Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Die Bankiers des Todes – Bilanzen lesen lernen!

Es wird gerne von vielen Seiten diskutiert, was zu einem Grundwissen gehört, das selbstbewusste und kritische Bürgerinnen und Bürger in einer lebendigen Demokratie haben müssen. Nichts ist notwendiger als das. Ein Aspekt, der mir in der letzten Zeit immer wieder gehörig zu denken gibt, ist der der Bilanzen. Nicht dass ich missverstanden werde! Lesen, Schreiben, Rechnen sind das Grundbesteck einer jeden Zivilisation und wenn man sich anschaut, in welchem Zustand die Abgänger aller Schularten hinsichtlich dieser Voraussetzung sind, dann muss dort als allererstes der Hebel angesetzt werden. Was den auf bestimmten erforderlichen Grundkenntnissen aufbauenden gesellschaftlichen Diskurs anbetrifft, so kann die formale Logik ein weiterer Baustein sein, um zu lernen, wie man Bilanzen schreibt und wie man sie liest.

Warum ich auf dieses Thema komme? Weil ich jüngst ein Interview mit Donald Trump gesehen habe, in dem er mit erstaunlicher Logik eine Bilanz gezogen hat, die im öffentlichen Bewusstsein hierzulande nicht existiert, die aber gewaltige Auswirkungen hat in Bezug auf die Wahrnehmung politischer Zusammenhänge in anderen Teilen der Welt. Der Interviewer fragte Trump, ob er auch, wie sein Konkurrent Biden, der Meinung sei, dass der russische Präsident Putin ein Killer sei. Ja, antwortete Trump, sicherlich, nur solle man nicht nur auf Putin zeigen, sondern sich auch an die eigene Nase fassen. Und auf die Nachfrage, was er damit meine, antwortete er, der amerikanische Krieg gegen den Irak sei auch ein Verbrechen gewesen, bei dem Hunderttausende getötet worden seien. Es gebe, so Trump weiter, eine Menge Killer auf diesem Planeten.

Mich hat die Frage umgetrieben. Nach meinen Recherchen schwanken die Zahlen der Toten im durch eine Lüge seitens der Bush-Administration forcierten Irak-Krieges 2003 zwischen einer halben und einer Millionen Toten. In der Ukraine werden derzeit ca. 20.000 Tote und auf beiden Zivilisten beklagt, und die Summe der auf beiden Seiten getöteten Soldaten schwankt zwischen 180.000 und 300.000. Allein bei der Niederschrift dieser Zahlen überkommt mich dass ganze Elend dieser Welt, aber es hilft nichts. Bleiben wir bei der kalten Logik, in der sich die Bankiers des Todes mental bewegen! Bei einem Vergleich der Bilanz ist die Aussage berechtigt, dass es sich bei einem George W. Bush um ein ganz anderes Kaliber handelt als bei Wladimir Putin. Wie heißt es so treffend in der Sprache der Finanzwelt? Zahlen lügen nicht. Und, bevor ich mich einer anderen Frage zuwende: es existieren noch genügend andere Felder des Todes, auf der diese Bilanz erweitert werden könnte: Afghanistan, Syrien, Libyen, Israel-Gaza etc.. Die Größenordnung im weiteren Vergleich spricht sogar für Putin. 

Ich weiß, der Sturm der Entrüstung wird einsetzen und man wird mich, wenn alles glimpflich verläuft, zum Kretin abstempeln. Wenn das absolviert wurde, was ja getan werden muss, um im Lager der Guten verweilen zu dürfen, dann bleibt, wenn es mir erlaubt ist, noch ein kleiner Hinweis: wie kann es sein, dass man sich trotz der kalten, enthüllenden Bilanz des Todes noch dazu aufschwingt, vernichtende Urteile zu fällen und auf andere zu zeigen? Ich weiß, Scham ist längst nicht mehr vorhanden, und, vielleicht ist in der schnellen Abfolge von Krisen auch der Verstand abhanden gekommen. Deshalb noch einmal mein bescheidener Verweis auf die Bildungsdebatte: Unbedingt Lesen, Schreiben und Rechnen lernen und lehren. Vielleicht dämmert es ja dem einen oder anderen, wenn er seinen Kindern dabei hilft. Bilanzen lesen ist eigentlich nicht so schwer. Da kommt man dann sogar relativ schnell den Fälschern auf die Spur.

Die einfache Wahrheit des Oliver Hardy

Es könnte alles so einfach sein, wenn das, was die meisten Menschen auf diesem Erdball gelernt haben, als Maßstab für höhere Organisationen auch gälte. Ich erinnere mich gut an die These eines weit gereisten Freundes, der immer wieder zu bedenken gibt, dass, bis auf wenige Ausnahmen, in nahezu allen Kulturen dieser Welt die Grundsätze menschlichen Zusammenlebens und des eigenen Verhaltens in ähnlicher Weile vermittelt werden. Ob in den christlich geprägten, in den muslimischen, in den buddhistischen und hinduistischen und bei den den Verhaltenskodex prägenden Naturreligionen: überall gilt das Prinzip der Aufrichtigkeit, des Respekts vor Mensch und Natur, der Rücksichtnahme, der Wunsch nach Gerechtigkeit und Frieden. Sieht man sich die Lebenswelten jenseits der medial kolportierten und von die Welt umdeutenden Interpreten tatsächlich einmal genauer an, dann stimmt das. Wie gut erinnere ich mich an ein Gespräch mit einer früheren Kollegin auf der Insel Java, ihrerseits eine streng gläubige Muslima, dass sie damals ihren Sohn, der in der Pubertät steckte und mit seinem Verhalten für Furore sorgte, in ein Jesuiten-Internat geben wollte. Und als ich sie fragte, wie ich das denn in Bezug auf ihren Glauben verstehen sollte, antwortete sie mir: Es geht mir um Leistung und Disziplin, die gelehrte Ethik ist doch nicht so verschieden.

Ich für meinen Teil gebe dem Freund mit seiner These Recht. Was gut und was böse, was richtig und falsch ist, kann als eine zivilisatorische Voraussetzung in vielen Kulturen nicht nur als gegeben, sondern als nahezu deckungsgleich genommen werden. Dass sich manche Gesellschaften von dieser archaischen Ethik entfernt haben, spricht nicht für sie. Und wenn sie sich soweit davon wegbewegen, dass viele Glieder gar nicht mehr wissen, was richtig und was falsch ist, dann sind sie zwar autoritär regierbar und lassen sich für viele abstruse Gelüste begeistern, eine Referenz an die Zivilisation sind sie jedoch nicht.

Die Geschichte zeigt, dass sich die Konstellation der Kulturen, Staaten und sie führenden Individuen in einem ständigen Wechsel befinden, kulturell wie geographisch. Mal dominieren die, die sich so verhalten, wie der zivilisierte Mensch es gelernt hat und sie genießen global ein großes Ansehen, mal dominieren die Despoten, die die Regeln eines wertvollen menschlichen Zusammenlebens und andere tyrannisieren. Und weil es wechselt und niemand gegen den Verfall der guten Sitten gefeit ist, ist Wachsamkeit angebracht und Vorsicht geboten. Nur eines sollte klar sein: das Wort gilt, die Tat aber auch, oder, wie Heinrich Heine, einer der klügsten Prognostiker seiner Zeit es einmal formuliert hat: Das Wort geht der Tat voraus. Wer Krieg, Destruktion, Tyrannei und Verfolgung schamlos in den Mund nimmt, der wird auch dazu bereit sein, den Frevel in die Tat umzusetzen.

Es taucht immer wieder die Frage auf, was man denn machen kann, um derartigen Gedankengängen einen realen Bezug zu geben. Die Frage ist gut und berechtigt. Und es erweist sich, zumindest für mich, immer als gut, einen kleinen Test mit sich selbst zu machen. Einfach zu fragen, ist es richtig oder falsch, was du da treibst. Ist es richtig oder falsch, was da eine Regierung macht. Ganz gemäß dem Muster, das die meisten Menschen auf diesem Planeten als Kompass im Kopf haben. Dann klärt sich vieles. Versuchen sie es! Und, bevor jetzt im Jahr der Kant-Festivals wieder irgendwelche Abstraktionsneurotiker das Wort ergreifen, sei der amerikanische Komiker Oliver Hardy zitiert, der ganz einfach wusste, worum es geht:

„You know, there ´s a right and a wrong way to do everything.“ 

Fehlbar sind immer nur die Anderen!

Kennen Sie diese Menschen? Die, sobald etwas nicht so funktioniert, wie es sollte, jeglichen Zusammenhang zwischen der jetzigen Situation und ihrem eigenen Handeln leugnen? Ich stelle einmal die Behauptung auf, dass ich hier nicht von einigen, verirrten Individuen spreche, sondern von einem Massenphänomen rede. Die meisten Menschen halten ihr eigenes Handeln nur dann für existent, wenn etwas gelingt. Läuft etwas in die falsche Richtung, dann waren es zumeist andere, wie auch immer zu identifizierende Akteure. Oder der große Gott des Unerklärlichen. Aber selbst, selbst hatte man doch alles richtig gemacht, oder?

Trainerinnen und Trainer, die Menschen beibringen, wie sie mit neuen Techniken umgehen können, kennen das Phänomen aus jeder Einheit. Da macht ein Gerät etwas anderes, als es machen soll, und die jeweiligen Teilnehmer leugnen vehement, etwas mit dieser Fehlleistung zu tun zu haben. „Ich hab nichts gemacht!“ heißt es dann, aus dem Brustton der Überzeugung. Etwas, das bei der Fehlersuche natürlich auffliegt. Irgendein Knopf wurde gedrückt, irgend ein Befehl wurde genuschelt oder was auch immer. Das Instrument, seinerseits verpflichtet auf Logik und Befehlsstrukturen, setzt es um und dann stellt sich heraus, dass der so genannte Input unangebracht war und zu dem unerwünschten Resultat geführt hat.

Dass diese Art des individuellen Umgangs zu einem Massenphänomen für alle Lebensbereiche hat anwachsen können, ist ein Mysterium, das unbedingt zu entschlüsseln ist. Weil es letztendlich die Stärke von Gesellschaften, die sich in ihren Ursprüngen einmal auf Aufklärung und Vernunft gegründet haben, erodiert hat. Um es allgemein verständlich zu formulieren: wer jegliches Verschweigen fehlgeleiteten Handelns akzeptiert und jede dumme Ausrede widerspruchslos hinnimmt, steht bereits auf dem Humus totalitärer Gesellschaften. Und wenn dann noch hinzukommt, dass die Klage über die schlechte Entwicklung mit ein bisschen Hass zu einem drallen Feindbild aufgehübscht wird, dann ist der Himmel dieser Gesellschaft dauerhaft bedeckt.

Es ist nicht erforderlich, im eigenen Alltag zu suchen, um diese Entwicklung zu dechiffrieren, obwohl auch das aufschlussreich ist. Nein, es genügt, sich den Umgang mit den vielen Krisen in der uns umgebenden Politik zu beschäftigen, die uns umgeben. Da überfällt plötzlich Russland die Ukraine, da attackiert die Hamas ganz überraschend friedliche Menschen und metzelt sie hin, da schießen Huthi unvermittelt auf Schiffe im Roten Meer, da kommen Afghanen, Iraker, Syrer und Libyer in großen Kohorten und beantragen Asyl, da laufen Menschen Amok im eigenen Land – egal, was man nimmt: ein Zusammenhang mit der eigenen Politik und mit den Aktivitäten all derer, die im eigenen Bündnis beheimatet sind, wird nicht hergestellt. Die Ursache für diese Krisen, in denen unzählige Menschen gequält und getötet, in denen blühende Landschaften in Trümmerwüsten verwandelt und in denen die Zukunft für eine zivilisatorisch erstrebenswerte Entwicklung versiegelt wird, liegt exklusiv am Charakter von Autokraten und den schäbigen Intentionen anderer Entitäten.  

Steht das eigene Handeln in irgend einem Kontext zu dem, was da zu beobachten ist? Hört man sich an, was aus dem öffentlichen Diskurs an unsere Ohren dringt, dann ist die Antwort Nein! Eigene Aktivitäten nicht, eigene Fehleinschätzungen nicht, eigene Schwäche nicht, nicht der eigene Verstand und nicht die eigene Haltung. Ist es die eigene Selbstüberschätzung? Oder die Unterschätzung anderer, die ihrerseits eigene Ziele haben? Kann das sein? Auf keinen Fall? Fehlbar sind immer nur die Anderen. Damit das klar ist!