Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Die COP27 in Sharm-El-Sheikh und die WM in Katar

„Ginge das denen wirklich um das Weltklima, dann würden sie sich zunächst um den Frieden kümmern. Nichts belastet das Klima so sehr wie heiße Kriege. Und sieh dir an, wer überall mit Kriegshandlungen dabei ist, dann siehst du, dass sie alle Dreck am Stecken haben, weil sie immer noch glauben, mit Gewalt ihre Interessen durchsetzen zu können. Pikanterweise sind diejenigen, die nirgendwo Krieg führen, die Chinesen. Und ausgerechnet die werden hier gerade als Hauptfeind Nummer Eins ausgemacht. Das ist doch nur noch krank! Und jetzt sitzen sie wieder alle zu Tausenden in Ägypten und klopfen kluge Sprüche. Das, was dort zur Erhaltung der Ökologie beschlossen wird, ist ein Bruchteil von dem, was sie für das Militär herausballern. Im Westen wie im Osten. Und die ganze Öko-Bewegung ist bis heute noch nicht auf die Idee gekommen, dass da ein Zusammenhang besteht. Ich sag mal, frei nach Dante, wenn du diesen Planeten betrittst, lass alle Hoffnung fahren…“

Der Mann, der ziemlich genau die hier angeführten Worte von sich gab, stand vor kurzem mit einer Tasse Kaffee an einem Stehtisch vor meiner Bäckerei. Er gehörte, auf Nachfrage, keiner Partei an und bezeichnete sich selbst als sachkundiger Bürger in puncto Politik. Widerspruch erntete er für seine Einlassungen übrigens nicht, eher Zustimmung von den Umstehenden. Es handelte sich um junge Mütter, die auf dem Weg von der KITA nach Hause waren, ein paar Handwerker, die eine kleine Pause machten und Rentner. 

Warum, so drängt sich die Frage auf, ist alles, was diejenigen, die von Berufs wegen an der öffentlichen Meinung arbeiten berichten, so weit von dem entfernt, was der Mann von sich gab? Und warum ist es so schwierig, auf diese Zusammenhänge zu kommen und dort mit einer richtungsweisenden Kritik anzusetzen? Die Antwort ist ganz einfach, aber sie liegt außerhalb des mentalen Zauns, den diese Gesellschaft seit langer Zeit umgibt.

Es ist nicht, wie immer weder vermutet, mangelnde Bildung oder Intelligenz, sondern es hängt ganz banal mit den Besitzverhältnissen und den Interessen zusammen. Solange die Meinungsbildung in den Händen weniger liegt, die ihrerseits alimentiert werden von denjenigen, die ausschließlich nach ihrer persönlichen Reichtumsmehrung trachten, solange stellt niemand die Frage nach dem gesellschaftlichen Sinn eines militanten, destruktiven Egozentrismus. Wenn der Rubel, Entschuldigung, der Dollar, rollt, strahlen die Gesichter. Unter der Hand empfehlen die Auguren an den Börsen in Aktien der Waffenschmieden zu investieren. Oder, ein jetzt wegen der vor allem deutschen Energiepolitik erhärteter Tipp, schnell die lukrativen Scheinchen von Exxon Mobile zu erwerben, weil die bald den großen Reibach mit den Flüssiggaslieferungen zum alten Kontinent machen. Gefracktes amerikanisches Gas, mit Unmengen Schiffsdiesel über den großen Teich transportiert, um dem russischen Gas den Garaus zu machen. Und die selben Personen, die für diese Entscheidungen die Verantwortung tragen, halten jetzt im synthetischen Öko-Dorf in Ägypten unter den Augen der Weltöffentlichkeit alarmierende Reden, gespickt mit Betroffenheitsgesten hinsichtlich der Entwicklung des Weltklimas. 

Welche Bewegung nimmt sich noch ernst, die nicht an diesem Punkt ansetzt? Da müssten einige ausgeladen, am Reden gehindert und politisch bekämpft werden, anstatt sie zu hofieren, um einige Krumen ihrer Profite für das ideologische Versteckspiel zu entlocken, das den Zusammenhang zwischen individuellen Profiten und der Zerstörung des Gemeinwohls und der kollektiven menschlichen Existenz an sich verschleiert. Die COP27 in Sharm-El-Sheikh ist genauso skandalös wie die Fußball-WM in Katar.  

Propaganda? Läuft wie geschmiert!

Was bei Bahnhöfen, Flughäfen und Brücken aufgrund von Zeiträumen, die normalerweise Ungeheuern vorbehalten sind, den Menschen den letzt Nerv raubt, geht bei der Propaganda ganz schnell. Quasi über Nacht änderte sich das Wording in Bezug auf die Berichterstattung zu China. Da hatte China keinen Staatspräsidenten mehr, sondern einen Diktator, das Land war eine Diktatur in der die Folterkeller Hochkonjunktur hatten. ARD und ZDF ersetzten das Vokabular von einem Tag auf den anderen. Ziel war die Skandalisierung einer Kanzlerreise dorthin, die wie selbstverständlich bei jeder Erwähnung als umstritten bezeichnet wurde. So geht Propaganda, und so sieht es aus im Lande. Spitze bei der Propaganda, träge bei der Modernisierung.

Wenn die Reise eines Staatsoberhauptes in ein anderes, zudem ökonomisch mächtiges Land geht, mit dem das eigene Wirtschaftsbeziehungen pflegt, als umstritten bezeichnet wird, dann stimmt nichts mehr. Es ist die Aufgabe von Staatsführungen, sich zu treffen und miteinander auszutauschen. Lehnt man das ab, und bezeichnet die potenziellen Gesprächspartner als Diktatoren, dann steht man mental bereits mit beiden Beinen im Kriegsmodus. Dass dieses bereits der Fall ist, sieht man seit der russischen Invasion in die Ukraine bereits Tag für Tag. Da wird Partei ergriffen, was das Zeug hält, die klassische Kriegsreportage, die alle hässlichen Seiten des Krieges zeigt, ist ad Acta gelegt, stattdessen fährt man eingebettet auf Spähpanzern einer Partei hinter der Front herum und erzählt Schauermärchen, da wird nicht nach den Ursachen des Konfliktes gesucht, sondern mit klischeehaften Feindbildern gearbeitet und da wird nicht nach Lösungen gesucht, die zum Stillstand der Waffen führen könnten. Solange der Krieg noch weit genug entfernt ist, ergötzt sich die hiesigen journalistische Mischpoke in Superlativen.

Eine Kennerin des Konfliktes zwischen den angelsächsischen Hegemonialmächten und dem Rest der Welt und ihrer Vorstellung von der strategischen Aufsplittung Europas mit Russland verwies vor kurzem auf eine Allerweltsweisheit, die immer Bestand hat. Menschen, so ihre Ausführung, mit denen man sich prächtig versteht, muss man nicht immer treffen. Da reicht manchmal auch ein Telefonanruf. Diejenigen, mit denen man Konflikte hat, die es in sich haben, sollte man jedoch so oft wie möglich persönlich treffen und mit ihnen sprechen. Denn nichts ist gefährlicher, als isoliert voneinander gegeneinander zu arbeiten und sich bei jedem Schachzug des anderen in seiner düsteren Meinung über die Gegenpartei bestätigt zu fühlen.

Sieht man sich die politischen Meinungsgeber, die vor allem aus dem grünen Lager stammen, mit ihrer ekelerregenden Doppelmoral etwas genauer an, dann wird deutlich, woher die nicht mehr zu überbietenden Fehleinschätzungen hinsichtlich der Weltlage kommen, die hierzulande von drittklassigen Moderatoren aus dem Talk-Sumpf getrieben werden. Die sitzen in staatlich finanzierten Think Tanks und sympathisieren mit Oligarchen in Ost und West, oder sie kommentieren die Weltpolitik wie das Schlossgespenst aus dem Brüsseler Königreich Adipositas und zeichnen Bilder, die mit allem etwas zu tun haben, außer mit einer an der Realität orientierten Interessenlage. 

Es ist im übrigen zu bewundern, wie sachlich sich die Kritik an diesen Zuständen immer noch präsentiert. Von Hass und Hetze ist zumindest in den politisch versierten Foren nichts zu spüren, ganz im Gegenteil, sie wirken wie Leuchttürme in einer von Feindseligkeiten verfinsterten Welt. Jeder Versuch, im Gespräch zu bleiben, verdient einen Heldenorden. Und jeder Befeuerung von Feindbildern muss der Verweis in die Bedeutungslosigkeit folgen. Das klingt im Moment unwahrscheinlich. Aber der Tag wird kommen, da bin ich mir sicher.