Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Die Hochrüstung und der Schalk im Nacken der Geschichte

Obwohl momentan immer wieder einmal Historiker aus der Schatulle gezaubert werden, die ihrerseits die gegenwärtige Politik als strategisch angemessen erklären, fehlt es gewaltig an einem historischen Bewusstsein, das weiterhelfen würde. Man muss nicht unbedingt diejenigen bemühen, die eine andere politische Kraft mit ihren Thesen unterstützen. Es reicht, bei denen zu verharren, die sich wissenschaftlicher Faktizität verpflichtet haben und es dabei belassen.

Und, auch das sei angefügt, Geschichte wiederholt sich nicht. Aber es existieren Tendenzen, die vergleichbar sind und deren Auswirkungen durchaus das Attribut der Analogie verdienen. Zwei Historiker, die aus einer unterschiedlichen Fragestellung zur selben Analogie kommen, seien hier erwähnt. Sowohl der Brite Neill Ferguson als auch der Franzose Emmanuel Todd vergleichen die wirtschaftlich-soziale, die militär-strategische wie die mentale Lage der USA mit dem Spätherbst der Sowjetunion. Die Indikatoren, auf die sie sich beziehen, haben etwas zu tun mit der Ausgabenpolitik, aber auch mit Daten zur Lebenserwartung, Säuglingssterblichkeit, Alphabetisierung, Obdachlosigkeit etc.etc.. 

Angesichts der Virulenzen in dem Gefüge USA/EU und dem Entschluss von Ländern wie Deutschland, Frankreich und Großbritannien deutet sich eine weitere Analogie an, die auch an die Zeit des Niedergangs der UdSSR erinnert. Es ist die Umschichtung der Staatshaushalte aus den Bereichen Bildung, Gesundheit und Soziales hin zur Investition in Rüstung und Militarisierung. Allein die bereits heute vorliegenden Größenordnungen deuten darauf hin, dass ein wesentlicher Zusammenhang, der zum Zusammenbruch der Sowjetunion führte, in diesen Staaten und der EU zu ähnlichen Verwerfungen führen wird.

Bevor der tumbe, in Endlosschleifen wiederholte Vorwurf russischer Propaganda hervorgeholt wird, sollte man sich mit den oben zitierten Historikern auseinandersetzen und sich selbst noch einmal die Strategie von USA und NATO im Zusammenhang mit der Hochrüstungspolitik der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts befassen. Dort galt es als dezidiertes Ziel, mit den ständigen Investitionen in neue, kostspielige Waffensysteme die UdSSR dazu zwingen zu wollen, gleichzuziehen und damit gesellschaftlich und sozial so zu schwächen, dass ihr als politischem System die Luft ausgeht. Die damalige Strategie hatte zum Ziel, mit dem Mittel der Rüstungsspirale und der durch sie erforderlichen Kosten die Sowjetunion zu besiegen und dadurch den Krieg zu vermeiden. Und die Rechnung ist, wie alle Welt heute weiß, aufgegangen.

Angesichts dieser historischen Lehrstunde sollte es dem einen oder anderen Vertreter aus den heute dominierenden Lagern vielleicht auffallen, dass sich vor allem die EU als ökonomischem Arm der NATO, zu dem sie sich entwickelt hat, in die Rolle der damaligen Sowjetunion begibt. Nicht nur, es wäre das Thema einer weiteren Betrachtung, dass sich auch hier eine von allen gesellschaftlichen Realitäten abgehobene Bürokratie etabliert hat, sondern vor allem in Bezug auf den Proporz von Investitionen in Gesellschaft, Wissenschaft und Kultur hier und Militär dort. Der Moloch der Militarisierung, von dem viele Kleingeister glauben, es handele sich dabei um einen ökonomischen Booster, mausert sich zunehmend zu dem Momentum eines nachhaltigen Niedergangs. Und in diesem Kontext ist der Begriff der Nachhaltigkeit einmal richtig gebraucht.

Ich will hier nicht die so oft wiederholten Worte von Karl Marx anführen, wonach in der Geschichte alles zweimal passiere, einmal als Tragödie und einmal als Farce. Aber ehrlich gesagt, den Schalk im Nacken hat sie doch, die Geschichte.    

Die Hochrüstung und der Schalk im Nacken der Geschichte

Ostenmauer – 48. Die sieben Todsünden und die Geschichte

Wem sind sie noch präsent? Die sieben Todsünden? Neid, Völlerei, Habgier, Wollust, Hochmut, Trägheit und Zorn! Da die Legitimation unseres Daseins sich nur noch subkutan auf die christlich-abendländische Ethik bezieht, würde kaum noch jemand auf die Idee kommen, sich bei dem, was uns an menschlichen Handlungen umgibt, auf diese Liste Bezug zu nehmen. Obwohl, das leuchtet bei der bloßen Lektüre sofort ein, es genügend Anlässe gibt, um menschliches, zeitgenössisches Handeln unter dem Aspekt dieser sieben Todsünden auf den Index zu setzen.

Neid? Kein Tag vergeht, ohne dass diese Regung spürbar würde. Völlerei? Nur ein Blick auf die Werbung macht deutlich, dass es als schick gilt, dieser Sünde zu frönen. Habgier? Muss darauf überhaupt geantwortet werden? Ist es nicht das Prinzip, das alles leitet? Wollust? Ob ihre Befriedigung tatsächlich gelingt, sei einmal dahin gestellt. An sie appelliert wird unablässig. Hochmut? Geschenkt, überall präsent. Trägheit? Gilt als erstrebenswert und sie zu pflegen, gelingt nur den Privilegierten. Und Zorn? Durchaus vorhanden, aber, im Gegensatz zu den anderen Todsünden zumindest kein Massenphänomen. An ihn wird gerne appelliert, aber er scheint sich nicht in der spätkapitalistischen Postmoderne so etabliert zu haben wie die anderen sechs ethischen Frevel.

Vielleicht ist der Zorn jedoch die Regung, die sich der Modernität durch eine Mutation perfekt angepasst hat. Es ist die Ranküne, die Rachsucht. Sie geht weiter als der spontane Zorn, denn ohne eine meistens vielleicht auch langfristige Berechnung ist sie nicht zu haben. Welthistorisch gesehen ist das Phänomen zur Zeit hochaktuell. Die Demütigung von Nationen nach Niederlagen, die sie nicht selten selbst zu verantworten hatten, führt ziemlich sicher zu einer geballten Form der Ranküne. Es dauert in der Regel zwei bis drei Jahrzehnte, bis die nach der Niederlage Geschmähten zurückschlagen. Historiker nennen das Phänomen Revisionismus. So verhielt es sich mit Deutschland nach der Niederlage im I. Weltkrieg und den heute so genannten Pariser Vorortverträgen (früher schlicht nach Versailles benannt), in denen der einstigen Großmacht demütigende Bedingungen zugemutet wurden. Die Reaktion kam mit dem Faschismus. Und so verhielt es sich mit Russland, das 1990 als Sowjetunion unterging und alles zu akzeptieren hatte, was die Ramponierung einer russischen Identität beinhaltete. Die Antwort darauf erhielt die Welt im Februar 2022. 

Wie gesagt, Historiker haben auf derartige Zusammenhänge aufmerksam gemacht. Das konkret handelnde politische Personal hat das Wissen um das mögliche Entstehen von Rankünegedanken nicht auf dem Schirm. Das Unrecht des Moments bedeutet alles, die historische Demütigung hingegen nichts. Sie wird und wurde stets vom Tisch gewischt. Auf allen Seiten! Um auf die sieben Todsünden, die unseren Alltag in hohem Maße bestimmen, zurückzukommen: Das Auftauchen des Zorns in Form von Rachegefühlen ist nicht selten das Ergebnis von Hochmut auf der Gegenseite. Und, betrachtet man den Zusammenhang, dann sind wir mitten im Teufelskreis der sieben Todsünden. Alles hängt miteinander zusammen und das eine bedingt das andere. Ohne Habgier kein Neid, ohne Wollust keine Völlerei und keine Trägheit. Und ohne Hochmut kein Zorn. 

Hätten wir es mit einem ethischen Diskurs zu tun, dann müssten wir uns mit diesen Wechselwirkungen auseinandersetzen und dürften nicht, auf hohem Ross sitzend, hochmütig wie die Königin der Todsünden, über alles urteilen, was unter dem Blick der Auserwählten kreucht und fleucht. Ja, sind wir ehrlich, es ist beschämend. Und die Scham wäre vielleicht auch das erste Mittel, zur Linderung der Sünden. 

Die sieben Todsünden und die Geschichte

Mit Knicks und gebeugtem Haupt

Um den Träumern gleich die weitere Lektüre zu verderben: Macht kann auch etwas Befreiendes sein und zum Wohle vieler wirken. Dass viele Menschen von dieser Seite der Macht kaum etwas mitbekommen, liegt an den Verhältnissen. Bei den Formen der Ausübung, in denen partikulares Interesse und die schlichte Lust zu herrschen eine Rolle spielen, ist ein größeres Publikum gewährleistet. Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang auf einen bestimmten Typus. Es handelt sich um Menschen, die mittels der ihnen zur Verfügung stehenden Macht ein Spiel veranstalten, bei dem es vor allem um das Wesen derer geht, die unter ihrem Machteinfluss stehen.

Sie probieren an den Menschen aus, wie weit sie gehen können. Sie treiben ihre Untergebenen vor sich her und werden in ihren Forderungen zunehmend maßloser. Das Kuriose an ihrer eigenen Befindlichkeit ist der Umstand, dass sie diejenigen, die tatsächlich alles mit sich machen lassen und sich ihnen auf Gedeih und Verderb ergeben, abgrundtief verachten. Und andere, die sich zur Wehr setzen, auch in dem Wissen, dass sie großen Schaden erleiden können, diesen Rebellen zollen sie Respekt und suchen ihre freundschaftliche Nähe. Das Setting hat etwas aus dem alten Rom, als existenzielle Spiele zum gesellschaftlichen Zeitvertreib zählten.

Dass ein amerikanischer Präsident unserer Tage in dieses Schema passt, ist gar nicht so verwunderlich. Wieder ist es ein Imperium, das schwächelt und an sich ein wenig zweifelt, und wieder kommt da ein Imperator, der das basale der Macht als Mittel an sich noch einmal vorexerziert. Und wer meint, er sei der erste, der dieses Spiel mit seinen Vasallen betreibt, erwacht gerade aus einem sehr langen Traum.

Aus hiesiger Perspektive geht es aber gar nicht um die charakterliche Befindlichkeit von Imperatoren und Hegemonen, sondern um uns selbst. Genauer gesagt, diejenigen, die auserkoren sind, die Interessen der deutschen Bevölkerung oder der in der EU versammelten Staaten wahrzunehmen. Schon Präsident Biden hatte ausprobiert, wie sich der damalige Kanzler Scholz verhielt, als er ankündigte, dem Land, das Scholz vertrat, die kritische Infrastruktur zu zerstören. Da dieser daneben stand und bei der Aussage nur verlegen oder einfältig lächelte, lässt sich vermuten, wie groß die Verachtung Joe Bidens in diesem Moment für Scholz und das Land, das er vertrat, war. 

Nun, sein Nachfolger Donald Trump spielt dieses Spiel noch pointierter. Was mochte er nun in Schottland gedacht haben, als die übrigens durch kein demokratisches Votum autorisierte Chefunterhändlerin der Europäischen Union bei ihm auftauchte und einen Deal wollte? Erreicht hat sie nichts, was der Rede wert wäre, außer große Summen für Fracking Gas und Kriegswerkzeug in die USA zu transferieren, dort zusätzlich massiv zu investieren und dafür Strafzölle auf EU-Produkte zu behalten. Neben einer gehörigen Portion Schadenfreude wird dem Imperator auch noch ein üppiges Kontingent an Verachtung geblieben sein.

Das großtuerische Geschrei, mit welchem hiesige Politiker in Bezug auf das Weltgeschehen auftreten, steht in diametralem Gegensatz zu ihrer Potenz und Reputation. Um es einmal unmissverständlich zu formulieren: sie reißen das Maul weit auf, haben aber nichts zu bieten. Sie lassen sich gängeln, sie lassen ihre Länder  plündern und bestehlen und sie haben, wenn es darauf ankommt, nicht die Courage, sich gegen diese Behandlung zu wehren und heftig auf den Tisch zu hauen, trotz der Gefahr, Schmerzen zugefügt zu bekommen. Mut ist ein Gut, über das sie nicht verfügen. Das einzige, was sie, wenn es darauf ankommt, zu bieten haben, ist ein tiefer Knicks und ein gebeugtes Haupt. Sich solches Personal zu leisten, ist ein kräftiges Indiz für um sich greifende Dekadenz.

Mit Knicks und gebeugtem Haupt