Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Von formaler Logik und praktischem Hausverstand

Manchmal reicht schon die formale Logik, um nicht eine Formulierung zu benutzen, die das Groteske noch mehr unterstreicht: ein praktischer Hausverstand wäre schon genug. Aber dem ist nicht so. Zumindest nicht in der Handlungsweise der gegenwärtigen Politik in diesem unserem Land. Die Vereinigten Staaten ließen nun verlauten, sie lieferten zahlreiche Waffensysteme nicht mehr an die Ukraine. Die Begründung ist nachvollziehbar und hat etwas mit den beschriebenen Denkweisen zu tun. Denn, so die Argumentation der Trump-Administration, der eigene Bestand, um die Interessen des Landes zu verteidigen, gäbe weitere Lieferungen nicht her. 

Einmal abgesehen von den Tiraden, die jetzt wieder gegen das Feindbild Trump zu hören sein werden, neu ist diese Argumentation nicht. Auch innerhalb des ökonomischen Armes der NATO, der zentralistisch und militaristisch mutierten EU, hatten schon Länder wie Griechenland oder Spanien bereits vor einiger Zeit Ähnliches verlauten lassen. Aber damit dieser Gedanke erst gar nicht aufkommt, hatten die Erziehungsmedien im Land der Musterdemokratie dieses erst gar nicht erwähnt.

Allein diese Frage: wie steht es um die Fähigkeit der eigenen Landesverteidigung angesichts der Lieferung von Geld und Waffen an die Ukraine?, wird eine Antwort hervorrufen, die vernichtend sein wird. Und es ist nicht der einzige Punkt, der großes Erstaunen hervorruft über eine ganze Klasse von Politikern, die sich in einem Denkgefüge bewegen, das so etwas wie die Interessen des eigenen Landes ausschließt.

Wie kann es sein, dass zum Beispiel bei dem größten Terrorakt gegen die Bundesrepublik Deutschland, der Zerstörung der Ostseepipelines, keine nennenswerte Nachforschung betrieben wird und sich der Verdacht aufdrängt, dass ein Mitglied aus dem eigenen Militärbündnis, die USA, die Tat vollbracht haben oder es im Auftrag des Waffen- und Geldempfängers Ukraine geschah. Im ersten Fall müsste der Bündnisfall innerhalb des eigenen Bündnisses ausgerufen werden und im zweiten ein sofortiger Stopp jeglicher Unterstützung der Fall sein. 

Wenn, ja wenn wir es zu tun hätten, mit Vertretern, die die Interessen des eigenen Landes als Agenda hätten und nicht im Auftrag dunkler, letztendlich sehr egoistischer Mächte ein Theater aufführten, das an Widerlichkeit seinesgleichen sucht. Die Werte, die dort reklamiert werden, finden sich in den Steigerungen der Papiere der Rüstungsindustrie oder in Zuwendungen aus derselben an die Propagandisten eines breit angelegten Krieges.

Die Bundesrepublik Deutschland ist gegenwärtig nicht in der Lage, sich selbst militärisch zu verteidigen. Die Notwendigkeit steigt jedoch, weil niemand der Verantwortlichen eine Idee einer europäischen Friedensordnung hat. Die Bundesrepublik Deutschland lässt sich aus dem eigenen Lager die kritische Infrastruktur zerstören, ohne etwas zu sagen bzw. daraus die notwendigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Die Bundesrepublik Deutschland folgt einer Aufforderung zu Rüstungsausgaben, die jenseits der Notwendigkeiten einer eigenen Landesverteidigung liegen und ausgesprochen wurden durch einen Partner, der durch seine Politik dem eigenen Land bereits massiv geschadet hat. 

Es handelt sich bei der Aufzählung dieser Beispiele nicht um Enthüllungen nach langer Recherche, sondern um Evidenzen. Evidenzen haben es an sich, dass sie allgemein bekannt sind. Glauben die Vertreter einer Politik, die nichts mit den Interessen des eigenen Landes gemein hat, dass es reicht, mit staatlicher Sanktionierung das Wissen um diesen Umstand aus der Welt schaffen zu können? Aber, wo weder formale Logik noch ein praktischer Hausverstand vorhanden ist, sollte man gar nicht erst nach basaler Intelligenz suchen.  

Von formaler Logik und praktischem Hausverstand

Ostenmauer – 43. Illusiones perdues

Mussolini schrieb in einem seiner internen Briefe an die faschistische Bewegung, dass es darauf ankomme, in den Massen zunächst die Angst zu schüren. Immer und überall. Mit einem klaren Feindbild. Wenn die Angst übergeht zur Hysterie, dann, so spekulierte er richtig, sei die Stunde gekommen, um aus ihr den Hass zu formen.

Wir wissen heute, welche Stunde er meinte. Wenn ich mir die aktuelle Entwicklung ansehe, dann sind wir kurz vor dem Scheitelpunkt, an dem aus Angst Hass wird. In Konturen ist das bereits zu identifizieren. Wie verhängnisvoll das wirken kann, ist zu beobachten. Wenn sich der aufkommende Hass sowohl gegen vermeintlich äußere wie innere Feinde richten kann. Die doppelte Zielrichtung spricht für die Potenz der Selbstzerstörung.

Deshalb scheint es richtig zu sein, zunächst alles zu tun, um der Saat der Angst den Boden zu entziehen und die Feindbilder zu zerstören. Das erfordert sehr viel Kraft. Vor allem, weil alle Fraktionen der Destruktion es nicht gerne sehen, wenn man sich an die Basis ihrer Existenz macht. 

Die Lektion hat anscheinend in Deutschland nichts gefruchtet. Die Angst ist ein Massenphänomen und der Hass nistet sich in allen politischen Lagern ein. Illusiones perdues. 

Illusiones perdues

Der Traum ist aus?

Was war das für ein Gefühl! Welche Aufbruchstimmung. Als in den Jahren 1989/90 der eiserne Vorhang fiel und die Menschen in unterschiedlichen Ländern den Wind der Veränderung spürten. In vielen Ländern Osteuropas wurde wieder eine Art der Befreiung gefeiert und in Deutschland erfüllte sich ein Traum, an den niemand mehr zu hoffen wagte. Zurück und vereint! Einig, auf dem Boden des Rechts und der Freiheit. Die Hymne wurde über Nacht eine Zustandsbeschreibung! Im transatlantischen Amerika sprach man vom Ende der Geschichte. Im Sinne Hegels. Es sollte die Vollendung des Gedankens der Demokratie sein.

Ich habe mir meine eigenen Aufzeichnungen und zahlreiche Dokumente aus jener Zeit noch einmal angesehen. Bei der Lektüre hatte ich das Gefühl, tatsächlich unzählige Träumer sprechen zu hören, die mit der harten Realität, die sich seitdem durchgesetzt hat, nichts, aber auch gar nichts gemein hatten. 

Das, was wir heute lesen müssen und selbst schreiben, fühlt sich angesichts des historischen Vergleiches an wie der Widerstand gegen die Verhältnisse, die damals zum Einsturz kamen. Die heutigen, zeitgenössischen Dokumente, sei es bei denen aus Regierungskreisen, seien es die einer wie auch immer gearteten Opposition, erscheinen heute wie die Texte eines Theaterstücks aus den letzten Tagen des Kalten Krieges.

Die Regierungen, ja, auch und vornehmlich die aus dem freien, demokratischen Europa, reden und führen sich auf wie die damals untergehende Nomenklatura eines geistigen wie teilweise staatlichen Totalitarismus. Sie leben in ihren Blasen, von den tatsächlichen Lebensumständen der Bevölkerung haben sie keine Idee. Sie diskreditieren und verfolgen jede Form der Kritik und unterstellen ihr, von vermeintlichen Feinden gesponsert zu sein. Und sie hängen sich gegenseitig Orden um den Hals und schmücken sich mit Preisen, die durch den Akt selbst zu wertlosem Lametta werden.

Und die unten, die legendären kleinen Männer und Frauen, was machen sie? Sie wenden sich ab in Entsetzen, sie verdrehen die Augen, wenn sie ihre vermeintlichen Vertreter reden hören und sie wissen viel mehr, als man im elfenbeinernen Turm zu glauben vermag. Auch sie sind weltweit vernetzt, sie wissen um die permanent ihnen an den Kopf geworfenen Unwahrheiten, sie reisen selbst in die Länder, die auf der Liste der vermeintlichen Feinde stehen und machen sich ihr eigenes Bild. Und sie erzählen es weiter. Und alle wissen, welches Spiel gespielt wird. 

Eine treffende Bezeichnung für das, was da gespielt wird, werden Nachgeborene noch finden. Die Analogie jedoch zu dem, was vor 35 Jahren passierte, ist offenkundig. Es ist ein Vorabend. Ein Vorabend des Zusammensturzes eines politischen Systems, das sich über eine Generation dem ungezügelten Wirtschaftsliberalismus hingegeben hat und dabei sowohl die eigene Substanz als auch die Würde verloren hat. Mit dem Märchen des Wertewestens kann man selbst in dem Areal seines Wirkens niemanden mehr bei der Stange halten. Und bei jenen, die das Treiben einer verrohten, lumpenproletarischen Politikklasse von außen betrachten, wirkt das hier aufgeführte Theater nur noch absurd. Geglaubt, geglaubt wird den Vertretern des so hoch gerühmten Bündnisses, das sich exklusiv dem Krieg verschrieben hat, nicht mehr.

Lesen Sie noch einmal Artikel, Texte, Bücher, aus jener Zeit, als der Eiserne Vorhang fiel. Lassen sie sich noch einmal berauschen von den Träumen, die viele hegten. Und grämen Sie sich nicht zu sehr, dass der große Traum von Freiheit, Frieden, Wohlstand und Selbstbestimmung sehr schnell ausgeträumt war! Wieder steht ein System vor dem Zusammenbruch. Und danach darf wieder geträumt werden.

Der Traum ist aus?