Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Normierung statt Potenzialerkennung

Um das zu begreifen, was vor sich geht, wenn komplexe Faktoren in einem gemeinsamen System aktiv werden und auf ein bestimmtes Ergebnis hinwirken, wurden immer wieder große Anstrengungen unternommen. Letztendlich geht es darum, wie die soziale Ordnung derer ist, die in einem Ensemble ein Ziel verfolgen. Die Modelle, die zur Erklärung eines solchen Unterfangens bemüht werden, reichen von inspirierend bis notdürftig. Die Systemtheorie zum Beispiel gehört sicherlich zu den inspirierenderen, weil sie für sich eine Universalität, unabhängig von konkreten Kontexten, beanspruchen kann. Wohingegen das Mantra vieler, die sich mit Organisationstheorie beschäftigen, wie ein nicht mehr erhellendes Instrument der Sechziger Jahre erscheint. Dennoch ist es allenthalben en vogue, und kaum jemand traut sich zur Zeit, die Grundgedanken des Modells in Frage zu stellen.

Die vor allem im Arbeitsleben zelebrierte Organisationstheorie geht von drei Bestandteilen aus, die jeweils zu untersuchen sind: Produkte und Leistungen, Prozesse und Rollen. Es geht also um die sehr ordinäre Frage, was an Personal und welche Arbeitsabfolgen gebraucht werden, um eine bestimmte Leistung zu erbringen. Diese Perspektive ist die des Taylorismus und sie hatte hierzulande sicherlich ihren Höhepunkt während der Rationalisierung der Industrieprozesse in den Siebziger Jahren des letzten Jahrtausends. Seitdem hat sich sehr viel geändert, vor allem bei der Betrachtung von Prozessen und Menschen, nur die offizielle Sichtweise, die darüber entscheidet, von wem, wie und zu welchen Bedingungen gearbeitet wird, diese Sichtweise ist die alte geblieben und zu einer der größt vorstellbaren Produktivitätsbremsen geworden, die vorstellbar sind.

Das Mantra von Leistung, Prozess und Rolle geht, nimmt man es genau, bis hin in eine politisch untragbare Normierung. Das Vorgehen ist immer das gleiche: Es wird eine Handlung beschrieben wie sie idealtypisch vollzogen werden soll, daraus wird das Anforderungsprofil derer abgeleitet, die diese Handlung vollziehen sollen. Bei der Entscheidung darüber, wer dies ist, wird die tatsächliche Befähigung mit den Anforderungen abgeglichen und die Person, die dem am nächsten kommt, wird ausgewählt. Da eine Kongruenz zwischen Befähigung und Anforderung fast nie eintritt, befinden sich die Menschen, denen die Handlung zugetraut wird, immer im defizitären Bereich zur Anforderung. Diese Defizite zwischen Normierung und tatsächlichem Potenzial stellen den gesamten Handlungsraum dessen dar, was als Personalentwicklung gilt.

Allein der Aspekt der so genannten Rolle bietet also großes Potenzial, um sich über das zu unterhalten, was da schief läuft. Ein einfacher Hinweis sei gestattet und möge reichen, um auf die technokratische Anomaliät hinzuweisen, die diesem Denken zugrunde liegt: Alle großen Organisationen führen detailliert Buch über die oben beschriebenen Defizite zwischen Anforderung und Befähigung. Über die mit keinem normativen Bild abgeglichenen Fähigkeiten oder Potenziale wissen sie jedoch nichts. Und es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, welcher Vorstellungswelt die Beschreibung der zugedachten Rollen entspricht. Es sind Organisatoren mit technokratischem Horizont, die das Idealtypische an humaner Wirkungskraft formulieren sollen.

Unabhängig von den völlig anderen, eher der Chaostheorie affinen Prozesse zeitgenössischer Arbeitsorganisation, auf die an anderer Stelle eingegangen werden muss, findet in deutschen Organisationen immer noch eine maskulin-zentraleuroäische Normierung statt, die weit von den Potenzialen abweicht, die sich mittlerweile hier im ungenutzten Raum bewegen. Besonders deutlich wird das werden bei der Integration der Immigrantinnen und Immigranten. Dann wird wieder die Rede davon sein, was sie alles tun müssen, um an das herrschende Mantra des Messen-Zählen-Wiegen heranzukommen. Was sie können und beherrschen jenseits dieses Mantras und was dadurch bereichern könnte, steht nach der gängigen Theorie nicht zur Debatte.

Vom Prekariat des Gutmenschentums

Bertolt Brecht. Der gute Mensch von Sezuan

Der gute Mensch von Sezuan entstand in den Jahren 1938 – 1940. Das Stück wurde als Parabel vorgestellt und 1943 im Schauspielhaus Zürich uraufgeführt. Die erste geschriebene Fassung erschien 1953. Die Daten von Entstehung, Aufführung und letztendlicher Publikation verdeutlichen die widrigen Umstände. Der II. Weltkrieg und das Dasein als Exilant erschwerten alles. Bertolt Brecht ließ sich dennoch nicht davon abbringen, ein bis heute virulentes Thema zu erörtern, sondern das in Jahrzehnten gereifte Konzept des epischen Theaters in seiner Komplexität auf die Bühne zu bringen.

Vom Verfremdungseffekt bis hin zu der immer wieder deutlich werdenden Botschaft, dass das ferne chinesische Sezuan stellvertretend stünde für alle Verhältnisse, in denen Ausbeutung und die dazu gehörenden Besitzverhältnisse menschliches Verhalten prädestinieren. Jeder Akt und jede Szene des Stückes stehen für sich selbst und die einzelnen Module sind Bestandteil eines Ganzen. Anhand von Regieanweisungen, Requisiten und schauspielerischen Gesten wird immer wieder darauf hingewiesen, dass es sich um ein Lehrstück handelt, das das Thema diskursiv einkreisen soll und vor allem verhindert, die Zuschauer in das Reich der Illusion entfliehen zu lassen.

Der gute Mensch von Sezuan ist die Prostituierte Shen Te, die durch die unerwartete Gabe von Göttern, die hinunter ins Irdische gekommen sind, um nach einem guten Menschen zu suchen, zu einem kleinen Auskommen kommt. Sie verstrickt sich immer wieder in prekäre Situationen, solange sie als guter Mensch handelt. Ihr Mitgefühl, ihr Altruismus und ihre Solidarität lassen sie immer wieder an den harten Mechanismen der wirtschaftlichen Gesetze scheitern. Jede gute Tat rächt sich an der gänzlich anderen Logik des Kapitalismus. Indem Shen Te gut handelt, untergräbt sie die Wurzeln der eigenen Existenz.

Das alter ego Shen Tes ist Shui Ta, ihr den anderen handelnden Personen vorgespielter Vetter, der, sobald sie entschwindet, das wirtschaftliche Chaos, das sie angerichtet hat, mit der eisernen Logik des Geschäftsmannes wieder in Ordnung bringt. Während Shen Te bei den Bedürftigen zu einem Mythos wird, bringt Shui Ta diese gegen sich auf. Und sobald Shui Ta wieder verschwindet, erscheint der gute Mensch Shen Te.

Die Götter, die weiter auf der Erde herumirren und zusehends von dem Chaos ramponiert daher kommen, werden zusehends zu einem Zeugnis ihrer eigenen Überforderung. Sie verstehen die Welt, an deren Bonität sie glauben wollen, nicht mehr und sind mehr und mehr lädiert wie enerviert.

Der Widerspruch von Shen Te und Shui Ta wird zum Schluss des Stückes aufgelöst, indem sich herausstellt, dass es sich um ein und die selbe Person handelt. Diese Erkenntnis bezieht sich auf die agierenden Personen auf der Bühne, aber nicht auf das Publikum, weil dieses in die Doppelexistenz längst eingeweiht ist. Und die Götter, die von der Gravität der wirtschaftlichen Mechanismen überfordert sind, entfliehen, einen faulen Kompromiss suggerierend, überfordert in die himmlischen Sphären zurück.

Der gute Mensch von Sezuan ist, analog zur Heiligen Johanna der Schlachthöfe, eine dezidierte Religionskritik. Im letzteren Stück wird die Instrumentalisierung des Charity durch die Herrschenden thematisiert, im guten Menschen von Sezuan die Überforderung der Religion bei der Erklärung der kapitalistischen Produktionsweise. Letztere wird auch zum zentralen Thema bei der Erklärung der Dialektik von Gutmenschentum und Ruin. Der gute Mensch kann in den Verhältnissen, so wie sie sind, wirtschaftlich nicht existieren. Und folgt er der wirtschaftlichen Logik, so kann er nicht mehr gut sein. Der gute Mensch von Sezuan bringt diese Aporie auf den Punkt.

Nr. 14

Raum und Zeit. Um nichts anderes geht und ging es im Fußball. Und um Schönheit. Das, was sehr abstrakt als höchste Weisheit des Fußballs herüberkommt, wird selten beherzigt. Manche Trainer, natürlich die sehr erfolgreichen, beherzigen dieses. Wenige Spieler vermögen es, die gesamte Philosophie durch die Art und Weise, wie sie spielen, zu erklären. Ein Name jedoch ist mit dieser Quintessenz verbunden wie kein anderer. Es ist Johan Cruyff. Er verkörperte wie kein anderer als Spieler diese Philosophie. Wenn Johan Cruyff am Ball war, dann vermittelte sich diese Philosophie. Er war der, der das höchste Konzept nicht nur materialisierte, sondern auch zum Erfolg führte.

Einmal, im Jahr 1974, war das nicht der Fall. Da spielte Holland, das jener Johan Cruyff aus dem Dornröschenschlaf gerissen hatte und das kleine Land für immer zu einem Fußballgiganten gemacht hatte, den besten Fußball und wurde dennoch nur Zweiter. In diesem Turnier zauberte die niederländische Mannschaft alles weg, was sich ihr in den Weg stellte und unterlag im Finale gegen Deutschland. Der Spieler des Turniers war dennoch Johann Cruyff. Dort, wo Oranje auftauchte, verwandelten sich die ansonsten von dumpfen Kampfgesängen beherrschten Stadien in ein Volksfest. Tausende Niederländer erschienen ganz in Orange, sie tanzten, sie sangen und brachten die Blaskapelle von Ajax Amsterdam gleich mit. Die begleitete jedes Spiel mit Swing und es entstand eine Choreographie der guten Stimmung, der Lebensfreude und des Geschwindigkeitsrausches. Nichts hat jemals wieder soviel gute Laune in die Stadien gebracht, wie diese Anwandlung von Lebensästhetik.

Johan Cruyff ging von Amsterdam nach Barcelona, wo er nach seiner aktiven Laufbahn als Spieler mit seiner Philosophie den Grundstein legte für die Vision des modernen Fußballs, die bis heute herrscht und nur von ganz wenigen erreicht wird. Mit der Zeit jonglieren und den Raum als unbegrenzte Möglichkeit zelebrierend hat er den Weltfußball revolutioniert. Als Trainer war er so erfolgreich wie als Spieler und er war es, der das Talent der Jungen immer wieder entdeckte und förderte. Wenn ein Attribut auf diesen Ausnahmespieler und diese Persönlichkeit zutrifft, dann ist es die des Begnadeten. So etwas kommt selten vor und vielleicht ist das auch gut so.

In den Niederlanden nannten sie ihn König Johan. Ihnen reichte der König, sie brauchten keinen Kaiser, um seine Superlative zu beschreiben. Wer in den Jahren, als er bei Ajax Amsterdam und Barcelona spielte, oder beide Teams später trainierte einmal mitbekommen hat, was dieser Mann in seinem Land bedeutete, der wird das nicht vergessen. Da wurde, als handelte es sich um einen die Welt beherrschenden Geist nur von Johan gesprochen. Wenn sein Name viel, dann würde es ruhig, regelrecht andächtig, in den Kneipen, auf den Rängen oder den großen Plätzen. Johan war eine Instanz, die mehr galt als alle Größen aus Politik oder Wirtschaft.

Johan Cruyff war unbequem, kämpferisch und suchte den Konflikt. Er und sein Entdecker, Rinus Michels, genannt der General, hatten kein einfaches Verhältnis, aber produktiv war es und es schuf den Fußball, der mit allen Attributen verbunden wird, die das Schöne beschreiben. Johan Cruyff trug die Rückennummer 14. Sie ist seitdem Legende. Sie wird es bleiben. Mit seinem Tod gehört sie ins Museum. Soviel Schönheit, Innovation und Esprit wird nie wieder von ihr ausgehen.