Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Tanz auf dem Vulkan oder das Spiel ist aus!

Chronisten von Untergängen behaupten mit großer Regelmäßigkeit, dass sich das gesellschaftliche Gehabe, bevor der große Knall kommt, der Erscheinung eines großen Festes nähert, bei dem alles erlaubt ist. Hauptsache, es sprengt alle Ketten und Tabus. Bei der Betrachtung der gegenwärtigen Ereignisse muss man zu dem Urteil kommen, dass eine solche Situation eingetroffen ist. Wobei eine Einschränkung gilt: Das, was sich tatsächlich gesellschaftlich ereignet, bewegt sich im Rahmen. Allerdings sind die Entgleisungen auf dem politischen Parkett umso aufsehenerregender. Es herrscht Ball Pompös.

Während hier in Germanistan die Gemüter erhitzt sind, weil in der thüringischen Provinz eine Mehrheit mit der AFD zustande kam, die eine Erhöhung der Grundsteuer verhinderte und von einem Einsturz der Brandmauer gegen den Faschismus gesprochen wurde, applaudierten die Freunde der liberalen Demokratie im kanadischen Parlament bei der Ehrung eines faschistischen Mörders durch den angereisten Präsidenten der Ukraine. Alle standen auf und klatschten. Dabei hatte gerade der hierzulande viel gescholtene Präsident Ungarns seinerseits zu Protokoll gegeben, dass er keine ukrainischen Frauen, Kinder oder Männer, die in Ungarn Schutz gesucht hätten, gegen ihren Willen an die Ukraine ausliefere. Der Hintergrund ist deutlich und beschäftigt vor allem auch Polen als zahlenmäßig größtem Zufluchtsort vor dem Krieg: der Ukraine bzw. dem Fleischwolf des Krieges geht das Material aus. Und selbst die bereits rekrutierten Soldaten fliehen zu Tausenden vor dem sicheren Tod.

Aber solange der hier als Retter der amerikanischen Demokratie Gefeierte, Joe Biden, an seinem Geschäftsmodell Ukraine festhält und er im Greisendiskant die Floskel „whatever it takes“ in die Mikrophone röchelt, muss die biologische Zukunft der Ukraine in den Tod geschickt werden. Und, in Bezug auf die totale Unterwerfung der bundesrepublikanischen Politik, ist es folgerichtig, dass die rot-schwarz-grünen Kriegslüstlinge nach Eskalation schreien. Wie sagte meine Großmutter, in Familie und Nachbarschaft der Rote Zar genannt, noch in solchen Situationen? „Wer sich einmal verkauft hat, der macht das immer wieder! Und, sei niemals so naiv, und glaube diesen Menschen auch nur ein Wort. Es gibt genug redliche Menschen auf der Welt. Mit denen musst du dich verbünden.“ 

Von den Eskapaden der das Außenamt schindenden Göre soll nicht einmal mehr die Rede sein. Jedes politische Konstrukt, das eine derartige Amtsführung zulässt, hat den Ballsaal des Untergangs bereits betreten. Von einer solchen Konstellation ist nichts mehr zu erwarten, außer man betrachtet den Grad der Zerstörung als eine Art von Leistung. Andererseits, was bleibt als der zynische Erguss, wenn man sich die Aufführungen ansieht, die der vereinigte Westen hinsichtlich seiner Glaubwürdigkeit hinlegt?

Da wäre es schon fast eine anständige Geste, wenn man das Rednerpult bestiege und die Wahrheit spräche: dass man merke, dass die Felle wegschwimmen, dass der eigene Müßiggang und die Übervorteilung anderer zu dem geführt habe, was man jetzt mit Erschrecken feststellen müsse. Dass die anderen, die man regelmäßig über den Tisch gezogen habe, nicht mehr mitspielen wollten und dass die eigene Kraft durch die Konsumverfettung geschwunden sei. Deshalb bezahle man noch diejenigen, die so naiv seien, und sich für eine verlorene Sache metzeln ließen. 

So ungefähr müssten die Reden lauten. Das stellte zumindest die Glaubwürdigkeit her. Mehr aber auch nicht. Das Spiel ist aus. Der Tanz auf dem Vulkan dauert noch ein Weilchen an. Aber auch die Zeit geht vorbei. Dann beginnt ein neues Spiel. Und viele der jetzigen Protagonisten stehen nur noch in den Annalen. So redlich sollten zumindest die Chronisten sein.   

Luiz Ignácio Lula da Silva

In diesen Tagen musste ich oft an einen viele Jahre zurückliegenden Artikel denken. Er hieß „Un Occident kidnappé oder die Tragödie Zentraleuropas“ und erschien im Jahr 1983. In ihm beschrieb der Autor Milan Kundera eine Situation, in der er mit einem befreundeten Schriftsteller, dessen Manuskripte gerade bei einer Hausdurchsuchung durch den tschechischen Staatsschutz beschlagnahmt worden waren, durch die Straßen des nächtlichen Prag zog und sich beide überlegten, welchen europäischen Intellektuellen von Einfluß sie anrufen könnten, um auf das Unrecht hinzuweisen. Es herrschte die bipolare Ordnung in der Welt und in Prag ein autoritäres Regime. Kundera webt in diesem Artikel ein großes Netz, das die Misere dieser Form der Weltordnung vor allem der in Ost- und Zentraleuropa lebenden Intellektuellen beschreibt. Interessant war jedoch, dass die beiden verlorenen Seelen niemanden fanden, der ihnen aus dem Westen hätte mit seinem Namen und seiner Reputation helfen können. Der einzige, der ihnen einfiel, war Jean Paul Sartre. Der war jedoch gerade verstorben. Die Misere, die Kundera beschrieb, herrschte nicht nur im Osten, sie zeigte auch ihre ersten Charakterzüge im Westen.

Warum mir dieser Artikel nicht aus dem Kopf geht? Weil ich der Auffassung bin, dass wir uns wiederum in einer miserablen Situation befinden. Die Waffen sprechen, die mentalen Fronten verhärten sich und man spricht nur noch übereinander, aber nicht mehr miteinander. Und ich überlege, welche Stimme von Format sich erheben könnte, um einen Hoffnungsschimmer zu erzeugen. Und ehrlich gesagt, von den Intellektuellen erwarte ich nicht viel, dort habe ich die Suche aufgegeben. Hinzu kommt, dass die wenigen, die ihre Stimme erhoben haben, sehr schnell durch die neuen Formen einer totalitären Denkweise geächtet werden, sodass ihr Beispiel eher abschreckt als ermutigt.

Bei der Revue der Staatsmänner und -Frauen sticht allerdings eine Figur hervor, die durch ihr Leben und das, was sie politisch bewirkt hat und durch die eigene Unabhängigkeit. Sie gibt Anlass zur Hoffnung, weil sie die ideologischen Verfestigungen nicht akzeptiert und sich immer wieder erhebt und dem Konsortium der Imperialen in der Welt immer wieder die Leviten liest. Es handelt sich um den brasilianischen Präsidenten Lula da Silva.

Aufgrund seiner eigenen Entwicklung weiß er, was Armut, Bedürftigkeit und der Verlust von Würde bedeutet. Aufgrund seiner politischen Karriere weiß er, wie verletzlich Menschen sind, wenn sie der brutalen Maschinerie der Macht ausgesetzt sind und wie Kämpfe verlaufen, wenn das Reglement missachtet und mit unlauteren Mitteln gekämpft wird. Lulas Narben haben zu seiner Weisheit beigetragen.

Seine Einlassungen sind von unschätzbarem Wert. Ob er im eigenen Land seine Minister fragt, wie sie ihre Erfolge messen wollen, ob er einen deutschen Kanzler, der um Waffenlieferungen buhlt, wie Frage stellt, ob die Deutschen aus der Geschichte nichts gelernt hätten, ob er Friedensinitiativen zu einem Konflikt anmahnt, der geographisch weit von seinem eigenen Land entfernt ist oder ob er in der UN-Vollversammlung die westliche Wertegemeinschaft fragt, ob es nicht an der Zeit wäre, Julian Assange freizulassen – auf Lula ist Verlass, wenn die Maßstäbe von Glaubwürdigkeit und einem redlichen Humanismus noch eine gewisse Geltung haben.

Analog zu Milan Kunderas Aufsatz müsste heute der Titel heißen „Un Monde kidnappé oder die Tragödie der globalen Selbstgewissheit. Aber es existiert noch eine Stimme von Gewicht, die Anlass zu Hoffnung gibt. Es ist die von Luiz Ignácio Lula da Silva!

Fundstück: Im Hafen der Einsamkeit

Das Phänomen ist allen bekannt. Es geht um soziale Beziehungen. Sie entstehen und vergehen wie alles im Leben. So ist das nun einmal. Was aber immer wieder überrascht, sind die Umstände, wie sie zu Ende gehen. Entstehen tun sie zumeist aus Zufall. Da begegnet man Menschen bei irgend einer Gelegenheit, oder man teilt mit ihnen eine bestimmte Phase der Biographie und es entsteht so etwas wie eine gemeinsame Wellenlänge. Oder es sind gravierende Unterschiede, die so markant sind, dass sie das gegenseitige Interesse erwecken. Uns so entwickelt sich eine Bindung, die für einen bestimmten Zeitraum Bestand hat. Was in derartigen Anbahnungsstadien selten bewusst ist, das ist das Temporäre. Gedanken darüber entstehen zumeist erst dann, wenn die gemeinsame Zeit vorbei ist.

Ohne zu diffizil mit der Frage umgehen zu wollen, sei erlaubt festzustellen, dass in der Regel gemeinsame Interessen das leitende Motiv einer sozialen Beziehung sind. Solange diese Grundlage gegeben ist, scheint auch der Bestand gesichert. Und wenn das gemeinsame Interesse nicht mehr zugrunde liegt, dann brechen selbst Beziehungen auseinander, die Jahrzehnte gehalten haben. Das Besondere am Leben ist eben doch die jeweilige individuelle Entwicklung, die immer wieder bestimmte Bedürfnisse und Reize hervorruft, die manchmal eben auch nicht teilbar sind.

Was herauszuhören ist, wenn vor allem lange und sehr lange soziale Bindungen zu ihrem Ende kommen, ist zumeist eine große Enttäuschung und Verbitterung. Manchmal ist der Anlass für die Entscheidung, einen eigenen, anderen Weg zu gehen und ihn nicht mehr mit einem bestimmten Individuum teilen zu wollen, derartig lapidar, dass es die abgewiesene Seite als ihrer nicht würdig betrachtet. Das lässt sich nachvollziehen, unterliegt aber einem Trugschluss. Anlass und Ursache liegen besonders im Falle sozialer Bindungen weit auseinander. Da hat sich in der Regel schon seit langer Zeit eine Dissonanz ergeben, über die die Sozialpartner lange hinweggesehen haben, aber irgendwann nimmt diese Dissonanz eine Dimension an, die zumindest eine Seite nicht mehr ertragen kann.

Eine der klügsten Begründungen, die mir in einem solchen Fall einmal untergekommen ist, war der Satz „es ist, wie es ist.“ Damit wurde nicht versucht, den Stellenwert der Langlebigkeit sozialer Bindungen zu überhöhen. Es geht nicht darum, Menschen, die den Verlust einer sozialen Bindung zu beklagen haben, zu trösten. Denn das haben sie nicht nötig, wenn sie ihr Leben an dem ausrichten, was es ist: Eine Reise, die über verschiedene Orte und Meere geht, die für Personen, soziale Arrangements und lokale Spezifika stehen, und die irgendwann dort endet, wo alles anfing: Im Hafen der Einsamkeit. 

Wer sich dessen bewusst ist, der weiß mit dem wertvollen Gut der sozialen Bindung, das sehr zerbrechlich und vergänglich ist, dennoch umzugehen. Er oder sie weiß und wird wissen, dass der Augenblick der eigenen Existenz ebenso vergänglich ist wie alles, was mit ihr zusammenhängt. Da es sich dabei um eine Faktum handelt, das weder durch wissenschaftliche oder technische Entwicklungen in seinem Wesen veränderlich ist, warum sich darüber grämen? Es ergibt keinen Sinn.

Glück ist der Zustand, in dem das Individuum mit sich und seinen Wünschen im Einklang steht. Das gelingt nicht, wenn das Leitmotiv aus Trugschlüssen besteht.

15.06.2017