Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Wut im Bauch allein reicht nicht!

Immer mehr Menschen laufen verzweifelt durch die Straßen und rufen nach einer Räson, die sie nicht finden. Räson ja, aber nicht die, die sie suchen. Sie sehnen sich nach dem, was ihr Leben geprägt hat. Nach der Überzeugung, dass man sich trotz unterschiedlicher Interessen auf einen Modus Vivendi einigen kann. Dass man in der Lage ist, andere Lebenskonzepte zu tolerieren, ohne sein eigenes dafür aufgeben zu müssen. Dass gerade die Fusion unterschiedlicher Perspektiven etwas Neues, Besseres erschaffen kann. Aber sie laufen immer noch herum, verzweifelt, hilflos, mit wachsender Wut im Bauch.

So langsam macht sich bei ihnen die Erkenntnis breit, dass sie ganz naive Illusionisten waren. Denn der Kapitalismus, in seiner vollen Blüte, diese Fleisch fressende Pflanze, hat sich mit dem Neoliberalismus ein Umfeld geschaffen, das nichts erschafft als Zerstörung. Und es wundert nicht mehr, dass die Guten geflüchtet sind. In die Gemächer der inneren Emigration, in die Keller der Vergänglichkeit und in die Stollen der Konspiration. 

Denn wer wollte es ihnen verdenken? Wenn sie das Gefühl hatten, von gekauften und bestochenen Chargen regiert zu werden? Wenn sich Vertreter einer militaristischen Sekte ohne Gegenwehr auf die Türme der Gesellschaft setzen konnten? Die jede Verletzung der eigenen Souveränität gut hießen, die sich erlaubten, die vitalen Strukturen der Gesellschaft zu zerstören, die alle Freunde vergällten und alle Wohlgesonnenen vergraulten? Wer kann sie dafür tadeln, dass sie sich so ekelten, dass sie für eine Weile wie gelähmt waren? Dass sie es nicht mehr ertrugen, wie alles, was sie mit erschaffen hatten, wie Sperrmüll vor die Tür gestellt wurde? Und dass sie, bei dem Wissen, das sie hatten, ahnten, dass danach nichts Besseres kommen würde.

Sie fühlten sich zurück versetzt in die Zeiten, als sie begonnen hatten, sich gegen die zivilisatorischen Trümmer eines Desasters zu stellen, die aus einem Schauspiel resultierten,  das jetzt von neuem aufgeführt wurde. In dem das Elend nicht an seiner Wurzel gepackt wurde, sondern auf Feindbilder projiziert wurde, die mit dem Grad der eigenen Verelendung nichts zu tun hatten. Und es hatte funktioniert, bis alles im Trümmern lag.

Und jetzt wiederholt sich das Spiel. Die Orgien der Zerstörung sollen als das normalste der Welt angesehen werden. In aller Frivolität werden die Verbrechen, an denen man sich beteiligt, auch noch als eine Verteidigung glorreicher Werte tituliert. Sehen Sie sich doch die Schergen an, die da im Licht der Öffentlichkeit gehandelt werden: Würden Sie mit denen ein Projekt beginnen? Würden Sie solche Figuren einstellen, wenn Sie jemanden suchten, der etwas Positives bewirken sollte? Würden Sie Ihnen Ihre persönlichen Angelegenheiten anvertrauen? Würden Sie sie Ihren besten Freunden empfehlen, wenn diese in Not wären?

Wir brauchen nicht  über diese miserable Auswahl diskutieren. Sie spielen nach besten Möglichkeiten ein Spiel, das von Grund auf falsch ist. Für alle, die in Frieden leben wollen. Für alle, die souverän über ihr Leben entscheiden wollen. Und für alle, die ohne existenzielle Not ihr Dasein gestalten wollen. Mit dem Ensemble, das momentan auf dem Podest steht, ist das nicht zu machen. Und es hilft nichts, fluchend durch die Straßen zu laufen. Wie formulierte es Bert Brecht noch?

Wut im Bauch allein reicht nicht! So etwas muss praktische Folgen haben!

Die Komplexität unserer Welt in einer einfachen Geschichte erfasst!

Jenny Erpenbeck, Gehen, Ging, Gegangen

Ich hatte mich, wieder einmal gewundert. Kaum hatte ich gelesen, dass man in den USA von einer gewissen Jenny Erpenbeck, einer Deutschen, als der vielleicht nächsten Nobelpreisträgerin für Literatur lesen konnte, flammte die Meldung auf, dass Besagte den diesjährigen Booker Prize in London bereits bekommen hatte. Zusammen mit Michael Hoffman, dem Übersetzer ins Englische. Der Roman, für den sie prämiert wurde, ist der mit dem Titel „Kairos“. Da hatte ich mir schon ein anderes Werk von Erpenbeck gekauft und zu lesen begonnen. Dabei handelt es sich um den Roman „Gehen, Ging, Gegangen.“ Und der hatte mich nach wenigen Seiten bereits in seinen Bann gezogen.

Worum es geht? Um die Geschichte der Migration in unseren Tagen. Um Menschen, die Not und Mord und entsetzlicher Armut entflohen sind. Die irgendwann, nach wahrhaftigen Irrfahrten mit vielen Toten, hier aufschlagen. In den Metropolen von reichen Staaten mit einem bürokratisierten  Gemeinwesen. Und es geht um Menschen von hier, die auch Reisen hinter sich haben. Weniger geographisch, aber geschichtlich und ebenso kulturell. Zum Beispiel von der DDR zur vergrößerten BRD. Die vieles haben genießen können, aber bei den immensen Veränderungen vielleicht auch ihre eigene, vorherige Identität vergessen haben.

In einer klugen Inszenierung treffen diese Welten in dem Roman aufeinander. Die einen kämpfen um Verständnis. Nicht nur für sich, sondern auch getragen von dem Willen, die Welt verstehen zu wollen, in die sie gekommen sind. Und da bietet sich ein Übersetzer an, der, cum grano salis, eine ähnliche Reise bereits hinter sich hat. Sein Vorteil besteht darin, dass er den Neuankömmlingen, für die er sich interessiert, Fragen stellt, die einfach sind, die auf der Hand liegen, und die von denen, die sich als die Statthalter dieser Welt, für die Berlin eine wunderbare Metapher darstellt, begreifen, die sich aber so schwer tun, sie zu beantworten. Warum? Weil sie den Perspektivenwechsel nicht gewohnt sind. Ihr Ausguck auf die Welt scheint betoniert und unberührt von den Stößen zu sein, von denen das Mobile des Globus in Bewegung gehalten wird.

Mit einem scheinbaren Alltagsproblem, das durchaus strukturell ist und das so viele Gemüter erhitzt, gelingt es Jenny Erpenbeck, ohne moralischen Zeigefinger, ohne Überheblichkeit, sondern anhand eines sich immer weiter entwickelnden Fragebogens, die Statik der Betrachtung freizulegen und als ein Problem darzustellen, dessen Lösung aussteht. Alle Beteiligten ihrer Geschichte geben ihr Bestes, um einander zu verstehen, um einender zu helfen oder um sich oder das mit der Präsenz der Ungebetenen auftauchende Problem zu ignorieren. Der Weg, den sie beschreiten, ist gepflastert mit vielen Steinen tiefer Menschlichkeit und feiner Gesinnung, aber auch mit abgründiger Enttäuschung und Verzweiflung.

„Gehen, Ging, Gegangen“ ist ein Roman, der die Komplexität unserer Welt mit einer einfachen Geschichte erfasst, der die deutsche Sprache in ihrer subtilen Dimension zur Geltung bringt und der anhand der so schlauen wie einfachen Fragen, die er aufwirft, mehr ist als nur Romanlektüre. Da ist eine große Schriftstellerin, deren Qualität im eigenen Land noch nicht so richtig zur Würdigung gelangte. Das nächste Buch von ihr liegt bereits auf dem Tisch.