Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Multiple Krise: Wie Onan in der Wüste!

Ist die Lage brenzlig? Liest man die Gazetten und hört man sich das handelnde Personal an, dann ja. Dann ist die Lage nicht nur brenzlig, sondern brandgefährlich und prekär. Innenpolitisch wie außenpolitisch, sozial wie wirtschaftlich. Und, wenn das der Fall ist, was ist dann angeraten? Die meisten Menschen haben in ihrem Leben gelernt, dass es wichtig ist, die Ursachen einer Krise zu begreifen und sich dann – schleunigst – Gedanken darüber zu machen, wie der beklagenswerte Zustand zu überwinden ist. Im Grunde genommen handelt es sich dabei um keine Erkenntnis aus den wie auch immer gearteten Geheimwissenschaften.

Was wir erleben, ist jedoch nicht das. Keine Analyse in Bezug auf das eigene Handeln, keine Vorstellung über das Zustandekommen der vielen krisenhaften Erscheinungen, es sei denn, man bietet mit plakativen Feindbildern Ausreden für die eigenen Unterlassungen an. Denn, auch das eine Plattitüde der Geschichte, nichts entsteht ohne uns, und sei es, wir waren passiv. Wie heißt es doch so treffend? Jeder ist verantwortlich für das, was er tut, und jeder ist verantwortlich für das, was er nicht tut. Und, seien wir ehrlich, egal ob der Krieg in der Ukraine, egal ob Wählertrends im eigenen Land und egal ob der grausame Konflikt Israel/Palästina – alles war vorhersehbar und für viele, die immer noch die Verantwortung tragen, war die Option nichts zu tun besser als sich auf den dornigen Weg der Lösungsfindung zu begeben. Wer wirklich alles versucht hat, solle sich bitte melden und wir werden einen Weg finden, um ihn oder sie nach einem würdevollen Tod ins Pariser Pantheon zu bringen!

Wie sagt ein alter Freund immer in derartigen Situationen? Es ist so, wie es ist. Punkt. Zumindest ist man sich nun in den unterschiedlichsten Segmenten in Politik und Gesellschaft darüber einig, dass es nicht so weiter gehen kann, wie bisher. Aber anstatt daran zu arbeiten, wie konkret die Lösungswege aussehen, wie Menschen für sinnvolle Ziele mobilisiert werden können, ergötzt sich das ganze Konsortium und die Parteien jeglicher Couleur daran, was sie nicht machen werden und mit wem sie auf keinen Fall zusammenarbeiten werden. Das ist zwar informativ, ändert aber an der Situation nichts. Gar nichts. Sollte ein Bild gefunden werden über den gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft, nach dem Verlust des äußeren wie inneren Friedens, dann ist es das von Onan in der Wüste.

Das Nichtstun und das Lamento in Abstraktionen führt nämlich zu keinem fruchtbaren Erfolg. Es ist verschwendete Energie, die gebraucht werden würde für die Erarbeitung und Formulierung ganz konkreter Ziele, von denen ein Großteil der Gesellschaft ausgehen kann, dass sie nicht nur erreichbar, sondern auch gewinnbringend sind. Dass etwas Neues entsteht, das die Menschen in der Lage ist zu mobilisieren und zu vereinen. Sollten Zeichen gesichtet werden, dass sich politische Formationen, Unternehmen oder gesellschaftliche Zusammenschlüsse auf Ziele einigen, die sie verwirklichen möchten und deren Erreichung vor allem vom eigenen Zutun abhängt, dann bitte ich darum, diese zu melden. Das wären die Keimzellen, aus denen etwas entwickelt werden kann, dass nicht nur die Krise, sondern auch die Stagnation überwinden kann.

Ja, wir befinden uns in einer multiplen Krise. Nein, wir kommen nicht heraus, wenn wir passiv bleiben und uns auf das Benennen der Sünder beschränken. Die Erkenntnis muss praktische Folgen haben.

Demokratie: Wir sind hier nur zu Gast?

Was für ein fatales Szenario! Diejenigen, die sich in der Vergangenheit gegen den Krieg als Mittel politischer Konflikte gaben, haben sich zu zähnefletschenden Kriegshyänen entwickelt und diejenigen, die durchaus den Krieg als ein Mittel der Artikulation politischen Willens betrachteten, sitzen wie die Täubchen in der Kulisse und summen Friedenslieder. Die Vehemenz, mit der die neuen Apologeten des Krieges auftreten, resultiert aus ihrem Verständnis, dass es gerechte und ungerechte Kriege gibt und selbstverständlich ist die eigene Parteinahme eine gerechte. Und die neue Stimme des Friedens, die sich als Resonanz der großen Mehrheit wähnt, argumentiert mit dem nationalen Interesse. Die einen sprechen von Werten und sorgen für astronomische Steigerungsraten des Mehrwerts von Rüstungsunternehmen und die anderen argumentieren mit Interessen hinsichtlich der Lebenshaltung und der energetischen Nöte der Wirtschaft. Und eine Prognose sei gewagt: diese beiden Fraktionen werden nicht mehr zueinander finden!

Denn das ist es, worum es geht: Soll die Politik die Interessen eines Großteils der Bevölkerung vertreten oder existiert etwas Höheres, Metaphysisches, um das es geht? Schaut man genau hin, dann sind auch die ideellen Ziele der Kriegsfraktion nichts anderes als materielles Interesse. Es geht um Öl, um Gas, um Weizen und um Manpower. Alles wird gebraucht, um den einzigen Wert zu vergrößern, nach dem zumindest die zur Zeit akkreditierten Agenturen streben, nämlich den Mehrwert. Nur ein Beispiel, und damit nicht der Eindruck entsteht, es ginge hier exklusiv um die Ukraine und Russland. Im gegenwärtigen Gaza-Krieg sind mittlerweile über 100 Journalistinnen und Journalisten ums Leben gekommen. Neben den tausenden von zivilen Opfern, die noch Jahrzehnte beklagt werden werden und die dafür sorgen, dass der Frieden dort keine Chance haben wird, geht es um einen zumindest in der Vergangenheit der westlichen Welt existenziellen Wert. Die freie Meinung, die freie Berichterstattung, die unabhängige Sicht der Dinge. Dass hierzulande kein Hahn danach kräht, dokumentiert, dass es hier so etwas kaum noch gibt. Um im Bild zu bleiben: die hiesigen Hähne stehen gut gemästet bewegungslos in der Batterie.

Gestern schrieb mir eine alte Bekannte, die Wahlen in Thüringen und Sachsen erinnerten sie an das Jahr 1932. Sie ist Mitglied der Partei, die den Kanzler stellt und der vielleicht zum Symbol für die Art von Politik in die Geschichtsbücher eingehen wird, die den Paradigmenwechsel von einer Politik der Interessenvertretung der eigenen Bürgerschaft hin zu einer Allianz, deren Wirken die eigenen Fundamente erheblich beschädigt. Wie das Spiel ausgehen wird, ist ungewiss. Dass es allerdings nicht so weitergehen wird und die jetzigen Akteure mangels Zustimmung sehr schnell verschwinden werden, ist sicher. Die Tragik dieses Kanzlers wird sein, dass er vielleicht gar nicht zu den Scharfmachern gehört, denn die sitzen hinten in den woken Requisiten, aber bei dem Versuch einer Moderation zwischen Allianz und staatlichem Eigeninteressen krachend gescheitert ist.

Die Reaktionen aller Beteiligten auf die Wahlergebnisse in diesen beiden Bundesländern zeigt, dass so weiter gemacht wird, wie bisher. Das spricht für Eskalation, für Unregierbarkeit, für massiven Überdruss in der Bevölkerung und den Vertrauensbankrott des politischen Systems. Der vielleicht größte Irrtum, der bei einem Teil der aktiven Politik vorherrscht, ist der Glaube, dass er identisch ist mit der Demokratie bzw. diese ihm gehöre, und die anderen nur zu Gast seien. Ein gesichert tödlicher Irrtum!

Zur Lage: Es herrschen die Superlative!

Es herrschen die Superlative. In der Beschimpfung. Wenn ich die Begriffe betrachte, mit denen sich derzeit politische Gegner gegenseitig malträtieren, beschleicht mich das ungute Gefühl, dass die Skala nach oben so langsam ausgereizt ist. Der Faschismus lauert überall, der offene, der getarnte, die Stalinisten sind wieder unter uns, die Nationalsozialisten, die Fünften Kolonnen, die Landesverräter, die Saboteure, die Terroristen, die Brunnenvergifter, die Kriegstreiber hier, die versteckten Kriegstreiber dort. Wenn es so ist, wie täglich an vielen Stellen beschrieben, dann kann mit jeder Form von Verständigungsversuchen nichts mehr erreicht werden. Das Klügste wäre dann, sich gegenseitig zu meucheln. Dann blieben vielleicht noch einige wenige Vernünftige übrig, die in der Lage wären, eine sehr rustikale, abgespeckte Zukunft zu gestalten. Aber so?

Die Mechanismen, die zu diesem beklagenswerten Zustand geführt haben, sind hinreichend beschrieben worden. Es hat mit dem brutalen Niedergang des Journalismus zu tun. Es hat etwas mit gezielter Polarisierung in der Politik zu tun, es liegt auf vielen Feldern an eklatantem Unwissen, es liegt an der Erpressbarkeit vieler Existenzen, es liegt an befürchteten Wohlstandsverlusten, es liegt an einer durch einen langen Friedensprozess gewachsenen Lethargie. Es liegt an dem, was Politologen einen post-heroischen Befund nennen. Der Individualismus hat sich, zumindest als Illusion, zu der alles entscheidenden, alleinigen Instanz gemausert. Dass es kollektive Erfordernisse gibt, die die Basis für das Wohlergehen der Einzelnen sind, ist nahezu ausgeblendet. Dass es jedoch die gesellschaftliche Kohäsion, d.h. der Zusammenhalt ist, der eine sozial verträgliche und sogar vorteilhafte Existenz des Individuums erst ermöglicht, wird nicht gesehen. Der Zustand, den wir jeden Tag beklagen und der anfangs beschrieben wurde, ist exakt das Indiz für diese These. Wer nur noch Feinde ringsum sieht und den das Dasein der anderen nicht interessiert, ist ein ideales Museumsstück für den Irrweg des Neoliberalismus. Genau dieser setzt exklusiv auf das Eigeninteresse und er hat, nachweisbar, allen Gesellschaften, wo er sein Unwesen treiben durfte, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zerstört. Und er ist verantwortlich für den strategischen Absturz des einst so produktiven und mächtigen Westens.

Aus dieser Gasse entkommt man nicht mit Beschimpfung und Diffamierung. Das ganze Gezeter, das seit einigen Jahren zu hören ist, bezeugt die Ratlosigkeit und das Festhalten an alt bewährten Formen, die an sich keinen Wert mehr darstellen. Die alles entscheidende Frage, die die unerträglichen Hassdebatten beenden kann, die im übrigen auch von denen befeuert werden, die sie öffentlich beklagen, ist die nach dem Charakter des Zusammenlebens. Wie wollen wir unsere Gesellschaft gestalten? Sollen essenzielle Voraussetzungen wie Bildung, Gesundheit, Infrastruktur, Wohnen, Mobilität weiterhin durch Privatisierungen geschreddert werden oder sagen wir, nein, das sind Leistungen, die jedem zustehen und das lassen wir uns etwas kosten? Und komme niemand mit dem Kalauer, das könnten wir uns nicht leisten! Die tausend Schlupflöcher, durch die Steuern verschwinden werden geschlossen, Privilegierung durch Subventionen werden beendet, eine Landesverteidigung wird gesichert, aber die Beteiligung an imperialistischen Kriegen wird ausgeschlossen.

Wer nicht wie ein Kokon in einer hermetisch gesicherten Blase existiert, wird wissen, dass es den meisten Menschen um diese Punkte geht und dass auf dieser Basis eine Einigung erzielt werden könnte, weil die Mehrheit dieses wünscht. Bringen Sie einmal solche Argumente vor und warten Sie auf die Reaktion! Und schnell trennt sich die Spreu vom Weizen. Zur Zeit ist viel Spreu anzutreffen. Aber auch solche Zeiten gehen vorüber.