Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

„Und dann stehen wir auf den Champs-Élysées“

Heute, an einem Sonntagmorgen, nach dem Sport, im Dampfbad, ertönte beim Eintreten aus den wabernden Schwaden gleich eine schrille Ansage, jetzt, so tönte es, geht es im Halbfinale nach Marseille, da wird entweder Frankreich zerlegt oder den Isländern das Licht ausgepustet, und dann stehen wir auf den Champs-Élysées und haben den Triumphbogen fest im Auge. Trotz des aufkommenden Gelächters ließ sich der Sender nicht beirren und fuhr fort, in einer Diktion, die an die alte Landserrhetorik erinnerte, seine Phantasien in den Nebel zu senden. Bei näherem hinsehen entpuppte sich der Militärstratege alle ein etwas älterer kleiner Mann mit verkniffenen eisgrauen Augen, der den Eindruck vermittelte, als stünde er mitten im Leben. Eine Episode, die sicherlich kein Alleinstellungsmerkmal genießt. Der Sieg der deutschen Nationalmannschaft über Italien hat auch wieder jene Kräfte freigesetzt, die zeigen, was tief im Innern immer noch in dem kollektiven Bewusstsein steckt, selbst wenn es um nichts anderes als um ein sportliches Ereignis geht.

Die Weltmachtsphantasien sollten vielleicht einer kleinen Prüfung standhalten und auf Dilemmata hinweisen, mit denen Deutschland immer wieder zu kämpfen hat. Eine Voraussetzung, sich mit anderen zu messen ist immer die, sich seiner eigenen Mittel bewusst zu sein, bevor man sich auf einen Wettkampf einlässt. Im Hinblick auf die zurückliegenden Spiele dieser EM wären da einige taktische Varianten, die zu den bisherigen Erfolgen geführt haben. An ihnen festzuhalten, wäre eine kluge und weitsichtige Entscheidung. Sobald jedoch der Name Italiens auftaucht, scheint sich diese Erfahrung in das große Nichts aufzulösen. Gleich einer großen Wolke scheint dann nämlich regelmäßig das aufzutauchen, was selbst international nicht unzutreffend The German Angst bezeichnet wird. Dann starren die Akteure wie das Kaninchen auf die Schlange und disponieren um. Sie definieren sich und ihr Spiel im überdimensionierten Abgleich zu dem System, das die Italiener spielen.

Trotz schmerzhafter Niederlagen und Erfahrungen tat dieses diesmal auch wieder der Bundestrainer, der sich nicht beirren ließ und die Kaninchenstrategie wählte. Die Folge war ein an Melodramatik nicht zu überbietendes Spiel, das dieses eine Mal jedoch nicht in einer Niederlage endete. Sie war wahrscheinlich und setzte sich deshalb nicht durch, weil in einem aberwitzigen, weil reihenhaft fehlerhaften Elfmeterschießen auch die Italiener einen rabenschwarzen Tag erwischt hatten. Gewinnen hätten beide Teams können, verdient hätte es keines. Denn der Fußball, den sie boten, war von Taktik regelrecht zerfressen. Und wer behauptet, das Spiel hätte für die Zuschauer mehr Gehalt und Spannung gehabt als die anderen vorhergegangenen Spiele, nach denen ein Elfmeterschießen notwendig geworden war, der kam nur zu dem Schluss, weil er emotional betroffen war. Schön war das nicht, fußballerisch exzellent war es auch nicht und, wie es so schön heißt, verdient zu gewinnen hatte es auch keiner.

Aber manchmal reicht es eben, wenn zum Schluss nichts als der Erfolg steht, kalt und leblos, nachdem alle, die sich von diesem Spiel begeistern lassen, mit den Nerven völlig am Ende waren. Ja, das Viertelfinale gegen Italien war ein schlechtes Spiel mit hohem Nervenverschleißcharakter. Daraus nun den Schluss zu ziehen, irgendwer hätte geniale Einfälle gehabt, ist eine jener Täuschungen, die zerrüttete Nerven nicht selten hinterlassen. Nun geht es weiter und die Großmachtsbüchsen sind schon wieder geladen. Solange das im Dampfbad passiert, ist das völlig in Ordnung. Zu mehr besteht nun aber gar kein Anlass.

Kalte lusitanische Taktik und ein kleiner roter Drachen

Diese EM zeigt mehr und mehr Kontur. Allerdings als Veranstaltung, die sich als eine Geldmaschine für die UEFA bestätigt. Eine Geldmaschine auf Kosten der Akteure wie des Publikums. Das Turnier wurde auf noch mehr Teilnehmer aufgeblasen, um mehr Spiele zu haben, die zu vermarkten sind. Das Ergebnis sind entweder Teilnehmer, die von ihrer Qualität dort nichts zu suchen haben und Profifußballer, die dort ihre sechzigsten bis siebzigsten Spiele der Saison abliefern und die längst an ihren physischen und mentalen Grenzen angekommen sind. Das bei der Kritik an den großen Vertretern der Branche nicht zu berücksichtigen, dokumentiert schlicht Ignoranz. Dennoch gibt es Highlights und Überraschungen, und das sollte ausdrücklich festgehalten werden, Highlights trotz der UEFA und trotz einer zumindest hierzulande miserablen Berichterstattung. Zu den nicht erwarteten Highlights zählen momentan die Teams aus Island und Wales.

Bei der bisherigen Qualifikation zum Halbfinale gab es bis dato zwei brachial wirkende Überraschungen. Die eine war der Sieg Islands über England, die andere die Niederlage Belgiens gegen Wales. Die letzten Vertreter Großbritanniens, die ein Land mit der Größe eines entlegenen und eher untergeordneten Bundeslandes repräsentieren, haben bis jetzt mit einer sehr starken Mannschaftsleistung und einigen Akzenten ihres Superstars Bale den erfolgreichen Weg bestritten. Das von Hochkarätern besetzte Team Belgiens wähnte sich nach einer frühen Führung wenig später in einem Film, der die Rollen dramatisch vertauschte. Die Underdogs führten Regie und schlugen mit einer einzigartigen Kaltblütigkeit zurück, sodass auf jeden Fall die Frage nach der Jugendfreiheit für diesen Streifen geklärt werden muss.

Dass sowohl die meisten Akteuere von Wales wie von der Feuerinsel Island quasi den Status als Amateure haben, weist einerseits auf den Überlastungsstatus der Profis am Ende einer Saison hin, zeigt andererseits aber auch, welche Dimension der kollektive Wille annehmen kann, wenn die Unterprivilegierten sich vornehmen, die Paläste zu stürmen. Alle, die in Europa von einer Revolte der Kleinen gegen die Dominanten träumen, können diese Tendenz in dieser EM 2016 lesen und etwas Hoffnung schöpfen. Das Emblem der metaphorischen Revolte ist momentan eine Vulkaninsel und ein roter Drachen. Und, das ist das Schöne, der Weg ist noch nicht zu Ende.

Eine andere Geschichte ist die von Portugal. Die Equipe dieses Landes hat viele Jahre lang Auftritte in der Qualität der offensiven Niederländer hingelegt und jedesmal genauso wie die genannten relativ früh, in Schönheit gestorben, das Turnier verlassen müssen. Nun maßen sich diese Südländer tatsächlich an, wie die kalten Utilitaristen aus dem Norden aufzutreten und schon werden sie gebasht was das Zeug hält. Die deutsche Sportjournaille lässt keine Gelegenheit ungenutzt, um Portugal und natürlich vor allem Ronaldo zu bescheinigen, dass sie schlechten Fußball spielen und eigentlich zu Unrecht im Halbfinale stehen, während der bei den erfolg- wie konzeptionslosen Polen Lewandowski wie eine Madonnenerscheinung gefeiert und das unterlegene Team bemitleidet wird. Aber die Leserinnen und Leser mögen unbesorgt sein, es gibt Gründe dafür, und die liegen an verlorenen Konkurrenzduellen mit dem bayrischen Staatsverein. Aber man kann ja auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen immer wieder testen, wie weit man gehen kann, mit Manipulation wie Verhetzung.

Bisher haben kalte lusitanische Taktik und die Kampfbereitschaft eines kleinen roten Drachen den Weg ins Halbfinale gefunden. Nun stellt sich die Frage, wer sich dazugesellt. Es wird spannend.

Die Mittagsbrezel

Ja, in der Literatur der 1920iger Jahre, da tauchten plötzlich Figuren auf, die vorher so gar nicht existierten, die niemand auf dem Schirm hatte und die aus dem Boden schossen wie die Waldpilze. Weltverbesserer, Mystiker, Reformbewegte, Sterndeuter, Sonnenanbeter, Verdauungsphilosophen und Verschwörungstheoretiker. Als hätte die damalige Gesellschaft wie ein Seismograph reagiert auf die bevorstehende Katastrophe, die den europäischen Kontinent heimsuchen sollte wie kein Ereignis zuvor. Das irre Funkeln in den Augen, flüsterten diese schrägen Gestalten ihre Phantasien und Horrorszenarien in das Halblicht der Handlung. Die Literaten, die das beschrieben, hielten sich an ihre Beobachtungsgabe, ohne das, was sie da beobachteten, zeitgleich zu deuten zu vermögen.

Erst bei Werken, die nach Eintreten der großen Katastrophe erschienen, begannen die Interpretationen, die der wachsenden Zahl irrlichternder Individuen eine Art Frühwarncharakter für den großen Knall zuwiesen. Widersprochen wurde dem nie, aber so interessant, dass es eine Debatte mit Für und Wider gegeben hätte, war es bis heute auch nicht. Um offen zu sein: Ich glaube an die These, dass eine ansteigende Anzahl von Lunatics ein Indiz für einer vehemente gesellschaftliche Krisenentwicklung ist.

Umso mehr besorgt mich ein Erlebnis, das ich gestern hatte. Nach einer längeren Sitzung am Vormittag und einer weiteren, wichtigen, eine gute Stunde später entschied ich mich, nur eine kurze, informelle Auszeit zu nehmen, um den Mittag zu überbrücken. So fuhr ich mit dem Fahrrad in einen Stadtteil, von dem ich wusste, dass es dort mehrere ganz gute Cafés gab, wo man formlos und leger eine Kleinigkeit zu sich nehmen konnte. Dort angekommen, entschied ich mich sogar für eine Bäckerei, kaufte zwei Brezeln und einen Kaffee und setzte mich direkt auf eine kleine Bank auf dem Trottoir direkt vor dem Schaufenster und begann das Gekaufte zu konsumieren. Dabei beobachtete ich das Treiben in der lebhaften Straße und genoss das Grundrauschen des Alltags. Was ich nicht bemerkt hatte, war ein auch auf der Bank sitzender Nachbar. Erst als dieser begann, mich in ein Gespräch zu verwickeln, nahm ich ihn wahr.

Ganz harmlos sprach mich ein ungefähr siebzigjähriger Mann an, der zwischen seinen Füßen eine angetrunkene Flasche Bier stehen hatte und in der Hand einen Kaffeebecher aus Styropor hielt. Stellen Sie sich vor, so begann er, die da drüben, und dabei wies er auf ein Café vis-a-vis, nehmen doch tatsächlich für einen Kaffee Einssechzig, die sind doch völlig verrückt geworden. Und hier, da nehmen sie Einszwanzig, da ist doch klar, wohin man geht. Abwesend und vielleicht auch etwas abweisend stimmte ich dem Mann zu, signalisierte aber wohl durch meine Körpersprache, dass ich ganz gerne einige Minuten mit mir allein gewesen wäre. Aber wie so oft im Leben, mein Signal wurde gänzlich anders aufgenommen von dem Mann, der durchschnittsgepflegt und -gekleidet aussah und keinerlei Verwahrlosung vermuten ließ.

Wissen Sie, so spann er seinen Faden weiter, nicht, dass ich so knapp wäre, dass ich bei einem Tässchen Kaffee gleich rechnen müsste, denn meine Rente ist nicht schlecht, aber bescheuert, bescheuert bin ich schon lange nicht. Und, ehe ich mich versah, befand ich mich in einer wilden Geschichte, die ich aufgrund ihrer Vehemenz, ihres Tempos, ihrer wachsenden Lautstärke und meiner nach dem Verzehr der Brezel abrupt beschlossenen Flucht nur noch bruchstückhaft in Erinnerung habe.

Es begann mit einem Ärztekomplott, einer jener typischen Veranstaltung der Faschisten in Weiß, die ihm, meinem Nachbarn, doch alle Diabetes diagnostizierten, wo er doch kerngesund sei. Diese dreckige Mischpoke jedoch wolle ihn mit den der Krankheit zugedachten Medikamenten Schachmatt setzen. Aber da, so der immer lauter werdende Banknachbar, da müssten diese Schlafmützen früher aufstehen. Die Killerdrogen hätte er entweder gleich vor der Apotheke in den Gully gekippt oder später zuhause ins Scheißhaus geworfen. Nun, etwas erstaunlich, bekam sein Gesicht einen milden Zug und er sinnierte, immer noch gleich laut, über die Weißkittel nach, die natürlich auch nur Oper seien.

Die eigentlichen Schweinehunde seinen nämlich die Staatsbullen. Die hätten es schon immer auf ihn abgesehen. Aber, und nun war er so laut, dass vorbeigehende Passanten auch mich fragend anzusehen begannen, diese Arschlöcher sollten sich bloß nicht so sicher sein. Seit Jahrzehnten verfolge er ihr abgekartetes Spiel, tausendmal hätten sie versucht, ihn zur Strecke zu bringen, aber immer, immer sei er diesen Halbintelligenzlern auf die Schliche gekommen. Mit seinem Namen, und jetzt wurde es nahezu literarisch, mit meinem Namen, so schrie er völlig ungehemmt über die Straße, ist euer Scheitern verbunden. Nun saß er auch nicht mehr, sondern er stand auf der Bank, hatte die Faust geballt und drohte nun, so wie es aussah, dem ganzen Viertel. Passt gut auf Freunde, ich habe das lautlose Töten gelernt. Wenn ihr glaubt, mich fertigmachen zu können, dann seid ihr schief gewickelt. Ohne dass einer was hört, wringe ich euch euer armseliges Dasein aus, bevor ihr was merkt, liegt euer hässlicher Kadaver hier im Rinnstein.

Als nun doch der Verkehr zum Erliegen kam, bezog mich der schrille Zeitgenosse wieder in seine heißblütige Eloge mit ein. Verstehen Sie, ich habe das lautlose Töten gelernt und wissen Sie was, das Wichtigste wissen diese bekloppten Staatbullen noch gar nicht! Ich bin nämlich mit Graf Stauffenberg befreundet!

Nun bekam ich die Vision, dass ein längeres Verweilen auf ein und derselben Bank eventuell dazu führen könnte, dass ich mit dem Rhetor der Straße in fürsorgliches Gewahrsam genommen werden könnte. Meine Brezel war verzehrt und so sprang ich, nicht ohne kollegialen Wink zu dem Killer und Stauffenbergfreund und zur Verwunderung einiger Passanten auf mein Fahrrad und machte mich von dannen. Auch Stunden später noch dachte ich immer wieder an das kleine Erlebnis. So irrsinnig vieles auch klang, diese Bankbekanntschaft hatte mich heftig zum Nachdenken gebracht.