Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

EM: Der Fußballkapitalismus und die alten Werte

Das Finale bestätigte die Eindrücke, die sich während des Turniersaufgedrängt hatten. Fußballerisch waren keine Innovationen zu verzeichnen. Vor allem bei den Auftritten Italiens und Portugals fiel die Rückbesinnung auf den Gemeinschaftsgeist auf. Von deutscher Seite her sich darüber zu mokieren, ist insofern absurd, als dass das Branding Die Mannschaft nun schon über Jahre läuft. Wie insgesamt die Polemik gegen Portugal unangebracht ist, weil sich das Team a) als eine Turniermannschaft und b) als ein sehr stabiles Team erwiesen hat. Der einzige Makel, den man ihm zuweisen muss ist die Tatsache, dass sie sich den Pokal geholt haben, obwohl im UEFA-Establishment entweder Frankreich oder Deutschland gesetzt waren. Gut, dass es nicht so gekommen ist, denn die Leistungen dieser beiden Teams waren bereits in einer lauen Vorrunde sehr durchwachsen.

Die Propaganda in der Gruppenphase hat einen Vorgeschmack dafür geliefert, was das Fußballvolk bei der nächsten WM in Russland erwartet. Während die Fokussierung auf russische Hooligans entlarvten, wie milde man mit den britischen Vandalen umging, wurde klar, der Kalte Krieg gegen Russland steht nach wie vor auf dem Programm und wird auch von der UEFA verfolgt und vor dem Brexit, als noch Hoffnung auf das Plebiszit bestand, durfte man gegen England nicht vorgehen. Da stellt sich die Frage, wodurch unterscheiden sich eigentlich die Initiatoren und Organisatoren dieser EM von den Hooligans? Eines ist sicher: an pechschwarzen Stunden hat es in diesem Turnier wahrlich nicht gefehlt.

Dem amtierenden Weltmeister ist es nicht gelungen, sein Erbe auch nur zu verwalten, geschweige denn mit Innovationen aufzuwarten. In zwei Jahren ist es nicht gelungen, Leistungsträger wie Philip Lahm oder Miroslav Klose zu ersetzen. Thomas Müller lag bei dieser EM auf dem Platz wie der Schatz im Silbersee, weil ein Lahm ihn nicht bediente und der Angriff war eine zahnlose Tiki-Taka-Gala. Über diese naheliegenden Fragen wurde nicht einmal diskutiert, weil alles, was auch nur den Anschein an Kritik erweckt, als Majestätsbeleidigung diffamiert wird. So wird aus Absolutismus schnell freier Fall. Nach dem Turnier ist die Frage berechtigt, wo sich der Bundestrainer in den letzten beiden Jahren mental aufgehalten hat. Gerade wegen des durch die Talentförderung existierenden Potenzials ist der Ruf nach neuen Impulsen nicht nur berechtigt, sondern logisch.

Die Teams, die positiv in Erinnerung bleiben werden, sind vor allem Island, Wales und Nordirland. Sie sind es nicht unbedingt wegen ihrer Spielweise, die zum Teil archaisch wirkte, aber dennoch erfolgreich war, weil die Favoriten überspielt und zum Teil unmotiviert wirkten. Aber sie überzeugten durch ihre Anhänger, die dem Spiel viel Freude abgewinnen konnten und das auch zeigten. So wird es auch dort nicht bleiben, aber es hat deutlich gemacht, woran es dem immer dramatischer werdenden Fußballkapitalismus zunehmend fehlt, nämlich an Herzblut. Dass damit die Marktgrundlage, die auf der Begeisterung der Massen beruht, zerstört wird, interessiert die Funktionäre der Verbände wenig, genauso wie das bei denen der EU in vielen Fällen zu beobachten ist.

Und damit wären wir wieder bei der Politik. Was hat die EM uns gezeigt? Frankreich und England wurden überschätzt. England massiv und Frankreich fatal. Deutschland hat das Geschehen dominiert, aber keinen Zugriff entwickeln können. Ein neuer Spirit, der auf alten Werten beruht, wurde in Italien und Portugal entwickelt. Noch Fragen?

 

Über die Notwendigkeit der Polemik

Einwürfe und Kritik sind die Mutter der Entwicklung. Zu sehr hat sich der Diskurs in der Konsensgesellschaft von den produktiven Kräften der Kritik entfernt. Es geht soweit, dass immer mehr Menschen den Dissens psychisch gar nicht mehr vertragen. Im Laufe von Jahrzehnten hat sich das so entwickelt. Wenn es Streit um gesellschaftspolitische Themen gibt, dann wird der in einer Art Stellvertretermentalität öffentlich in Talk Shows ausgetragen, aber selbst die Initiative zu ergreifen und selbst bei der Arbeit, in Vereinen, Initiativen oder Komitees das Schwert der flammenden Sapiens in die Hand zu nehmen, um etwas auszufechten, ist zu einer Rarität geworden.

Polemik, dieses Wort, mit dem nahezu 100 Jahre lang die notwendigen kritischen Auseinandersetzungen bezeichnet worden sind, ist zur Beschreibung eines schlechten Zustandes mutiert. Folglich hat sich der Sinn verändert, den es transportiert. Waren es in den Zeiten des blühenden Streits die Situationen, in denen sich Kontrahenten gegenseitig bei jedem ihrer Argumente packten, auch mal überzeichneten und richtig scharf zur Sache gingen, so ist Polemik heute eher eine Geschichte, die für ein sich kollektives Danebenbenehmen steht. Forderte man sich vor einigen Jahrzehnten gegenseitig noch zu einer Polemik auf, so wird heute davor gewarnt. Vor allem in der Politik, genau dort, wo Streitkultur gefragt ist, wird die Polemik gemieden wie eine Infektionskrankheit.

Neben dem Ausbleiben der politischen Bildung, die mit dem vermeintlichen Sieg über den Sozialismus im Jahre 1990 in der Republik komplett beerdigt wurde und deren Abschied bereits die ersten giftigen Früchte zeigt, ist die Diskreditierung der Polemik ein weiterer Grund für die massive Schwächung der Demokratie. Und bitte jetzt nicht den Dampfhammer, um Demokratie stünde es immer schlecht! Demokratie ist immer eine Illusion, ja, aber die Festigkeit, mit der dieser Illusion von gesellschaftlichen Kräften entgegengegangen wird, die ist unterschiedlich. Wesensmerkmal dabei ist das Wissen um das, wofür einzutreten man gewillt ist und die Fähigkeit, sich im Streit mit anderen Positionen zu messen und andere zu überzeugen.

AngesIchts der verheerenden Zustände um Wissen wie ausgebildeter Fähigkeiten, die sich manifestieren in der Hinnahme von Verhältnissen, die nicht im Einklang stehen mit den Interessen großer Bevölkerungsteile und die noch trauriger dokumentiert werden durch die zumindest zunächst schweigende Akzeptanz der Darstellung dieser ungerechten, egoistisch geprägten, die Folgeschäden nicht beachtenden Verhältnisse durch staatliche Medien, angesichts dieser Zustände sind strukturelle Interventionen erforderlich.

Die erste und wichtige ist die der erneuten Etablierung der politischen Bildung. Primär sollte das in Schulen passieren, beginnen wird es wahrscheinlich aber in anderen Bildungsinstitutionen und Stiftungen. Das Wissen um den Verlust und die Folgen dieses Verlusts der politischen Bildung geht, und das ist die gute Nachricht, bereits so weit, dass in Betrieben, auf Initiative von Betriebsräten wie Vorständen, derartige Angebote existieren.

Die andere Maßnahme, die nichts kostet und die durch die Verschärfung der Verhältnisse zunehmend aktiviert werden wird, ist die der Polemik. Die Auseinandersetzung führen, sich nicht auf die Konsumentenhaltung reduzieren lassen, das ist ein Postulat, dem sich niemand verwehren sollte, dem an der Veränderung des Zustands gelegen ist. Die Zeit ist reif für mehr Aggressivität, für eine mutigere Bereitschaft zur Enthüllung und Demaskierung derer, die sich so sehr daran gewöhnt haben, im schönen Schein der Friedhofsruhe ihre schäbigen, egoistischen Geschäfte abwickeln zu können. Nochmal, Einwürfe und Kritik sind die Mutter der Entwicklung!

Der Fußball und die lernende Organisation

Rein gefühlsmäßig wäre ein italienisches Basta! jetzt wohltuend. Die EM geht ins Finale ohne die Deutschen, aber mit zwei Teams, die sich das durchaus verdient haben. Irgendwie ist es auch langweilig, sich wieder die Ideologen vorzunehmen, die ihre Tiraden über das Turnier zu transportieren suchten. Lassen wir es dabei: Deutschland ist raus, obwohl es teilweise überzeugen konnte, andere waren besser, weil sie mehr Tore geschossen haben. Aber getreu der festen Überzeugung, dass der Fußball auch immer wieder eine Plattform ist, auf der lebens- und gesellschaftsrelevante Themen illustriert werden, sei doch noch ein Gedanke gestattet. Das Spiel gegen Frankreich ist wieder so ein Ereignis, das genug Material für die Gegenüberstellung zweier Herangehensweisen an Komplexe wie die Arbeit und das Leben insgesamt liefern. Es handelt sich um den Umgang mit Fehlern.

Die eine Betrachtungsweise ist klassisch und destruktiv. Sie sieht sich einen Vorgang an und versucht anhand seines Ablaufes auszumachen, wo Fehler aufgetreten sind und wer sie verursacht hat. Im vorliegenden Fall ist das sehr einfach: der erste Fehler wurde von Schweinsteiger bei seinem Handspiel begangen, der zweite in der zweiten Hälfte war das Abwehrverhalten von Kimmich gegenüber Pogba und die falsche Technik Neuers kurz darauf. Die Methode ist so populär, weil sie durch ihre Einfachheit besticht. Es handelt sich dabei um die Personalisierung von Fehlern, als deren Resultat immer Sündenböcke, Schuldige und bei den Betroffenen eine starke Belastung der Zukunft stehen.

Eine andere Herangehensweise hingegen wäre die systemische Analyse der Fehler, unabhängig davon, wer sie begangen hat. Besonders Schweinsteigers Handspiel wäre dann, weil es ebenso unerklärlich bleibt wie das Boatengs gegen Italien, zu untersuchen auf einen Bereich wie die Häufigkeit bestimmter Übersprunghandlungen und die Gründe, die dazu geführt haben, dass so eine Reaktion eintritt. Des Weiteren wäre die Frage, warum es einem so großen Talent wie Kimmich psychisch nicht gelingen konnte, einen brisanten Ball einfach weg und in den Himmel zu dreschen. Auch dort könnte eine Beziehung zwischen Corporate Identity und damit verbundenen No Gos gefunden werden, über die die die ganze Organisation diskutieren und sich Klarheit verschaffen muss. Deutlich würde und wird bei dieser Methode, dass die Fehler im System begründet sind und jedem passieren können, solange der Grundkonflikt nicht geklärt ist. Es ginge also nicht um die Person, sondern um das System, in dem die Person agiert.

Der Unterschied zwischen der Personalisierung von Fehlern und der systemischen Analyse derselben ist genau der zwischen technokratischem Modell und einer lernenden Organisation. Was den Sprachgebrauch im Fußball anbetrifft, so befindet sich das Gros der Betrachter noch in der Welt des technokratischen Modells, weil kurioserweise immer von individuellen Fehlern gesprochen wird, einem Synonym für menschliches Versagen. Es unterstellt, dass das System im Gegensatz zum Menschen unfehlbar ist. Praktisch aber scheint bereits der Weg in Richtung systemischer Analyse geöffnet zu sein, weil zumindest in den Reihen der Nationalmannschaft die Sündenbocksuche nicht auf fruchtbaren Boden fällt.

Bleibt zu hoffen, dass sich die systemische Analyse mehr und mehr durchzusetzen beginnt, da es sich dabei um den ersten und entscheidenden Schritt Richtung lernender Organisation handelt. Letztere wird seit Jahrzehnten propagiert und gefordert, aber in nur seltenen Fällen gelebt. Wenn es dem Fußball gelingt, der Ära der ätzenden Personalisierung von Fehlern die Grenzen aufzuzeigen, dann hat auch dieses Ausscheiden etwas zum Guten bewirkt. Und Frankreich wie Portugal stehen aufgrund ihrer bisherigen Leistungen zu Recht im Finale. Warum? Weil das immer so ist, ob das den Ideologen gefällt oder nicht!