Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Erdbeben in Mexiko, Hurrikan Maria

Manchmal liegt der Skandal nicht im Ungewohnten, sondern in der Normalität. Der Skandal, um den es sich hier dreht, ist das Verhalten derer, die sich um die Information und die Aufklärung der Gesellschaft kümmern sollen. Ja, Presse und Rundfunk sind mächtig in Verruf geraten in den letzten Jahren, weil die wirtschaftliche Entwicklung eine Polarisierung auf dem professionellen Feld beschleunigt hat. Dort stehen sich hochbezahlte Ideologen und prekär beschäftigte Journalisten gegenüber. Erstere sind zunehmend die Agenten von gesellschaftlichen Partikularinteressen, letztere bekommen nur die Art von Journalismus bezahlt, die jenseits der Kritik liegt. Dass da viele mit historisch kontaminierten Begriffen wie „Lügenpresse“ hantieren, ist zwar nicht bekömmlich, aber unerwartet kommt es auch nicht. Das Metier kann sich nur dann rehabilitieren, wenn es das wird, was allgemein als „unbequem“ beschrieben werden muss.

Davon ist die Branche jedoch weit entfernt. Das „Duell“ zwischen Kanzlerin und Herausforderer könnte als der Tiefpunkt der beschriebenen journalistischen Entwicklung in die Geschichtsbücher eingehen. Da bestimmte Frau Merkel schon vorher, was gefragt werden durfte, sonst wäre sie gar nicht erschienen. Dass der Herausforderer, der gerade bei den verbotenen Fragen hätte ein gutes Bild abliefern können, die Veranstaltung nicht mit Schmackes gesprengt hat, steht auf einem anderen Blatt und hat etwas mit der teilweise suizidalen Psyche der deutschen Sozialdemokratie zu tun. Ein halbwegs selbstbewusster Journalismus hätte jedoch selbst reagiert und den Versuch der Zensur angeprangert. Stattdessen lag die ganze Entourage auf dem Rücken und legte den Hals zum Bisse frei.

Heute Morgen im Radio. Drei Tage vor der Wahl. Im Herzen Europas, ein mehr als achtzig Millionenvolk. Die Nachrichten: 1. Das Erdbeben in Mexiko. 2. Hurrikan Maria, wütend und tobend in der Karibik, ist noch stärker als der Vorgänger. 3. In Katalonien spitzt sich die Auseinandersetzung mit der Zentralregierung in Madrid zu. 4. Das Urteil gegen einen gewalttätigen Ehemann. 5. Die Ergebnisse der Fußball-Bundesliga vom Mittwochabend. 6. Das Wetter. Die Wahlen? Keine Meldung.

So, wie es scheint, existiert eine Direktive, das Volk nicht noch so kurz vor der Wahl scheckig zu machen. So ganz nach dem Motto, Mutti möchte keine Aufregung, so kurz vor dem Urnengang, und die ganze Pressebranche hält sich daran. Ist das Skandal? Ich meine ja. Wer kurz vor dem Votum ent-politisiert, hat eine Agenda. Und wer aus Steuermitteln finanziert wird, hat sein Mandat von denen, die die Steuern zahlen und nicht von denen, die vielleicht auf Zeit das Sagen haben. Demokratie, von der reinen Lehre, ist Herrschaft auf Zeit. Der Souverän ist und bleibt das Volk.

Die Theorie weicht immer von der Praxis ab. Nur liegt, in dem zu betrachtenden Fall, die Praxis Lichtjahre entfernt von der Theorie, die die Demokratie begründet. Die vielen Katastrophennachrichten aus aller Welt sollen suggerieren, dass wir hier sicher leben und von bestimmten Heimsuchungen verschont bleiben. Das liegt jedoch an Geographie und Klima, und nicht an der momentanen Bundesregierung. Deren Unzulänglichkeiten freizulegen, wäre eigentlich die Pflicht derer, die das System mit einem klaren Auftrag überwachen und erhalten sollen. Das kommt der Branche schon gar nicht mehr in den Sinn. Ist das neu? Nein! Wir haben uns bereits an eine Normalität gewöhnt, die ihrerseits skandalös ist. Wie gesagt, Erdbeben in Mexiko, und Hurrikan Maria ist noch heftiger.

Die neue Öffentlichkeit

Die Euphorie über die neue Art von Öffentlichkeit ist groß. Im Vergleich zu dem, was vor der Satellitenübertragung als Öffentlichkeit galt, sind tatsächlich neue Dimensionen erschlossen. Das, was als das Forum der Meinungsbildung vorher als gesetzt galt, hatte zumeist einen geographischen Bezug. Da ging es um öffentliche Plätze, Hallen, Stadien, Parlamente und formale wie informelle Institutionen. Die digitale Revolution hat zwei Dinge erreicht, die latent in der Zielsetzung idealer Kommunikation Geltung hatten. Weder Ort noch Raum haben aufgrund der virtuellen Dimension noch den Stellenwert, der vormals als Hinderungsgrund von schneller Kommunikation existierte. Und auch die soziale Barriere, die aus Mitgliedszwang via sozialer Formation Bestand hatte, steht dem freien Individuum nicht mehr im Weg zum Zugang zu allem, was Diskurs bedeutet und Meinung produziert.

Die neue Form der Öffentlichkeit steht dem freien Individuum nicht nur unbegrenzt zur Verfügung, sie hat auch durch das Phänomen der Gleichzeitigkeit das Tempo in schwindelerregende Höhen getrieben. Wenn etwas schnell geht, entsteht bei den Menschen eine Grundskepsis gegenüber dem Prozess. Was schneller als der Wind zustande kommt, bewegt sich auch vor den Fähigkeiten des kognitiven Apparates, mit dem Menschen ausgestattet sind. Bevor begriffen wird, was da eigentlich vor sich geht, liegen bereits Ergebnisse vor, die bei der Ausgangslage die wenigsten Beteiligten im Fokus hatten.

Insofern ist der schrille Schrei nach totaler Transparenz vielleicht gar nicht das pathologische Misstrauen gegenüber denen, die das Mandat haben, Entscheidungen zu treffen. Und das Feld, auf dem das markanteste Mandat überhaupt existiert, ist die Politik. Das Misstrauen gegenüber der Politik hat somit auch, und das ist das Absurde, seine Ursache in der steigenden Transparenz, die durch die digitale Technik hergestellt wird. Die Mandatsträger wiederum sind durch das vorhandene Misstrauen und die Forderung nach totaler Transparenz ebenso überfordert wie die namenlosen Diskursteilnehmer, die bei der vorherrschenden Geschwindigkeit die weiße Fahne hissen. Das, was als unbedingter Teil bei der politischen Beratung notwendig ist, funktioniert nicht mehr. Treffen, bei denen Gedankenspiele, Visionen und Szenarien eine Rolle spielen, um letztendlich zu einer vernünftigen Entscheidung zu kommen, sehen sich dem hysterischen Verdacht ausgesetzt, mit einer versteckten Agenda alles mögliche vorzuhaben. Und jedes einmal artikulierte Planspiel, das bei solchen Treffen formuliert wird, erscheint im World Wide Web der neuen Öffentlichkeit bereits als skandalträchtiger Endzweck der Veranstaltung.

Die Achillesferse der neuen Öffentlichkeit, die auch mit einer neuen Form der Demokratisierung gleichgesetzt wird, beinhaltet eine desaströse Verschlechterung hinsichtlich dessen, was als Forum der Beratung benannt werden kann. Die Labore der Ideenentwicklung sind durch das neue Empfinden in Zentren der Verschwörung umgewidmet. Die Reaktion der Betroffenen Protagonisten kann leider nur als nachteilig beschrieben werden. Sie begannen, fortan nur noch die sympathiefähigen Attitüden des Mainstreams zu artikulieren. Die Politik hat zu einem Großteil ihre Originalität eingebüßt, was dieser fälschlicherweise vorgeworfen wird. Die Malaise ist jedoch dem neuen Absolutismus der Transparenz zu verdanken, der seinerseits als ein Symptom pathologischen Misstrauens beschrieben werden muss.

Es ist erforderlich, die beschriebenen Wirkungsmechanismen bei der Analyse von Politik zu berücksichtigen. Und es ist erforderlich, sich mehr mit den kognitiven Fähigkeiten aller Interakteure und den sich daraus ergebenden Notwendigkeiten zu beschäftigen, als sich den nicht endenden Orgien hinzugeben, bei denen die technischen Möglichkeiten bis zum Exzess getrieben werden.