Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Schulbubenhaft

Putin, der im hiesigen Blätterwald personifizierte Beelzebub, hatte eigentlich vieles getan, um die deutsche Rolle bei der Lösung internationaler Konflikte hervorzuheben. Kurz bevor er sich nach Berlin aufmachte, hatte er die Gespräche mit US-Außenminister Kerry zum Thema Syrien auf Eis gelegt. Alles, was in diesem Konflikt zu sagen war, wurde nach Berlin verlegt. Wer erwartet hatte, dass die deutsche Politik dieses als Chance begriff, sah sich getäuscht. Schulbubenhaft eiferte man den amerikanischen Narrativen nach. In beidem, im Ukraine-Konflikt wie im Syrien-Krieg.

Dass die EU sich selbst zur Disposition gestellt hat, ist seit dem Junktim der EU-Erweiterung wie dem NATO-Beitritt im Falle der Ukraine bekannt. Seither hat es keinerlei Neubesinnung gegeben, auch wenn das deutsche Außenministerium immer wieder Zwischentöne preisgibt. Entscheidend ist jedoch auf dem Platz, d.h. in diesem Falle am Verhandlungstisch. Und dort vertritt Deutschland die expansionistische Auffassung der USA und bietet die Synchronität von NATO und EU an. Damit ist die EU als politisches Bündnis längst Geschichte, ohne dass es dezidiert bewusst wäre. Es existiert keine europäische Einigkeit gegen Russland, es existiert keine Einigung zur Unterstützung des korrupten Oligarchen Poroschenko und es existiert keine Einigung über die vermeintlich deckungsgleichen Interessen von EU und NATO. Wenn Merkel und Steinmeier das gestern so dargestellt haben, dann haben sie die besondere Avance Putins in Bezug auf ukrainische Lösungsmodelle nicht nur nicht verstanden, sondern sie haben die Spaltung Europas weiter vorangetrieben. Sie haben damit exakt jenen Raum beschrieben, in dem sich Loyalität in Einfalt verwandelt. Geholfen haben sie damit allerdings niemandem, nicht der Ukraine, nicht Deutschland und auch nicht der EU. Wenn man so will, haben sie es ganz privat vermasselt.

Und im Falle Syriens waren sie in der Falle, in die sie sich ebenfalls selbst begeben haben. Indem sie auch dort die Interessen der USA und Saudi Arabiens verfechten, haben sie sich auf die Darstellung der Konfliktlinien festlegen müssen, mit denen hier täglich das längst den Braten riechende Publikum traktiert wird. Die Geschichte von dem Elend in Aleppo, die deshalb nämlich nicht aufhört, weil sich die USA weigern, in dem beweinten Ost-Aleppo die terroristischen Kräfte von der Zivilbevölkerung zu trennen. Wie zynisch das ist, muss gar nicht mehr ausgeschmückt werden. Aber jeder Träne, die über die Opfer dort vergossen wird, sollte mindestens eine weitere folgen für den hoch moralischen Westen, der wie die letzte islamistische Mischpoke nämlich systematisch dazu übergegangen ist, die Zivilbevölkerung als Geisel zu nehmen. Wer in diesem Fall und bei Kenntnis der Gegebenheiten noch so argumentiert wie Kanzlerin und Außenminister, der attestiert sich eines: Für einen Neuanfang, an dessen Ende eine friedliche Lösung stehen soll, komplett verbrannt zu sein. Wenn die Gespräche, die in der letzten Nacht geführt worden sind, für ein Ergebnis stehen, dann für die dringliche Notwendigkeit, auf deutscher Seite das Personal auszutauschen. Aus Nützlichkeitserwägungen wie aus Scham.

Putin ist kein Friedensengel und Assad kein Demokrat. Aber es geht um das amerikanische Interesse, einen Keil zwischen die Kontinentalmächte Russland und Deutschland zu treiben wie im Falle der Ukraine und um die Regie über eine Pipeline mit katharischem Gas durch Syrien. Wer die Fakten zum Gegenstand der Erörterung macht, kommt sehr schnell zu Ergebnissen, die sich wesentlich von dem unterscheiden, was über das Treffen in Berlin kolportiert wurde.

 

Lernen durch Paradoxien

Je erdrückender die Komplexität, desto größer der Wunsch nach Vereinfachung. Jede mehr vereinfacht wird, desto destruktiver werden die Szenarien. Und es dauert nicht lange, bis auch die ungelenksten Geister bald erkennen, dass der Weg der Vereinfachung nicht zielführend ist. Er folgt einem immer stärker werdenden Bedürfnis, ja, aber er führt zu keiner Lösung. Die Vereinfachung wirkt wie billiges Crack: Sofort ändert sich die Wahrnehmung, aber es dauert auch nicht lange und alles erscheint noch schlimmer als vorher. So werden Wahrnehmungsapparate zerstört und es scheint nur noch radikalere Lösungen zu geben.

Die erste, naheliegende, ist immer die beste, auch wenn sie nicht die einfachste ist. Im Falle wachsender Komplexität lautet die Lösung Eins: Sei in der Lage, die Komplexität zu beschreiben, sei in der Lage, sie auszuhalten, sei in der Lage, sie zu analysieren, sei in der Lage, die Kausalitäten zu erkennen und sei in der Lage, eventuell einen Gegenentwurf zu zeichnen. Das alles ist nicht einfach, nein, wahrscheinlich handelt es sich bei der ersten gleich um die schwierigste Option. Nur wer die Komplexität erklären kann, wird sich in ihr zurechtfinden und nur wer sich in ihr zurechtfindet, wird sie durch eine neue Ordnung auflösen können.

Die zweite Lösung wäre die bewährte, die wir alle kennen, die aber zu nichts führt. Es ist die Reduktion der Komplexität auf einen einzigen, eindimensionalen Sachverhalt und die Emotionalisierung der Wirkung. Zuweilen nennt man diese Methode auch Propaganda, weil sie am Ende immer den Weg der Verwerfung beschreibt. Da gibt es immer Schuldige und Opfer, immer hochrangige Akteure und Halbintelligenzler, immer Hass und Ressentiment. Warum die Karte der Vereinfachung bei so vielen negativen Resultaten immer noch sticht? Weil der homo sapiens ein fauler Hund ist und sich nicht um das Schicksal anderer kümmert.

Eine weitere mögliche Lösung wäre die wohl elaborierteste, aber sie setzte wahrscheinlich zu viel voraus. Nach ihr müssten nämlich nahezu alle in der Lage sein, das Geschehen zu begreifen und andere, entlegene Formen der Interpretation als Teil eines Spieles zu betrachten, das gut ausgehen wird. Bei den ständig präsenten Ängsten aller Spieler eine wohl kaum akzeptable Voraussetzung. Der Lösungsfunke wäre die paradoxe Intervention. Sie wäre, rein pädagogisch, in der Lage, anhand ihres Verlaufes zu illustrieren, worin das Wesen des Problems besteht und wie es mit einfachen Mitteln zu lösen ist. Insofern ist die paradoxe Intervention keine Lösung, sondern der Hinweis auf eine mögliche Lösung.

Kürzlich stand die Empfehlung einer paradoxen Intervention sogar in der Zeitung. Um der russischen Propaganda am besten begegnen zu können, solle man allen russischen Staatsbürgern die freie Einreise in die EU gewähren. Das ist schlau, und das lässt sich auf vieles übertragen. So könnten die 13 Prozent Zinsen, welche der IWF und die EU-Kreditinstitute aus den griechischen Krediten erhalten, auch den anderen Kunden dieser Banken gewährleistet werden. Oder man könnte über Nacht das Gesundheitswesen der Bundesrepublik privatisieren, um ein Gefühl darüber aufkommen zu lassen, wie sich das anfühlt. Analog könnte es mit Schulen gehen. Oder die Puerto Ricaner könnten ihren Staat via Volksabstimmung über Nacht zu einem souveränen eigenen Gebilde machen, und wir könnten sehen, wie die USA als Hüter des Völkerrechts damit umgingen. Analog dazu könnten Waffenlieferungen an ISIS durch NATO-Mitglieder geächtet werden. Denn die wahre Friedenspolitik ist mittlerweile zum größten Paradoxon des Westens verkommen.

Die Möglichkeiten der Paradoxien wären unendlich, die Lernfelder so groß, dass sie die Komplexität gewaltig relativierten.

Landunter?

Internationalisierung, Globalisierung. Digitalisierung und Beschleunigung, Digitalisierung, und Beschleunigung der Kommunikation. Technisierung aller Lebensbereiche. Wachsende Interdependenzen. Wachsende Ambiguität, wachsende Komplexität, wachsender Rationalisierungsdruck. Deregulierung, wachsender Druck auf die Institutionen der Politik.

Die allgemeine Tendenz der Bewegung ist nichts für Ruhe suchende, nach Kontemplation strebende Menschen. Sie und ihr Weltbild scheinen auf dem absteigenden Ast zu sein. Es ist die Zeit der Macher, der coolen Typen, die die Schalter bedienen und sich mit Koks das Hirn wegblasen. Wer da nicht mehr mitkommt, dem haftet auch noch das Stigma des Langsamen an. Und es stellt sich die Frage, die sich immer schon gestellt hat: Wer hat hier eigentlich den Verstand verloren? Ja, früher, früher war das immer klar. Da waren es die Dropouts, die schnell identifiziert werden konnten, die als nichtmehr ganz koscher galten. Heute, heute scheint das anders zu sein.

Diejenigen, die sich selbst immer als die Basis gesehen haben, als Basis der Gesellschaft, als Basis des Zeitgeists, als Basis überhaupt. Diejenigen, die als Otto Normalverbraucher galten, die sind heute das, was früher die Dropouts waren. Sie sind die Sonderlinge, auch wenn sie sich vermeintlich in der Mehrheit fühlen, sie sind die Sonderlinge, die mit voller Wucht aus der Zeit fallen. Im Gegensatz zum beschleunigten Mainstream brauchen sie noch Zeit zum Denken, und im Gegensatz zum trendigen Rest surfen sie nicht den ganzen Tag in virtuellen Welten rum. Sie gehen immer wieder ins richtige Dasein und verbringen dort, so flüstert man sich zu, manchmal sogar mehrere Stunden am Stück! Außerhalb des Internets! In der langweiligen Scheiße des Seins! Ist es da ein Wunder, wenn die koksinspirierten Hirne der Prozessbeschleuniger ausrasten? Was ist das für ein Affront gegen den Trend. Zeit ist Geld, Zeit ist Rausch!

Es ist schon sehr verwunderlich, dass so etwas wie alte Wahrheiten herhalten müssen, um die Zurückgebliebenen vor der urteilenden Vernichtung der beschleunigten Geister schützen zu müssen. Sind die alten Bedürfnisse tatsächlich passé? Strebt der Mensch noch etwas an, was außerhalb der lockenden Möglichkeitsform liegt? Ist die Welt, in der wir leben, wirklich um so viel komplizierter geworden als die, die hinter uns liegt?

Um ehrlich zu sein, wir wissen es nicht. Jede Zeit, das lässt sich belegen, nimmt sich sehr wichtig und nur selten gehen die Zeitgenossen mit ihrer eigenen Zeit gelassen um. Immer wurde gedacht, man stünde kurz vor der neuen Zeit, zumindest seit der Moderne. Was beruhigt, ist, dass es so etwas wie einen Weltfrieden gibt, der sich in den Routinen des Alltages manifestiert. Unabhängig vom Datum, unabhängig vom Zivilisationsgrad und unabhängig von Ethnie oder Religion. Korn wird weltweit geerntet und Brote weltweit gebacken, Beschleunigung hin, Kommunikation her, die basalen zivilen Prozesse und die hinter ihnen stehenden Besitzverhältnisse haben einer größere Wirkkraft auf das gesellschaftliche Dasein als die Tools der Beschleunigung.

Wer weiß, wie Werte geschaffen werden, wer weiß, wer es letztendlich vollbringt und wer weiß, wie diese Werte tatsächlich verteilt werden, der hält es auch aus, nicht gleich auf allen anderen Blödsinn eine Antwort zu bekommen, der hält es auch aus, dass manches komplizierter  ist al es scheint und der lässt sich auch nicht hetzen von denjenigen, die die Werte gar nicht schaffen. Manche Zusammenhänge entschleunigen ungemein und manche Kausalitäten erklären alles.