Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Noch Zeit für eine Einheit, für einen Neuanfang?

Für viele hier ist es neu. Es handelt sich jedoch um ein uraltes Phänomen menschlicher und damit gesellschaftlicher Existenz. Nach einer Phase relativer Ruhe folgt eine Periode rascher Veränderung. Schon vor Jahren wiesen menschliche Seismographen darauf hin. Nach Jahrzehnten ohne Krieg und Not, nach einer langen Episode relativen Wohlstands sind die Menschen zu unaufmerksam, zu satt und zu imprägniert gegen jegliche Form von Warnzeichen. Da wird vieles mit einem Schulterzucken als harmlos erachtet. Denn das saturierte Leben geht weiter. Nur diejenigen, die aufgrund ihres Alters oder aufgrund der Unmittelbarkeit ihrer eigenen Eltern noch eine Vorstellung davon haben, was Krieg und ein totalitäres Regime bedeuten, heben den mahnenden Zeigefinger. Wenn sie Glück haben, werden sie als belustigende Figuren aus einer anderen Epoche belächelt.

Hier und auf unzähligen anderen Seiten wurde darauf hingewiesen, was Kriege verursacht, was sie beschleunigt und dass sie nichts hervorbringen, was der Masse der Menschen auf beiden Seiten etwas bringen würde. Und ebenso wurde aufgezeigt, welche Maßnahmen des politischen Designs nicht gegen den totalitären Ungeist schützen, sondern ihn gesellschaftsfähig machen. Es ist tatsächlich ein Circulus vitiosus. Wir sind mitten im berühmten Kreis des Teufels und das große gesellschaftliche Echo, das wir täglich vernehmen, befeuert ihn. Wer es fertig bringt, Befürworter des Friedens als Agenten des Feindes und Freunde des Totalitarismus zu bezichtigen, hat die Fibel der Heiligen Inquisition intensiv studiert. Denn der Großinquisitor, das wissen wir seit Dostojewski, glaubt selbst gar nicht an Gott. Aber von ihm zu erwarten, noch an einem gemeinsamen gesellschaftlichen Projekt der Hoffnung zu arbeiten, hieße mit dem Teufel den Beelzebub auszutreiben, um im Bild zu bleiben.

Heute las ich den Wunsch einer immer in der Politik dieses Landes aktiv gewesenen Frau, es möge hier doch, wie in Frankreich, gelingen, dass sich die Demokraten zusammenschlössen, um ein Abdriften in den Totalitarismus zu verhindern. Ein teilbarer Wunsch, auch wenn noch lange nicht feststeht, wie das Drama im geliebten Nachbarland ausgehen wird. Vielleicht ist die Situation gar nicht so komplex, wie sie oft dem staunenden Volk dargestellt wird. Vielleicht ist es einfach zu vieles, was aufgearbeitet werden muss. Wie Jean Paul Sartre es so treffend formulierte, Vertrauen gewinnt man in Tröpfchen, aber man verliert es in Eimern. Es wäre folgerichtig, zu einer Tabula rasa der Schuldzuweisungen aufzurufen und an einer Plattform der unzweifelhaften Gemeinsamkeiten zu arbeiten. Die muss jedoch auf zwei Pfeilern stehen, die, da bin ich mir sicher, von der Mehrheit getragen werden, und die heißen: Frieden und Recht. Wer damit nicht leben kann, soll sich weiter der Zerstörung widmen.

Tabula rasa der Schuldzuweisungen, Frieden und Recht sind die Voraussetzungen, die noch, als minimale Plattform, das Zeug hätten, einen Neuanfang zu definieren. Alles andere führt dahin, wohin eine große Kohorte bereitwillig mitgelaufen ist. Wer den Frieden und das Recht nicht schätzt, hat sich überfressen am Backwerk des unpolitischen Daseins, an den Sahnestückchen, garniert mit der Abwesenheit von Not, ist stumpfsinnig geworden aus konsumistischer Selbstverliebtheit und hat alles, was ein zivilisiertes Individuum ausmacht, eingetauscht gegen die bachanale Lust am Untergang. Mögen sie ins Verderben gehen, aber bitte alleine.

Ob noch Zeit ist, für eine Einheit, für einen Neuanfang? Ich habe Zweifel. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt!

Manuel, Toni und Thomas

Oft ist es so, dass die Erinnerung an den Glücksmoment oder das Trauma bleibt. Im Gegensatz zu den vielen Gründen, die zu dem einen oder anderen geführt haben. Momentan leben wir hier in einer Zeit, in der man die Analyse dessen, was geschehen ist, sogar regelrecht untersagt. Wer sich im Nachhinein an die Aufschlüsselung von einschneidenden Begebenheiten macht, erhöht das Risiko, der geltenden Erzählung den Boden zu entziehen. Selbstverständlich existiert kein gesetzliches Verbot. Stattdessen steht eine ganze Armee von Billigschreibern, Moderationsfälschern und Schlechtrednern bereit, um es den Delinquenten medial zu besorgen.

Dessen ungeachtet sei es erlaubt, sich dennoch einem Thema zuzuwenden, das im momentanen Kriegsrausch kaum Beachtung findet, aber einiges enthält, worüber nachgedacht werden sollte. Es ist, und nun erschrecken Sie nicht: der Rücktritt Manuel Neuers aus der Nationalmannschaft. Ich will es erklären.

Am Vorabend des Finales der Fußballweltmeisterschaft 2014 in Brasilien traf ein deutsches Fernsehteam den ehemaligen argentinischen Nationaltrainer César Luis Menotti, seinerseits einer der profundesten Fußballphilosophen seiner Zeit, um in einem Café in Buenos Aires mit ihm über das bevorstehende Spiel zwischen Argentinien und Deutschland zu sprechen. Auf die Frage, was an der deutschen Mannschaft besonders sei, nannte er drei Namen: Manuel Neuer, der mit seinem Spiel die Rolle des Torwarts neu definiert habe, Toni Kroos, der dem Spiel wie eine Präzisionsmaschine den Takt vorgäbe und Thomas Müller, der agiere wie ein Straßenfußballer.

Mit Manuel Neuer hat sich nun in diesem Jahr der dritte in dieser Aufzählung aus der Nationalmannschaft für immer verabschiedet. Und nun, zehn Jahre später, wird es darum gehen, das Spiel von Grund auf neu zu konzipieren. Was sehr spät nach dem Erfolg ist, aber, auch das gehört zu den Geschichten, die Menschen schreiben, nach großen Erfolgen meinen sie, es könne immer so weiter gehen und sie versäumen es, rechtzeitig die Weichen neu zu stellen.

In Bezug auf das andere, das zivile Leben und das Wirken von Institutionen, sind die drei jedoch nach wie vor eine wunderbare Inspiration. Übersetzt in die Organisationsentwicklung reden wir von einem Konzept, in dem Rollen neu definiert, Abläufe präzise gestaltet und Lösungen mit dem praktischen Verstand der Straße gefunden werden können. Das klingt nicht nur inspirierend, sondern es ist auch machbar und erfolgversprechend. Und es drängt sich die Frage auf, warum derartige Erkenntnisse aus tatsächlichen Erfolgsgeschichten nur sehr selten einen größeren Wirkungsgrad haben.

Selbstverständlich haben die drei diese Geschichte mit dem Erreichen des Weltmeistertitels nicht allein geschrieben. Dazu gehörten auch die drei TTT. Toleranz, wenn man sich die Zusammensetzung der Mannschaft ansieht. Technologie, wenn man sich die Methoden anschaut, mit denen die Gegner analysiert wurden. Und Talent, wenn man sich die Fertigkeiten und Charaktere aller beteiligten Spieler anschaut. Auch das ist ein Lehrstück für die Organisationsentwicklung. Man muss nur aus dem reinen Emotionsmodus herauskommen.

Da Manuel Neuer der letzte der drei von César Luis Menotti Genannten ist, der sich nun verabschiedet, sei ihm auch noch eine Einschätzung als Würdigung mitgegeben: Nach dem Russen Lew Jaschin, der als der große Innovator der Torwartrolle im 20. Jahrhundert bezeichnet wurde, ist Manuel Neuer sicherlich der Größte.

Wie immer: Aus dem Fußball lässt sich vieles lesen, was auch im „richtigen“ Leben von Bedeutung ist.

Das Elend begann mit Leo Kirch

Nachrichten aus Germanistan, 20. August 2024

Liebe Freunde da draußen! Manches lässt sich nicht mehr verstehen, wenn man lange genug in der Ferne lebt. Deshalb wirken manche Abläufe, die Ihr von außen beobachtet, so unerklärlich, absurd und irrwitzig. So etwas, wie wir es hier und heute in Germanistan erleben, geschieht nicht von heute auf morgen. Das dauert. Und meistens hat es nicht nur eine Ursache. Es ist, das vielleicht die frivolste Binsenweisheit unserer Tage, sehr komplex. Und das, was ich Euch hier anbieten kann, sind nichts weiteres als die Erklärungsversuche eines einzelnen Beobachters.

Ihr habt mir gerade in den letzten Tagen, als im amerikanischen Wall Street Journal ein Deutungsversuch über die Sprengung der Ostseepipeline Nordstream veröffentlicht wurde, zahlreiche Fragen geschickt, die sich auf die Möglichkeit bezogen, dass der deutsche Geheimdienst oder sogar Minister oder der Kanzler wissen würden, wer diesen Terrorakt verübt hat oder wer daran beteiligt war. Und ihr habt nachgefragt, ob wir es hier nicht nur mit Terror innerhalb des Bündnisses zu tun hätten, sondern auch mit Landesverrat von höchster Stelle. Und wie so oft habt Ihr Euch die Augen gerieben wegen der Friedhofsruhe, die im Lande trotz dieser Informationen herrscht.

Beantworten kann ich das alles nicht. Auch ich bin in vielerlei Hinsicht von Zweifeln geprägt, obwohl ich zu den Ursachen des Krieges in der Ukraine eine Meinung habe, die von der großen Inszenierung in der Öffentlichkeit Germanistans deutlich abweicht. Aber damit bin ich bereits bei einem Thema, das vielleicht dazu beitragen kann, die Geschehnisse in Germanistan besser zu verstehen, auch wenn man sie, sofern einem die Demokratie am Herzen liegt, strikt missbilligen muss.

Helmut Kohl, der einen großen Anteil an der Entwicklung dieses Landes hat, galt nicht unbedingt als ein Mann mit einer messerscharfen Analytik. Aber, das muss man ihm lassen, er hatte ein untrügliches Bauchgefühl. Und so waren viele der klugen Köpfe, die sich zu seinen Zeiten noch trauten, das Wort des Widerspruchs lauthals zu führen, mehr als überrumpelt und strategisch sogar bereits bezwungen, als der Pfälzer Koloss seinem Freund Leo Kirch erlaubte, in Germanistan das Privatfernsehen einzuführen. Was von vielen als eine leichte Unterhaltungsvariante für und von Knallchargen abgetan wurde, bewirkte nicht durch seine Programme, sondern durch seine bloße Existenz die Erosion der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten. Plötzlich sahen diese sich hinsichtlich der Einschaltquoten einer Konkurrenz gegenüber, mit der sie nicht gerechnet hatten. Und, was machten sie? sie begannen damit, die privaten Sender programmatisch zu kopieren und schredderten langsam, aber sicher ihren Auftrag. Die Programme wurden nicht nur seichter, sondern immer affirmativer, d.h. sie bestätigten mehr und mehr die Sicht der Herrschenden.

Parallel dazu war eine Monopolisierung des Pressewesens zu verzeichnen, sodass heute das kluge Wort Peter Scholl-Latours blanke Realität wurde, dass die Pressefreiheit in diesem Land das Recht von ungefähr 200 Menschen ist, ihre Meinung an den Mann zu bringen.

Das alles hat dreißig bis vierzig Jahre gedauert. Bei gleichzeitiger massenhafter Verbreitung von Nachrichten über omnipräsente Medien lässt sich vielleicht die Wucht ahnen, mit denen die seichten und manipulativen Meldungen minütlich, stündlich, täglich, nächtlich und ohne Unterlass auf die armen Hirne niederprasseln. Der Journalismus, so wie Ihr ihn noch gekannt habt, die Informationen, die er übermittelt hat und die multiperspektivische Beleuchtung von Konflikten, ist in diesem Lande lange dahin. Und das, was an seine Stelle getreten trat, ist mächtig und treibt die Politiker wie eine Schafherde vor sich her. Und wer dahinter steckt, das ist den meisten Menschen nicht einmal klar.

Liebe Freunde da draußen! Ich muss mich wieder einmal zügeln, sonst reite ich auf einem feurigen Ross in den Horizont gesellschaftlicher Ächtung. Nur eines noch! Glaubt bitte nicht, dass alle Menschen in Germanistan diese Entwicklung gutheißen oder mittragen. Sie haben noch keine Stimme. Aber sie wird irgendwann zu hören sein. Da bin ich mir sicher.