Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Brandmauern und Self Fulfilling Prophecies

Kennen Sie das? Ein Individuum fühlt sich angegriffen und reagiert in einer Weise auf die tatsächliche wie vermeintliche Bedrohung, die die Umstehenden als Überreaktion bezeichnen würden. Zum Beispiel nach einem verbalen Affront erntet der Sendende einen Faustschlag mitten im Gesicht. Oder nach einem unhöflichen Schubsen eines Eiligen wird dieser die Rolltreppe gleich herunter gestoßen und schreiend als kriminelle Sau beschimpft. Die Reaktion aus der Beobachtung ist, entgegen der Spekulation dessen, der die erste Attacke erfahren musste, nicht die Solidarisierung mit dem zuerst Geschädigten, sondern mit dem als Opfer betrachteten Angreifer. Und, je wilder die Reaktion, desto mehr Empathie empfängt die Quelle der Auseinandersetzung.

Betrachtet man die Geschichte der AFD, dann hat sie permanent und kontinuierlich von einer wie oben beschriebenen Reaktion der Parteien profitiert, die in ihr eine Konkurrenz sahen und auf die Angriffe nicht so reagiert haben, wie ein Großteil des Publikums es verstanden und gutgeheißen hätte. Denkt man an die Anfänge, als ein Ökonomieprofessor die „Rettungspakete“ der EU kritisierte, nicht, weil sie de facto die Banken, sondern die faulen Griechen hätten retten sollen, dann fragt man sich doch tatsächlich, ob die sachliche Auseinandersetzung nicht ein Leichtes gewesen wäre. Ohne die tatsächlichen Geldflüsse in den Fokus zu nehmen, versteht sich. Aber nur der Ansatz einer Kritik führte zu einer Dämonisierung, die es in sich hatte. 

Dass eine Partei, die von politischen Laien gegründet wird, durchlässig ist für Menschen, die mit einer ganz anderen Agenda unterwegs sind, ist denen, die im politischen Geschäft sind, kein Geheimnis. Dennoch unterstellten sie den damaligen Gründern von vornherein alle möglichen unlauteren Absichten. Die inhaltliche Auseinandersetzung blieb aus und das mit Gründung einsetzende Framing als verfassungsfeindliche Organisation sorgte von Beginn an für einen Sympathie erzeugenden Faktor bei vielen Beobachtern. Dass letztendlich die strikte Beibehaltung einer kalkulierten Überreaktion zu einer Art Self Fulfilling Prophecy, einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung führen kann, ist immer wieder festzustellen. Dass war bei der AFD so und das war bei der russischen Reaktion auf die systematische NATO-Osterweiterung so. Wer lange genug provoziert, erhält irgendwann die prognostizierte Reaktion und fühlt sich dann bestätigt.

Angesichts des unaufhaltsamen Aufstiegs der AFD, die mittlerweile sowohl die SPD als auch die Grünen überragt, sollte man sich im politischen Lager der Geschädigten die Frage gestellt haben, inwieweit die eingeschlagene Taktik nicht revidiert werden müsste. Stattdessen ist ein weiteres Beharren festzustellen, was, die Prognose sei erlaubt, dazu führen wird, dass sich das Verhältnis weiterhin zu Ungunsten der bereits Geschädigten verschieben wird. 

Es ist immer dasselbe. Es werden falsche Entscheidungen gefällt. Das Fatale ist nach kurzer Zeit bereits ersichtlich. Und dennoch wird weiter so verfahren und die Anstrengungen, die den eigenen Schaden vergrößern, werden noch vervielfacht. Das ist bei den Sanktionen gegen Russland so, und das ist bei dem Vorgehen gegen die AFD so. Letztere ist mittlerweile dorthin, wo sie steht, nahezu ohne eigene Anstrengungen gekommen. Und das Perfide an der ganzen Angelegenheit ist die stillschweigende Übernahme von einzelnen Programmpunkten in die eigene Agenda. Bei einer derartigen Konstellation von einer Brandmauer gegen die extreme Rechte zu sprechen, ist absurd. Brandmauern gegen den Krieg, gegen die Unterstützung militärischer Interventionen, gegen Kaufkraftverlust, gegen die Aufweichung von Tarifverträgen, gegen Steuerflucht etc., alles Steine gegen die Programmatik einer wie sich auch immer bezeichnenden extremen Rechten, wurden gerade von denen, die aus taktischen Gründen nun zu dieser Formulierung greifen, nie errichtet. Nein, man hat sie aktiv eingerissen. Und, warten Sie es ab, wer sich nach der Wahl noch alles drängen wird in eine Koalition mit den jetzt als Faschisten Verdächtigten. Sie werden sich die Augen reiben! 

Much Ado About Nothing!

Wer keinen Zusammenhang sieht zwischen den Kriegen, an denen man sich beteiligt und den Menschen, die dort ihrer Heimat beraubt werden, kann nicht als jemand angesehen werden, mit dem ernsthaft über die anstehenden Probleme im Zusammenhang mit Flucht/Einwanderung/Kulturbruch gesprochen werden kann. Und wer die durch eigene Kriege mit verursachte Not dazu nutzen will, um von anderen Problemen und Agenden abzulenken, ist ebensowenig zu einer Lösung fähig oder sogar nicht einmal daran interessiert. Insofern erleben wir momentan eine Aufregung, die an Verlogenheit nicht zu überbieten ist. Denn der Konsens, an dem Kriegsinterventionismus nichts ändern zu wollen, besteht sowohl auf Seiten derer, die nun Gesetze zu verschärfen gedenken, deren strikte Handhabe bereits vieles hätte verhindern können wie bei denen, die die Dramatik bagatellisieren und bestrebt sind, das hohe Gut der Demokratie exklusiv für sich zu reklamieren. 

Das wahre Drama ist die grassierende Verlogenheit. Was fehlt, ist eine den Sachen auf den Grund gehende, sprich eine radikale Analyse des Zustandes, in dem wir uns seit einiger Zeit befinden. Wenn man Figuren aus der ehemaligen Ampel reden hört, dann muss man ihnen jede Form von Friedenswilligkeit wie Friedensfähigkeit absprechen. Es sind Bellizisten vor dem Herrn und sie sind Garanten für eine Flüchtlingswelle nach der anderen. Gerade hat man sich noch durch Waffenlieferungen daran beteiligt, um, wie es jüngst das amerikanische Magazin Time formulierte, die Ukraine unter den Bus zu werfen, da setzen sich die ehemaligen Bewohner aus Gaza in Bewegung, dort Zuflucht zu finden, von wo aus erkleckliche Waffencargos kamen, um nichts als Kriegsasche zu hinterlassen. Und dann kommen die Saubermänner, die alles als richtig erachteten und wollen jetzt die Sicherheitsschlösser klicken lassen. Was für eine Meute. 

Vor wenigen Tagen jährte sich die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz. Die Befreier wurden ebensowenig geladen wie die Vertreter des Staates Israel. Zu verantworten hatte das zwar die polnische Regierung. Aber ein deutsches Staatsoberhaupt setzt sich in die Ehrenloge und hat weder den Charakter noch die Stamina, um zu sagen, dass so etwas nicht geht und an Geschichtsfälschung nicht zu überbieten ist? Wo ist da das „Nie wieder!“ und ja, wo ist da eine Brandmauer? Da schweigt des Sängers Höflichkeit. Und, um die Frivolität noch zu überbieten, nutzt noch der so genannte Kanzlerkandidat der Grünen die traurigste Kulisse der Nationalgeschichte, um sie für einen eigenen Wahlspot zu kontaminieren.

Ja, ihr, die ihr es habt geschehen lassen, euch unverbrüchliche Rechte vorzuenthalten, ihr habt alle Kriege durch eure Wurstigkeit mitgetragen, und ihr habt jetzt die Chuzpe, von der Rettung der Demokratie zu faseln? Viel Lärm um nichts! Wer so unterwegs ist, hat sein Plazet zu ihrer Vernichtung längst gegeben. Und, indem ihr euch so herrlich verkommen im Wohlfühl-Feuilleton gewälzt habt, warnt jetzt vor Bewegungen, die ihr selbst groß gemacht habt? Das ist beschämend. Mehr nicht. Und, wenn sich die Dinge zuspitzen und es nicht bei reinen Wortdebatten bleiben wird, so denkt daran, dass weder inquisitorisches Denken, noch gewaltgefütterte Feindbilder etwas anderes im Sinn haben als Tod und Zerstörung. Verbal ward ihr bis jetzt sehr virtuos dabei. Bleibe uns die Rendite eures Handelns erspart! Damit zu rechnen ist allerdings nicht.