Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Export westlicher Werte?

Hochgerechnet auf die Weltbevölkerung sind die Gesellschaften, die sich der Entfaltung des Individuums verschrieben haben, mit ungefähr einem Zehntel zu beziffern. Das heißt nicht, dass im Rest der Welt der Einzelne und seine individuellen Rechte und Möglichkeiten keine Rolle spielen. Aber es bedeutet, dass bei 90 Prozent der Weltpopulation eine Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft, wie immer dieses auch kulturell definiert ist, eine größere Rolle spielt als in den puristisch individualisierten Gesellschaften. Die Perspektive ist deshalb von Bedeutung, weil sie die mentalen wie quantitativen Kräfteverhältnisse in der Welt beleuchtet und die Frage aufwirft, ob es den politischen Systemen, die das Individuum in den Mittelpunkt stellen, die Möglichkeit besitzen, dem überwältigenden Rest der Weltpopulation die eigenen Vorstellungen näher zu bringen, geschweige denn sie von der Überlegenheit des eigenen Systems zu überzeugen. 

Historisch hat es das immer wieder gegeben. Wirtschaftlich starke politische Gebilde, die nach Hegemonie strebten, die allerdings auch ständig humane und natürliche Ressourcen brauchten, um andere zu dominieren, vor allem wenn sie aufgrund der eigenen Verfügbarkeit von Potenzialen diesen Anspruch ohne Expansion nie hätten einlösen können. Das ging von Alexander dem Großen über das Römische Reich bis zum britischen Kolonialismus, seinen europäischen Derivaten und dem modernen Imperialismus. Das ideologische Transportmittel für die Expansion reichte vom Wissen um den richtigen Gott bis hin zu dem Argument der Überlegenheit der eigenen Zivilisation und dem damit verbundenen politischen System. Der Ideologie, d.h. der Begründung der eigenen Überlegenheit folgten immer gewaltsames Handeln und Krieg. 

Dass ausgerechnet die Teile der Welt, die heute nicht den Individualismus als zentrales Thema ihrer gesellschaftlichen Existenz begreifen, auf ein unendliches Journal der eigenen Ausplünderung und Demütigung durch die zivilisatorisch begründeten Imperien verfügen, führt zu der Gewissheit, dass sich dort die Faszination westlicher Ideale in Grenzen hält. In Russland blickte gerade eine Nation auf den letzten Feldzug aus dem Westen mit eigenen 27 Millionen Opfern zurück, in China weiß jedes Kind, wie Hongkong als Folge eines von Großbritannien geführten Opiumkrieges in britische Hände kam, der Kongo blickt auf Sklaverei, Kinderhandel, Ressourcenraub und Mord an eigenen Politikern zurück, die die eigenen Interessen vertreten wollten, genauso wie der Iran und zahlreiche Länder in Südamerika, in Indonesien richtete die Sicherung der westlichen Suprematie ein Blutbad mit mehr als zwei Millionen Toten an und in Indochina sind die Folgen der letzten Kriege in jeder Familie präsent. Die Liste ist nicht nur lang, sondern sie illustriert die Hypothek, die sich der selbst als Zivilisationsmacht sehende Westen in Jahrhunderten erarbeitet hat.

Wer in diesem Kontext glaubt, durch die Berufung auf die eigenen Werte, die übrigens durch das Anwenden doppelter Standards aktuell täglich kontaminiert werden, im Rest der großen, weiten Welt Punkte sammeln zu können, ist ein Opfer sensorischer Isolation und eines als pathologisch zu bezeichnenden Subjektivismus. Und wer dann noch der Auffassung ist, dass notfalls die reklamierten Werte durch martialisches Gebaren, Anwendung von Gewalt und Kriege in die des Kolonialismus und Imperialismus überdrüssigen Länder dieser Welt transportiert werden könne, hat seine Zurechnungsfähigkeit eingebüßt. Die Mordlust des Kolonialismus ist entlarvt und die Schätze, die immer wieder zu solchen Manövern locken, liegen nicht mehr ungeschützt in der Sonne. Wer jetzt auf Beutezug geht, wird sich eine blutige Nase holen, wobei die Metapher verharmlosend ist. 

Es ist ratsam, Bilanz zu ziehen und das Ende der Kolonisierung der Welt zu akzeptieren. Wer jetzt mit dem Säbel rasselt, hat die Gunst der Stunde nicht begriffen. Angesichts der globalen Existenzbedingungen ist das Zeitalter der Kooperation längst angebrochen. Und ohne das große Ganze bleibt selbst dem Individuum das Glück versperrt.  

Die Krise: “Über einem freien Menschen ist nur noch der Himmel!” — Neue Debatte

Die Erzählung ist immer die gleiche: Werden die Opfer einer Krise sanktioniert, ist das Problem gelöst. Die bittere Medizin der fortschreitenden Freiheitsberaubung wird mit dem Honig aus Regenbogenfahnen, Gendersternchen und Baumpflanzungen verabreicht. Der Beitrag Die Krise: “Über einem freien Menschen ist nur noch der Himmel!” erschien zuerst auf Neue Debatte.

Die Krise: “Über einem freien Menschen ist nur noch der Himmel!” — Neue Debatte

„Über einem freien Menschen ist nur noch der Himmel!“

Es ist eigenartig. Es geht seit Jahrzehnten in der hiesigen Politik immer wieder um die Frage von einer Ausweitung der Kontrolle. Jede Krise, und davon gab es viele, wenn man nicht zu dem Urteil kommt, dass es sich um einen immer währenden Krisenzustand handelt, jede Krise wird versucht einzudämmen, indem neue Gesetze und Bestimmungen erlassen werden, die das Maß der Kontrollmöglichkeiten vergrößern. Das lenkt zum einen von der Frage ab, ob da vielleicht etwas systemisch nicht stimmen kann und wirft die Aufmerksamkeit auf bestimmte Individuen oder Gruppen, die scheinbar völlig erratisch agieren und den Zustand der Dysfunktion zu verantworten haben. Seltsamerweise handelt es sich dann aber um Zielgruppen, die selbst als Opfer der Krise zu bezeichnen sind und die sich aus ihrer Lage heraus einen Weg suchen, der sich nicht immer mit den normativen Vorgaben deckt. Sie werden dann als die Ursache der Krise ausgemacht und ihre Reglementierung wird als Lösung verkauft. Die Erzählung ist immer die gleiche. Wenn die Opfer sanktioniert werden, ist das Problem gelöst.

Abgesehen von der mit diesem Vorgehen einhergehenden Vorstellung, dass mit dem System von Regel und Sanktion ein Gemeinwesen regiert werden kann, was, gelinde gesagt, als ein Evergreen seit dem preußischen Obrigkeitsstaat in deutschen Landen zu bezeichnen ist, ist auch diese Therapie, wenn sie überhaupt wirkt, nur ein Erfolg von kurzer Dauer. Zumeist vergeht kaum Zeit, bis das nächste Thema kommt und neue Aufmerksamkeit erfordert. Der Handlungsrahmen ist bekannt. Der Eurokrise folgte die Bankenkrise, es kam die Ukraine-Krise, die Flüchtlingskrise und dann die pandemische Krise. Immer gab es vermeintlich Schuldige, die für eine Erklärung herhalten mussten. Nur die eigene Agenda und die eigene Handlungsweise kamen so nie in den Fokus der Kritik. Die logische Schlussfolgerung, auf die sich nahezu alle geeinigt haben, ist einfach wie eingehend: Schuld sind immer die anderen. Das ist schön gedacht, wirkt aber seit längerem nicht mehr so richtig und hat aufgrund unterschiedlicher Wahrnehmungen zu einer massiven gesellschaftlichen Spaltung geführt. Oder überwiegt tatsächlich der Eindruck, dass mit Griechenland und Italien, Lehman, Putin, Assad und den Chinesen alles gesagt ist? 

Was zudem verstört, ist die Entwicklung und Durchsetzung der jeweiligen Kontroll-Agenda. In Hinterzimmern, ohne die dazu zuständigen Parlamente einzubeziehen, in Akten der Kompetenzanmaßung, eskortiert von die Gesellschaft spaltenden Medienkampagnen und, wenn alle Stricke reißen, in Abstimmungen während großer Fußballturniere, wie es gerade wieder geschehen ist. Da wird dokumentiert, was man von den eigenen Auftraggebern hält und man suggeriert sich gegenseitig, versteht sich, wie verantwortungsvoll man doch handelt. Unterm Strich jedoch geht es um immer mehr Kontrolle.

Ein Staat, der sich zunehmend und mehrheitlich mit der Kontrolle der Bevölkerung beschäftigt, anstatt danach zu trachten, sich selbst dahingehend überflüssig zu machen, als dass er sich darum sorgt, den Bürgerinnen und Bürgern Bedingungen zu bieten, die es ihnen ermöglichen, ihre Potenziale zu entfalten, entpuppt sich am Ende des Tages als ein Unterdrückungsinstrument, das im Sinne derer funktioniert, die für die systemische Dauerkrise durch ihr Handeln verantwortlich sind. Da drängt sich der Eindruck auf, dass die vielen Regenbogenfahnen, Gendersternchen und Baumpflanzungen der Honig sind, mit dem die bittere Medizin der fortschreitenden Freiheitsberaubung verabreicht werden soll. 

In einem russischen Sprichwort heißt es, über einem freien Menschen sei nur noch der Himmel. Manchmal drängt sich der Eindruck auf, dass viele diesem Zustand die Pest mit all ihren Einschränkungen und Verordnungen vorziehen.