Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Politik: Das Dilemma von Wunsch und Leistung

Irgendwann zahlt es sich aus, wenn nirgendwo, in keiner Instanz, auf etwas geachtet wird, das im Arbeitsleben den Namen des Anforderungsprofils trägt. Letzteres beschreibt, kurz gesprochen, das Wissen und Können, welches vorhanden sein muss, um eine bestimmte Aufgabe wahrnehmen zu können. Organisationen, die sich die Mühe machen, diese Anforderungen genau zu beschreiben und darauf achten, dass bei einer Einstellung oder Besetzung eine weitgehende Deckungsgleichheit zwischen Anforderung und Befähigung besteht, stehen in der Regel von ihren Ergebnissen gut da. 

In Unternehmen gibt es zur Wahrnehmung dieser Aufgabe eigene Einheiten, bei anderen Organisationen sind es einzelne Menschen oder bestimmte Traditionen, die darauf achten, dass sich nicht Menschen in Aufgaben verirrten und dadurch der Organisation wie sich selbst Schaden zufügen. In der Geschichte der Republik haben in der Regel auch Parteien darauf geachtet, dass die bestmögliche Person ein Mandat oder Amt bekam. In der Regel. Wie überall sonst auch, gibt es immer wieder Unfälle oder bewusste Beeinflussungen, die von guten Methoden abweichen und, wiederum in der Regel, zu großem Schaden führen können.

Der in diesen Tagen immer wieder glorifizierte Wertewandel hat in den letzten Jahrzehnten, die tief geprägt waren von einer Abkoppelung öffentlicher Aufgaben von dem Gedanken an das Gemeinwohl und aus jedem nur erdenklichen gesellschaftlichen Wirkungsfeld einen Kaufmannsladen gemacht haben, eine Tendenz mit sich gebracht, die das System von innen heraus marodiert: die Aufgabe des Leistungsgedankens. 

Vor allem in Verwaltung und Politik stand nicht mehr die Frage im Vordergrund, ob Kandidaten für bestimmte Funktionen das können, was die Funktion von ihnen verlangt. Nein, immer mehr keimte der Gedanke auf, dass es entscheidend ist, ob sie sich wünschten, diese Position zu erreichen. Wenn die formalen Verfahrensvoraussetzungen gewahrt wurden, d.h. wenn die Stimmenmehrheit gewährleistet war, galt die Entscheidung als legitim.

Wie gesagt, Grund zur Kritik gab und gibt es immer. Eine qualitativ neue Sachlage erfordert mehr als einen Widerspruch aus Routine. Denn bei der Betrachtung des handelnden Personals in öffentlichen Ämtern und Organisationen beschleicht doch der Verdacht, dass der Paradigmenwechsel von Leistung zu Wunsch bereits erfolgreich abgeschlossen wurde. Wie anders könnte es sein, dass die Leitung eines Landes, das wirtschaftlich und politisch tief eingebunden ist in einen Prozess globaler Vernetzung und damit verbundener Interdependenzen mit einem Personal um die Ecke aufwartet, das seinerseits provinzieller im Denken nicht sein könnte und außer einer blinden Loyalität gegenüber einem einzigen Global Player, der zudem konsequent seinen eigenen Interessen ohne Rücksicht auf das eigene Gefolge nachgeht, nichts in seinem Leistungsportfolio aufzuweisen hat.

In Unternehmen, die sich in harter Konkurrenz behaupten müssen, wäre eine derartige Nachlässigkeit sehr schnell mit dem Ende der eigenen Existenz verbunden. Und in der Politik? In einer global vernetzten Welt, in der sich die Machtzentren merklich verschieben und in der die Karten der zukünftigen Kooperation neu gemischt werden? Kann es sich ein Land in dieser Situation tatsächlich leisten, mit provinziell geprägtem Personal und charakterlicher Untertanenmentalität die Zukunft gestalten zu wollen?

Die Antwort liegt auf der Hand. Wenn Sie an der Argumentation zweifeln, dann lassen Sie sich das mit dem Anforderungsprofil noch einmal durch den Kopf gehen! Lassen Sie es sich vielleicht auch nochmal von den Fachleuten in ihrem Betrieb erklären! Und dann sehen Sie sich das handelnde politische Personal an! Und Sie werden auf das Dilemma von Wunsch und Leistung stoßen! 

Es ist Löwenzeit!

Traditionell sind die Rajons von Berlin oder Brandenburg nicht unbedingt bekannt für ihre avantgardistische Spürnase. In diesem Jahr waren sie allerdings dem Rest der Welt um einige Tage voraus. Sie riefen nämlich die Löwenzeit schon vorher aus, indem sie davon sprachen, dass eine ausgewachsene Löwin in ihrem jeweiligen Gebiet auf Pirsch sei und bereits ein Wildschwein, wovon es in dieser Gegend bedrückend viele gibt, mit Haut und Haaren verputzt habe. Die Truppen wurden entsandt, alles, was Uniform trug, wurde in Wald und Flur beordert, um das Schlimmste zu verhindern. Unterlegt wurde die wahrhaftig abenteuerliche Geschichte noch durch einen Tweed, der abgesetzt worden sei, in dem sich ein Mitglied eines Berliner Clans hilfesuchend an die Öffentlichkeit gewandt habe, ihn bei der Suche nach seiner entlaufenen Löwin zu unterstützen.

Wie es der Zufall so will, oder, vielleicht auch, weil es die Nachrichten unserer Tage so an sich haben, hat sich die Geschichte nach einigen Tagen der Hektik und Panik in Luft aufgelöst. Eine Löwin wurde nicht gesichtet, Experten identifizierten das Objekt, von dem eine einzige Nachtaufnahme auf einem Handy existierte, seinerseits nicht als Löwin, sondern selbst als Wildschwein und das Clan-Mitglied und sein Tweed verschwanden im Nirvana.

Irgendwie erinnert das alles an die wunderbaren Geschichten, die im so genannten und jedes Jahr sich wiederholenden Sommerloch aufpoppen und die Gemüter wie zum Training noch einmal in Wallung bringen. Erinnerungen an den Kaiman Sammy und den Problemstorch Ronny werden wach und werfen, bei ein wenig Gelassenheit, ein mildes Licht auf das Genre, das darauf konditioniert ist, uns permanent in einen Zustand großer Adrenalinproduktion zu versetzen. Manchmal gehts auch lustig zu, könnte man sagen. Und vielleicht folgt auf die Berlin-Brandenburgische Löwin ja noch eine andere Geschichte, die uns nach Jahren der antrainierten Ernsthaftigkeit einmal wieder zum Lachen bringen kann.

Man sollte sich bei dieser Thematik allerdings auf das Boulevard beschränken. Alles, was in der Vergangenheit noch die Reputation der Seriosität genoss, bringt nicht nur nichts mehr zum Lachen, sondern hat sich zunehmend zu einer Gattung entwickelt, die als Grüner Stürmer noch freundlich tituliert wäre. Da sind kriegsgeile Faktenfälscher und üble Hetzer am Werk, die den Rechtsstatt systematisch aushebeln, die ihrerseits allerdings unter Artenschutz fallen, solange sie sich gleichzeitig von der AFD distanzieren. Das ist der Freibrief und es ist an Perversion nicht zu überbieten. Sehen Sie sich das genau an, löschen sie die Embleme der Quellenerkennung und vergleichen sie einmal das Gehetze. Wer da noch rätselt, dass sich immer mehr Menschen von dieser Art der öffentlichen Kultur abwenden, dem kann keine irdische Instanz mehr helfen.

Und auch unter diesem Aspekt muss man ausnahmsweise den Avantgardismus aus Berlin und Brandenburg loben: die Löwenzeit ist überfällig. Es wird Zeit, die Welt neu zu erkunden, es wird Zeit, sich umzuschauen, wo der Magen gefüllt werden kann und man ist gut beraten, sich nächtens zu bewegen, weil da die Hetzer und Panikmacher mit dem guten Gewissen im Bett liegen. Abgerechnet wird, wenn das Wildbret auf dem Tisch liegt.  Jetzt kommen die Löwen. Männlich wie weiblich. Mit großem Hunger, großer Geschicklichkeit und keiner pervertierten Moral. Sie sind die Avantgarde. 

Die Ukraine im Spiel der Räuber: „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan“

Eines muss man den USA lassen und ist über jeden Zweifel erhaben: sie verfügen über eine Strategie. Und die lautet, nach wie vor „Full Spectrum Dominance“. Es handelt sich dabei um eine Universaldoktrin, die davon ausgeht, dass die USA die Regeln internationalen Verkehrs bestimmen und auch in der Lage sind, diese notfalls militärisch durchzusetzen. Wer daran zweifelt, dem sei die Lektüre amerikanischer Strategiepapiere empfohlen, die jedem Interessierten zugänglich sind. Zwar wird auch in den USA gestritten. Allerdings über den Weg, und nicht über das Ziel.

Full Spectrum Dominance bedeutet in diesen Tagen die unbedingte Schwächung Russlands, um die Hände frei zu bekommen im Kampf gegen China. Letzteres ist mit seiner Entwicklungsdynamik auf allen Sektoren die Gefahr für die alleinige, globale Herrschaft. Die Schwächung Russlands als taktischer Verbündeter Chinas war und ist dabei ein erster Schritt. Die Ukraine ist bei diesem Schachspiel ein Bauer, der geopfert wurde und der dabei auf der Strecke geblieben ist. Man höre die Stimmen aus dem Weißen Haus und alles ist klar. „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan.“ Es wird entweder einen noch andauernden Schwelbrand geben, oder einen Waffenstillstand mit Russland, der die russischsprachigen Gebiete einschließlich von Donezk und Luhansk und der Krim Russland überlässt.

Wie sich die mit den USA wähnenden Verbündeten dabei generieren, kann den USA selbst relativ egal sein. Im Falle Afghanistans hat man auch so gehandelt, wie man es für richtig hielt. Und dass kritische Stimmen aus dem NATO-Lager laut würden, ist nach den bereits dem einstmals ökonomisch starken Deutschland zugefügten, und ohne einen Laut hingenommenen Demütigungen unwahrscheinlich. Es sei denn, die momentan gelähmten, in der EU versammelten Gesellschaften kämen in nächster Zeit in Wallung und besännen sich auf ihre eigenen Interessen. Wäre dies der Fall, dann befände sich Europa allerdings in einem revolutionären Zustand, der selbst die USA überraschen würde. So manches Bild aus Frankreich deutet darauf hin, dass eine solche Vision nicht ausschließlich einer Illusion entspricht.

Und, als liefe alles in besten Bahnen, übernimmt, wer sonst, die deutsche Abteilung des State Departments in der Bundesregierung bereits die neue Parole: China ist systemischer Rivale. Dass mit den ersten Statements von deutscher Seite in dieser Richtung bereits das Schicksal von Größen wie VW besiegelt wurde, interessiert diese sektiererische Bewegung aus Moralismus und Fremdbestimmung nicht. Das wurde expressis verbis während des Krieges in der Ukraine bereits durch die Außenministerin in voller Unbefangenheit formuliert. Was, so ihre Ansage, interessiert mich die Meinung meiner Wähler?

Und so ist es, nachdem nun gegen China geblasen wird, kein Wunder, dass die grüne Intelligenz jetzt Indien als nächsten Bündnispartner ausgemacht hat. Da fliegen dann schon mal die moralischen Späne. Während die in Brüssel stationierte Adipositas aus Heidelberg regelmäßig Schnappatmung bei der Nennung der Volksrepublik China bekommt und in alle Richtungen das Schicksal der Uiguren beklagt, liegt sie bei dem neuen Bündnispartner Indien wohlig schlummernd auf der belgischen Schlemmercouch und scheißt etwas auf die Situation der Muslime in Kaschmir. Wer nichts als die eigene Verkommenheit als Referenzpunkt aufzuweisen hat, ist auch für alles zu haben. Und der Kanzler? Der wartet immer noch auf die Bestellungen. Alles läuft bestens, solange man nur dabei ist. Den Rest überlässt man den schlecht Gelaunten.