Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Zeigt, dass ihr beißen könnt!

Der Tanz um die Macht wirkt wie die müden Schritte von Greisen, die eigentlich keine Lust mehr haben, sich zu bewegen. Das alte Wort des Augustinus, „in dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst“, wirkt wie Hohn, wenn man sich die betrachtet, die bis dato darüber sprachen, ob sie nun eine Regierung bilden wollen oder nicht. Mit Ausnahme der Grünen. Deren Protagonisten, Özdemir und Göring-Eckhard, brannten allerdings für keine Vision, sondern für Amt und vor allem Würden. Sie schmissen ihre Visionen vom Balkon ihres Verhandlungsortes wie den Unrat aus einem Aschenbecher. Aber der Rest? Die Union schleicht durch die Usancen der Praxis wie eine geistlose Figur. Und in der SPD macht sich eine Stimmung breit, die nichts zu tun hat mit einer Regierungsvision, sondern der alten preußischen Kartätschenhörigkeit. Bei dem Wort Verantwortung zucken viele zusammen, damit hat man sie immer bekommen. Nur wissen jetzt viele von ihnen, dass es das Ende sein kann. Wenn sie noch einmal programmatisch uninspiriert an einer Merkel-Wallfahrt teilnehmen, dann kann das das Ende der großen alten Sozialdemokratie sein. Endgültig. No hope for return!

Neulich erzählte einer von den jungen Sozialdemokraten, seinerseits Delegierter auf den Parteitagen, auf denen die Weichen gestellt werden, mit einem langen Seufzer, die Sozialdemokratie sei so oder so dem Untergang geweiht. Auf Nachfrage, wie er das meine, erzählte er von den Diskussionen, wie sie derzeit geführt würden und von der fehlenden analytischen Schärfe, die dabei zu beobachten sei. Wenn seine Eischätzung zuträfe, dann werden sich viele nicht mehr wehren gegen eine erneute Regierungsbeteiligung. Und es wird keine programmatische Erneuerung stattfinden. Und es wird das Ende sein.

Auch wenn die SPD, als die große alte Partei der Arbeit, die komplexeste und komplizierteste Aufgabe vor sich hat, weil Charakter wie Organisation der Arbeit revolutioniert worden sind und es um neue Konzepte geht, die niemand aus dem Ärmel schüttelt. Und weil es die Partei sein wird, die die Wahrnehmung der Interessen der Wertschöpfenden in einem globalen Prozess auf ihre Fahnen schreibt, die in der Lage sein wird, die Macht in der Zukunft wieder zu übernehmen, ist diese Aufgabe eigentlich diejenige, die das Feuer entzünden muss. Und kein Ministerposten. Wenn sie sich dieser Aufgabe stellen würde, störte auch kein Ministerposten. Aber sie muss es tun.

Und, etwas, das diese Gesellschaft existenziell ebenso betrifft, die Allianz mit den außer Rand und Band geratenen USA in ihrer Politik gegenüber Russland, entspricht ebensowenig den Interessen der hiesigen Bevölkerung. Wer glaubt, die Meinungen, die in den Medien kommuniziert werden, entsprächen in dieser Frage der Realität, der hat sich von dem, was so gerne als Basis bezeichnet wird, mächtig entfernt. Bevor über soziale Gesetzgebungsprojekte gesprochen wird, sollte deutlich gemacht werden, wie und wo ein stabiler Frieden gesehen wird. Mit einer schnarrenden Verteidigungsministerin, die vor Ehrgeiz zum Himmel stinkt, kann das ebensowenig geschehen wie mit einer Garde von in der DDR sozialisierten anti-russischen Kriegstreibern. Da liegt ein Thema auf dem Tisch, das der derzeitige Bundespräsident mit verbockt hat und das die Möglichkeit bietet, Vertrauen in der Bevölkerung wieder herzustellen.

Es heißt, Hunde, die bellen, beißen nicht. Hört auf zu bellen, zeigt, dass ihr beißen könnt. Denn wer nicht beißen kann, der wird in diesem Geschäft nicht gebraucht.

Brave New World und der Fußball

Und wieder ist es der Fußball, der ein Thema zum Vorschein bringt, das zwar seit langem im Raum steht. An das sich aber niemand so richtig traut. In einer Radiosendung hatte der ehemalige Fußballprofi Mehmet Scholl darüber geklagt, dass die heutige junge Trainergeneration schlimme Defizite hervorbringen werde. Nämlich den Mangel an Persönlichkeiten. Die Trainer selbst, und er nannte Namen wie Tedesco, Nagelsmann und Wolf, seien in den Lehrgängen auf neueste und verschiedensten Systeme geschult, de facto aber einer Gehirnwäsche unterzogen worden. Das Herausbilden von Persönlichkeiten fehle bei ihnen genauso wie sie es nicht hinbekommen würden bei ihrer zukünftigen Arbeit. Typen wie Robben und Ribéry oder Effenberg würden in Zukunft nicht mehr vorkommen. Die jungen Spieler würden darauf abgerichtet, abzuspielen und dürften sich auf keinen Fall im Dribbeln und im Zweikampf auszeichnen. By the way: dass diese beklagten Entwicklungen allesamt aus dem spanischen Tiki-Taka kommen, um athletische Defizite zu kompensieren, hat Mehmet Scholl nicht erwähnt.

Fakt ist jedoch, dass die von Scholl beklagte Entwicklung im Fußball auch auf den Rest der Gesellschaft zutrifft. Die Charaktere, die stören, die verärgern, die aber dazu in der Lage sind, einen ganzen Laden in einer kritischen Situation aufzurütteln, andere zu motivieren und zu mobilisieren und das Ganze damit zu retten, solche Charaktere werden in der gegenwärtigen pädagogischen praktischen Philosophie nicht goutiert. Wieder mögen die jungen Fußballspieler als Beispiel herangezogen werden. Ihre Beiträge in Interviews sind signifikant. „Der Trainer hat gesagt..natürlich bin ich froh über meine Leistung…aber Hauptsache es dient der Mannschaft..taktische Fragen entscheidet der Trainer…“ Es sind Statements, wie man sie früher einmal Typen zugebilligt hätte, die mit der Bezeichnung „Mamas Liebling“ verhöhnt worden wären.

Analog geht es zu in vielen Leistungsorganisationen. Teamfähigkeit, ein hohes Gut, das allerdings in den seichten Gefilden des Arbeitsalltags zu einem blassen Chorgeist degeneriert, dominiert leider in den meisten Fällen. Wo sind die jungen Leute, die einmal ihre Chefs herausfordern, die einmal das Vorgehen frontal in Frage stellen? Wo sind die Ideen der Veränderung, die eigentlich jeder Generation gut anstehen? Wo ist das Gen der Rebellion, ohne das es keine Innovation gibt?

In vielen Fällen erscheinen die Arbeitsorganisationen wie eine autoritäre Veranstaltung, der es gelingt, ihren hierarchischen und affirmativen Charakter zu verschleiern. Oft sieht es so aus, als gäre es mächtig unter der Oberfläche, aber der Eindruck scheint zu trügen. In einer Welt ohne tatsächliche Gefahren ist das Einüben eines für alle geltenden Kodexes, der die Auflehnung nicht vorsieht, ein leichtes Unterfangen. Dass sich dieses Fehlen irgendwann auf das große Ganze auswirkt, das nicht mehr über Ressourcen verfügt, mit denen man sich zur Wehr setzen kann, haben die Strategen der artigen Befolgung nicht mehr im Blick.

Was in den Kindergärten und in der Vorschule sowie, wie im Brennglas, in den politisch korrekten Mittelstandsfamilien bereits im frühen Entwicklungsstadium beginnt, wird in den Institutionen des Bildungssystems wie in der betrieblichen Ausbildung fortgesetzt. Das Prinzip der Anpassung an ein System und dessen Befolgung ist das Selektionskriterium bei der Personalauswahl. Typen, die über das verfügen, was als individuelle Stärke bezeichnet werden muss, werden in diesem Prozess früh aussortiert. Auch wenn viele Organisationen durchaus erfolgreich arbeiten, was sich nicht mehr haben, ist das, was sehr treffend mit Spirit bezeichnet werden kann. Gleichmaß und uninspiriertes Vorgehen sind die Dimensionen, in der Brave New World tatsächlich stattfindet.