Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Die Stunde des Mikrokosmos

Persönliche Strategien können helfen. Zuweilen muten sie an wie Knastprogramme in exklusivem Umfeld. Eine durchdachte Diät, körperliche Ertüchtigung und feststehende Routinen. Das hilft, ist aber nur die Hälfte des Himmels. Alleine überleben die wenigsten. Was der Mensch braucht, ist soziale Interaktion und Gemeinschaft. Wem das komplett entzogen wird, der oder die kann sich kaum halten. Dass nun, als Folge einer längeren sozialen Isolation viele Gemüter nahezu explodieren, ist nicht unbedingt ein Grund zu völliger Überraschung. Einer forcierten Unterdrückung von Bedürfnissen – unabhängig davon, aus welchen Motiven sie veranlasst wurde  – folgt irgendwann die Gegenbewegung. Selbst bei dem Phänomen des Amok ist es, in seiner geographischen Ursprungsregion, das ewige und eisern herrschende Gesetz der Mäßigung, das die Menschen irgendwann in einen Zustand des Allesaußerkraftsetzens katapultiert. 

Der Umgang mit den Ausbrüchen der unterdrückten Regung zeigt, ob ein Verständnis für die Ursache vorliegt oder nicht. Doch unabhängig davon ist die entscheidende Frage, wie, neben den eigenen persönlichen Überlebensstrategien, die Gemeinschaft aussehen muss, die es ermöglicht, auch unter erschwerten Bedingungen zu lebenswerten Perspektiven zu gelangen. Der Begriff der Schicksalsgemeinschaft ist in vieler Hinsicht überfrachtet. Zudem bezieht er sich auf die negative Ausgangslage. Gemeinschaften, die sich darüber definieren, dass sie eine konkrete Gefahr überstehen, verlieren ihre Grundlage, wenn diese überstanden ist. Dann fallen sie auseinander. Wenn der Krieg vorbei ist, dann ist er vorbei und jeder geht seinen eigenen Weg.

Anders ist es, wenn nicht gesagt werden kann, wie lange ein bestimmter Zustand anhalten und ob er sich jemals ändern wird. Viele Faktoren des aktuellen Panoramas deuten darauf hin, dass vieles, das sich auf Infektionsmöglichkeiten bezieht, durchaus sehr lange so bleiben kann. Und noch mehr Erscheinungen suggerieren, dass sich vieles auch in gesellschaftlich-struktureller Hinsicht verändern wird. Ob da irgendwann irgendwer wieder seiner Wege geht, wie wir es aus der Erinnerung kennen, kann sich als frommer Wunsch entpuppen. Vieles spricht für eine verstärkte Notwendigkeit von Gemeinschaften, die gewaltige Stürme zu überstehen vermögen.

Der Vorteil einer intakten Gemeinschaft, einer Vereinigung, eines Kollektivs, eines Bundes, oder wie es immer auch genannt werden mag, besteht in der Fähigkeit der gegenseitigen Unterstützung, Hilfe und Stabilisierung. Das klingt vielen aus der Epoche der Hyperindividualisierung, die hinter uns liegt, sehr fremd. Sind die Zeiten jedoch so, wie beschrieben, d.h. sind die sie prägenden Ereignisse nicht als Episode zu apostrophieren, sondern haben sie das Potenzial für eine lange Dauer, dann reicht es als Grundlage zur Beschreibung nicht aus, das aktuelle Phänomen, das alle bedroht, quasi als programmatische Grundlage für die Gemeinsamkeit zu nehmen. Dann ist ein großer Sprung gefordert, und er muss visionäre Züge haben.

Um Missverständnissen vorzubeugen: es muss nicht expressis verbis um gesellschaftliche Visionen gehen, sondern es muss eine ideale Vorstellung davon existieren, wie sich die gefundene Gemeinschaft, heute, im Hier und Jetzt, idealtypischer Weise konstituiert. Und es klingt einfach, ist aber schwer zu machen. Die einzelnen Glieder müssen sich mit Respekt begegnen, sie müssen sich vertrauen und sie dürfen nicht glauben, zu wissen, wohin die Reise geht. Solidarität im freien Fall, so könnte es beschrieben werden. Das klingt halsbrecherisch, erscheint aber eine wichtige Dimension zu sein, die zum Erschließen einlädt. Und sie unterscheidet sich in gravierender Weise von den ganzen punktuellen, zweckrationalen Bündnissen, die momentan zu tausenden havarieren. 

Wir leben in der Stunde des Mikrokosmos. Ihn zu gestalten, ist eine gewaltige Chance. Nie war mehr Raum. Und wer jetzt zu spät kommt, den bestraft das Leben. Wieder einmal?

Der Kapitalismus und das Fleisch

Im Jahr 1904 beauftragte Fred Warren, der Herausgeber der sozialistischen Zeitschrift „Appeal to Reason“, einen gewissen Upton Sinclair damit, etwas über die Zustände in der Chicagoer Fleischindustrie zu schreiben. Sinclair machte sich auf den Weg und nahm die Union Stock Yards, eine Konservenfabrik mit 20.000 Beschäftigten, unter die Lupe. Er sprach mit Arbeiterinnen und Arbeitern, die vorwiegend Immigranten aus dem Baltikum waren. Was er erfuhr, war niederschmetternd. Die Bezahlung war miserabel, das Arbeitstempo höllisch, die ewige Kälte unerträglich, die Sicherheit ein Witz und die Hygiene verdiente den Namen nicht. 

Sinclair begann ein Journal zu schreiben, das er in eine Romanhandlung kleidete. Der Auftraggeber druckte sie als Serie, die auf große Resonanz stieß und nach einem Jahr erschien der Roman unter dem Titel „Der Dschungel“ als Buch. Upton Sinclair selbst war es, der dem damaligen amerikanischen Präsidenten, Theodore Roosevelt, ein Exemplar zusandte und ihn bat, etwas gegen die Menschen wie Tiere verachtenden Verhältnisse zu unternehmen. Und tatsächlich folgte ein Einladung Sinclairs ins Weiße Haus. Die Konsequenz seines persönlichen Berichts war eine vom amerikanischen Präsidenten installierte Untersuchungskommission, die sich nach Chicago begab, um die Sache zu untersuchen. Das erstellte Gutachten hatte tatsächlich Gesetze zur Folge, die sich auf die Hygienebedingungen bezogen und einiges veränderten. Weder die lausige Bezahlung, noch die erbärmliche Unterbringung, nicht die heikle Arbeitssicherheit und auch nicht die Krankenversorgung der Arbeiterinnen und Arbeiter spielten eine Rolle. Upton Sinclair, auf sein Resümee angesprochen, gab den lakonischen Satz von sich, er hätte an die Herzen appelliert, aber lediglich die Mägen getroffen.

Ein gut gemeinter Rat: Lesen Sie den Roman, und wenn Sie es vermögen, tun Sie so, als kennten Sie nicht den historischen Kontext. Ersetzen Sie die litauischen Arbeiter durch rumänische und denken Sie geographisch nicht an Chicago, sondern an die ostwestfälischen Provinz, machen Sie dabei allerdings nicht den Fehler, die geographischen Bezugspunkte gleich mit zu verdammen. Und Sie werden sehr schnell feststellen, dass zwischen den von Upton Sinclair dargestellten Verhältnissen im Jahr 1905 und den Berichten, die momentan, im Jahr des Herrn 2020, in der Tagespresse zu lesen sind keine sonderlich großen Unterschiede bestehen. 

Und rufen Sie sich dabei ins Gedächtnis, dass es Zeiten gab, die nicht allzu lange zurück liegen, in denen es Gewerkschaften gab, die in der Lage waren, Verhältnisse, wie sie beschrieben sind, zu verändern. Und dann, ich möchte nicht aufdringlich werden, aber ich tue es, dann stellen Sie sich die Frage, was eigentlich passiert ist, dass Phänomene des frühen Kapitalismus in seiner brachialen Form zum heutigen Alltag der Bundesrepublik Deutschland gehören. Die dreckigen, elenden, missachteten Arbeiten werden von Menschen aus anderen Ländern verrichtet, die aus den ärmsten Ländern Europas herangekarrt, unterhalb des Mindestlohns bezahlt und wie die vorher massakrierten Schweine untergebracht werden. 

Und bitte, schenken Sie dem Gefasel, es handele sich halt um Auftragsfirmen, kein Gehör. Das ist so, aber das kann auch verhindert werden. Und, neben denen, die durch ihr direktes Handeln verantwortlich sind, sind es auch die, die die Produkte konsumieren. Ja, viele könnten es nicht mehr, wenn die Preise stiegen. Und wenn sie steigen, wird vielleicht auch dem letzten Trottel deutlich, dass dieses Land zu einem Billiglohnland degeneriert ist, in dem nicht nur die Rumänen und Bulgaren aus dem Rinnstein auf all den Reichtum starren, sondern auch viele teutonische Konsumenten am Absturz balancieren, während Milliardäre und Konservenkönige lauthals ihr Leid klagen.