Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Beben an der Peripherie

Wenn eine Aussage zutrifft, dann ist es die, dass die Entwicklungen im Zentrum des Imperiums zeitversetzt auch an der Peripherie ankommen. Betrachtet man die vor allem in den letzten Jahren wahrzunehmende Tendenz, jegliche Eigenständigkeit bei Entscheidungen aufzugeben und immer auf das Imperium zu verweisen, dann ist es folgerichtig, dass der Zeitraum zwischen einem Beben im Zentrum und den Wellen an der Peripherie sehr klein sein wird.

Es ist wohl der Grund, warum die nackte Angst in der Provinz um sich greift. Mit der Inauguration des neuen Präsidenten, der sowohl in Sprache wie Gestik in das Regiebuch römischer Volkstribunen geschaut hat, kommt ein Politikwechsel daher, der gravierend sein wird. Und er setzt sich, soviel ist bereits erkennbar, deutlich von der ersten, eher vom Stil her als erratisch zu bezeichnenden Amtszeit signifikant ab. Um es deutlich zu sagen: das Imperium ist zurück. Unabhängig von den Aussichten, die damit verbunden sind. In Bezug auf die Symbolik wird sehr schnell aufgeräumt sein. Ob die ökonomischen Pläne erfolgreich sein werden, kann in mancherlei Hinsicht bezweifelt werden. Zu sehr ist die strukturelle Dominanz dahin. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Was allerdings klar und deutlich zutage getreten ist, dass der Paradigmenwechsel vollzogen wurde, der das nationale Interesse in den Mittelpunkt stellt. Das ist vor allem für Länder, deren Eliten sich selbst bereits in einer transnationalen Phase wähnten, mit einem bösen Erwachen verbunden. Denn weder das eigene Imperium, noch Russland, noch China, noch Indien, Brasilien oder Indonesien werden sich von dem transnationalen Gedanken inspirieren lassen. Um es unmissverständlich zu formulieren, der deutsche Weg in der Betrachtung internationaler Beziehungen ist seit gestern zu Ende. Das kann man bedauern, muss es aber nicht. Angesichts der handelnden Personen in den letzten Jahren ist es allerdings ein Akt der Befreiung. Sektenwesen wie Kreuzrittertum ist eines Staates, der sich in der Moderne wähnt, unwürdig. 

Die bestehenden Bündnisse werden mit der Neuorientierung des Imperiums nicht nur einen radikalen Wandel erleben, sondern vielleicht sogar ihren Bestand verlieren. Das hängt von verschiedenen Faktoren ab, die nicht unbedingt zu kalkulieren sind. Im Verhältnis zum eigenen Imperium muss nur eines klar sein: wer sich bedingungslos unterwirft und nicht selbstbewusst eigene Interessen vertritt, wird sang und klanglos untergehen. Charaktere der Stärke verachten die Sklavenmentalität. Die vor allem in den letzten Jahren dokumentierte Unterwürfigkeit möge bereits heute als Warnung gelten: nichts hat sich an der eigenen Lage verbessert. Ganz im Gegenteil. Und das wird sich mit dem neuen Tribun noch steigern. Wer nicht austeilen kann, wird blitzschnell ausgeknockt. 

Das Fiasko, das die Provinz momentan auszeichnet, ist die Tatsache, dass niemand in Sicht ist, der ein neues Selbstbewusstsein, einen beachtlichen Durchsetzungswillen und eine respektable Risikobereitschaft aufwiese. Insofern können wir uns auf eine historische Phase einstellen, in der die Hauptbeschallung aus törichtem Wehklagen besteht. Solange, bis sich Stimmen regen, die des Lamentos überdrüssig sind und die in der Lage sind, eigene Interessen zu identifizieren, zu benennen und durchzusetzen versuchen. Die Zeit der Marionetten im imperialen Puppenspiel ist vorbei. Das ist die gute Nachricht. Obwohl niemand weiß, wie es weitergehen wird. Wait and see! 

Wahlen: Vom Ende her denken!

Systemische Berater pflegen ihren Klienten zu Beginn eines Beratungsprozesses folgende Aufgabe zu stellen: Stellen Sie sich vor, der Prozess ist abgeschlossen und Sie sind mit dem Ergebnis zufrieden. Was ist in der Zwischenzeit passiert? Und beschreiben Sie bitte den Zustand! Das verblüfft viele, weil es nicht unbedingt zu den Usancen gehört, Prozesse vom Ende her zu denken. Daher tun sich auch viele Menschen schwer, wenn sie, auch unabhängig von dem erwähnten Beratungsprozess, eine solche Frage und eine solche Aufgabe gestellt bekommen. 

Wie wäre es, sich die gleiche Frage nun vor den bevorstehenden Wahlen zu stellen? Gesetzt den Fall, Sie waren mit dem Wahlergebnis zufrieden und die Erwartungen an die beauftragten Parteien haben sich eingestellt. Welche Ergebnisse, sagen wir einmal, nach zwei Jahren, liegen vor und was ist in der Zwischenzeit passiert? 

Um gleich gewissen Missverständnissen vorzubeugen: Wir haben es mit unterschiedlichen Individuen zu tun, die ihrerseits unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen angehören, die soziale, kulturelle und politische Interessen haben und vertreten. Vom Milliardär über selbständige Mittelständler bis zu Dienstleistern und Arbeitern ist alles vertreten, auch wenn zwischen den einzelnen sozialen Kohorten numerisch Welten liegen. Es ist kein Geheimnis, dass auch die Bundesrepublik Deutschland über relativ wenige Superreiche, einen beachtlichen Mittelstand und sehr viele Lohnabhängige verfügt. Und Vertreter jeder Gruppe würden die Frage anders beantworten.

Sie müssen sich, wenn Sie die Übung mitmachen wollen, gemäß Ihrer eigenen Klassenzugehörigkeit und in Bezug auf die antretenden Parteien mit den ungefähr zu erwartenden Ergebnissen vorstellen, wie Sie die Frage beantworten würden. 

Ich gebe zu, ich habe die Frage anhand unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen durchgeführt und komme aufgrund der zu erwartenden Optionen zu Ergebnissen, die, hätte ich nun eine Auftragsmacht und säße einem systemischen Berater gegenüber, mich zu dem Schluss brächten, ihn wieder nach Hause zu schicken, weil eine unüberbrückbare Differenz zwischen meinen Erwartungen und den realen Mitteln der Umsetzung läge. Aber, auch dessen bin ich mir bewusst, ich bin nicht unbedingt repräsentativ. Interessant ist allerdings, wie Lohnabhängige, Mittelständler oder Milliardäre in diesem Spiel aussähen.

Ich will nicht spekulieren, kann mich aber dennoch eines Verdachtes nicht erwehren: Die großen Gewinner bei diesem Quiz werden angesichts der zur erwartenden Optionen wieder einmal mehr die Milliardäre sein, die bereits seit Jahrzehnten am Gewinntisch sitzen, obwohl sie nur noch einen optionalen Bezug zu dem Gemeinwesen haben, von dem sie so herrlich profitieren. Wenn das nicht der Fall ist, sind sie schnell woanders und wenn sie mit ihren Projekten scheitern, lassen sie sich von der Allgemeinheit subventionieren.

Dass das alles in einem Rahmen geschieht, der nur noch herzlich wenig mit einer liberalen Demokratie oder einem freien Markt zu tun hat, merken mittlerweile viele, nur die nicht, die sich wieder zur Wahl stellen und der Mehrheit der Bevölkerung vorgaukeln, sie könnten den Prozess der Erosion noch aufhalten. Das gehört zu den Absurditäten von historischen Übergangsphasen. 

Ja, ich muss mich zurückhalten! Mir ging es um die Übung. Ich möchte Sie inspirieren, sich die Frage ohne Vorbehalte selbst zu stellen. Vielleicht kommen Sie ja zu anderen Ergebnissen. Und Sie wissen, was geschehen ist, wenn wir nach zwei Jahren das Gefühl haben, auf dem richtigen Weg zu sein und auf einige erfolgreiche Schritte zurückblicken. Vom Ende her denken!