Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Gute und schlechte Oligarchen?

Bei der Verwendung von Begriffen ist einiges ins Wanken geraten. Immer wieder drängt sich der Eindruck auf, dass ein falsch verwendetes Wort in der Geschwindigkeit eines Hurricanes mit einer neuen, der Etymologie nicht entsprechenden Bedeutung ein großes Publikum erobert. Davon existieren unzählige, sodass der geübte Rezipient auf den Verdacht stoßen muss, dass die Umdeutung von Begriffen zu einem System gehört, dass einen gewissen Zweck verfolgt. Letzterer kann nicht auf Sympathie stoßen, da massenhafte Fälschung noch nie als ein Indiz für Redlichkeit gegolten hat. Demzufolge ist es ratsam, die gebräuchlichsten Begriffe, mit denen der politische Diskurs bestückt ist, noch einmal unter die Lupe zu nehmen und auf ihre Wertigkeit zu überprüfen.

Wie es in dem einzigartigen Amtsdeutsch so schön heißt, soll aus gegebenem Anlass der Terminus des Oligarchen noch einmal beleuchtet werden. Die zentrale Bedeutung stammt von dem Substantiv der Oligarchie, welche nichts anderes bedeutet als die Herrschaft der Wenigen. Oligarchen wiederum sind, streng genommen, entweder Anhänger der beschriebenen Herrschafts- oder Regierungsform oder sie gehören selbst dem kleinen Kreis, der alles bestimmt, an. Schon bei dieser Herleitung wird deutlich, dass die kurrente Verwendung damit wenig zu tun hat.

Zum einen wird insinuiert, dass Oligarchen per se steinreich sein müssen, was in der ursprünglichen Definition nicht als Voraussetzung genannt wird. Zum anderen wird die formale Regierungsform eines Landes als Bedingung genannt, ob es überhaupt Oligarchen geben kann oder nicht. Sprich, in formalen bürgerlichen Demokratien ist, selbstredend, die Oligarchie keine offizielle Staatsform und folgerichtig gibt es auch keine Oligarchen. Dass allerdings in bürgerlichen Demokratien Menschen gibt, die offiziell keine politische Institution darstellen oder Funktion innehaben, die aber aufgrund ihrer materiellen und funktionalen Möglichkeiten große Machtfülle besitzen, um die Geschicke eines Landes maßgeblich zu beeinflussen, steht außer Frage. In Ländern wie der Bundesrepublik bevorzugen diese überaus einflussreichen Menschen, die durchaus in der Lage sind, Regierungen scheitern zu lassen, dass sie aus gesicherter Diskretion agieren, während sie in den USA dies offen machen. 

Dass in der hiesigen Wahrnehmung dabei sehr gute Exemplare und verabscheuungswürdige unterschieden werden müssen, passt zu der Verwirrung, die systematisch um den demokratischen Gedanken gestiftet wurde. Besonders der Präsidentschaftswahlkampf in den USA hat dieses manifestiert. Bei Figuren wie Bill Gates oder Taylor Swift lösten horrende Spenden für die Demokraten allgemeines Entzücken aus, bei Elon Musk auf der anderen Seite ist es gelungen, dass er mittlerweile als eine Inkarnation aus dem Reich des Bösen gilt. Letztendlich, wenn wir von Oligarchen reden, d.h. von einflussreichen Menschen, die die Politik maßgeblich bestimmen, unabhängig von abgehaltenen Wahlen, dann sind sie sowohl in den USA als auch in der Bundesrepublik vorhanden, nennen wir einmal, quasi als didaktischen Hinweis, Namen wie Liz Mohn oder Friede Springer. 

Das Absurde bei dem Diskurs, der um ein wie auch immer geartetes Phänomen wie das von Oligarchen kreist, ist die Tatsache, dass die russischen Oligarchen, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion während des Zustandes der Anarchie zu ihrem Reichtum kamen, in dem sie sich teilweise ehemaliges Volkseigentum mit Mafia-Methoden unter den Nagel rissen, von dem späteren Präsidenten Putin an die Kette gelegt wurden. Den meisten wurde zwar der Reichtum belassen, ihr politischer Einfluss wurde konsequent unterbunden. 

Die gebändigten „Oligarchen“ Russlands nun aufzuteilen in Exemplare der despotischen Dekadenz oder Kämpfer für die liberale Demokratie ist genauso unsinnig wie die Aufteilung in Gut und Böse in der eigenen Sphäre. Verrate doch jemand derer, die sich in dieser begriffstrunkenen Wanne baden, was der Unfug mit dem Wesen von Demokratie zu tun hat. Außer dass ihr Diskurs ein Indiz dafür ist, dass vieles im Argen liegt.    

Ostenmauer – 5. Auf Kohle geboren

Identität ist zu einem zentralen Begriff geworden. Die einen nutzen ihn, um sich ihrer eigenen Wurzeln bewusst zu werden, die anderen, um sich abzugrenzen und andere wiederum, um Rechte für sich einzufordern. Ich leide nicht unter großer Ungewissheit, was meine Identität bedeutet. Von der Familie her ist das relativ eindeutig. Die Mersmanns stammen ursprünglich aus einer Region, die von Flandern bis ins Münsterland reicht. Der Name kommt von Marsch, der Landschaftsform, die an Flüssen und am Meer auftritt. Mütterlicherseits ist es das Elsass, aus dem die Dummeldingers kamen, während die Adrians vielleicht auch eher im Flandrischen anzusiedeln sind. Mein Vater und meine Mutter kamen aus Landstrichen, die auch als Melting Pots bezeichnet werden können: Das Ruhrgebiet und die Kurpfalz. Insofern bin ich bereits von Kindesbeinen an gegen jegliches rassisches Reinheitsgebot imprägniert. Ich kenne nur die ethnische wie kulturelle Vielfalt. Sie ist nur denkbar mit Toleranz und Neugier auf das Fremde. Beides ist ein wesentliches Motiv meines Handelns.

Und doch existieren gewisse Besonderheiten, die eben aus dieser Herkunft resultieren und die sehr viel mit Identität zu tun haben. Allerdings einer Art von ethischer Identität. Ich gehöre zum einen zum Kohlenpott-Adel, der sich aus der Formulierung „auf Kohle geboren“ speist. Sie impliziert aus einigem, was die Bergleute ins Testament geschrieben haben: Solidarität, Loyalität und Verlässlichkeit. Wenn du das in der Region nicht mitbringst, dann hast du verloren. Dann nützt dir kein Talent, kein Können und kein Vermögen. Bringst du diese Referenzen allerdings mit, dann interessiert niemanden, woher du kommst und mit welcher Zunge du sprichst. Und, inmitten dieser Schicksalsgemeinschaft, giltst du nur etwas, wenn du in gewissen Fällen die Courage besitzt, zu rebellieren.

Diese Form der Identität ist mir geblieben, unabhängig davon, wohin es mich verschlug und wo ich lebte. Das führte oft zu Konflikten, denn überall dort, wo man nicht auf Kohle geboren ist, spielen andere Eigenschaften eine wichtige Rolle. Aber diese Identität hat mich getragen und sie wird mir bleiben. 

Ich leite daraus keine Ansprüche ab, wie das heutigen Moden vielleicht entspräche.  

Survival-Paket für die Zukunft

Die Verzweiflung wächst. Nun, bei nahezu täglich verbreiteten Nachrichten, drohen Weltbilder allenthalben einzubrechen. Da stürzen nicht nur einzelne Gebäude ein. Da brechen ganze Städte und Länder weg. Als erhöbe sich ein maritim-terrestrischer Tsunami aus den Tiefen des Daseins und pflügte alles unter, was zumindest aus Sicht der meisten Biographien Bestand hatte. Halt? Was böte noch Halt? Das größte Problem scheint zu sein, den Blick ununterbrochen auf das zu richten, was gerade weggespült und eingerissen wird. 

Es ist leicht gesagt. Aber es ist falsch. In einer existenziell empfundenen Krise ist es nicht ratsam, auf das zu schauen, was verloren geht. Vielmehr ist der einzige Griff in die Zukunft die Besinnung auf das, was den Menschen ausmacht. Wie habe ich mein Leben gelebt? Was war daran erfüllend und erfolgreich? Was hatte das an sich, was man so gerne die Qualität nennt? Und was hat tief die Seele gerührt? Welches Handeln brachte mich weiter und wurde von meinen Mitmenschen geschätzt? Welche Musik hat mich inspiriert? Welche Literatur hat mir Horizonte eröffnet? Welche Aktivitäten haben mich gestärkt? Es sind tausend Dinge, die zumeist nur in den unteren Schubladen des Bewussten liegen, die aber plötzlich eine hohe Aktualität genießen sollten.

Es sind die Schätze, die herüber zu retten wichtig ist, wenn es ein Danach geben soll. Nicht, dass wir hier von einem finalen Ende der Zivilisation redeten. Aber eine schwere Havarie ist kaum noch zu leugnen. Und wie bei einer bevorstehenden oder herannahenden Katastrophe sollte man die Sachen zusammensuchen, die überlebenswichtig sind und die man aus eigener Kraft mitnehmen kann. Und diese Güter sind nicht materiell. Das einzig Fassbare ist der Pass. Alles andere sind Verhaltensweisen, Werte, Kunstgenüsse und sensuelle Phantasien. Sie sind nicht nur Habseligkeiten aus einer früheren Existenz, sondern das Survival-Paket für die Zukunft. Egal, wohin das Schicksal dich auch führt. Es ist die durch eigene Lebensleistung generierte Kultur, auf die es jetzt ankommt. Und sie ist für jeden transportabel.

Der Blick auf das Desaster ist notwendig, um herauszufinden, wohin die Korridore führen, die noch offen sind. Sie ohne Proviant für die Zukunft zu beschreiten, erscheint wie ein früher Tod. Daher der gute Rat, nehmt mit, was euch teuer ist. Und alles passt in den eigenen Kopf! 

Zum Trost vielleicht die Feststellung eines Klugen der Vergangenheit, dem Florentiner Dante Alighieri: der Weg ins Paradies beginnt in der Hölle. Das ist kein Grund, sich durch Trauer lähmen zu lassen. Der Teufel kocht auch nur mit Wasser!