Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Ostenmauer – 100. Von Wölfen und Schafen

Man sagt nicht zu Unrecht den Javanern nach, dass sie die Meister des Lesens von Zeichen, Symbolen und Gesten sind. Es versteht sich von selbst, dass sie ihrerseits diese Sprache beherrschen wie kaum jemand sonst. In meiner Zeit dort kam ich zuweilen aus Besprechungen, deren Verlauf wie Ergebnis ich kaum verstanden hatte. Da waren Gesten und Anspielungen, die nur von denen erfasst werden konnten, die das ganze Konvolut der nonverbalen Kommunikation beherrschten. Es erforderte einen jahrelangen Lernprozess, um in die Nähe dessen zu kommen, was man Verständnis nennt. 

Und nicht selten muss ich an diese Zeiten denken, wenn ich unsere hiesigen Formen der Kommunikation betrachte. Da ist wenig von der sublimen Codierung, die vor allem verhindert, dass Menschen brüskiert oder bloß gestellt werden. Sie bewerkstelligt, dass alle, die den Code beherrschen, wissen, worum es geht, dass aber niemand sein Gesicht verliert. Manchmal glaube ich sogar, dass letzteres hier und in unseren Tagen das exklusive Ziel dessen ist, was den hochtrabenden Namen der Kommunikation trägt. Aber letztendlich nichts anderes als eine ungezogene Form der Beleidigung darstellt.

Und vieles von dem, was sich hier ereignet, würde von den bewunderten wie zitierten Javanern anders gelesen und verstanden, als es den hiesigen Kommunikanten bewusst wäre. Gestern noch musste ich daran denken, was wohl im Lande der Gesten und Symbolik an Entschlüsselung parat wäre, wenn man sähe, dass sich das höchste politische Gremium des Landes mit der Frage beschäftigte, wie und wann es erlaubt sei, Wölfe zu schießen, um die vielen Herden der Schafe zu schützen. Und zu beobachten, mit welcher Verbissenheit die Diskussion geführt wird. Als ginge es nicht nur um Leben und Tod von Schafen oder Wölfen, sondern um das Schicksal einer ganzen Nation. Um dann festzustellen, dass sich hinter den vermeintlichen Fronten derer, die die Schafe und derer, die die Wölfe schützen wollen, zwei gesellschaftliche Archetypen verbergen. 

Ganz genau! Die der Wölfe und die der Schafe. Derer, die etwas reißen wollen und derer, die sich bedroht fühlen und geschützt werden müssen. Und hätten sie, die Javaner, nicht recht, wenn sie es so sähen? Ist das nicht das, was sich hinter dieser hitzigen Diskussion in Wahrheit verbirgt? Ist es nicht tatsächlich ein Showdown zweier psychologischer Typen? Und wenn ja, ist es nicht der Schlüssel, um in die Diskussion ein wenig Verstand und Ratio zu bringen? 

Wie schön wäre es und wie gerne würde ich diese Frage mit meinen ehemaligen javanischen Kollegen erörtern! Was kämen dabei für tiefe Erkenntnisse heraus! Es wäre eine großartige Gesellschaftsdiagnose. Ein Befund, der uns hier so schrecklich fehlt. Das Wissen um die Erfordernisse und Ängste! Eine Vorstellung davon, wie groß das Risiko tatsächlich ist, wenn man etwas wagt. Und eine reale Bilanz dessen, was tatsächlich geschieht, wenn man sich meckernd im Pulk in die Ecke drängt und zitternd auf eine Instanz wartet, die einen von allem erlöst. 

Aber was rede ich! So, wie die Debatte verlief, kann der Eindruck entstehen, als seien  wir ein Volk von Schafen, das in allem die tödliche Gefahr lauern sieht. Und ein Land, in dem die Wölfe keine Lobby haben. In übertragenen Sinne, versteht sich. 

Von Wölfen und Schafen
Six men in matching dark sportswear sitting on opposite seats inside a train, neon cityscape visible through a rain-speckled window.

WM 2026 – Wenn der Mob die Taktik bestimmt…

Die Wahrheit schmeckt umso bitterer, je mehr sie fest Geglaubtes und als unumstößlich Geltendes außer Kraft setzt. Dass die großen Tugenden und Glücksbringer der deutschen Nationalmannschaft seit mittlerweile 12 Jahren auf dem großen Weltturnier nicht mehr zur Geltung kommen, hat verschiedene Gründe. Spiel wie Spielertypus haben sich verändert und der Druck, der durch so etwas wie eine medial erzeugte Öffentlichkeit entstanden ist, zerpflückt die Entität derer, auf die es ankommt. Das gab es historisch schon einmal, 1994, ebenfalls in den USA, als aus dem Team heraus und unter Mithilfe einer Ikone des deutschen Fußballs die Glaubwürdigkeit des damaligen Trainers zerstört wurde. Das war jetzt auch der Fall und ging noch weiter. Es wurden Nominierungen und Aufstellungen aufgrund des äußeren Drucks bewirkt, die allerdings nicht die erhofften Erfolge brachten, wobei die massenhaften Fürsprecher wiederum exklusiv den Trainer dafür verantwortlich machten. So geht das Spiel, das auf keinen Fall zum Erfolg führt. Wer sich von einem gehässigen Laienorchester in seiner Taktik beeinflussen lässt, hat die Rückfahrkarte bereits gebucht. Wenn der Mob die Taktik bestimmt, hast du verloren.

Was auf der damit angesprochenen Seite noch auffiel, war der Ton, in dem die öffentliche Debatte geführt wurde. Lässt man sich die vielen Statements und Kommentare auf der Zunge zergehen, nimmt etwas Abstand und versucht es emotionslos zu beschreiben, dann hatten und haben wir es mit einer Öffentlichkeit zu tun, die mental am Boden liegt, von Defätismus durchdrungen ist und sich durch das Versprühen von Gift Erleichterung zu verschaffen sucht. Wer glaubt, dadurch die Anstrengungen derer, die in der Verantwortung stehen, unterstützen zu können, hat komplett den Verstand verloren. Aber, und das ist eine weitere bittere Wahrheit, es ist auch nicht das Ziel. Wir befinden uns bereits auf dem Feld der exklusiven Zerstörungswut.

Dass, auch das sollte nicht aus den Augen verloren werden, die vermeintlich leichten Gegner nicht mehr behandelt werden können wie vom eigenen Hof aus administrierte Bananenrepubliken oder Reisplantagen, ist bereits ein Ergebnis, das sich im gegenwärtigen Stand des Turniers manifestiert hat. Viele ihrer Führungsspieler haben in den Zentren der Welthegemonie gelernt und sind dabei, das Niveau in den einstigen Provinzen zu heben. Da wird noch mehr kommen, denn die alte Ordnung ist erheblich ins Wanken geraten.

In Deutschland sind die bereits beschriebenen mentalen Defizite benannt. Es soll nicht unerwähnt bleiben, auch wenn das in dem Lamento über das Aus zumindest medial untergehen wird, dass die auf dem Turnier gesetzten Spieler hoch qualifizierte Repräsentanten ihrer Zunft sind. Sie konnten ihr Potenzial nur nicht zur Geltung bringen. Auch darin spiegelt sich der Konnex zum gesellschaftlichen Leben. Die medial dominierte Welt, die durch den Einsatz unzähliger Kretins, die als Experten bezeichnet werden, zu einem Desaster nach dem anderen führen, verdrängt die tatsächlich vorhandenen Stärken und Potenziale aus dem Bewusstsein und nährt somit den Defätismus. 

Was dieses Orchester noch kann und wozu es bereits wenige Stunden nach dem Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft aufspielt, ist die Zeichnung von Sündenböcken und die Produktion von Feindbildern. Das ist die eingespielte Vorgehensweise, die die Politik in diesem Land seit einiger Zeit prägt und die zu hohen Verlusten und zahlreichen Niederlagen führt. Es fehlt nicht an Technik, nicht an Finesse, nicht an Können und nicht an Wissen. Es herrscht der Dilettantismus, und der macht das alles zunichte. Ordnung und Verantwortung sind nicht gefragt. Soviel zum nächtlichen Ausscheiden.

Fortsetzung folgt.

Wenn der Mob die Taktik bestimmt…
Half sphere showing technology and industry with a businessman and cityscape on one side, nature and tradition with a woman planting and farmland on the other

Cash oder Glück?

Jeden Tag wünschen sich Menschen Erfolg. Das ist gut gemeint und besagt, dass man dem Gegenüber positive Erlebnisse und ein eigenes Gefühl der Bestätigung als Abschiedsgruß mit auf den Weg gibt. Doch was ist das, Erfolg? Aufgrund der völlig unterschiedlichen Wahrnehmung der Subjekte kann ein Wunsch nichts Abstrakteres sein. Denn was für die einen Erfolg ist, bedeutet den anderen schnöder Mammon und was die anderen als großartiges Ergebnis feiern, tun wiederum andere ab als ganz nett, aber nichts Besonderes.

So, wie es zwei Archetypen im Arbeitsleben gibt, nämlich diejenigen, die nach Zählbarem streben, denen Status wichtig ist und Kontingente eine Rolle spielen, existieren die anderen, denen es um das Ergebnis geht, unabhängig von Größenordnungen. Nennen wir die einen die an Status orientierten, und beschreiben wir die anderen, als die, die ihren Fokus auf Funktionsmacht und Ergebnis richten. Und, wichtig ist und bleibt, dass es keinen Sinn ergibt, über die beiden bewusstseinsmäßigen Standards zu urteilen, weil sie zum Menschsein gehören wie der aufrechte Gang. Sieht man es sich genau an, dann existieren diese beiden Typen in allen Arbeitsorganisationen und in jedem politischen System. Oder, wie ein guter Freund es immer so schön auf den Punkt bringt: Entweder es dominieren die Apparatschiks oder die Macher. 

Für die erste Kategorie geht es um alles, was ein Preisschild hat. Das beginnt mit Status suggerierende Accessoires wie Uhren, Autos, Schiffe, Häuser etc. und, folge niemand der Illusion, diese Zeiten seien vorbei, den Menschen an der Seite. Ist er repräsentativ genug, um den Status zu bekräftigen? Im Arbeitsleben sind es die bereits erwähnten Kontingente: Wieviel Geld schiebt man hin und her, wie viele Menschen sind einem untergeordnet und wie hoch ist das Salär. Ist der Zustand erreicht, dass Geld insofern keine Rolle mehr spielt, weil die Mittel vorhanden sind, sich alles, was einem in den Kopf kommt, umgehend leisten zu können? Und, man kann es sich bereits denken, das, was am Ende der Kette steht, nämlich das tatsächliche Ergebnis, spielt eigentlich keine Rolle mehr. Ein versprochenes Ergebnis wirkt nur als Stimulans, um sich materielle Macht zu beschaffen. Ob das Ergebnis letztendlich erreicht wird, ist sekundär.

Dagegen wirken die Funktionsorientierten, die Macher, eher bescheiden. Sie entscheiden, was sie brauchen. Oft sind die Mittel, die gefordert werden, im materiellen Sinne eher überschaubar. Für diese Kategorie bemisst sich der Erfolg darin, ob das avisierte Ergebnis erreicht wurde, ob die Menschen, die dabei mithalfen, sich haben weiter entwickeln können, ob Missstände beseitigt werden konnten, ob gelungene Kooperation den Beteiligten ein Gefühl vermitteln konnte, das vielleicht am Besten als Befähigung, Selbstachtung und Vollzugsmacht bezeichnet werden kann. Letztendlich ist die Währung dieses Erfolgs ein Glücksgefühl, auch wenn die Ergebnisse durchaus materiell sein können. 

In der Regel sind beide Typen unter einem Dach aktiv. Dass es zwischen ihnen zu heftigen Reibungen kommt, liegt auf der Hand. Ist das Verhältnis einigermaßen ausgewogen, dann hat man es mit einem einigermaßen handlungsfähigen Gebilde zu tun. Dominiert die Status-Fraktion, dann wird in der Regel der Niedergang verwaltet. Überwiegt die Funktions-Fraktion, dann werden Revolutionen vollbracht, die allerdings sehr schnell nach Konsolidierung schreien. 

Wir haben es hier nicht mit einer Aporie, d.h. einem nicht lösbaren Widerspruch zu tun, sondern mit einer konstanten Realität menschlichen Zusammenwirkens. Man muss die beiden großen Motivationsmächte auf dem Schirm haben, Cash oder Glück. Es handelt sich anscheinend die brennende Wahrheit der Gattung. 

Cash oder Glück