Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Von Parvenüs und denen, die ihre Klasse nicht verraten

Erdogan ist so einer. Bei allem, was über seine Biographie bekannt ist, kommt er von ganz unten. Irgendwann in Istanbul gestrandet, Gelegenheitsjobs, Kringelverkäufer. Früh stellte sich heraus, dass er so etwas wie eine Führernatur besaß. Der langsame, aber stetige Aufstieg, der aus dieser Qualität erwuchs. Führernaturen reüssieren nicht unbedingt in der Geschäftswelt, es sei denn, ein Faible für Ökonomie geht mit dem Alpha-Gen einher. Diejenigen, die ihr Führertum durch Eloquenz und Charisma protegieren, sind zuhause im Metier der Welterklärung und der Massenpsychologie. Dort erzielen sie große Erfolge, sie organisieren Mehrheiten und mobilisieren die Masse. Diese Menschen par excellence Parvenüs zu nennen, wäre jedoch falsch.

Das Spezifikum des Parvenüs ist recht einfach erklärt. Der Parvenü ist die Sorte des Aufsteigers, der schnell lernt, sich in anderen sozialen Systemen zu bewegen und der vor allem nahezu pathologisch dazu tendiert, seine eigene Herkunft möglichst schnell zu vergessen und zu negieren. Parvenüs legen alles ab, was an die eigene soziale Vergangenheit erinnert. Das sind vor allem die Dinge, die das anderen symbolisieren. Stattdessen streben sie manisch nach der Erlangung der Symbole der höheren, neuen Identität. Beim Parvenü stellt sich sehr schnell heraus, dass das ursprüngliche Motiv, dem Elend zu entkommen, vielleicht nur anfangs politischer Natur war. Sobald er den neuen Status erreicht, ist davon nicht mehr die Rede. Der Status wird zum höchsten Ziel, das soziale Programm zählt nichts mehr. Aus der Vehemenz und Tatkraft, mit dem es anfangs verfolgt wird, wird die bloße Geilheit auf den Status. Der Besitz, der Exklusivität vermuten lässt, ist das ausschließliche Ziel. Erdogan mit seinem Palast ist so einer, im Kleinen gibt es davon viele, wir müssen uns nur umschauen.

Im Gegensatz zum Parvenü existieren noch andere, die es nach oben geschafft haben. Mit Charisma, mit Eloquenz und mit Intelligenz. Auch sie besitzen einen Willen zur Macht, aber er ist getrieben von dem Wunsch, das Leben zu gestalten, Verhältnisse zu ändern, sich sozial zu verpflichten. Auf sie trifft die Beobachtung zu, dass ihre Größe daran zu bemessen ist, wie sie nach dem Aufstieg die kleinen Leute behandeln. Sie vergessen ihre soziale Herkunft und ihre Klasse nicht, sie haben den Respekt bewahrt. Respekt vor ihrer eigenen Geschichte und Respekt vor denen, die die eigene Vergangenheit repräsentieren. In den alten Arbeiterkreisen kursierte das Wort, man verrate seine eigene Klasse nicht, das war damit gemeint. Wer den Verrat betrieb, der war schnell vergessen. Diejenigen, die ihre Klasse nicht verraten, sind ebenfalls leicht zu erkennen, am Respekt vor den kleinen Leuten, am Desinteresse an Status und an ihrer Liebe zum Gelingen.

Oft sieht es so aus, als sei die Menge derer, die zu den Parvenüs zu rechnen sind, weit größer als die derer, die oben sind und von unten kommen und dennoch nicht verkommen. Das liegt an der Dimension der Verkommenheit der Parvenüs. Das erregt Aufsehen und stößt ab. Und es gibt dem Pessimismus Auftrieb. Eine gute Übung gegen die drohende Depression ist die aktive Suche nach denen, die in der humanen und sozialen Sphäre ihre Qualität bewahrt haben. Es gibt sie, das Auge dafür muss nur geschult werden. Sie zu stärken, ist eine wichtige und praktische Angelegenheit. Vergessen wir die Parvenüs. Sie sind ein Irrtum der Geschichte.

Zur Korrelation von Meldung und Tat

Das Phänomen ist bekannt. Irgendwo ereignet sich etwas, das jenseits des Gewohnten erscheint. Dann wird der Fokus auf das vermeintlich Neue gerichtet. In der Kommunikationsgesellschaft stürzen sich die Medien auf das Ereignis. In ihrer Konkurrenz um den ersten Platz in der Aufdeckung des Sensationellen beginnen sie mit der medialen Produktion. Da es sich um vermeintliches Neuland handelt, wird versucht, aus allen möglichen Perspektiven die Geschichte zu beleuchten. Aufgrund mangelnder Expertise schlägt die Stunde der selbst ernannten Experten, die ihrerseits mit der Deutung des neuen Phänomens beginnen.

Momentan sind die Sensoren auf scharf gestellt. Bei allem, was auf der Welt geschieht, egal in welchem entlegenen Winkel, jede Verzweiflungstat wird in den Fokus gerückt und sie wird in ein weltweites Netz terroristischer Verdichtung fabuliert. Seltsamerweise steht diese Art von Berichterstattung in keiner Relation zu den seit Jahren ignorierten tatsächlichen Terroranschlägen in anderen Teilen der Welt, die nicht zum westlichen Kulturkreis zählen. Auch das ein seltsames Phänomen.

Bei dem vermeintlichen Expertentum stellt sich nicht selten heraus, dass eine gewisse Scharlatanerie im Spiel ist. Diejenigen, die die Chance sehen, sich als Experten vermarkten zu können, nehmen jede Gelegenheit wahr, um ihre Sicht der Dinge an den Mann zu bringen. Die Geschichte von einem Ehepaar, das einmal auf den Philippinen entführt war, ist so eine grausame wie die der jungen Ukrainerin von der Universität Münster, die seit ihrem vierten Lebensjahr in der Bundesrepublik lebt und bei dem Konflikt im Jahr 2014 in keiner Talkshow fehlte. Und unvergessen ist der seit vierzig Jahren in Deutschland lebende tunesische Teppichhändler aus Köln, der den arabischen Frühling erklärte. Das Gleiche erleben die Medien nun mit den so genannten Terrorismusexperten.

Nun, bei der gegenwärtigen Situation, sind es zumeist einzelne, vereinsamte und beklagenswerte Individuen, die den Hype, der um bestimmte Anschläge gemacht wird, für sich nutzen. Entweder sie ordnen bereits begangene Verzweiflungstaten noch schnell dem neuen Phänomen zu oder fühlen sich dazu ermutigt, bereits geplante Taten unter dieser Chiffre zu vermarkten. Die Publizität ist ihnen sicher. Was dann noch fehlt und natürlich ebenfalls eintritt, ist das Räsonnement aus bestimmten Kreisen der Politik, die nun anregen, das inflationäre Anwachsen terroristischer Akte dazu zu nutzen, die Gesetze zu verschärfen und den staatlichen Apparat aufzurüsten. Letzteres ist ein bereits seit Jahrzehnten eingeübter Reflex, der vor allem darauf abzielt, beim verunsicherten Publikum zu punkten. Fest steht, dass bisher die gesetzlichen Verschärfungen bis heute keinerlei Anschläge verhindert hatten. Wichtiger wäre es, die bestehenden Gesetze anzuwenden und die staatlichen Organe funktionsfähig zu halten. Bei beidem hapert es jedoch seit langem.

Dass die Verdichtung des Terrorismus ausgerechnet im Sommerloch stattfindet, ist ebenfalls kein Zufall. In den Hundstagen war die Nachrichtenproduktion der Massenmedien noch nie zimperlich. Jedes Vorkommnis, mag es individuell noch so tragisch oder entsetzlich sein, wird missbraucht, um einen Rummel zu veranstalten, der außer viel Nebel noch etwas anderes hinterlässt: eine große Verunsicherung und eine wachsende Verängstigung derjenigen, die sich diese Sondersendungsorgien aufgrund des verregneten Sommers anschauen. Terror bedeutet Angst und Schrecken verbreiten. Das machen genug auf diesem Planeten und es wäre an der Zeit, mit dem zu antworten, was Angst und Schrecken bekämpft. Es handelt sich dabei um Wissen, das die Spekulation vertreibt und Konsequenz, was das Handeln betrifft. Auf diesen beiden Feldern tut sich wenig. Wer hysterisiert, wird zum Bestandteil des Terrors.

Zeit für den Underground

Ob es gleich als eine Gesetzmäßigkeit gelten kann, dass das Genre des Undergrounds auftaucht, wenn ganze Welten einstürzen, sei dahingestellt. Fakt ist jedoch, dass sich eine Gegenwelt herausbildet, die der sich in einer tiefen Krise befindlichen Behaglichkeit des herrschenden die Zunge provozierend herausstreckt. Der Underground der 1970iger Jahre war ein einziger Affront gegen das Gesetzte, und die Akteure scherten sich nicht darum, ob noch irgend eine Ordnung ihr Leben beeinträchtigen könnte. Sie machten ihr Ding, Pfiffen auf die codifizierten Sanktionen und erlebten dadurch eine Freiheit, die heute unvorstellbar ist. Plötzlich war alles möglich und nichts war mehr heilig. Das Interessante daran war, dass viele Erscheinungen des Underground weder ins Destruktive noch ins Obszöne abglitten. Der Underground suchte nach einem Gegenentwurf, und kam dabei nicht um die Ironie des Herrschenden herum. Die Dokumente dieses historischen Undergrounds belegen, das Genre hatte Esprit und Witz.

Letzteres entwickelte sich aus der Kritik an dem real Erlebten, an den einstürzenden Dogmen und den schlecht gespielten Rollen. Damals ging es um bürgerliche Doppelmoral, den Kalten Krieg, den Schah von Persien, den Vietnamkrieg und die Provinzialität der Politik. So furchtbar das alles klingen mag, aber es war eine sehr heile Welt verglichen mit den Abstürzen, die seit Jahren im Hier und Heute zuhause sind. Da war eine Weltfinanzkrise, da platzten Immobilien- und Kreditblasen, da ging es immer mehr Ländern an den Kragen, da wurden gewählte Regierungen destabilisiert und Diktaturen gepimpt, da würde mit Verbrechern koaliert und Kriegstreiber mit Waffen versorgt, da herrschte das Standrecht. Und in einem Land, das mitten im Geschehen liegt und das an vielen dieser irrsinnigen, widersprüchlichen Manövern teilnahm, da beherrschten die Gesellschaft Themen, die mit all dem nichts zu tun hatten. Böse Zungen benennen den Wandel und bringen ihn auf das Dreigestirn von Laktoseintoleranz, Veganismus und Helene Fischer.

Wenn die Zustände so sind, wie sie sind, dann lässt sich das falsche Leben nur noch im Underground ertragen. Denn wer in der Gesellschaft steht noch für das, was sie als Modell für sich reklamiert? So wie es aussieht, nur noch der Gegenentwurf. Es ist immer ein Indiz für kritische Zustände, wenn bestimmte Begriffe inflationär fallen. Im Moment ist Wertegemeinschaft so ein Terminus, der ausgerechnet von denen ständig benutzt wird, die alles dafür getan haben, um Schwindelzustände zu produzieren. Eines ihrer großen Vergehen ist die politische Billigung doppelter Standards, die Moralisteninquisition schlechthin. Wenn die Werte an billiges Zweckdenken gekettet sind, haben sie ihre Unschuld verloren. Jede Reaktion, ob auf die Ereignisse in der Türkei, auf einen Amoklauf im eigenen Land oder auf einen Anschlag im benachbarten Frankreich, und das Ausbleiben jeglicher Reaktionen auf noch weitaus schlimmere Ereignisse im Rest der Welt zeigen den doppelten Boden, auf dem agiert wird. Hinzu kommt die Maßlosigkeit, mit der der eigene zweckbestimmte Standard bedient und der vermeintlich unnütze ignoriert wird.

Es ist nötig, sich über soviel Dreistigkeit und Ignoranz zu erregen, und es nötig, diese Erregung politisch zu organisieren. Es ist wahrscheinlich, dass sich aus der geschilderten Unglaubwürdigkeit und Maßlosigkeit ein Gegenentwurf etabliert, der jenseits der direkten politischen Aktion und Einflussnahme spielen wird. Die ersten Phänomene sind schon vernehmbar und ganz im Trend könnte die neue Bewegung Underground2 genant werden. Cool bleiben, witzig sein und sein Ding machen. Jenseits der etablierten, und jenseits der gentrifizierten Langeweile.