Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Propheten unter falscher Sonne

Ein alter Spruch aus den Aufbruchzeiten des patriarchalischen Kapitalismus gelangt in diesen Tagen zu einer ungeahnten Aktualität: „Am Lohntag wird sich zeigen, wer gebummelt hat!“ Es bezieht sich nicht auf zuzuteilende Geldbeträge, sondern auf das Vermögen aller, die sich professionell auf dem Feld der Politik bewegen. Wenn man sich anhört, was angesichts der veränderten amerikanischen Politik aus der politischen Entität an Unsinn gestammelt wird, dann kann man nur zu dem Schluss kommen, dass hinsichtlich der Befähigung, politisches Handeln zu verstehen und seine eigenen Verhaltensweisen den Gegebenheiten anzupassen, gewaltig gebummelt wurde. Bei der Einschätzung der eigenen Lage liegen heute manche Reichsbürger näher an der Realität als die inflationär zur Schau gestellten selbst ernannten Experten, Beobachter und Mandatsträger. Wenn Hinterbänkler glauben, Drohsalven gegenüber den Repräsentanten tatsächlich globaler Mächte machen zu können, dann ist etwas gewaltig aus dem Ruder gelaufen.

Aber es ist chic. Sich lustig zu machen über Trump, Tiraden gegen Putin oder Xi Jingping loszulassen, aber nicht im eigenen Land gegen eine mehr als dürftige Politik aufzustehen und endlich dem Treiben von Dilettanten ein Ende zu bereiten, kostet nichts, man riskiert nichts, kommt sich im Heer der Kleinmütigen richtig groß vor und steht vermeintlich auf der richtigen Seite. Es ist, nennen wir es beim Namen, eine mehr als blamable Performance. Und es nicht schwer, sich vorzustellen, wie ein Trump oder Putin auf diese Art der Meinungsäußerung reagieren werden. Wer droht, muss handeln können. Wer aber sogar Angst davor hat, die selbst bescheidenen Mittel einzusetzen, hat bereits verloren. Aber, wir sehen es täglich, man vermeint, auf der richtigen Seite zu stehen. Nur nimmt es außer dem eigenen kleinmütigen Bewusstsein niemand mehr wahr. Und gewiss ist, dass, je länger dieses Schauspiel anhält, desto schlechter werden die eigenen Zukunftsperspektiven.

Gehen wir das Spiel noch einmal durch:

Russland hat sich gegen die Ost-Erweiterung der NATO beim Überschreiten der roten Linie hinsichtlich des eigenen Sicherheitsdenkens militärisch gewehrt. Nach dem, was geschehen ist, wird sich an diesem Standpunkt nichts ändern.

In den USA dominiert nach der Wahl Donald Trumps eine andere Strategie, die gegen China gerichtet ist und nun versucht, Russland, das durch den UKraine-Konflikt und die Positionierung von EU und NATO näher an China gerückt ist, wieder zu lösen und partiell als Verbündeten zu gewinnen oder zumindest die Beziehungen mit ökonomischen Benefits zu normalisieren.

China möchte die Position als Weltpolizist nicht wahrnehmen, aber seine ökonomische Machtposition ausbauen. Dafür hat es Unsummen in globale Infrastruktur gesteckt, die genutzt werden soll und muss.

Die sich als Europa titulierende EU hat sich als Kettenhund der NATO global desavouiert und seine ökonomischen Möglichkeiten durch die Konfrontation mit Russland verschlechtert und seine Potenziale durch die Märkte, die mit der Seidenstraße verbunden sind, durch die politische Konfrontation mit China nicht genutzt. Statt eine Strategie zu entwickeln, die auf eigene wirtschaftliche Interessen setzt, wurde mit einer längst durch Doppelmoral zersetzten Vorstellung von modernem Kreuzrittertum alles zerschlagen, was an eigenen Potenzialen hätte für eine gute Entwicklung genutzt werden können. 

Gegen Bushs Bellizismus zuckte ein sozialdemokratischer Kanzler noch auf, und eine christdemokratische Kanzlerin folgte der Kriegsvorbereitung eines Obamas widerwillig, aber sie folgte, und wiederum ein Sozialdemokrat ließ sich auf den dann fälligen Kampfwagen von einem Biden ohne jeglichen Widerstand binden. Was, so muss gefragt werden, wird ein Trump, der eine andere, aber eben auch imperiale Strategie verfolgt, von einem solchen Ensemble denken?

Sehen oder hören Sie sich dagegen an, was aus „unserem“ Lager an Einschätzung täglich in die Welt posaunt wird! Es ist herzzerreißend. Diese Unfähigkeit, die eigene Lage zu erkennen. Und sich mit der Identifikation als Objekt gemein gemacht zu haben. Nur das Subjekt hat in dieser Welt eine Perspektive. 

Wollte man es literarisch fassen, wie unsere Nomenklatura aktuell agiert, so müsste es heißen:

„Ich bin vor dem Abgrund der Prophet, der unter der falschen Sonne steht!“    

Propheten unter falscher Sonne

Der große Ki

Die Werkstatt 
Leer und kalt
Der Meister
Weilt im Elysium.

Hinter ihm
Die Rosse
Die ins Feuer liefen
Die Granaten
Die ihn trafen.

Die Schönen
Die er umarmte
Die Teufel
Mit denen
Er kämpfte.

Die heißen Eisen
Die schönen Körper
Die Tränen und
Die Schwielen
Vergangenheit.

Es blieben
Totes Metall
Erloschene Feuer
Rostige Hämmer
Und Zangen.

Vererbt
Lehrlinge
Die längst zu
Meistern wurden
Und an anderen Stätten
Die Ideen formten.

Ihrerseits
Die Tickets buchend
Zum Kongress
Beim alten Meister.

Zum Rondo
Werden sie tanzen
In schweren
Lederschürzen
Und preisen Mühe
Seele und Geist.


Der große Ki

Das Brot und die Gier

Das Schöne an den menschlichen Zusammenschlüssen ist ihre Unberechenbarkeit. Was man berechnen kann, ist, dass Menschen in bestimmten Sozialsystemen unterschiedliche Präferenzen zelebrieren, die Grundbedürfnisse jedoch bleiben. Und, analog zum viel gescholtenen Wolf, es geht in erster Linie immer um Ressourcen. Wer das außen vorlässt, bewegt sich auf das Phänomen des Opferlamms zu, was aktuell in bestimmten Sphären verstärkt anzutreffen ist und als eine Art Dekadenzerscheinung eingestuft werden muss.

Sind aber erst einmal die Grundbedürfnisse befriedigt, d.h. sind die Ressourcen dafür gesichert, dann beginnt, nicht beim Wolf, aber beim Menschen, der soziale Vergleich. Er ist das Grundmuster eines zunächst erfolgreichen, später jedoch mehr und mehr ruinösen Kapitalismus. Um es verständlich auszudrücken: wer den Hals nicht vollkriegt, obwohl der Befriedigung der lebenserhaltenden und der jeweiligen Zivilisationsstufe entsprechenden Bedürfnisse nichts mehr im Wege steht, begibt sich auf den Weg, das erfolgreiche System selbst infrage zu stellen. Das klingt zwar absurd, ist aber der Schlüssel zu dem, was wir in der menschlichen Entwicklung bedauerlicherweise beobachten müssen. Um es aus den Augen des Wolfes zu kommentieren: eine Gier jenseits der Bedürfnisbefriedigung ist mir unbekannt und erschüttert mich zutiefst.

Und obwohl die Geschichte immer wieder in Kriegen kulminiert, die den Kampf um Ressourcen manifestieren, verfügt sie auch über Phasen, in denen bestimmte Exemplare der Gattung und besondere Kohorten den Versuch machen, zwischen den unterschiedlichen Organisationen der Gattung, seien es Staaten, Bündnisse oder große nicht-staatliche Zusammenschlüsse, einen Modus vivendi herzustellen, der ein gewisses, meist sogar üppiges Maß an Ressourcenzugriff den einzelnen Teilen zugesteht und dennoch den Drang nach Expansionen und Zugriff limitiert. Das sind die Perioden, die unter der schönen Überschrift „Frieden“ in die Geschichtsbücher eingeht und in denen Messer und Mord weitestgehend verbannt sind. In diesen Phasen entwickelt sich so etwas wie Zivilisation, sie ermächtigt die Menschen, ihre Energie und ihre Phantasie für etwas einzusetzen, das die Illusion nährt, das menschliche Dasein strebe nach Kultur und Verfeinerung.

Leider bringen diese Episoden zumeist die Illusion bei denen, die in ihr leben, hervor, dass es doch eine wunderbare Sache sein muss, wenn man das Modell des Friedens, des Rechts und der kulturellen Verfeinerung benutzte, um ganz klamm und heimlich die Koexistenz mit den Anderen zu durchbrechen und sich derer Lebensgrundlagen zu bemächtigen. Und sie treffen in der eigenen Entität auf viele, die im schönen Frieden die Mobilität verloren haben, die es braucht, um im eigenen Gehege die Raubtiere zu bändigen. Denn Frieden nach außen setzt Befriedung nach innen voraus. Und dass es heftig zugeht, wenn Mächte, die eine gewisse Zeit im Frieden miteinander koexistierten, jede für sich, den inneren Kampf gegen die Gier verloren haben, aufeinandertreffen, ist nur folgerichtig.

Denen, die den Krieg als etwas prinzipiell Zerstörerisches ansehen, sei gesagt, dass es ohne die Sicherung der eigenen Existenzgrundlagen einerseits und ohne den Krieg gegen die Gier im eigenen Hause andererseits keinen Frieden geben wird. Egal, wo der Homo sapiens auf diesem Planeten steht. 

Le pain est le droit du peuple, das Brot ist das Recht des Volkes, hieß es in der Französischen Revolution. Richtig. Und die Gier, die Gier ist die Feindin des Friedens.   

Das Brot und die Gier