Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Wie vor dem arabischen Frühling?

Morgens, wenn es noch kühl ist und sich noch wenige Menschen aus dem Haus gewagt haben, existiert eine besondere Atmosphäre auf der Straße. Die Wenigen, die sich begegnen, nicken sich zu wie Wissende, wie Mitglieder einer verschworenen Gemeinschaft, auch wenn sie sich gar nicht kennen. Ein Sprichwort aus dem Orient besagt, wer früh aufstehe, dem gehöre die Welt. Es ist dieses Gefühl, das sich derer bemächtigt, die früh unterwegs sind. Sie fühlen scheinbar, dass die Freiheit zu diesen Stunden größer ist. Es herrscht, wenn man so will, die Stunde der Anarchie. Die einzige Ordnung, die existiert, ist die im eigenen Kopf. Die Hinweise auf die unzähligen Regelwerke, die in jeder Stadt anzutreffen sind, haben keine Macht. Und das Erstaunliche: es geht friedlich zu, die Menschen begegnen sich mit Verständnis und die Wenigen, die meinen, das Vertrauen jenseits der Regeln missachten zu können, werden freundlich, aber bestimmt zur Räson gerufen, ohne dass eine institutionalisierte Ordnungsmacht zu Hilfe gerufen werden müsste.

Manchmal wird die Stille dann doch durch einen Dialog durchbrochen. Der am heutigen Morgen war wieder so einer, der jenseits des Profanen spielte und die Frage aufwirft, wieviel philosophische Tiefe in dem steckt, was vor der Inquisition der gemeine Mann gemannt wurde. Da rief, über drei Häuser hinweg, ein Bewohner, rauchend, aus seinem Fenster, quer über die Straße einem anderen, der der gleichen Tätigkeit nachging, ein dunkles Guten Morgen zu, das er mit der Frage verband, wie es ihm gehe, in seiner Welt. 

Meine Welt, so der Befragte, ist längst untergegangen. Insofern lebe ich außerhalb meiner eigenen Zeit. Und das sei sehr befreiend. Wow, so der andere, du bist ja am frühen Morgen richtig in Form.  Worauf der andere antwortete, einem Esel, zudem einem, der sich immer noch dem Rauchen hingebe, könne man das Denken nicht verbieten. Und er schloss mit der Gegenfrage: Und selbst?

Der antwortet prompt: ich warte. Gegenfrage, immer noch aus dem jeweils dritten Stock, quer über die Straße, deutlich und laut: Worauf? 

Und dann folgte eine etwas längere Erklärung, in der der Mann, der jetzt, beim Fortschreiten der Erzählung, durchaus als ein arabisch-stämmiger, aufgrund seines Akzentes aus dem Kölner Raum stammender Mann im weißen Doppelripp-Unterhemd klassifiziert werden kann. Er führte aus, dass er einmal nachgerechnet habe. Demnach dominiere in diesem Land ein Milieu mit maximal 6 Millionen Menschen die öffentliche Meinung wie die Politik. Lass dir das auf der Zunge zergehen! Bei einem Volk von 84 Millionen! Das könne nicht gut gehen. 

Darauf sein Gesprächspartner, seinerseits so nativ wie das italienische Olivenöl: Wieso nicht? Du siehst doch, alles easy, kein Schwein regt sich auf, die Stricken schon alle Pullover, die Kamele, da kannst du nichts machen.

Die Antwort kam prompt: Ich habe das schon mehrmals auf meinem langen Weg hierher erlebt: Wenn eine Minderheit alles dominiert und niemand sie daran hindert, dann wird sie egoistisch, elitär und korrupt. Dabei kochen die auch nur mit Wasser, wenn überhaupt! Stört man sie bei diesem Prozess, dann werden sie gewalttätig und lassen die Panzer auffahren. Glaub mir, Nachbar, ich war Zeuge des arabischen Frühlings, da war die Lage überall genau so wie jetzt hier. Da fehlt nur ein Funke, und die ganze Chose wird zum Flächenbrand. 

Sprach es und schnippte seine brennende Kippe aus dem Fenster auf die Straße. Dann winkte er dem anderen zu, trat zurück und schloss das Fenster. Der andere schmunzelte vor sich hin, blickte zunächst nach links, dann nach rechts, und tat es dann seinem Gesprächspartner gleich. Was blieb war eine leere Straße, ein nachdenklicher Zuhörer, der seinen Weg fortsetzte, und eine angenehme Kühle. 

Hundstage, Hundejahre?

Nun sind sie wieder da, die Hundstage. Seit Beginn der Aufzeichnungen in unseren Gefilden die heißeste Zeit des Jahres. Von Ende Juli bis Ende August bringen sie Hitzewellen, alles liegt unter einem erdrückenden Teppich, die Hunde, nach denen diese alljährliche Episode benannt ist, liegen faul im Schatten herum und tun das, was nicht nur für ihre Spezies das Vernünftigste zu sein scheint. Sie liegen faul im Schatten, vermeiden hektische Bewegungen und pflegen eine Tugend, die vielen Menschen augenscheinlich verloren gegangen ist: sie warten auf kühlere Zeiten.

Dass das, was die verschiedenen Nachrichtenmagazine als ihr Geschäftsmodell bezeichnen, nämlich die in kurzer Abfolge zu verkaufenden Sensationen, weiter betrieben wird, kann als ein Störfaktor bezeichnet werden, der vor allem in Kulturkreisen in voller Blüte steht, in denen Wachstum und Profit im Mittelpunkt der Gesellschaft stehen. Blickt man sich global um, dann ist das nicht überall so und bestimmte Jahreszeiten haben immer noch die Macht, den gesellschaftlichen Rhythmus zu bestimmen. Wenn die Sonne am höchsten steht oder die Regenzeit das Zepter in die Hand nimmt, tun dort die Menschen, privat wie im öffentlichen Bereich, es den Hunden während unserer Hundstage gleich. Sie ziehen sich zurück, nehmen das Tempo aus dem Leben und erlauben sich, im Dämmerzustand das Dasein zu reflektieren.

Doch bleiben wir hier, bei uns. Für diejenigen, die hoffen, dass die unerträgliche Hitze bald vorbei ist, sei der Gedanke erlaubt, dass auch mit dem Zurückweichen der Hitze, die das Thermometer anzeigt, und trotz der Prognosen, dass im kommenden Winter viele Menschen aufgrund der dramatisch gestiegenen Energiepreise frieren werden, eine ganz andere, vielleicht noch wesentlich gefährlichere Hitze bleiben wird. Es ist die gesellschaftliche Hitze, die sich seit langem, auch schon vor den Hundstagen, anbahnt. Zuviel ist geschehen, als dass die Abfolge kleinerer Gewitter zu einer Kühlung führen könnten.

Verschiedene Ereignisse, die allesamt nicht nur in der Ferne, sondern durch das eigene, bewusste Zutun zustande kamen, haben zu einem trockenen Hoch geführt, das jederzeit entzündbar ist. Da ist die Bezahlung von Arbeit, da sind exorbitante Reproduktionskosten von Miete, Nahrung, Energie und Mobilität, da ist ein seit langem für dramatische Episoden nicht mehr auskömmliches Gesundheitswesen, da ist das Abgleiten des gesellschaftlichen Diskurses zu einem Ausgrenzungskampf, da ist die Bruchlandung der internationalen Diplomatie, in der die Realpolitik beseitigt und eine Mentalität des Kreuzzugs etabliert wurde, da ist der Verlust von Vertrauen durch Korruption, Kollusion und Nepotismus und da ist der Hohn derer, die in monetärer Wollust mit der Zunge schnalzen gegenüber jenen, die mit hängender Zunge um das Überleben kämpfen.

Und die Institutionen, von denen lange Zeit geglaubt wurde, sie kümmerten sich um die Belange zumindest ihrer Klientel, haben sich verselbständigt und kämpfen allenfalls um den eigenen Vorteil. Die Parteien, die in der Vergangenheit für die Interessen der abhängig Beschäftigten eintraten, zählen genauso dazu wie diejenigen, die als der Stronghold des Unternehmertums galten und die, die die Ökologie auf ihren Fahnen trugen, haben sich auch eingereiht in den fahnenflüchtigen Marsch. Die einzigen, die ihrer Klientel konsequent die Stange gehalten haben, sind die Lobbyisten der Couponschneider, der Satten und der vor den Kosten des Gemeinwesens Flüchtigen.

Wer angesichts dieser Gemengelage an der Illusion festhält, die Hundstage mögen bald vorüber sein, sollte sich an den Zustand gewöhnen. So, wie es aussieht, haben längst die Hundejahre begonnen. Oder kommt doch ein kräftiges, brutales, zerstörerisches Gewitter, das die Kühle zurückbringt?