Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Ostenmauer – 8. Die Russen

Bei uns in der Stadt, am Rande des Ruhrgebiets, mit der nördlichsten Zeche, gab es eine Gruppe  von Männern, die überall nur die Russen genannt wurden. Anfangs dachten wir, d.h. meine Freunde und ich, es handele sich um eine der üblichen Beschimpfungen, mit denen man sich in dieser diversen Gesellschaft begegnete. So gab es ja auch den Ausdruck Mexiko, oder die Kolonie für die Wohngebiete der Bergleute im Süden. Bei vielen Bürgern polnischer Herkunft, von der es zahlreiche gab, sprach man von Krakusen, andere wiederum wurden als Hottentotten bezeichnet. Wie zu sehen ist, war unser Pflaster nicht unbedingt von gegenseitiger Zuneigung geprägt. Da konnte umgekehrt auch schon einmal passieren, dass ein Pfarrer aus dem Viertel der Pfahlbürger im Norden in der Zechensiedlung eine Abreibung bekam, weil sich herumsprach, wie selbst und gerade die Klerikalen in den gehobenen Schulen der Stadt die Nachkommen der Püttrologen, wie die Kinder der Bergarbeiter dort verächtlich genannt wurden, behandelten.

Doch die Russen, von denen immer wieder die Rede war, erschlossen sich uns nicht gleich. Zum einen waren sie keine Rand-, sondern Hauptfiguren, zum anderen sprach man oft von ihnen mit unverkennbarer Abneigung, aber nicht ohne Respekt. Von ihren Namen her konnten es keine Russen sein, von ihrer sonstigen Herkunft auch nicht. Im Laufe unserer aus Neugier betriebenen Recherchen wurde uns mit der Zeit bewusst, worum es sich bei dieser Geschichte handelte. Es ging nicht um Herkunft, sondern um Politik. Eines Tages, als wir uns wieder einmal als politisch interessierte Schülergruppe im Nebenraum des Centro Obrero Espangnol trafen, um Texte zu lesen, die es in der Schule nicht gab, kam ein Freund ganz aufgeregt und erzählte uns, der Franz Z., auch liebevoll in Bergarbeiterkreisen Fränzken genannt, habe uns alle in seinen Garten eingeladen und sei bereit, mit uns ein bisschen zu plaudern. Wir ließen uns das nicht zweimal sagen und gingen zu dem angegebenen Termin dorthin.

Franz Z. war tatsächlich ein kleiner Mann, den man geneigt war Fränzken zu nennen, bevor man ihn erlebt hatte. Wie ein Kumpel kam er daher, mit breitem Lachen und klopfte jedem von uns auf die Schulter. Er hatte einen grauen Bart, eine rote Knollennase und trug eine altmodische Brille. Er lud uns ein, auf den alten Holzstühlen im Garten Platz zu nehmen, während seine Frau Erna Schinkenschnittchen verteilte. Franz Z. selbst wies auf den Bierkasten mit der Order: Bedient euch. Wir fühlten uns gleich wohl und schon waren wir in einem Gespräch, in dem uns das Russentum unseres Gastgeber deutlich wurde.

Franz Z. war Anfang der dreißiger Jahre zum Betriebsratsvorsitzenden der Zeche gewählt worden. In dieser Funktion war er einer der mächtigsten Männer der Stadt. Mit der Machtübernahme der Nazis wurde alles viel politischer, wie Franz uns erklärte, obwohl er schon immer Kommunist gewesen sei und auch als dieser sterben werde. Mit den Nazis sei es richtig gefährlich geworden. Aber die Bergleute wären alle gegen Hitler gewesen und deshalb seien die Aktionen auf der Zeche alle gegen das neue Regime gerichtet gewesen und hätten kaum noch wirtschaftliche Zielsetzungen gehabt. Eines morgens dann hatte ein LKW auch vor Franz. Z.s Haus gehalten und ihn mitgenommen. Z.s Angaben damals im Garten der Zechensiedlung klingen bis heute lakonisch: Na ja, Jungs, da gibt es nicht viel zu erzählen, das Übliche eben. Verhöre, Schläge, Abtransport zum KZ, Zwangsarbeit, Verhöre, Folter.

Franz Z. war dann eine abenteuerliche Flucht gelungen. Im Gegensatz zu vielen Intellektuellen floh Franz Z. in die Sowjetunion. Dort mochte man ihn auch nicht unbedingt in Regionen, wo die deutsche Armee auftauchen konnte, obwohl er über alle Zweifel erhaben war. Franz Z. verschlug es als Facharbeiter bis hinter den Ural, wo er, nach eigenen Worten, Raketen gegen Hitler baute. Auf die Sowjetunion ließ er nichts kommen und er sprach ausschließlich vom Großen Vaterländischen Krieg.

Nach dem Krieg tauchte Franz Z. plötzlich wieder in unserer Stadt auf, abgeklärt und welterfahren. Die Bergleute begrüßten ihn nicht nur warmherzig, sondern sie wählten ihn auch wieder zum Betriebsratsvorsitzenden. Seitdem sprach man in unserer Stadt von ihm nur als dem Russen. Und es stellte sich heraus, dass Franz. Z. nicht der einzige war, der vom Ruhrgebiet in die UdSSR geflohen und nach dem Krieg zurückgekehrt war. Als es uns dämmerte, warum also immer wieder von den Russen die Rede war, wurde zum Bier bereits ein Schnaps mit dem verwegenen Titel Flöz Sonnenschein gereicht. Franz Z., nun Rentner, freute sich über soviel Interesse seitens der jungen Leute. Und wir staunten, wieviel Weltgeschichte sich doch in dem aus unserer Sicht gottverlassenen Nest abgespielt hatte.

Wahlkampffetzen

Fragt man den so genannten kleinen Mann auf der Straße, und selbstverständlich darf es auch eine Frau sein, was er von dem hält, was sich als Wahlkampf vor ihm darbietet, so sind die Urteile zumeist vernichtend. Denn, und da bin ich ganz bei den kleinen Leuten, die wesentlich mehr Verstand besitzen, als ihnen von verschiedenen Seiten zugetraut wird, das, was sie da sehen und erleben, gefällt ihnen gar nicht. Es beginnt bei den Versprechungen, die, wenn man genau hinsieht, in nur sehr wenigen Fällen die Chance auf Verwirklichung haben. Und es geht weiter bei den Plakaten, die Texte aufweisen, als befände man sich bei einem dadaistischen Happening. Zumeist handelt es sich um Allgemeinplätze, die an Unsinnigkeit und Abstraktion kaum zu überbieten sind, die allerdings gemein haben, dass sie haarscharf an den konkreten Lebensbedingungen derer, die sie ansprechen wollen, vorbeischlittern. Dass der Mist, der da den öffentlichen Raum kontaminiert, zumeist gar nicht aus den Parteizentralen kommt, sondern ein teurer Einkauf aus Werbeagenturen ist, die verstehen, wie man Hilfe Suchende um den Finger wickelt und ihnen debilen Schund als psychologische Wunderwaffe andreht.

Auf der anderen Seite verwundert es die Beobachter von den schlecht asphaltierten Straßen, mit welcher Selbstaufgabe die um ein Mandat Werbenden unterwegs sind. Vieles von dem, auf das sie sich einlassen, hat mit persönlicher Würde kaum etwas zu tun. Ob es sich um irgendwelche, quizartigen Befragungen im TV geht, wo sie kaum ihre Standpunkte vertreten können bis hin zu den beliebten wie dämlichen Stichwortspielchen, wo Bewerberinnen um ein Mandat im Auftrag der Wähler, mit einem Wort oder in wenigen Sekunden antworten müssen. In der Antike wären bei solchen Sottisen die Scherben geflogen. Es zeigt, wie weit wir von dem charmanten Gedanken der Demokratie entfernt sind. Dort gab es auch Losverfahren, wo es jeden für einen bestimmten Zeitraum treffen konnte, für das Wohl der Gemeinschaft tätig werden zu müssen wie zu dürfen. Hier jedoch, in der euphemistisch genannten Welt der Dinge, wird das Abhalftern von Volksvertretern in spe noch als demokratische Tugend verkauft.

Und sie machen mit. Und diese Frage beschäftigt. Wie kann es sein, dass Menschen, die nicht unbedingt auf den Kopf gefallen sind, sich derartigem Schwachsinn unterwerfen? Dass sie alles mitmachen, weil es sein könnte, dass die Hyänen der für eine fiktive Öffentlichkeit produzierten Meinung Menschen dazu bringen, auf jede dumme wie entwürdigende Frage zu antworten? Und wie kommt es, dass niemand den Spieß umdreht und die Lohnschreiber mit geliehener Macht einmal in die Schranken weist? Die berühmten kleinen Leute vermissen nicht nur glaubhafte Antworten, sie vermissen ebenso ein gewisses Selbstwertgefühl und Haltung. Deshalb tauchen immer wieder Namen aus der Geschichte auf, die ein solches Gefühl noch vermittelten. 

Anscheinend ist etwas dran an der oft gehörten These, dass viele derer, die sich dort bewerben, materiell keine Alternativen besitzen oder psychopathologische Krankheitsbilder aufweisen oder auf die beides zutrifft, was sie dazu veranlasst, sich so behandeln zu lassen. Wenn man einen Rat an die geben könnte, die es halbwegs ernst meinen mit einem solchen Mandat, dann wäre es der, derartige Veranstaltungen zu sprengen und tatsächlich politische Ziele zu benennen, um die es ihnen wirklich geht. Auf der erwähnten schlecht asphaltierten Straße wäre Jubel zu hören. Und es wäre keiner, über den man sich erheben sollte. Denn wer die eigene schlechte Behandlung in Kauf nimmt, lässt das auch bei anderen zu. Das weiß der „kleine Mann“. Sehr genau! 

Droht der kollektive Gang ins Wasser?

Bitte genau hinsehen und einen kühlen Kopf bewahren! Sofern man nicht längst der Auffassung ist, dass freie, gleiche und geheime Wahlen nichts mehr bewirken und es sich dabei um eine Alibi-Veranstaltung handelt. Bleiben wir bei denen, die noch Vertrauen in Wahlen investieren! Die letzten Jahre haben aus deutscher Sicht gezeigt, wie selbstverletzend die hörige Mitgliedschaft in einer Allianz ausgreifen kann, solange eine einzige Macht bestimmt, was gemacht wird und die exklusiv die eigenen Interessen im Blick hat. Und wer meint, dieses Verhalten finge mit dem neuen Präsidenten Trump erst an, hat in den letzten Jahren allzu treu jenen zugehört, die sich und ihre Unzulänglichkeit hinter dieser Allianz versteckt haben. Die kalten Zahlen bezeugen, dass das Verhalten in dem Konflikt mit Russland keine Vorteile für die eigene Bevölkerung gebracht hat. 

Manche glauben, dass dieses von den amerikanischen Demokraten von Obama bis zu Biden zu verantwortende Debakel vorbei sei, wenn ein wie auch immer gearteter Frieden mit Russland geschlossen wird. Aber die in der Atlantikbrücke et. al gepamperten Politiker werden mit anderen Parteibüchern wieder auftauchen und vielleicht, gleich dem amerikanischen Imperium, sogar beginnen, die russische Karte zu spielen, um dieses Mal China ins Fadenkreuz zu nehmen. Hört man sich maßgebliche Politiker der CDU an, so ist nämlich genau dieses zu erwarten. Da man sich selbst nicht verteidigen könne, so die Diktion, müsse man weiter mit den USA gehen und sich in eine Phalanx gegen China begeben. 

Wenn man so will, wird die erste Abrissbirne, nämlich jene, welche die günstige Energieversorgung zerschmetterte, außer Betrieb genommen und durch eine neue ersetzt. Es ist dann die, welche den chinesischen Markt für deutsche Produkte endgültig zunichte macht. Angesichts dieser Ankündigung kann man sich ausmalen, wie das aggressive Gekläffe weitergehen wird. Dass in einer solchen Regierung die Grünen als Sturmabteilung des US-Imperialismus gut aufgehoben wären, versteht sich von selbst. Wobei, zumindest was die Ressorts Wirtschaft und Äußeres anbetrifft, dort sogar der Begriff der Abrissbirne auf einzelne Personen in der Vergangenheit zutrifft.

Und wer auf anderes setzt, sollte ebenfalls genau hinschauen. Die einen sind neoliberal und imperialistisch, die anderen neigen, wie alle ihre Vorgänger und Mitbewerber, zur nahezu traditionellen Selbstverstümmelung. Insofern ist, wie gesagt, wenn man Wahlen als die Möglichkeit betrachtet, die Verhältnisse verändern zu können, eine Sackgasse vorgezeichnet.  Im Grunde genommen kann man den alten Kalauer des Dramaturgen Herbert Achternbusch noch einmal bemühen, weil er so gut passt: Du hast keine Chance, aber nutze sie!

Uns, als Wählerinnen und Wähler, sollte doch zu denken geben, dass sowohl Stimmen aus den USA, als auch aus Russland und China und nicht zuletzt sogar aus der EU in aller Öffentlichkeit die Frage aufwerfen, was eigentlich los ist in Deutschland? Wie es kommen kann, dass man hier die eigenen Interessen dermaßen vernachlässigt und sich mit Figuren zufrieden gibt, die in keiner halbwegs funktionierenden Organisation auch nur eine untergeordnete Führungsposition bekämen? Und, ebenso häufig zu lesen, warum sowohl die Vertreter der Wirtschaft als auch die der Gewerkschaften so schweigsam sind?

Fragen, die wir uns ebenso stellen. Die aber keine Antwort finden. Vielleicht haben wir ja das Stadium einer Sekte erreicht, die kurz davor ist, kollektiv ins Wasser zu gehen und dem Elend ein Ende zu bereiten?