Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Im Rausch der Vollendung

Je komplexer die Welt, desto zuverlässiger sollte das Koordinatensystem sein, dessen sich das im globalen Strudel befindliche Individuum zu bedienen hat. Das politische System ist ausschlaggebend. Denn es bestimmt, was den Menschen, die in ihm leben, an Bildung und Orientierung zur Verfügung gestellt wird. Die alte, zunehmend überkommene Dichotomie von Autokratie, Plutokratie, Oligarchie und Demokratie scheint zunehmend weniger hilfreich zu sein. Warum? Weil sich die Individuen, die als so genannte Normalbürger identifiziert werden, zwar systembedingt mehr unterscheiden denn je. Nur hat sich eine Dimension gravierend verschoben. Der Bildungsgrad der Masse derer, die in der demokratischen Staatsform sozialisiert wurden, ist in Bezug auf den Bildungsgrad radikal abgefallen. Ja, auch in der Demokratie existiert so etwas wie Hoch-Bildung. Sie trifft nicht auf die Masse zu, sondern sie ist ein an Besitz gebundenes Privileg geworden. Nicht formal, aber faktisch.

Es wäre ernüchternd, wenn man den Bildungsgrad aus den westlichen Massendemokratien mit den Menschen aus den Systemen vergliche, die hier und heute als das Böse schlechthin dargestellt werden. Es würde den Schleier, der zu dem didaktischen Mittel schlechthin in unseren Ländern avanciert ist, auf brutale Weise entreißen. Und betrachtet man das, was die jeweilige Politik versucht den Menschen im eigenen Land als das zu verkaufen, was das Etikett der Realität für sich beanspruchen könnte, so ist die Mystifikation im glorreichen Westen in einer Blüte, die mit demokratischen Verhältnissen nichts gemein hat.

Das Fatale an dem seit Jahrzehnten in den westlichen Demokratien grassierenden Wirtschaftsliberalismus ist ein gravierender Verfall dessen, was man in Zeiten vor dem semantisch-mentalen hochtrabenden Niedergang die Volksbildung genannt hat. Ursache dafür sind nicht nur die Vernachlässigung der staatlichen Bildungsinstitutionen, sondern auch die familiären und sonstigen sozialen Verhältnisse, die im Produktionsprozess des Kapitals geschreddert wurden, sondern auch das, was als Common Sense zu klassifizieren wäre. Der Stellenwert der Gemeinschaft ist bis auf die nur noch schattenhaft identifizierbaren Grundmauern niedergebrannt. 

Es herrschen Mystifikation und Tautologie, die Köpfe der Menschen gleichen mehr und mehr den Regalen in den Hyper- und Supermärkten, die kaum noch nach Ordnungsprinzipien sortiert sind, die Notwendigkeiten oder Kausalitäten erkennen lassen. Alles ist schön bunt und lustig, das, was das tatsächliche Leben mit seinen basalen Bedürfnissen und einer notwendigen Sozialstruktur ausmacht, ist verwischt und verbirgt sich hinter einem Warenangebot, dessen Nutzen nicht einmal mehr in Frage gestellt wird.

Sieht man sich die politische Lage auf dem Planeten und die Darstellung dieser Verhältnisse in dem bestehenden politischen System dazu an, dann fällt beim ersten Blick bereits auf, dass es keine qualitativen Kriterien für das eigene Handeln gibt. Das einzige Maß ist der vermeintliche Nutzen. Letzterer ist reduziert auf eine atomisierte Elite, die sich sicher glaubt, exklusiv nach dem eigenen Gutdünken alles zu rauben und verramschen zu können, was ihrem Gusto entspricht. Die Vollendung der Despotie hat sich legal in den Systemen des sich selbst demokratisch nennenden Westens gezeigt. 

Wer maßt sich an, angesichts dieser Verhältnisse, noch irgendwo mit einem moralischen Zeigefinger auf andere Entitäten zu deuten? Nur derjenige, der im Rausch der Vollendung meint, er sei der immerwährende Herrscher der Welt. Auch da, so muss konstatiert werden, ist es nicht weit her mit der Bildung. Denn nach dem Zustand relativer Ruhe folgt, zumindest das kann getrost als ein historisches Gesetz betrachtet werden, eine Phase rascher Veränderung. Nichts bleibt so, wie es ist. 

Im Rausch der Vollendung

Archaische Weisheiten und leuchtende Sterne

Wolf Wondraschek, Im Dickicht der Fäuste. Vom Boxen

Im Jahr 2021 wurde ein Buch noch einmal neu aufgelegt, das 2005 erschienen war und bereits zu diesem Zeitpunkt Texte enthielt, die in den siebziger, achtziger und neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts entstanden waren und sich mit den Höhen und Tiefen des Profiboxsports befassten. Es handelt sich um Wolf Wondrascheks „Im Dickicht der Fäuste. Vom Boxen.“ Angesichts eines bevorstehenden Boxkampfes, in dem wieder einmal nach einer neuen deutschen Hoffnung im Schwergewicht gesucht werden sollte und für den ich Karten bekommen hatte, nahm ich das Buch in die Hand und wollte mich ein wenig in die richtige Stimmung versetzen.

Und prompt war ich in der Welt der ganz Großen und Illustren, angefangen mit dem außerirdischen, bis heute über allem stehenden Muhammad Ali, The Greatest, über Max Schmeling,  Joe Frazier, The Locomotive, George Foreman, den Prinz von Homburg Norbert Grupe, Axel Schulz, Sir Henry Maske und die Klitschkos. Die Lektüre war eine Reise in die Vergangenheit, als der Boxsport rund um den Globus faszinierte, als er noch seine archaische Magie ausstrahlte und als dort Figuren unterwegs waren, die eine Aura hatten, die weit über den Ring hinausstrahlte.

Wondraschek, der sich immer zu dem Metier bekannte und der auch die Handschuhe anzog, trainierte und sich ab und zu die Lehren holte, was passiert, wenn man die falschen Entscheidungen trifft, Fehler macht oder unaufmerksam ist. Vieles, was in dem Metier, das weit in die Antike zurückreicht, zu erlernen ist, hat der Autor begriffen und unter diesem Licht seine Betrachtungen angestellt. Dass Muhammad Ali einer war, der von einem anderen Stern kam und bis zu seinem tragischen Ende leuchtete, muss man keinem erzählen, der das Boxen schätzt. Dass in dem Metier seit jeher auch geschoben wurde, dass dort die Kriminalität wucherte und das Schicksal derer, die im Ring oder in der Gosse aufschlagen, von keinem beweint wird, ist auch keine Enthüllung, die als Sensation zu werten ist.

Wondrascheks Texte holen den am Boxen interessierten und vom Boxen faszinierten Leser einfach in diese Welt zurück. Eine Welt, in der es Gesetze gibt, die immer wieder gebrochen werden und die immer wieder mit lapidaren Sätzen wie They´ll Never come back oder You ´ll Never know begleitet werden. Wer Schulungsmaterial für das Leben sucht, der ist in diesem Buch richtig, so absurd es für den Außenstehenden klingen mag. Jener legendäre Rumble in The Jungle war so ein Lehrstück, und The Thrilla in Manila auch. Das verstehen aber nur die Eingeweihten, die die Lehrsätze am eigenen Körper erfahren haben. Da entblättert sich Strategie, Technik, situative Schläue, Präzision und Kondition in Bruchteilen von Sekunden, während andere stumpf auf eine plumpe Schlägerei zu schauen glauben.

Das Dickicht der Fäuste ist ein Text für Afficionados, die schon immer begriffen haben, dass das Leben kein Zuckerschlecken ist und dass die Existenz etwas zu Erkämpfendes ist. Für sie sind diese Texte eine Erfrischung des Herzens, immer noch. Und das woke Gemüse sollte die Finger davon lassen! Acht Unzen! Zwölf Runden! Da geht es um alles!  

Archaische Weisheiten und leuchtende Sterne

Fragen, was ist!

Es ist ja nicht so, dass das Wissen über die Art und Weise, wie man der Sache auf den Grund geht, nicht vorhanden wäre. Fragen Sie einmal die Guten, die, die sich mit Organisationen und Menschen auskennen. Die, denen es genügt, mit dem Pförtner oder einer Reinigungsfrau zu sprechen, um einen ziemlich treffsicheren Eindruck über den Zustand des zu untersuchenden Komplexes zu bekommen. Ein, zwei Fragen genügen, um zu wissen, wie das Betriebsklima ist, wie sich die Arbeitsbelastung gestaltet, wie clever der Laden organisiert und wie hoch die Identifikationsrate derer ist, die dort beschäftigt oder engagiert sind. Ließe man diese Leute, deren Profession es ist, auf diesem Gebiet gut zu sein, auf die verschiedenen Organisationen und Institutionen los und gäbe ihnen die Marschroute, schnörkellos das auf den Tisch zu bringen, was ist, dann wäre schon viel erreicht.

Da auch diese Fachleute leben müssen, unterliegen sie den Gesetzen des Marktes. Sie brauchen Aufträge, um sich und ihre Aufwände zu finanzieren. Dass aus den Chef- und Vorstandsetagen Aufträge resultierten, die radikal an der Wahrheit interessiert wären, ist  eher unwahrscheinlich. Geld, Geld fließt dann, wenn so genannte Narrative zustande kommen, die die Verhältnisse zementieren und nicht solche, die vieles in Frage stellen und radikale Änderungen empfehlen. Sich deshalb über die Branche derer, die immer wieder in Organisationen aufschlagen, lustig zu machen, ist zu kurz gegriffen. Auch sie unterliegen den Gesetzen von Macht und Geld. Wenn Sie es können, gehen Sie mit solchen Leuten einmal ein Bier trinken. Zumindest erfahren Sie dann Dinge, die in keinem Fachjournal und in keiner Zeitung stehen.

Um allerdings ganz bodenständige Fragen zu stellen, dazu braucht es kein Fachpersonal, sondern einfach nur die Courage, nach Präzision zu fragen und zu konfrontieren. In Bezug auf gesellschaftliche Kontexte war das einmal dem Journalismus zugedacht. Letzterer ist allerdings durch die Monopolisierung, die Verflechtung von Macht und Geld, dermaßen domestiziert worden, dass er nicht mehr in der Lage ist, dieses in großem Umfang zu leisten. Ein Kabarettist, übrigens die letzte Spezies, von der, trotz einer auch dort immer mehr um sich greifenden mentalen Verelendung, noch ab und zu eine Enthüllung oder Erhellung zu erwarten ist, brachte es auf den Punkt: Wenn eine Frage nicht beantwortet wird, dieses noch einmal zusammenzufassen und das Interview dann abzubrechen. So einfach ist es. Und so schnell wäre allerdings auch die Karriere beendet.

Der Widerspruch, das Verlangen nach Konkretisierung, die Aufforderung, zu priorisieren, das Nachhaken, die Aufforderung, Adressaten zu benennen und der Hinweis auf weitreichende Konsequenzen sind das Besteck, um der Sache auf den Grund zu gehen. Nichts von dem ist in den renommierten Journalen noch zu finden. Man gefällt sich darin, Märchen, Mythen und Mystifikationen von einander abzuschreiben oder mit überzeugter oder betroffener Miene vor Kameras und Mikrophonen in den Äther zu hauchen. Was bleibt, ist ein Nebel, der den Eindruck vermittelt, dass er sich nie wieder auflösen wird.

Ein gutes Hausmittel gegen die Verwahrlosung der Instrumente, die den Weg zu etwas weisen könnten, was den Anspruch von Wahrheit vermittelt, ist sich selbst auf den Weg zu machen und direkt und ohne Umschweife alles zu fragen, was einem auf den Nägeln brennt. Und die Adressaten so lange zu quälen, bis sie mit der Wahrheit herausrücken oder sich durch Flucht blamieren.  

Fragen, was ist!