Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Duell Harris-Trump: Ramsch statt Expertise

Einen Kulturschock steckst du nicht so weg wie einen Regentag. Da musst du dir erstmal die Augen reiben und rausgehen, um etwas Frischluft zu inhalieren. So ging es mir, als ich die Reaktionen hierzulande auf das Fernsehduell zwischen Kamala Harris und Donald Trump zur Kenntnis nehmen musste. Es sei vorausgeschickt, dass ich der Spezies angehöre, die sich gerne auf Inhalte konzentriert und von Politikerinnen und Politikern wissen möchte, was sie tun oder zu tun gedenken und welche Motive dabei eine Rolle spielen. Dass das nicht nur in den USA, sondern auch hierzulande nicht immer im Vordergrund steht, ist mir sehr bewusst. Oft geht es um den Auftritt, die Rhetorik, die Gestik und zuweilen auch das Tenu. 

Es sei bemerkt, dass es sich bei der Wahl, die momentan in der USA ansteht, in hohem Maß auch um die Belange Europas und Deutschlands geht. Wem es noch nicht aufgefallen ist: in Europa tobt ein Krieg, der unter anderem auf die Strategie der von den USA dominierten NATO geht und der, wenn dem nicht schleunigst Einhalt geboten wird, zu einem Flächenbrand werden kann. Das ist, mal so ganz nebenbei, den Strategen in den USA sehr bewusst. Wie ließ ein führender CIA-Mitarbeiter vor kurzem in einer Anhörung mitschreiben? „We have a problem. The old Empires are coming back: China, Russia and Turkey.“ Wer also meint, der Konflikt und die Ukraine ließe sich mit dem alten, gesetzten Ost-West-Schema betrachten, hat weder die Explosivität noch die Komplexität dessen, was dort in Brand gesetzt wurde, verstanden.

Dass die USA unter der Präsidentschaft Bidens, zu deren aktivem Teil auch eine Kamala Harris gehört, mächtig gezündelt haben, ist ebensowenig zu leugnen wie der erratische und rabaukenhafte Stil Donald Trumps. Dennoch sollte die unterschiedlichen Positionen auf ihre Inhalte kondensiert werden. Und wenn ich mir ein solches Duell als Europäer ansehe, ist es nur logisch, dass ich mir die, wenn vorhanden, unterschiedlichen Positionen in diesem Krieg betrachte. Und, hätte das sich als professionell bezeichnende Publikum dieses gemacht, was es hätte tun können, dann wären gravierende Unterschiede deutlich geworden. Kamala Harris steht für die Fortsetzung des Krieges, Donald Trump für ein sofortiges Ende. Unter welchen Umständen und aus welchen Erwägungen auch immer. Darüber könnte man sich auseinandersetzen. 

Was aber zu dem Kulturschock führte, war die flache Rezeption. Die gut situierte Kamala reichte dem verdutzten Trump zu Anfang die Hand und Trump kam mit dem Unsinn hervor, in Springfield würden die Immigranten die Haustiere der eingesessenen Amerikaner verspeisen. Diese beiden Aspekte wurden von allen Seiten bis zum Schwindel „aufgearbeitet“, als drehe es sich dabei um die Duftmarken der Macht eines Welt-Hegemons. Erbärmlicher geht es kaum.

Mit ein bisschen Eigeninteresse und etwas weniger durch den ständigen Konsum von Soaps aller Art beschwipst, hätte dieses Duell ernsthaft am Schicksal der eigenen Gesellschaft Interessierten die Einsicht vermittelt, dass es höchste Zeit ist, an einer nationalen wie europäischen Sicht der Dinge zu arbeiten, die einen dominanten Anteil an Selbstbestimmung hat. Wenn es sich allerdings so abspielt, wie erlebt, dann ist es und bleibt es aus mit einem selbstbestimmten Dasein in Germany und Good Old Europe. Und, erlauben Sie mir diese Abfälligkeit, das, was uns hier als Expertise angeboten wird, ist der letzte Ramsch.   

Politik: Das Glück der Eintagsfliege

Lediglich die Eintagsfliege eignet sich für eine begeisterte Zustimmung zu den Ergebnissen politischen Handelns, mit denen wir konfrontiert sind. Auch wenn es immer wieder versprochen wird, aufgearbeitet wird nichts. Keines der Desaster, deren Zeugen Menschen mit einem einigermaßen funktionierenden Langzeitgedächtnis wurden, wurde von denen, die die Verantwortung trugen, im Nachhinein einer kritischen Prüfung unterzogen. Es muss, und das sei hier ausdrücklich zugestanden, nicht unbedingt in einer Schuldzuweisung enden. Obwohl das ein in Deutschland bevorzugter Sport ist, der selbst den Fußball noch in den Schatten stellt. Ist erst einmal ein Schuldiger ausgemacht, dann ist der Fall erledigt. Und schon sind wir wieder bei der Eintagsfliege. Mit der Fähigkeit, sich einem kollektiven Lernprozess zu widmen, hat das alles nichts mehr zu tun.

Eine mittlerweile ebenfalls verschlissene Verteidigungsministerin sprach davon, man müsse das militärische Agieren in Afghanistan unbedingt evaluieren. Auch die Verantwortlichen des Corona-Managements sprachen zu Beginn der für das politische System wirkungsmächtigen Episode noch von der unbedingten Notwendigkeit, alles aufzuarbeiten, was man entschieden habe, wenn die Krise vorbei sei. Wer heute die Journale zitiert, in denen das stand, wird ad hoc des Sektierertums bezichtigt. Und auch bei der Frage der Migration wurde lange Zeit von der Notwendigkeit gesprochen, den Raum zwischen politischem Wunsch und administrativer Möglichkeit begleitend strikt auszuleuchten. Und vom Krieg in der Ukraine und den damit verbundenen Sanktionen gegen Russland soll gar nicht mehr gesprochen werden, weil sich eine Analyse erübrigt. Das Desaster bemerkt jede Bürgerin und jeder Bürger beim Einkauf des Notwendigen, während in Russland weder Mangel herrscht und die Kriegsfähigkeit in keiner Weise beeinträchtigt wurde. Dennoch wird daran festgehalten. Und von den Waffenexporten und dem auch damit verbundenen Elend im Nahen Osten schämt man sich mittlerweile sogar zu sprechen.

Wie gesagt, man kann in Krisen schlittern, vielleicht kann man sogar durch einen Moment der Unachtsamkeit in die Gesellschaft von mächtigen Delinquenten geraten – aber jede Art der eigenen Verfehlung zu leugnen und permanent auf alle anklagend zu zeigen, die nicht der Spezies der Eintagsfliege angehören, das ist wirklich starker Tobak. Angesichts der politischen Entwicklung im eigenen Land sollte man sich von der Vorstellung befreien, es könnte ja noch schlimmer kommen. Das chronische Leugnen eigenen Fehlverhaltens und eigener Fehlentscheidungen hat zu einem Vertrauensverlust in große Teile der geschäftsführenden Politik geführt.

Dieser Umstand ist die eigentliche Gefahr, die sich unter der Überschrift des Totalitarismus versammelt hat. Was ist das Wesen des Totalitarismus? Er schert sich nicht um die Interessen der unterschiedlichen Teile einer Gesellschaft, er trifft Entscheidungen, die exklusiv einer Minderheit nutzen, er duldet keinen Widerspruch und betreibt eine Hexenjagd gegen renitente Ansichten und, in seiner modernen Version, er lullt das versammelte Publikum ein und verbreitet das Bild einer heilen Welt, die von außen bedroht ist.

Man stelle sich vor, wie laut heute so mancher Taliban lacht, wenn er an die Verteidigung der Demokratie am Hindukusch denkt, man stelle sich den einen oder anderen Skandinavier vor, wie ungläubig er auf die Verwerfungen schaut, die das Corona-Management hierzulande hinterlassen hat, man möge die Gelegenheit haben, mit russischen Bürgern in einem gut bestückten Supermarkt über die Sanktionen der EU zu reden und man möge sich vorstellen, mit welchem Lächeln ein Viktor Orban die aktuellen Debatten im Bundestag bezüglich der Migrationspolitik verfolgt.

Alles richtig gemacht? Das Glück von Apologeten währt nur wenig länger als das der Eintagsfliegen. Und für die ist bei Einbruch der Dunkelheit schon wieder Schluss.

Trump/Harris und die harte Realität

Die Realität ist hart. Damit sind nicht unbedingt die Lebensumstände vieler gemeint. Noch leben wir in einem Land, in dem ein Großteil zumindest im Hinblick auf die Befriedigung materieller Bedürfnisse keine Not leidet. Was eher besorgt, ist die steigende Zahl derer, bei denen es nicht mehr reicht. Es ist ein Trend. Und zwar einer, der immer stärker wird. Und betrachtet man das Referenzstück unseres Gesellschaftsmodells, die Vereinigten Staaten, dann sieht es immer trüber aus. Dort leben mittlerweile 40 Millionen Menschen unterhalb der Armutsgrenze. Auf der anderen Seite sind dort diejenigen versammelt, die zu den reichsten Vertretern der Gattung auf dem Planeten zählen. Bei aller ideologischen Bräsigkeit und Selbstzufriedenheit: wer das ausblendet, wacht irgendwann beim Water Boarding sozialer Revolten auf. Und wer dann in den Chor einfällt, dort randaliere der Pöbel, der hat dem wahren Pöbel zu lange die Gefolgschaft geleistet. Wer den Blick auf die Entwicklung der Besitzverhältnisse in dieser unserer Welt verloren hat und sich über russische Oligarchen als Zeichen einer systemischen Dekadenz bereit ist aufzuregen, dem sollten die Kassen auf jeden Fall eine Psychoanalyse gewährleisten.

Und nun, in dieser Gemengelage, treten in den USA zwei Kandidaten an, und, bevor die woke Community in Ohnmacht fällt, ein Kandidat und eine Kandidatin, die für bestimmte Interessen stehen, aber, und das Konstrukt bringen selbst unsere verwahrlosten Medien, die ihrerseits stramm im Harris-Lager stehen, nicht fertig, kein Kandidat wird an dem Schicksal derer, die alles verloren haben und deren Hoffnungen seit langem begraben sind, etwas zu ändern willens und in der Lage sein. Donald Trump, und selbst diese Analyse bringt hier kaum jemand fertig, ist die Option der Großmogule aus dem Silicon Valley, denen nicht nach gesellschaftlichem Zusammenhalt, sondern nach billiger Energie ist. Ihre Industrie verschlingt Unmengen davon und die aus der Obama-Zeit verhängten Schürf- und Bohrverbote in Alaska sollen fallen, damit die Digitalindustrie mit billiger Energie versorgt werden kann. Und, auch diese Frage sollten sich diejenigen stellen, die meinen, auf der Karte der Demokratie stünde der Name Kamala Harris: Welche Referenzen hat sie? Auf welchem Gebiet hat sie Erfolge aufzuweisen? Oder ist sie dort, wo sie heute steht, nicht das Ergebnis einer Bedingung eines mächtigem schwarzen Lobbyisten aus South Carolina? Außer dem Confetti-Regen auf dem Zirkus-Parteitag in Chicago bleibt da nicht viel.

Aber es ist wie immer bequem, sich irgend ein Pferdchen aus einem fremden Stall, den man selbst nicht ausmisten muß, auszusuchen und ein bißchen zu setzen. Nicht viel, aber zumindest soviel, dass man sich ärgert, wenn der andere Hengst gewinnt. Aber, liebe Gemeinde, das Leben ist kein Spiel und die Wirkungsmacht, die von den USA auf unsere Gesellschaft ausgeht, konnte nicht deutlicher werden als in den letzten beiden Jahren. Böse Zungen sprechen hier von einem amerikanischen Protektorat. Wer nicht so weit gehen will, sollte zumindest die Realität anerkennen, dass nahezu jede Entwicklung, die dort stattfindet, zeitverzögert auch hier greifen wird. Bei manchen Parteien laufen auf Veranstaltungen die gekauften Confetti-Clowns bereits herum. Mit einer Politik für die Menschen, die in einem Staat leben, hat das alles nicht mehr viel zu tun. Da zocken Lobbys und der Mob schlägt die Zähne in die Wand. Die Realität ist hart. Lassen Sie sich nichts vormachen!