Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Sic Transit Gloria Mundi

In meiner Zeit in Südostasien, 12.000 Km entfernt von meinem eigenen Land, wurde ich immer wieder gefragt, wie denn die Menschen bei mir zuhause lebten. Es interessierte, welche Vorlieben sie hätten, wie sie wohnten, wo und wie lange sie arbeiteten und was sie verdienten, wie groß die Familien waren und ob sie zusammen lebten, was sie machten, wenn sie frei hätten, ob und welchem Glauben sie anhingen und ob sie ihr Land liebten. Von letztem, das muss dazu gesagt werden, gingen die Fragenden immer aus, denn sie selbst, Bewohnerinnen und Bewohner eines großen Landes, das vor allem eines gemeinsam hatte, nämlich eine dreihundertjährige  Kolonialgeschichte, für das sie, trotz vieler gravierender Probleme, immer ihr letztes Hemd gegeben hätten. 

Oft waren sie erstaunt, wenn ich mit einem Unterton der Kritik über Dinge berichtete, die ich als Fehlentwicklungen markierte, denn aus ihrer Sicht kam ich aus einem Land, in dem Milch und Honig floss. Wenn sie allerdings hörten, was von dem vielen Geld, dass die Deutschen aus ihrer Sicht verdienten, nach einem Monat noch übrig blieb, dann sahen sie mich ungläubig an. Denn die Kosten für ein gut funktionierendes Land sind sehr hoch, und Steuern und Sozialabgaben die logische Folge. Was die Mieten anbetrifft, so verhielt es sich ähnlich, sie konnten sich nicht vorstellen, dass man soviel Geld auf den Tisch legen muss, um einigermaßen vernünftig zu wohnen.

Was allerdings die Vorlieben und Wünsche meiner Landsleute anbetraf, so war es relativ leicht, ein Bild zu vermitteln. Es gab zu jener Zeit noch eine große Deckungsgleichheit bezüglich bestimmter Sehnsüchte. Dazu gehörten bestimmte Sportereignisse, Kultur und Musik und selbstverständlich der Wunsch, zu reisen und etwas von der Welt zu sehen. Und wenn ich gefragt wurde, ob die Menschen in meinem Land zufrieden und glücklich sind, dann konnte ich guten Gewissens antworten, dass mehrheitlich dieses Gefühl durchaus vorhanden war. Der Großteil hatte Arbeit, die einigermaßen vernünftig bezahlt war, wir lebten im Frieden und waren in keine Kriege verwickelt, das Land war seit ein paar Jahren wieder vereinigt und es gab lebhafte Diskussionen darüber, wie eine bessere Zukunft aussehen sollte. 

Als ich vor einigen Tagen an diese Gespräche zurückdachte, stellte ich mir die Frage, wie ich die Fragen meiner neugierigen Kollegen heute wohl beantworten würde. Es wurde mir klar, was in dieser Zeit alles passiert war und wie viele Dinge, aus Sicht meines Landes, seither schief gelaufen sind. Würde ich noch erzählen wollen, dass das Land tief gespalten ist, dass auf der einen Seite Individuen mit astronomischem Reichtum existierten, während andere, vor allem Alte, zum Teil aus Mülltonnen fräßen? Würde ich erzählen wollen, dass der Sport zu einem reinen Geschäftsmodell verkommen war, dass Musik und Kultur in einer Krise als nicht systemrelevant deklariert worden war? Würde ich erzählen, dass nach dem Glücksmoment einer wiedererlangten Einheit die Konfrontation und ein neuer Kalter Krieg herrschte? Würde ich erzählen wollen, dass man nicht mehr streiten konnte und nur noch wie Hyänen übereinander herfiel, wenn man nicht der einen, offiziellen Sichtweise anhing? Und würde ich guten Gewissens sagen können, dass so etwas wie ein zuversichtlicher Blick auf die Zukunft vorherrschte?

So, wie ich mich kenne, würde ich bei der Wahrheit bleiben, und so, wie ich meine ehemaligen Kolleginnen und Kollegen kenne, würden sie mir einen Tee anbieten und mich zu trösten suchen. 

Trial and Error: Aus Fehlern lernen? — Neue Debatte

Afghanistan ist eigentlich ein Lehrstück. Aber was geschieht, wenn sich Individuen wie Kollektive weigern, aus dem eigenen Scheitern die richtigen Schlüsse zu ziehen? Die Prognose ist einfach: Es wird nicht lange dauern und sie werden sich daran machen, die gleichen Fehler in einem anderen Zusammenhang zu wiederholen. Der Beitrag Trial and Error: Aus Fehlern lernen?…

Trial and Error: Aus Fehlern lernen? — Neue Debatte

Aus Fehlern lernen?

Der Prozess des Lernens ist existenziell für die menschliche Entwicklung. Es gehört zu den einfachen, schwer zu erkennenden Wahrheiten, dass das Scheitern von Handlungen die Grundvoraussetzung für die meisten Lernprozesse ist. Wenn etwas nicht gelingt, was man sich vorgenommen hat, muss die kritische Reflexion folgen. Woran hat es gelegen? Waren es die Rahmenbedingungen, die eigenen Unzulänglichkeiten, waren es falsche Hypothesen, oder hat man andere Akteure unterschätzt? 

Das größte Debakel fehlgeleiteten menschlichen Handelns sind Kriege. Sie zerstören, sie vernichten und sie schaffen in den seltensten Fällen Bedingungen, die besser sind als vor der Anwendung von Gewalt. Die große Ausnahme sind Befreiungskriege. Sie beinhalten zumindest die Chance, nach einer Fremdherrschaft die Bedingungen für selbstbestimmtes Handeln zu schaffen. Aber auch diese Ausgangslage führt nicht immer zum Erfolg. Summa summarum ist die Anwendung von Gewalt eine schlechtes Mittel, um kollektive Lernprozesse in Gang zu setzen. Und wenn, dann nur im Kontext der Schlussfolgerung, dass Destruktion die denkbar schlechteste Form ist, um die Zivilisation weiterzubringen.

Das Debakel von Afghanistan wäre eine Gelegenheit, sich zurückzulehnen und zu reflektieren, was da schief gelaufen ist. Das Fazit ist relativ einfach zu ziehen: Die Rahmenbedingungen waren denkbar schlecht, denn ein Land wie dessen Bewohner, die über einen extrem langen Zeitraum mit kriegerischen Interventionen konfrontiert waren, haben sich erfolgreich in der Kunst der asymmetrischen Gegenwehr qualifiziert. Die eigene Unzulänglichkeit bestand aus dem Irrglauben, die eigene Vorstellungswelt mittels Gewalt auf ein Gebiet übertragen zu wollen, das historisch, kulturell wie sozial in einer komplett anderen Welt lebt als die Invasoren. Somit war auch die Hypothese falsch, dass ein Regime-Change-Krieg das probate Mittel ist, um die Verhältnisse zu ändern. Und dass die Akteure, mit denen es man zu tun hatte, nichts anderes seien als hysterische Freischärler war eine von der technologischen Überlegenheit erzeugte Hybris.

Das alles sind keine Mysterien, sondern sehr nachvollziehbare Zusammenhänge. Das Debakel, das dem militärischen nun folgt, ist, man mag es kaum glauben, weitaus verheerender als das offensichtliche. Es ist die Weigerung, aus den Geschehnissen zu lernen und sich mit anderen Optionen auseinanderzusetzen. Die Verlautbarungen aller, die an dieser zwanzigjährigen Intervention beteiligt waren, lässt den Schluss zu, dass Lernfähigkeit wie Lernwille nicht vorhanden sind. Die Erklärungen, die vom amerikanischen Präsidenten, den Vertretern der NATO wie der beteiligten deutschen Bundesregierung zu hören sind, verweisen auf die Unfähigkeit der afghanischen Bevölkerung, auf kleinere taktische Unzulänglichkeiten, auf Verrat in den eigenen Reihen und böse Mächte, die sich nun die Hände reiben. Das war nicht anders zu erwarten, schlägt sich aber umso mehr in der negativen Bilanz nieder.

Was geschieht in der Regel, wenn sich Individuen wie Kollektive weigern, aus dem eigenen Scheitern die richtigen Schlüsse zu ziehen. Die Prognose ist einfach: es wird nicht lange dauern und sie werden sich daran machen, die gleichen Fehler in einem anderen Zusammenhang zu wiederholen. Es wird wieder versucht werden, an einem nächsten Ort, mittels Krieg eine neue Doublette der eigenen Verhältnisse herstellen zu wollen. Wie das ausgehen wird, zeigt ein Rückblick auf die Bilanz der letzten Jahrzehnte. Zerstörung, Chaos und endlose kriegerische Auseinandersetzungen werden die Folge sein.

Es ist ratsam, sich bei der Entscheidung, wem man politische Verantwortung für die Zukunft übertragen will, genau hinzusehen, ob die Kandidatinnen und Kandidaten fähig und gewillt sind, aus Fehlern zu lernen. Sind sie es nicht, dann gibt es kein Argument, dass dafür spräche, sie zu beauftragen.