Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Statische und mobile Gesellschaften

Um Gesellschaften vergleichen zu können, ist es immer ratsam, so etwas wie sein soziales, wirtschaftliches und kulturelles Profil zu erstellen. Diese Daten sind wiederum nicht zu verstehen, wenn kein historischer Bezug zu dem hergestellt wird, wie sich das Land gegenwärtig präsentiert. Alles, Kultur wie Wirtschaft, Politik wie Vorstellungswelt resultiert aus dem geschichtlichen Lauf, den ein Land genommen hat. Solange man eine solche Übung bei Ländern unternimmt, zu denen man aufgrund der eigenen unmittelbaren Erfahrung keinen Bezug hat, geht das leicht von der Hand und fühlt sich an wie eine seminaristische Übung. Nimmt man sich einem selbst bekannte Länder vor, bemerkt man, wie die eigene subjektive Erfahrung sich immer wieder meldet und beansprucht, sich da einmischen zu können und die eigenen, winzigen Partikel der eigenen Erfahrung zu Hauptkapiteln aufzubauschen. Und, geht es erst um das eigene Land, dann gibt es in dieser Hinsicht kein Halten mehr. Bei der Erklärung dessen, wie wir uns heute gebärden und präsentieren, fällt auf, dass Historikerinnen und Historiker aus der Ferne das besser hinbekommen als die eigenen. 

Über diese Betrachtung kam ich zu einem Phänomen im internationalen Vergleich, das offensichtlich ist, aber fast nie bei der Erklärung von Ländern und ihren Handlungsweisen eine große Rolle spielt. Es wäre allerdings eminent wichtig, diesen Blickwinkel zu erobern, ansonsten stochert man unwissend in erkaltender Asche herum. Es geht und die Frage von Statik und Mobilität. 

Meines Erachtens existieren statische wie mobile Gesellschaften, die sich in ihrer Mentalität gravierend voneinander unterscheiden. Die Tatsache, dass dem so ist, kann bei genauerem Hinsehen nicht geleugnet werden. Die Erklärung, wie es dazu kam, ist nicht eindeutig. Das Agrarische als Ursache für die Statik zu nehmen trifft genauso wenig wie das Händlerische für die Mobilität zu. Häufig ja, aber nicht immer. Entscheidend ist die Tatsache dass.

In der Vorstellungswelt statischer Gesellschaften findet Geschichte überall so statt wie in der eigenen, vice versa. Folglich ist die Kommunikation so kompliziert wie zwischen Deutschland und den USA. Es handelt sich bei beiden Ländern um Prototypen. Das Gen der deutschen Gesellschaft ist, historisch, die Sesshaftigkeit, das der nordamerikanischen die Mobilität. Dass letztere sich aus denen aus dem Reich der Sesshaften rekrutierte, gehört zu den Regiegeheimnissen des geschichtlichen Dramas. 

Die spannende Frage, wie es sich bemerkbar macht, ob es sich um eine statische oder mobile Gesellschaft handelt, lässt sich einerseits statistisch ermitteln, über die Häufigkeit der Umzüge, der aufgenommenen und beendeten Arbeitsverhältnisse, der Blüte und dem Niedergang der Binnenzentren, der Divergenz zwischen Geburts- und Sterbeort etc.. Da kommt einiges zu Tage und man sieht, womit man es zu tun hat.

Der eigentlich Clou besteht in der Mentalität, die ihrerseits für die Gestaltung verantwortlich ist. In der statischen Gesellschaft ist die Diskussion über etwas Neues immer beladen mit dem Ballast, ob das, was man vorhat, auch für die Ewigkeit Bestand hat. Und alles, was nicht zu dieser Kategorie der Diskussion gehört, wird eher vernachlässigt. In der mobilen Gesellschaft dagegen werden Provisorien von großer Qualität angestrebt während die finalen Fragen der eigenen Existenz eher ausgeblendet werden. In der statischen Gesellschaft herrscht das Paradigma der harten Grundsätzlichkeit, in der mobilen der entspannte Pragmatismus.

Gehen Sie in Deutschland, der statischen Gesellschaft, auf Reisen und Sie werden erleben, in welchen Zustand die Orte sind, wo sich Reisende aufhalten. Und machen Sie es dann ganz bewusst in den USA. Da treffen sich erste und dritte Welt, da ist die statische Gesellschaft die dritte, nicht aus materiellen, sondern aus ideellen Gründen. In der mobilen Gesellschaft ist das Reisen ein Dauerzustand, der gut gestaltet sein will und Annehmlichkeit verbreitet. In der statischen Gesellschaft ist Reisen ein notwendiges Übel, dass man schnell hinter sich bringen will. Und in der statischen Gesellschaft, da besingt man, ganz romantisch, die alte Heimat. Während es in der mobilen ganz geschäftsmäßig heißt: You can ´t go home again.

Lasst die USA nicht allein!

Es ist schwer, sich bei den gegenwärtigen Turbulenzen auf der Welt emotional zu verorten. Negativ nicht, das tun viele. Positiv aber doch. Wer oder welches Land bietet sich an als positive Orientierung? Nicht im Sinne eines Leithammels, sondern eher als kulturelles Konglomerat einer Historie, die als Referenz gilt für eine Kompetenz in Sachen Überleben gilt. Innovationskraft würde man das heute vielleicht nennen. Da kommt man schon ins Grübeln, denn so rosig sieht vieles, zumindest aus dem heutigen Blickwinkel, nicht aus. Da haben zu viele Länder ihre eigene Geschichte der Autokratie zu erzählen. Und das Idealbild, das in unseren missionarischen deutschen Köpfen allzu oft spukt, ist eine Schimäre, auf die man nur kommen kann, wenn die eigene demokratische Bilanz so ramponiert ist wie die unsere. Lachen über Italien und seine ständigen, aber geschäftsfähigen Aushandlungsprozesse, seit nunmehr 2000 Jahren? Da liegt der Hase im Pfeffer. Wir sollten uns auf unsere Zurechnungsfähigkeit therapieren lassen. Damit täten wir nicht nur uns, sondern auch allen anderen einen großen Gefallen.

Naheliegend sind natürlich auch die USA. Momentan stehen sie denkbar schlecht da. Und von hier aus, dem befriedeten winzigen Fleck in Europas Westen, ist ein ungetrübter Blick so schwer wie nie. Da gibt es immer noch ein tiefes Ressentiment, das aus dem Unvermögen resultiert, den Albtraum Hitler aus eigenen Kräften zu beenden. Dass da schwarze GIs aus Alabama kommen mussten, um die lange Nacht zu beenden. Viele haben das nie verwunden und ihnen tut alles gut, was ein finsteres Licht auf das letzte neue Imperium wirft.

Und da existieren die Stimmen, die berechtigt die Blutbilanz dieses Imperiums auflisten, um eine positive Orientierung daran auszuschließen. Richtig. Nur leider scheint es so zu sein, dass insgesamt das aus den Augen gerät, was einst zu der kulturellen Suprematie der Supermacht beigetragen hat. Die demokratische Tradition, die sozialen Kämpfe, die Kunst des Ausgleichs, die Kultivierung der Besonderheiten, das Recht auf die Jagd nach Glück. Zu der Gründungsmasse gehörten diejenigen, die hier, in unseren Gefilden, nie eine Chance hatten. Sie machten sich auf, um sich eine neue Welt zu erschließen. Und deshalb sind sie so, wie sie sind.

Historisches Bewusstsein heißt, sich dessen zu vergewissern, dass die französische Revolution ohne die amerikanische nie so stattgefunden hätte, wie sie es tat. Und es gäbe viele Errungenschaften der westlichen Zivilisation nicht, wenn sie nicht in Chicago erkämpft worden wären. Die Wut auf die gegenwärtigen Verhältnisse verursacht zumeist zu einem Blackout in Sachen Geschichte.

Ein Land mit seiner gegenwärtigen Regierung gleichzusetzen ist an Einfalt nicht zu überbieten. Hier ist es, zumindest im Falle der USA, leider gängig. Es gab immer Leute, die sich weigerten, dorthin zu reisen, solange der und der Präsident sei. Man stelle sich vor, Menschen aus anderen Ländern hätten es sich bei den Kohls, Schröders und Merkels ebenfalls überlegt, ob sie hierher kämen. Wie hätten diejenigen, die so argumentieren, in diesem Falle gedacht? Verständnisvoll?

Eine gute Botschaft: Donald Trump, der Unsägliche, wird es nicht vermögen, die USA gegen die Wand zu fahren. Überall im Land existiert Widerstand. Es entstehen neue Allianzen und Bündnisse. Sie werden sich durchsetzen und vieles in dem Land verändern. Wir lassen sie, bis auf wenige Ausnahmen, alleine. Ihnen muss unsere Solidarität gelten. Da spielt sich gerade etwas ab, das paradigmatisch sein wird. Und dann, wenn es sich unter hohem Preis durchgesetzt hat, wird es hier wieder kopiert. Mit hämischem Gehabe, wie es geschichtslose Wesen gerne tun. 

Lassen wir die, die sich dort, auf der anderen Seite des Atlantiks, gerade unter hohen Risiken aufreiben, nicht allein. Besiegen wir unsere eigene Dummheit. Das wäre schon einmal ein Beitrag.