Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Ministerielle Akrobatik

„Jetz ma ehrlich!“ war nicht nur eine Phrase eines längst verstorbenen Karikaturisten des Ruhrgebiets, sondern ist immer noch eine Sentenz, die den Zweifel an den Aussagen des Gegenübers zum Ausdruck bringt. Jetz ma ehrlich bedeutet, dass nicht geglaubt wird, was als Botschaft überbracht wurde und unterstellt, dass doch bis zu dem jetzigen Zeitpunkt eine gute Dosis Humor mit im Spiel war. Wer allerdings nach der unverblümten Aufforderung, nun endlich mit der Wahrheit rauszurücken, immer noch bei der vorgetragenen Erzählung oder Position bleibt, der oder die riskiert, im Weitergehenden ziemlich rüde angefasst zu werden. Und das ist dann nicht mehr angenehm, denn wer sich als notorischer Lügner herausstellt, der wird sehr schnell nicht mehr akzeptiert in einer Welt, in der Verlässlichkeit einen höheren Stellenwert einnimmt als alles andere. So ist nun einmal das Ruhrgebiet: liberal und tolerant, aber auch hart und ehrlich. 

Wenn es eine Bewerberliste für die zu erwartende Ungnade im Falle ausschweifender Reden und wahrheitsferner Geschichten gäbe, dann stünde Ursula von der Leyen sicherlich auf einem der ersten Ränge. Das Phänomen, das sich in ihr äußert, ist die momentan absurde Differenz zwischen kuscheliger politischer Korrektheit und imperialistischem Größenwahn. Noch am Tage ihres Amtsantritts als Verteidigungsministerin sprach sie von ihrer Vision einer neuen Bundeswehr, die Charaktereigenschaften aufwies, als handele es sich um eine partizipativ geführte Sozialstation. Da war von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf die Rede, von Chancengleichheit und einer wachsenden Fokussierung auf den Genderaspekt und von den Möglichkeiten berufsbegleitender Qualifizierung die Rede. Das hörte sich alles so an wie die Perpetuierung der Rolle der Bundeswehr als einer Operettenarmee ohne besonderen Interventionszweck.

Dabei gehört es nicht zu den immer wieder gern gestellten schlechten Absichten einer gerne formulierten Kritik an der Bundeswehr. Denn diese entspringt nicht mehr den Quellen der Notorik, sondern den tatsächlichen Erfahrungen der letzten Jahrzehnte, denn es waren nicht nur deutsche Piloten, die 1998 ihre tödliche Fracht über dem serbischen Belgrad abluden, sondern auch Afghanistan, wo in einem offiziellen politischen Wording die bundesrepublikanische Freiheit mit der Armee verteidigt wird. Wer allerdings sowohl Bombardements als auch Panzereinsätze als zu den Kernaufgaben zählt, der darf nicht der Naivität bezichtigt werden.

Was die Verteidigungsministerin bei ihrem Mainstreamgendergefasel besonders verdächtig macht, ist der materialisierte Wahnsinn, den sie von sich gibt, wenn sie in nahezu frenetischer Begeisterung von der Drohnentechnologie spricht. Da fällt sie in unbeschreibliche Entzückung, weil sie genau da vermutet, den Spagat zwischen Krieg und beschaulichem Familienleben machen zu können.

Die Vernichtung eines Gegenübers über lange Strecken ohne die Beschwerlichkeit einer Reise, die klinisch reine Abwicklung eines nichts ahnenden Gegenübers ohne Kollateralschaden, die elektronische Botschaft eines nicht angekündigten Massentodes sind es, die die Verteidigungsministerin vor Augen hat. Es geht um die Anwendung von Techniken, die völkerrechtswidrig, menschenverachtend, zynisch und barbarisch sind. 

Das Perverse an dem Konstrukt ist die Behaglichkeit, mit der in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit über diese Optionen diskutiert wird. Es entsteht der Eindruck, als herrsche ein gesellschaftlicher Konsens über die Etablierung der Völkerrechtswidrigkeit bei dem noch geplanten Spiel Krieg. Dass die gleiche Person gegenüber Russland auch noch mit dem Säbel rasselt, vor allem in Fragen des Völkerrechts, macht die Sache noch schlimmer. Zeitgleich überziehen Waffenschauen das ganze Land, bei denen Kinder an Schnellfeuerwaffen stehen und in Helikoptern sitzen dürfen. Es ist der Versuch, den Mord an Dritten als sozialverträgliches Geschäft zu kommunizieren. Mal ganz ehrlich, so werden Kriege vorbereitet, und der Mob mit Hochschulabschluss, Biomenü und Karrierequote merkt es nicht. 

Europa und die Intellektuellen

Was war die Stärke, die die Nationenbildung auf dem europäischen Kontinent beflügelt hatte? Oder was machte den gewaltigen Durchbruch aus, der schon vorher auf diesem Kontinent geschah, als die Planken des Mittelalters verlassen und der Marmor der Aufklärung betreten wurde? Und später, nachdem die Nationen in den Wettbewerb miteinander traten, wer hatte, in diesem manchmal schnöden Kampf um die Macht, den Weitblick, um auch andere Möglichkeiten der Entwicklung zu eröffnen? Neben den Klassen, die eine soziale Formation des gesellschaftlichen Antriebs sind, waren immer wieder Denker, Wissenschaftler, Philosophen am Werk, die den europäischen Kontinent in Schwung brachten.

Sie, die Intellektuellen, hier aufzuzählen, dazu reichten weder Raum noch Zeit. Europa, von der Antike bis ins 20. Jahrhundert, war gesegnet mit hervorragenden Intellektuellen, die an den Reibungsflächen der Erkenntnis die Augen offen hielten und sich zu Wort meldeten. Entweder warnten sie vor Entwicklungen, in die eine unbedarfte und unreflektierte Gesellschaft zu schlittern drohte oder sie wiesen Lösungswege, die Ansätze einer tatsächlichen oder vermeintlichen Befreiung zeichneten. Denn auch sie irrten, zuweilen sogar gewaltig. Aber sie waren das Salz in der Suppe, d.h. sie brachten Geschmack in die Substanz des Daseins.

Die Intellektuellen wurden, analog zu der wechselvollen Geschichte des Kontinents, zum einen zu Nationalhelden, zum anderen wurden sie verfolgt und gemeuchelt. Auch darin unterschieden sie sich nicht vom Rest der Gesellschaft, deren Teile immer auch beiden beschriebenen Schicksalen erlagen. Dennoch, ohne sie wäre vieles anders verlaufen und ohne sie wäre die Geschichte der verschiedenen europäischen Nationen eine fade Angelegenheit.

Irgendwann, in den achtziger und neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts, da setzte eine Entwicklung ein, die als das Verschwinden der Intellektuellen als markante Gruppe in Europa bezeichnet werden kann. Vielleicht hat es Milan Kundera in einem Essay aus dieser Zeit nolens volens am besten auf den Punkt gebracht. In dem immer noch lesenswerten Essay „Un occident kidnappée oder die Tragödie Zentraleuropas“ beschrieb er, wie er und ein Freund durch die Straßen Prags irren und sich vergeblich überlegen, welchen europäischen Intellektuellen von Format sie denn anrufen könnten, der Partei für sie als zensierte und verfolgte Schriftsteller ergreifen könne. Schließlich fanden sie ihn in Jean Paul Sartre doch, aber der freie, renitente, politisch unabhängige Intellektuelle war in Europa eine Rarität geworden.

Leider lässt sich feststellen, dass sich dieser Zustand verstetigt hat. Die politischen Krisen, in denen sich das heutige Europa befindet, haben an Qualität wie Komplexität zugenommen, aber ein Votum seitens europäischer Intellektueller, die eine internationale Anerkennung aufgrund ihrer eigenen Leistungen genießen, bleibt beharrlich aus. Wie aufreizend wäre es, wenn europäische Intellektuelle aus verschiedenen Ländern den Wahnsinn in der Ukraine, die Brandlegung im Kosovo, den Kulturmord in Portugal, das Auslöschen einer kompletten Generation in Spanien und die Abwicklung einer ganzen Nation in Griechenland anprangern würden. Da wäre es vorbei mit den vermeintlichen Sitten derer, die im Rampenlicht der politischen Öffentlichkeit stehen und von einer primitiven Journalistenschar dafür gelobt werden, dass sie den Weg der Barbarei dem der Zivilisation vorziehen.

Vielleicht ist es gerade der Medienbetrieb, der vieles zunichte gemacht hat, was das freie Denken betrifft. Aber vielleicht sind es auch die Charaktere heute, die so etwas wie schlichte Standfestigkeit vermissen lassen. Emile Zola drohte für sein „J´accuse!“ das Gefängnis und dennoch zögerte er keine Sekunde, den Artikel zu veröffentlichen. Heute, wo die Gebildeten alles spannend finden, was Geld einbringt, scheint das eine Eigenschaft zu sein, die eher befremdet.

Eine Anamnese der Revolution

Die Schriftsteller, die der Nationalsozialismus ins Exil katapultiert hatte und die sich als politischer Teil der deutschen Kultur verstanden, versuchten, aus der erzwungenen Distanz das Drama zu erklären. Heinrich Mann wählte mit seinem üppigen Roman über Henri IV. die Geschichte, Lion Feuchtwanger schilderte in einer Trilogie, „Erfolg, Die Geschwister Oppermann, Exil“, das Abgleiten der Weimarer Republik und auch Oskar Maria Graf sprach in seinem Rückblick „Gelächter von außen“ Weimar die Rolle als Vorbereitung des Desasters zu. Alfred Döblin, der Arzt, ging weiter zurück. Er befasste sich bereits 1937 im Pariser und später im amerikanischen Exil mit der Tragödie des I. Weltkrieges und seines komplexen Endes. In den Jahren 1939 – 1950 erschien die Tetralogie „November 1918. Eine deutsche Revolution“. Döblin akzentuierte das Debakel von Beginn an anders. Das Scheitern der deutschen Revolution war für ihn das Muster, aus dem alles, was folgte, erklärt werden konnte.

Der erste Band der Tetralogie, „Bürger und Soldaten“, beschreibt das Kriegsende aus der Perspektive eines kleinen Ortes im Elsass, aus der benachbarten Großstadt Straßburg und von ersten Streifzügen nach Berlin. Alfred Döblin ist der deutsche Schriftsteller seiner Zeit, der wie kein anderer die Perspektiven der handelnden Personen wechselt und in derm wirren Strudel der Ereignisse ein Panoptikum entstehen lässt, das die Leserschaft erst einmal verkraften muss. Der Prozess des Lesens selbst ist eine Etüde, um die Komplexität des Beschriebenen erfassen zu können. Schnell sind die Wechsel in der Erzählung, und introspektiv wird das Empfinden der Handelnden erforscht. Döblins Schreibweise gleicht einer Anamnese, die zu erkunden sucht, wo die Augenblicke in der Geschichte der Individuen zu suchen sind, die die verhängnisvolle Entwicklung einleiteten.

Das Bild, das Döblin über die Novembertage 1918 in den genannten Orten entstehen lässt, ist weit ab von Eindeutigkeit. Im Elsass selbst sind die Widersprüche nicht minder groß als im Kiel der aufständischen Matrosen oder im Berlin des fliehenden Kaisers. Nur gemächlicher geht es zu. Aber da sind die so genannten Altdeutschen, die für die letzten fünfzig Jahre der elsässischen Zugehörigkeit zu Deutschland stehen, aber die als Bürgerinnen und Bürger Straßburgs nicht schlechter waren als ihre frankophonen Nachbarn. Da sind die Statthalter des deutschen Kaiserreichs, die als Bürokraten und Militärs ein anderes Bild abgeben und in ihrer Borniertheit abstoßen und da sind die Soldaten, die sich verbrüdern und die Last des Krieg einfach nur abwerfen wollen. Den Altdeutschen stehen französisch-nationalistische Konservative gegenüber, die ihrerseits für keinen Neuanfang stehen. Und dennoch, die Uhr tickt in den letzten Kriegs- und ersten Friedenstagen zu schnell, als dass eine besonnen Überlegung über die Zukunft eine Chance gehabt hätte.

Anders da die erzählerischen Stippvisiten nach Berlin, wo sich die aristokratische Herrschaft aus dem Staub gemacht hat und es das Vakuum zu füllen gilt. Massen, die Karl Liebknecht folgen, Schieber, die aus der Not Geld, Gangster, die sich die Revolution zu nutze und politische Spekulanten, die Akteure zu Marionetten machen. Es deutet sich das Berliner Chaos bereits an, in dem nur die abgebrühtesten Zeitgenossen eine Chance haben werden, um die bevorstehenden Stürme zu überstehen.

Alfred Döblins erster Band über den November 1918 ist, trotz der geschilderten Tragödie, ein wohl tuender Roman, da er in seiner Komplexität und Tiefe immer wieder neue Dimensionen erschließt und das Tor zu trivialen Erklärungen versperrt.