, sind woanders besser befeuchtet. Aber gerade weil dort unterschiedliche Menschen ein- und ausgehen, treibt es mich immer wieder dorthin. Dort spricht die Straße. Der Pächter, von dem hier die Rede ist, moderiert normalerweise. Wie das kluge Geschäftsleute meistens tun, exponiert er sich nicht mit seiner Meinung, sondern er hört zu, und wenn manche Kunden aneinandergeraten, dann sucht er zu vermitteln. Doch gestern war alles anders. Der gute Mann war außer sich. Und er griff auch zu Worten, wie ich sie von ihm noch nicht gehört hatte.

Worum ging es? Ich fragte ihn, und mit viel Geduld und gezielter Nachfrage bekam ich es heraus. Er hatte gelesen, dass Firmen die Krise nun dazu nutzten, einerseits Hilfsgelder von Staat und EU zu bekommen, um den Shutdown irgendwie zu überleben, und andererseits in großem Rahmen ihre Belegschaften kündigten, um sich von renitenten, missliebigen und kritischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu trennen. Und den Rest, den sie in diesem Zug mit gekündigt hatten, stellten sie danach wieder zu schlechteren Bedingungen ein. „Diese Brut“, schrie der Kioskmann, „man sollte sie an einer langen Kette zum Arbeiten in den Steinbruch schicken!“ Sein Tag war gelaufen, und zu beruhigen war er nicht.

Das kleine Erlebnis ist kein Zufall. Es macht deutlich, was die Stunde geschlagen hat. Die Zeit der wohlmeinenden Träumereien, die bei Sozialdiät und Quarantäne entstanden, ist vorbei. Das, was „wir“ alles aus der Corona-Krise lernen können, ist bei denen geblieben, die nie das Problem waren. Die Problemerzeuger hingegen sind die gleichen geblieben. Die Abzocker, die Kriegsgewinnler, die Steuerhinterzieher und Subventionsräuber wittern nicht nur Morgenluft, sondern sie sind bereits aktiv und stürzen sich auf die bereit gestellten Hilfstöpfe. Mit ihren gut ausgebildeten und professionell agierenden Rechtsabteilungen sprechen sie bei den staatlichen Institutionen und Bankhäusern vor, die die aus Steuermitteln generierten Hilfstöpfe verwalten und holen sich Subventionen und Kredite, dass die Schwarte kracht. Gleichzeitig trennen sie sich von allem, was nicht mehr rentabel war. Tausende und Abertausende stehen vor der Arbeitslosigkeit und das Ausmaß dessen, was an wirtschaftlichem wie gesellschaftlichem Schaden noch folgen wird, ist kaum seriös zu beziffern. 

In diesem Übergangsstadium zeigt sich, wie ein Großteil der so genannten freien Wirtschaft sich das Marktregulativ vorstellt. Was da zum Teil zu erleben ist, kann als eine mächtige Renaissance des Manchester-Kapitalismus bezeichnet werden. Obwohl es verantwortungsvolle und auch weitsichtige Unternehmen gibt, die anders handeln und mit ihren Belegschaften Pläne für die Zukunft entwickeln, sind es gerade die großen, vermeintlich systemrelevanten Betriebe und Organisationen, die sich so aufführen wie in den Zeiten, als die Arbeitskräfte noch mit Peitschen an ihre Arbeitsplätze geleitet wurden. Es ist so, wie es viele nie glauben wollten: Der Urtrieb des Kapitalismus, ein Maximum an Gewinn aus der Ausbeutung von Mensch und Ressource herauszuholen, zeigt sich in Krisen in seiner ganzen Schönheit und Klarheit.

Da fallen alle Illusionen von der schön erstellten Galerie und der Kioskmann ruft dazu auf, Barrikaden zu errichten. Recht hat er. Was aus den wohlmeinenden Appellen an die Vernunft wird, sehen wir zur Zeit in ihrer ganzen Armut.

China: Nicht jede Verschwörungstheorie muss schlecht sein!

Gestern war es wieder soweit. Der Qualitätsjournalismus aus dem Hause ZDF hatte seine Ikone Ulf Röller losgeschickt und aus dem Inneren Chinas berichten lassen. Wenn er dort ein- oder herumreist, wissen die Chinesen gleich, was auf sie zukommt. Er kann es sich nämlich nicht verkneifen, mit einer Baseball Cap, auf deren Frontseite stolz der Name Hongkong prangt, sich als ein Fan der historisch wohl dunkelsten Seite des britischen Kolonialismus zu outen. Jede Chinesin und jeder Chinese hat in der Schule gelernt, dass das britische Kolonialreich sich in einem der dreckigsten Kriege in der Gattungsgeschichte das Recht auf Drogenhandel und die Belieferung Chinas mit indischem Opium militärisch durchzusetzen und dafür gleichzeitig den Hafen Hongkong unter den Nagel zu reißen. Gut, dass ein deutscher Journalist sich gleich so positioniert. Da wissen alle, der freie Westen kommt ins Haus, und es sicher, er bringt uns die lang ersehnte Perspektive der Demokratie.

Die Bilder, die gezeigt wurden, in dieser Sondernummer des Auslandsjournals, zeigten ein China, das von der Corona-Krise, die übrigens eindeutig von der Kommunistischen Partei zu verantworten ist, das wirtschaftlich am Boden liegt und dessen Bevölkerung völlig demoralisiert ist. Es wird im Land herumgereist und immer mal wieder jemand interviewt, den der chinesische Shutdown hart getroffen hat, der oder die die Arbeit verloren hat oder auf Investitionen sitzen geblieben ist, die sich nicht amortisieren konnten. Nicht, dass die Existenz solcher Schicksale angezweifelt würde, fraglich ist jedoch, ob sie ein realistisches Abbild dessen geben, was sich in China derzeit tatsächlich abspielt. 

Beim betrachten der Reportage störte vor allem der omnipräsente Unterton des Besserwessis, der sich einer permanenten Schadenfreude nicht enthalten konnte und alles, aber auch alles in einer einzigen politischen Verantwortung enden ließ. Unreflektiert, und darauf setzte das Kompositum des Berichts, konnte man zu dem Schluss kommen, das Ganze sei ohne das politische System Chinas gar nicht erst passiert. Liegt da auch der Schluss nahe, der Befall des Virus in ca. 150 Ländern dieser Erde sei ein Bock, den die chinesische Kommunistische Partei geschossen hat? 

Als das Team, gleich zu Beginn der Reportage, angewidert darüber berichtete, sie hätten einen QRL-Code mit ihrem Smartphone einscannen müssen, um sich einem Corona-Tracing-Programm auszuliefern, einer willkommenen Gelegenheit für die chinesische Diktatur, Land und Leute nun komplett zu überwachen, drängte sich der Vergleich mit Argumenten hierzulande auf, die von der gleichen journalistischen Zielgruppe sofort und laut mit dem Terminus der Verschwörungstheorie überzogen würde. In Bezug auf die Einschätzung hiesiger Verhältnisse, versteht sich. 

Der Rückschluss wäre, zu akzeptieren, dass keine Verschwörungstheorie zu abstrus ist, wenn sie eine Schuldzuweisung auf politische Feinde enthält.  Ja, Feinde, denn so, wie das ZDF-Team da über China nicht zum ersten Mal berichtet, existiert kein anderer Begriff, der das Ressentiment besser beschriebe. Und irgendwie wird man den Eindruck nicht los, das in guten Zeiten der Profession geforderte distanzierte Auge des Journalismus sei in irgendeinem Gully der geschilderten Märkte mit Reptilien und Meeresgetier beim Ausspritzen verloren gegangen. 

Alle, die wissen wollen, wie schnell man sich den Vorwurf der Verschwörungstheorie einhandeln kann, nimmt die Reportage und wendet die Verdächtigungen, Anspielungen und Bezichtigungen und wendet sie auf bundesrepublikanische Verhältnisse an. Ob es bei dem Vorwurf der Verschwörungstheorie bliebe, ist anzuzweifeln. Es könnte auch zu drastischen Maßnahmen führen, an deren Ende nicht mehr das Recht auf Freizügigkeit steht. 

Was daraus zu lernen ist? Verschwörungstheorien sind per se nicht schlecht. solange sie auf politische Feinde angewendet werden. Im eigenen Hause jedoch sind sie jedoch ekelerregend. Wer das auseinanderhalten kann, hat nichts zu befürchten.