Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Reise ohne Kompass

Es handelt es sich nicht nur um eine pädagogische Dimension. Sie reicht bis in die Psychologie und, wenn die Idee zu Ende gedacht wird, bis in die Politik. Es handelt sich um die Frage, die klassisch in der Erziehung gestellt wird und die herausfinden will, welche Faktoren es sind, die ein erfolgreiches Leben ausmachen. Die Diskussion um das, was wir jungen Menschen mitgeben wollen für eine erfolgreiche Zukunft, sie ist nach dem PISA-Schock kurz aufgeflammt, aber letztendlich schien sie niemanden zu interessieren. Da ging es viel mehr um die Besitzstände der Lobbys, über den Zweck von Schule wurde kaum geredet. PISA entpuppte sich als ein erschreckendes Symptom für den mentalen Zustand der Gesellschaft. Sie war, wie an vielen anderen Punkten, nicht in der Lage, positiv das zu formulieren, was sie wollte. Wer es versuchte, wurde kollektiv gemobbt. Man unterhielt sich lieber über Ausstattungen und Details statt über die große Idee.

Dabei ist es nicht schwer, sich auf die Grundideen einer humanistisch definierten Erziehung zu fokussieren, denn seit der Antike existieren wunderbare Ausführungen darüber und der Test, die Probe aufs Exempel, kann jeden Tag in jeder Situation gemacht werden. Die Menschen, die im Alltag auffallen, weil sie leistungsfähig und erfolgreich sind, sie kann man untersuchen auf die Faktoren, die dazu führen. Das Auge dafür lässt sich ohne Schwierigkeiten entwickeln. Und die Ideen liegen in den Annalen. Wenn Gesellschaften keinen Konsens mehr darüber erzielen, was sie eigentlich den Zukunftsgenerationen mitgeben wollen, dann befinden sie sich in einer tiefen mentalen Krise, der die richtige, existenzielle bald folgen wird. Denn sie haben selbst kein Bild mehr von der Zukunft.

Dabei sind die Grundlagen einer humanistisch definierten humanen Existenz sehr schnell zusammengefasst. Menschen, die zumindest über die Anlage verfügen, ein erfolgreiches Leben zu führen, haben so etwas wie einen inneren Kompass. Es heißt, über das erworbene Wissen und die konkret erworbenen Fertigkeiten haben Sie eine Vorstellung davon, in welche Richtung sie sich bewegen oder was sie erreichen wollen. Und diese eigene Perspektive für die Zukunft wird gestützt durch eine Haltung, die gespeist wird von Werten, die dem Individuum wichtig sind. Was sich aus dieser Kombination von Richtung und Haltung entwickelt, ist das, was allgemein als ethisches Handeln bezeichnet wird. Es geht um die vier Faktoren Wissen, Können, Strategie und Werte. Der Konsens darüber kommt nicht mehr zustande und die Perspektive, die daraus resultiert, ist alles andere als überzeugend.

Die vielleicht böse anmutende Transponierung dieser Ausführungen in die Welt der Politik verdeutlicht die Dramatik, die gerade in diesen Tagen deutlich wird. Erfolgreiche zukunftsfähige Politik benötigt, ebenso wie jedes Individuum, Wissen und Können, eine Strategie und eine Haltung, mit der diese Strategie umgesetzt werden soll. Es ist müßig, sich darüber zu unterhalten, ob die fehlende Strategie und die nicht existierende Haltung die Aneinanderreihung von Krisenphänomenen selbst produziert hat oder ob diese Krisen jede Form von Strategie und Haltung verdrängt haben. Wichtig scheint die Erkenntnis zu sein, dass ein Fortbestehen des Gemeinwesens nur möglich ist, wenn die Politik, die es repräsentiert und gestaltet, sich dieser Notwendigkeiten bewusst ist. Es muss Konsens hergestellt werden über die Richtung, und es muss getragen werden mit der entsprechenden Haltung. Die Vorstellung der Bundesregierung angesichts der internationalen Konflikte und Krisen ist aus dieser Perspektive ein Desaster. Anlass genug, um die Diskussion für die Zukunft zu beginnen.

Das vergebliche Streben nach Glück

Somerset Maugham, The Painted Veil

Der englische Schriftsteller W. Somerset Maugham gehört zu jener Kategorie, die bereits zu Lebzeiten nicht nur großen Erfolg hatten, sondern mit ihrem Leben das Tempo und die Möglichkeiten des 20. Jahrhunderts illustrierten. Wer vermöchte denn in unseren Tagen eine Berufsbiographie zustande bringen, in der ein Medizinstudium genauso steht wie Geheimagententätigkeit und die Existenz des Erfolgsautors. Vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war das eher möglich und Maugham steht mit dieser Vita nicht allein. Seine schriftstellerische Qualität bestand vor allem darin, im Profanen die erzählwürdige Geschichte förmlich zu riechen und daraus eine Erzählung zu machen, die durch exakte Bobachtung wie psychologische Zeichnung glänzt. Maugham selbst sah dieses Talent kritisch, weil sein Maßstab Joseph Conrad war, den er nicht erreichte. Wohl deshalb nannte er sich selbst gerne einen erstklassigen unter den zweitklassigen Schriftstellern.

The Painted Veil (Dt., Der bunte Schal, ebenfalls verfilmt) erschien im Jahr 1925 und thematisiert das Schicksal einer jungen Frau, die im kolonialen England für sich den Anspruch formuliert, eine Scheibe vom lebenswerten Kuchen abzubekommen. Zeitlich liegt The Painted Veil weit hinter Anna Karenina und Madame Bovary und deshalb hat diese Erzählung auch kaum noch Anspruch auf das Revolutionäre, das in der Darstellung eines Frauenschicksals der genannten Romane zu finden war. Was allerdings nichts darüber sagt, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse der 20iger Jahre im kolonialen England nicht doch den Stoff lieferten, um die Ausweglosigkeit der emanzipatorischen Individualisierung der Frau aus bescheidenen bürgerlichen Verhältnissen zu veranschaulichen.

Die Handlung spielt in England, Hongkong und in der chinesischen Provinz, es handelt sich um eine aus sozialem Aufstiegskalkül geschlossene Ehe, in der der Anspruch auf Liebe nicht eingelöst wird, es handelt sich um Betrug aus Enttäuschung und Suche nach Glück und es handelt sich um den Versuch, Demütigung durch berufliches Engagement zu kompensieren. Auf dieser Abstraktionsebene ist das dann keine alte Klamotte aus den 20iger Jahren des letzten Jahrhunderts, sondern hoch aktuell. Denn das Streben nach Freiheit und Glück kollidiert immer noch brutal mit den Bedingungen, in denen wir uns als Individuen wiederfinden, nur die geschlechterspezifische Benachteiligung scheint sich zum Nachteil beider noch verschoben zu haben…

Somerset Maugham gelingt es mit seiner so vom Beobachtungsauge geschulten Sprache, die Welt der Hauptfigur zu beleuchten und die inneren Konflikte deutlich zu machen. Die Lektüre, die Geduld abverlangt, weil die Handlung nicht auf den schnellen Plot aus ist, gewährt Einblicke in das soziale Gefüge der englischen Klassen, in die kolonialen Expat-Kreise in Hongkong, in das Elend der chinesischen Provinz sowie in die Weltabgewandtheit von christlichen Missionaren oder chinesischen Gelehrten. Die Gleichzeitigkeit dieser Welten sind das Exquisite an den kolonisierten Tropen und die Welt, in der sich die europäischen Akteure dort tummeln, hat mit dem Festgefügten  traditionell Geprägten der europäischen Heimat nichts gemein.

Der Fokus jedoch liegt auf dem Innenleben der jungen Frau aus bescheiden bürgerlichen Kreisen, die sich nach Liebe und Anerkennung sehnt und die durch ihre eigenen Höllen gehen muss, um mit der Erkenntnis alleine zurück zu bleiben, dass es vielleicht der Generation ihrer Tochter vorbehalten bleibt, das ausleben zu können, was ihr verwehrt war. Eine immer noch moderne Erzählung.

Graf Stauffenberg und der Putsch in der Türkei

Heute, am 20. Juli, werden wieder Gedenkfeiern stattfinden. Man wird sich auf Graf Stauffenberg berufen, jenen Offizier, unter dessen Namen ein missglücktes Attentat auf den Diktator Adolf Hitler in die Geschichte eingegangen ist. Die offizielle Politik wird wie jedes Jahr den Männern um Stauffenberg ihre Referenz erweisen und ihnen die Ehrenbezeichnung des anderen Deutschland zusprechen, womit das humanistische, demokratische Deutschland jenseits des Faschismus gemeint ist. Und es wird eine Ethik räsoniert werden, die besagt, dass auch der politische Mord im Angesicht einer grausamen Diktatur eine angemessene und bewundernswerte Sache sein kann.

Was bei den Reden allgemein vergessen wird ist die genaue Analyse der historischen Situation wie der politischen Ziele des Kreises um Stauffenberg. Denn im Juli 1944 war die Wende des Krieges bereits vollzogen und vollkommen klar, dass Deutschland am Ende den Krieg verlieren würde. Es ist müßig darüber zu spekulieren, ob es ein Attentatsversuch gegeben hätte, wenn Deutschland noch auf dem Vormarsch gewesen wäre. Aber es ist sicher, dass der Teil der Generalität, der Hitler ein Ende setzen wollte, im Hinblick auf die gemachten Eroberungen retten wollte, was aus ihrer Sicht zu retten war. Und was die Staatsform anbetrifft, die die Faschistendiktatur ablösen sollte, so war von einer konstitutionellen Monarchie die Rede. Ansinnen, Motiv und Intention dieses 20. Juli verströmen nicht unbedingt die Aura von Humanismus und Demokratie, sondern von vielleicht preußischem Realismus, und staatsräsonablem Militarismus.

In diesem Kontext stellt sich natürlich die Frage, wieso ein solches Ereignis in dem demokratischen Narrativ der Bundesrepublik einen derartig hohen Stellenwert einnehmen kann. Die Antwort liegt an einem einfachen Umstand: der sozialdemokratische wie der kommunistische Widerstand galten in der Geschichtsschreibung während des Kalten Krieges als das Werk von Aussätzigen und die Eliten der neuen Republik standen in keiner demokratischen Tradition. Das einzige, auf das man sich berufen konnte, war der systemimmanente Widerstand gegen Hitler. Stauffenberg, dem eine eigene, persönliche Integrität und Courage attestiert werden muss, stand nie für eine demokratische Tradition und nicht für einen demokratisch motivierten Widerstand.

Dennoch wird an der Erzählung weitergearbeitet, obwohl es Anlässe gäbe, das Irreleitende zu korrigieren und aus der Fälschung ein Original zu machen. Der vermeintliche Putsch in der Türkei und die Gegenmaßnahmen in diesen Tagen wäre ein solcher Fall. An ihm ließe sich ablesen, wie wir zu der Aussage stehen, dass es legitim ist, sich gegen den Tyrannen zu erheben, um Schaden von der Nation abzuwenden. Und wenn der Tyrann sich als ebenso grausam und unberechenbar herausstellt wie das historische Vorbild, dann wäre die Ableitung, dass auch das Militär das moralische Mandat besitzt und intervenieren müsste.

Aber genau diejenigen, die heute wieder ihre tränenschwangeren Reden halten werden, um dem unglücklichen Stauffenberg die Ehre zu erweisen, waren sehr schnell zu hören, dass sie dem Tyrannen vom Bosporus eine demokratische Legitimation zusprachen, obwohl diese als Ergebnis von staatsterroristischen Maßnahmen zustande gekommen war. Sie verurteilten das meuternde Militär und lobten den Henker und sie schwiegen zu dem Schlachten gegen alle, die nicht auf Linie sind seitdem. Selbst der der Aristokratie entstammende Stauffenberg, der niemals Demokrat war, der aber bestimmte zivilisatorische Werte vertrat, hätte ein solches Schauspiel nicht ertragen. Insofern huldigt ihm heute nicht. Schämt euch, für eure eigene Armseligkeit!