Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Leistung und Verantwortung – Identität und Loyalität

Überall in der Gesellschaft regt sich Widerspruch. Das ist, in Krisen, wie wir sie erleben, normal. Das Besondere an der momentanen Krise ist das Moment systemischer Relevanz. Vieles deutet darauf hin, dass ein Status quo ante, also einen Zustand, wie wir ihn vor dieser Krise kannten, nicht mehr kommen wird. Die Welt und die Gesellschaft verändern sich. Wer überrascht ist von dieser Entwicklung hat sich, zumindest aus meiner bescheidenen Sicht, blenden lassen von dem immer wieder erzeugten Schein einer heilen Welt. Umso verständlicher ist es, dass nach dem Narrativ des „Alles ist prima“ nun, in Zeiten krisenhafter Evidenz, die Dystopie Konjunktur hat. Auch das ist normal, aber es hat keine Relevanz in Bezug auf die Prognose.

Schleichend, versteckt und subkutan hat bereits ein Paradigmenwechsel stattgefunden, der nun nahezu grell ins Auge sticht. Es ist die Ablösung des Begriffspaares von Leistung und Verantwortung durch das von Identität und Loyalität. Das klingt auf den ersten Blick verwegen, aber es hat, bei genauerem Hinsehen, etwas zu tun mit der kollektiven psychischen Disposition der Gesellschaft. Sie greift ein in alle Lebensbereiche und sie verweist sowohl auf die harten Fakten der Gesellschaft wie auf ihre mentale Verfassung.

Leistung, im physikalischen, im volkswirtschaftlichen wie im betriebswirtschaftlichen Sinne ist die Definition, auf deren Grundlage Wertschöpfung durch Produktivität stattfindet. Und diese Form der Produktivität erfordert eine Identifikation mit denen, die diese Leistung erbringen. Leistungsträger werden an dem konkreten Ergebnis gemessen und zur Verantwortung gezogen.

Wie ein schleichendes Gift wurde dieses Grundverständnis zunehmend gelähmt und durch das der Identität ersetzt. Die Identität bestimmter Individuen und Gruppen wurde umgedeutet als Leistung an sich. Diese Art von Leistung, die keine ist, wenn der existenzialistische Satz bemüht werden darf, dass das Sein etwas zu Leistendes ist, sondern ein toter, unproduktiver Zustand, diese Leistung kennt keine Verantwortung, aber sie braucht Loyalität, um bestehen zu können.

Die sukzessive Ersetzung von Leistung und Verantwortung durch Identität und Loyalität beschreiben einen Systemwechsel, der auch den vom produktiven Verwertungskapitalismus zur verzehrenden Rendite-Gesellschaft beschreiben. Der produktive Teil der Gesellschaft wurde marginalisiert und durch ein meinungsführendes Ensemble von Coupon-Schneidern ersetzt. Da passt es nur allzu gut, wenn man die Theorie des kommunikativen Handelns parat hat, die die Illusion erzeugt, in der Gesellschaft sei alles verhandelbar.

Das, was als das tatsächlich Krisenhafte beschrieben werden muss, ist der jetzige Versuch, den längst vollzogenen Paradigmenwechsel gesellschaftlich akzeptabel zu machen, und sei es mit der Brechstange. Eine kleine Gruppe von Meinungsbildnern ist dabei, das Narrativ der ehemaligen Realität von Leistung endgültig zu liquidieren und durch das Dekadenz-Siegel von Identität und Loyalität zu ersetzen. Das passiert auf allen gesellschaftlichen Ebenen, hat aber auch den Nachteil, dass die Probe aufs Exempel vollzogen werden kann.

Das beste und aktuellste Beispiel liefert momentan die staatliche Bürokratie, die seit langem von dem Gesetz der politischen Loyalität infiltriert wurde und den Leistungsgedanken desavouiert hat und in der folglich die Verantwortung für Ergebnisse gefürchtet wird wie die Pest und der Versuch der Fehlervermeidung zu desaströsen Zuständen führt. Probleme werden nicht gelöst, sondern durch weitere Bürokratisierung verlagert.

Die Geschichte des beschriebenen Paradigmenwechsels ist eine betrübliche. De Geschichte des neuen Narrativs hält allerdings dem Realitätsempfinden eines Großteils der Gesellschaft nicht mehr stand. Und das wiederum ist erfreulich.

Afghanistan: Schillernde Moralappelle

Die Moral hat einen merkwürdigen Beigeschmack bekommen. Immer mehr Menschen fühlen sich nicht mehr wohl, wenn von Moral die Rede ist. Dann geht es allerdings zumeist um Erscheinungen, die besser mit dem Terminus des Moralismus versehen werden. Denn dann handelt es sich nicht um eine aus einem tiefen inneren Wert resultierende Einstellung oder Handlung, sondern um ein ausgeklügeltes System der Täuschung und Irreführung. Indem an das Gute im Menschen appelliert wird, werden Vorschläge gemacht, wie genau das Gegenteil bewirkt werden soll. 

Beispiele? Alle moralischen Appelle, die kriegerische Handlungen legitimieren sollen. Pioniere für diese Vorgehensweise, die natürlich so alt ist wie die Menschheit, aber Pioniere für diese Vorgehensweise in der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik waren die Grünen und ihr damaliger Außenminister Joschka Fischer, die die militärische Intervention im ehemaligen Jugoslawien mit dem Erbe von Auschwitz zu legitimieren suchten. Unterstützt von internationalen Werbeagenturen, die dem staunenden Publikum immer wieder mit Slogans aufs Hirn klopften, bis einige glaubten, deutsche Piloten an Belgrads Himmel brächten mehr Gerechtigkeit in die Welt.

Und weil das so gut geklappt hat, mit kleinen Ausnahmen wie der Bemerkung Gerhard Schröders, der als einziger bis heute die Souveränität hatte zuzugeben, dass der Balkankrieg eine Verletzung des Völkerrechts gewesen sei, ist die Methode beliebter denn je. Immer, wenn es um Interventionen geht, werden moralische Prinzipien, Werte und Gerechtigkeitsfragen aus dem Arsenal der Täuschungsinstrumente hervorgeholt, um dem heißen Krieg einen ideologischen vorausgehen zu lassen. Es ist immer dasselbe und es wird Zeit, denjenigen, die mit ihrem im Glanz der Sonne liegenden System von Korruption, Kollusion und Nepotismus und ihrer eigenen Verkommenheit zuzurufen, dass auf ihre Moralappelle in toto gepfiffen wird. 

Der Unmut entspringt der Dreistigkeit der Manöver, die sich aus Faulheit und eigener Unzulänglichkeit wiederholen. Erinnern Sie sich noch? Vor zwanzig Jahren, als es darum ging, in dem von den USA angeführten Krieg gegen den Terror eine Intervention in Afghanistan mit Kräften der Bundeswehr zu unterstützen? Da schwadronierte nicht nur ein sozialdemokratischer Minister, die Freiheit der Republik würde auch am Hindukusch verteidigt, sondern es gab auch eine breit angelegte Werbekampagne, die die moralische Legitimation vorbereiten sollte.

Auf allen Kanälen wurde darüber berichtet, was die Herrschaft der Taliban in Afghanistan für die Frauen und Mädchen in dem Land bedeutete. Keine Schule für die Mädchen, keine Rechte für Frauen, Zwangsverheiratungen, Freiheitsberaubung, Todesstrafe für vorehelichen Sex, keine freie Berufswahl etc. etc.. Nicht, dass derartige Zustände gutgeheißen werden sollten, aber sind das die moralischen Voraussetzungen für eine kriegerische Intervention? Und wenn ja, warum marschiert die Bundeswehr dann nicht in Saudi-Arabien ein? 

Nun, zwanzig Jahre nach dem Beschluss, sich mit Streitkräften nach Afghanistan zu begeben, um den vermeintlichen Menschenrechten Geltung zu verschaffen, und zwanzig Jahre ohne Erfolgsmeldungen, z.B. dass die Mädchen wieder zur Schule dürfen, Frauen ihr Leben selbst bestimmen etc. tauchen plötzlich mehrmals wöchentlich wieder jene Berichte auf, die zu Beginn der Mission Impossible den Boden für die Intervention mit geebnet haben. Die Kriegspropaganda hat die afghanischen Frauen wiederentdeckt! Immer noch sind die Zustände verheerend, auch mit Intervention, aber wieder sollen sie die Legitimation für eine Verlängerung der Intervention liefern. 

Achten Sie darauf! Es ist offensichtlich. Die Moral wird bemüht, um Waffen zu verkaufen, um eine Kriegsmaschine am Laufen zu halten, um das Völkerrecht zu verletzen, um die Zustände geht es – nicht!    

White-collar crime: Wirecard, Maskendeals, Greensill — Neue Debatte

Als hätte ein nichts ahnender Kretin eine brennende Kippe in eine Scheune voll trockenen Strohs geworfen, lodern die Flammen des Entsetzens im sowieso schon dunklen Himmel. Der Beitrag White-collar crime: Wirecard, Maskendeals, Greensill erschien zuerst auf Neue Debatte.

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