Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Hasard am Tisch der Sicherheit

Die Münchner Sicherheitskonferenz hat eine lange Tradition. Sie stammt aus Zeiten, als man befürchten musste, dass überall auf der Welt ein Funken hätte reichen können, um einen globalen Brand zu entfachen. Es war die Phase, als sich zwei unangefochtene Supermächte gegenüber standen und eine bipolare Welt nicht nur Gefahr, sondern auch eine große Übersichtlichkeit schuf. Mit der Bewegung der Blockfreien, in der Länder wie China und Indien, aber auch wie Jugoslawien präsent waren, wurde die Situation erstmals aufgebrochen und heute, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor einem Vierteljahrhundert, wird die Welt neu geordnet. Die USA reklamieren die globale Herrschaft, wogegen sich immer mehr von den USA so genannte Regionalmächte wehren, weil sie gelernt haben, ihre eigenen Interessen zu identifizieren.

Die ehemalige Sowjetunion, einst Hauptkonkurrent der USA, verlor beträchtliche Anteile an Land und Bevölkerung. Die Abtrennung ehemals föderierter Republiken und ihre Deklaration als souveräne Staaten war eine logische Folge nach Jahrzehnten der Bevormundung. Ihre Hinwendung zum Westen vielleicht ebenso. Ihre nahezu komplette, in unterschiedlichen Formen vollzogene Assoziierung mit der NATO, dem Militärbündnis des Westens unter Führung der USA, hat dazu geführt, dass das nach den ruinösen Jahren einer libertäten Wirtschaftspolitik unter Jelzin und des IWF wieder erstarkte Russland darin eine Form der Einkreisung sah, die nichts Gutes verhieß.

Die Ukraine bedeutete für eine derartige Analyse den casus belli. Während Russland zum ersten Mal Njet sagte, expandierte die NATO mit schwerem Geschütz bis vor dessen Haustür. Die Doktrin von der Sicherheitslinie, die vom Baltikum bis zu Georgien am Schwarzen Meer reicht, ist nahezu zu einer realen Existenz geworden. So trennt die NATO militärisch Russland vom Rest Europas. Mehr Bedrohung lässt sich nicht inszenieren. Während Russland darauf reagiert hat, liegt die Europäische Union, die von Anfang an den Einkreisungsprozess eskortiert hat, derweilen mit eigenen Problemen auf Kniehöhe.

Nichtsdestotrotz ist der Auftritt der Bundesverteidigungsministerin beachtlich. Sie macht nicht nur für die Ukraine, sondern auch für die Syrien-Krise immer wieder Russland verantwortlich. In Syrien geht es um Öl und den damit assoziierten Konflikt zwischen Saudi Arabien und dem Iran, und natürlich, wie immer, um die Interessen der USA. In einem solchen Kontext eine Brandrede gegen Russland zu halten, das verantwortlich für das Elend in Syrien sei, ist abenteuerlich. Die Einschätzung des Generals a.d., Harald Kujat, die Möglichkeit eines Waffenstillstandes sei einzig und allein auf die Intervention Russlands zurückzuführen, steht dem diametral entgegen.

Wie schon so oft in der Vergangenheit lässt sich aus den bisherigen Statements in München eine Auseinandersetzung innerhalb des westlichen Lagers vermuten, die zum einen eine Deeskalation mit Russland zum Ziel hat und eine andere der Befeuerung des Unüberbrückbaren. Das Lager ist gespalten und die deutschen Vertreter ebenso, bis in die Regierung. Während von der Leyen immer wieder auf den Eskalationsknopf drückt, versucht Steinmeier ein Rest an diplomatischer Friedensarchitektur zu retten, allerdings, während Gabriel weitere Waffenlieferungen genehmigt. Das sieht eher nach einem gewissen Chaos als nach einer fein abgestimmten und spitzfindigen Rollenverteilung aus.

Abgesehen von den deutschen Irrläufern in diesem Prozess wird deutlich, dass die USA den Konflikt nutzen wollen, um Russland wieder zu schwächen. Angesichts der momentanen Konstellationen ist das allerdings nicht so einfach möglich. Es sei denn, man schickte saudische Truppen direkt nach Syrien, dann ist eine Kettenreaktion gewiss. Wer über so etwas räsoniert, der will mehr als einen Regionalkrieg.

Die Bagatelle als Kollektivsymbol

Korrespondierend mit der wachsenden Interdependenz durch die Globalisierung setzen sich bestimmte Trends in Richtung und Haltung nicht nur sehr schnell, sondern auch großflächig durch. Das bezieht sich auch auf die Art und Weise, wie an bestimmte Zeiterscheinungen herangegangen wird. Und so entsteht das gar nicht so neue, aber nun täglich exklusiv zu betrachtende Phänomen, dass ein Ereignis, mit dem man gestern nach bestimmten Kategorien umgegangen ist, heute in einem völlig neuen Deutungskontext steht. Dieser Kontext, mit dem wir es aktuell zu tun haben, ist der der Hysterisierung und De-Rationalisierung. Das, was als klarer Verstand oder kalte Logik verstanden werden kann, ist nicht mehr en vogue. Dass eine Lady Gaga in einem solch schwülstigen, emotionsgeladenen und geistig heruntergeschrubbten Milieu zu einer Pop-Ikone avanciert, gehört zu den wenigen Rationalitäten, die noch zu verzeichnen sind.

Das Metier wird dominiert von allem, was nicht mit dem scharfen Besteck der Logik seziert werden könnte. Es geht um Leid und Mitleid, Ängste, Verfolgungswahn und Bedrohungsszenarien, es geht um Befürchtungen und es geht immer wieder um Wut. Die Zorndepots, so das Bild Sloterdijks, der seinerseits genauso zum Grundrauschen der Höllenfahrt gehört wie selbst ernannte Philosophen aus dem medialen Feuilleton, die Zorndepots sind bis obenhin voll. Zumindest bei jenen, die sich mit dem Bild der Wut-Bürger geschmeichelt fühlen, vielleicht auch, weil sie nie kämpfen mussten für ihre Herrschaftsrechte, die ihnen jetzt zu entgleiten drohen.

Denn diejenigen, die tatsächlich zu den Verlierern gehören, die sind gar nicht so sehr im Fokus der Wahrnehmung. Eigenartigerweise sind gerade sie, die emotionalisiert sein müssten, eher im Zustand des Phlegmas auf Distanz und sehen sich den ganzen gesellschaftlichen Diskurs, der sich qualitativ in einer historischen Hausse befindet, so an als hätten sie damit nichts zu tun. Ihr Widerwille ist verständlich, ihre Trägheit nicht. Was ihnen, den Verlierern, zu fehlen scheint, ist der Biss der alten Tage, als man noch willens und in der Lage war, die Ursache von Leistung und Wohlstand anhand des eigenen Verhaltens allen, die es wissen wollten und allen, die es nicht begreifen wollten, machtvoll vorzuführen.

Die Frage, die sich aufdrängt, ist die nach der Urkraft der Bagatellisierung des Daseins. Trotz der Größe und dem Brennwert der Probleme, die sich weltweit, grenzübergreifend und suprasystemisch auftun, drehen sich die gesellschaftlichen Diskurse um existenziellen Firlefanz. Flaschenpfand, Verbraucherinformationen, Rauchverbote, Helmpflichten und Biozertifikate sind die Insignien einer Gesellschaft, in der Existenzielles keine Rolle mehr zu spielen scheint. Die Betonung liegt auch Schein, verursacht durch quantitative Überladung, weil die Debatten um genannte Begriffe zu den inszenierten Manövern gehören, um vom eigenen, selbst bestimmten Leben zu desorientieren.

Doch schlechte Nachrichten für alle, die glaubten, die Arbeit sei damit getan! Der Gesellschaftszustand der vermeintlichen Saturiertheit ist mit der Massenimmigration ins Wanken geraten und das kollektive Gefasel über die Bagatelle als Kollektivsymbol der allgemeinen Befindlichkeit droht von einem heranziehenden Tief einer Rationalitätsfront hinweggeblasen zu werden. Die anstehenden Stürme des Frühlings bergen die Chance, der Einfalt, dem Phlegma und der intellektuellen Wurstigkeit das Fürchten zu lehren. Es bleibt bei der These, dass Krisen etwas Gutes in sich haben. Vieles deutet darauf hin, dass die Gesellschaft sich wieder mehr für das Existenzielle interessiert. Gute Zeiten für eine Politik, die den Namen verdient und schlechte Zeiten für die Klasse der Konsens-Talker, die bald unter das Betäubungsmittelgesetz fallen werden.

Erfinderische Not?

Ressourcenökonomie beginnt in der Krise und Innovation beginnt in der Krise. Das vielleicht hierzulande am besten verständliche Beispiel sind die in Deutschland entwickelten und produzierten Verbrennungsmotoren. Weil das Land vor dem und während des II. Weltkrieges nur schwer Zugang zum Öl hatte, waren die Entwickler gezwungen, leistungsfähige Motoren mit geringem Treibstoffverbrauch zu entwickeln. Dieser Zwang war die Geburtsstunde der deutschen Automobilindustrie, wie sie sich auf dem Weltmarkt etablieren und Jahrzehnte lang halten konnte. Der Zwang verhalf zum großen Sprung, oder, wie der Volksmund so schön sagt, Not macht erfinderisch.

In vielerlei Hinsicht lassen sich Beispiele für diese These finden und es ist zu vermerken, dass die bundesrepublikanische Gesellschaft eine Saturiertheit erreicht hat, die den Zustand der Verfügungsnot in vielen Prozessen gar nicht mehr kennt. Die These bedeutet zwar keine eindimensionale Kausalität, denn immer wieder wurden Erfindungen gemacht, die große technologische Weitsicht und kreative Produktivität verrieten, aber die Umsetzung von der Idee oder dem Pionierstück in die Serienpraxis gelang nicht. Die Liste des Scheiterns auf dem Weg von der Idee bis zur Realisierung ist sehr lang und sie reicht vom Telefaxgerät bis zum Transrapid. Entweder war die Vision zu schwach, oder die Bedenken waren zu groß oder Partikularinteressen dominierten. Die Gesellschaft diagnostiziert sich in solchen Fällen den eigenen Zustand wachsender Immobilität.

Auf der anderen Seite kann innovativer Geist nicht verordnet werden. Er entsteht nicht auf Befehl, sondern, und das scheint ein Axiom zu sein, in einer tatsächlichen oder gefühlten Krise. Die gravierendste Krise menschlicher Gesellschaften ist sicherlich der akute Kriegszustand. Ihm wohnt der teuflische Widerspruch inne, dass in ihm die zerstörerischen und inhumanen Kräfte überwiegen, aber auch, dass er eine Kreativität in praktischen Lösungen hervorbringt, wie es der Frieden nicht vermag. Menschen, die Kriege erlebt haben, finden sich anders zurecht, egal, in welcher Umgebung. Wenn es existenziell wird, gelten andere Regeln.

Theorien, die die Erkenntnis von der kreativen Produktivität von Kriegen als Grundlage nehmen, um neue kriegerische Handlungen zu postulieren, sind dennoch kriminell. Sie spielen, ohne dazu jemals autorisiert worden zu sein oder von wem auch immer autorisiert werden zu können mit der Existenz von Menschen. Das ist zynisch und pervers, es sei denn, es handelt sich um die eigene Existenz. Alles andere führt zur Diktatur.

Allerdings können die Erkenntnisse, die aus dem Umstand einer fundamentalen Existenzkrise geschöpft werden, auch in anderen Krisen zur Geltung kommen. Ob es sich um allgemeine Wirtschaftskrisen, Naturkatastrophen oder aber auch große Migrationsbewegungen handelt. In ihnen ist die Gesellschaft in starkem Maße gefragt und ihre eigene Überlebensfähigkeit kann daran abgelesen werden, ob sie in der Lage ist, nach Lösungen zu suchen und die betonierten Strukturen der Saturiertheit aufzulösen, um an Praxis und Geschwindigkeit zu gewinnen. Eine Gesellschaft, die der Auffassung ist, mit der Ankunft von einer Millionen Menschen genauso verfahren zu können wie mit der Einfuhr einer Millionen Schuhkartons, hätte einen Zustand der Handlungsunfähigkeit erreicht, der keine positive Prognose mehr zuließe. Eine Gesellschaft, die die Einfuhrbestimmungen Einfuhrbestimmungen sein ließe und sich fragte, wie die neuen Glieder schnell zu positiven Handlungsträgern würden, hätte die Aufgabe begriffen und zerschlüge schnell die Strukturen, die das verhinderten.

Eine sehr hohe Überlebenskompetenz steht momentan einer groß angelegten Sicherheit von Strukturen gegenüber. Kommt es zur Konfrontation wird es desaströs, doch welchen Charme hätte die Symbiose?