Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Ostenmauer – 53. Kassandras und Schlafwandler

Wer biographisch den eigenen Aufstieg erlebt hat, bemisst gesellschaftliche Veränderungen an der gefühlten eigenen Lebenslänge. Wer Jahrzehnte braucht, um sein Leben so zu leben, wie er oder sie es sich einigermaßen vorgestellt hat, kann kaum glauben, in einer Zeit zu leben, in der in recht kurzen Zeiträumen alle geglaubten Gewissheiten zunichte gemacht werden. Es gehört eine nahezu seismographische Sensorik dazu, lange gesellschaftliche Entwicklungslinien früh aufzuspüren und ihre letztendlich fatale Wirkungsweise zu prognostizieren. Und diejenigen, die dazu in der Lage sind, werden vom immer noch in guten Verhältnissen Lebenden auch gerne als die ewigen Kassandras bezeichnet. Letztere existieren in der Tat. Sie haben mit dem Geschäft der gesellschaftlichen Früherkennung wenig zu tun. Ganz im Gegenteil. Sie sind skeptisch gegenüber jeder Art von Veränderung, selbst wenn es sich um Maßnahmen handelt, die geeignet sind, fatale Entwicklungen auszubremsen. Aber so ist das mit der Denunziation. Die schlechten Beispiele existieren in der Tat, die Kassandras, die Verschwörungstheoretiker oder die Scharlatane. Das soll aber nicht davon abhalten, sich der Erkenntnis zu stellen, dass Entwicklungen fatal wirken können, dass tatsächlich Verschwörungen existieren oder dass skurrile Charaktere zuweilen richtige Erkenntnisse haben. Wer das ausblendet, endet als Schlafwandler. Und deren Werk füllt die Seiten der Geschichtsbücher mit Tragödien. 

Kassandras und Schlafwandler

Eine Wette auf die Zukunft?

Man sollte eine Reise nach London buchen und sich schleunigst für einige Zeit nach dort begeben, um zu wetten. Etwas anderes legt die gegenwärtige Lage in Deutschland nicht nahe. Damit ist nicht gemeint, sich in ein Land zu flüchten, das unter ähnlichen Fehlannahmen ins Nirgendwo treibt. Aber dort befinden sich die berühmten Buchmacher, bei denen man auf alles setzen kann. Auf das Wetter, auf Fußballergebnisse, auf Ernteerträge, ja selbst auf die Dauer von Ehen. Wer noch genug Silber im Sack hat, sollte sich also dort für eine Weile niederlassen und auf die Ankündigungen und die tatsächlich zur erwartenden Ergebnisse deutscher Politik wetten. Und ich empfehle, sehr deutlich auf alles zu setzen, was das Nichteintreten von Prognosen deutscher Politiker anbetrifft. Das ist immer eine sichere Bank. Ob es genug Geirrlichtete gibt, die daran glauben und darauf setzen, ist das einzige Risiko. Es kann sein, dass man in den meisten Fällen gewinnt. Es kann aber gut sein, dass die Gewinnsätze sehr gering sind, weil kaum jemand dagegen wettet.

Ist das, um seriös zu bleiben, nicht ein herrliches Indiz für den gegenwärtigen Zustand der hier abgelieferten Politik? Man könnte natürlich auch anders vorgehen, und einige von den vielen, ständig und zu nahezu jedem Anlass beauftragen Beratungsunternehmen unter Vertrag nehmen und alles, was von der vergangenen und der aktuellen Regierung angekündigt wurde, evaluieren lassen. Denn darin sind die McKinseys, Price Waterhouse Coopers, Deloittes, Roland Bergers, KPMGs, WIBERAs, Bertelsmanns und wie sie alle heißen, sehr gut. Sie sind in der Lage, den Grad des Erfolges eines Projektes zu berechnen und darzustellen, wie das Ergebnis im Verhältnis von Zielformulierung und Investment aussieht. 

Da alles nur Erdenkliche bei den genannten Unternehmen in Auftrag gegeben wird, nur nicht die Evaluierung von politischen Aktivitäten, lässt sich denken, dass an den zu erwartenden Ergebnissen niemand interessiert ist. Zumindest niemand aus dem politisch verantwortlichen Lager.  Die Bevölkerung hätte allerdings schon ein großes Interesse daran. Es ist kein Geheimnis, sich auszumalen, wie die Evaluierung aus dem Bauch heraus bei der Bevölkerung aussieht. Die attestiert den Handelnden seit langem ein wachsendes Misstrauen und einen großen Vertrauensverlust.

Und besieht man sich, mit welchem halsbrecherischen Hokuspokus der gegenwärtige Retro-Kanzler und sein dilettierender Vize unterwegs sind, wenn sie davon reden, wieviel Geld sie noch in einen verlorenen Krieg werfen wollen, dass dieses Investment allerdings keinen Sozialstaat mehr erlaubt, mit welcher Nonchalance sie die Pleitewelle und die Standortflucht kommentieren, dann drängt sich doch die Alternative auf, so schnell wie möglich das Bündel zu schnüren und selbst ein Exil zu suchen oder eben die Reise zu den Londoner Buchmachern anzutreten. 

Aber,  wie gesagt, man wird dort wohl das Gefühl bekommen, mit den eigenen, skeptischen Prognosen richtig zu liegen, aber eben auch nicht reich werden. Der Wohlstand schrumpft. Das Gemeinwesen erodiert, die privaten Rücklagen zerstäuben in der durch die allgemeine Hysterie erzeugten Schwüle und zu gewinnen gibt es auch nichts mehr. Lediglich die Funktionäre der Oligarchen und Plutokraten rennen weiterhin mit dem Ölkännchen über die Felder und versengen die Zukunft. Ach ja, manchmal wäre es noch eine Wette wert, darauf zu setzen, wie lange es dauert, bis sich der gutgläubige Riese von seinem Lager erhebt und sie zum Teufel jagt!

Eine Wette auf die Zukunft?

NATO: Isch over!

Das Thema ist ein altes. Wie lange hält der Krug, mit dem man zum Brunnen geht? Etwas, das sich über lange Zeiträume als das herausgestellt hat, was man von ihm erhoffte, zeigt irgendwann, zunächst unbemerkt, dann leichte Spuren und letztendlich deutliche Risse. Dann ist die Stunde der Wahrheit. Dann geht es darum, konsequent zu sein und zu reagieren. Entweder, indem man versucht, die Spuren der Abnutzung oder die ersten Brüche zu reparieren oder, sich nach einer neuen Lösung umzuschauen. Bleibt das aus, dann kommt es zum Fiasko. Dann bricht der Krug und das in ihm kostbare Gut ergießt sich auf dem Boden der Tatsachen.

Betrachtet man die Geschichte der NATO, dann ist das von vielen immer noch so sehr beschworene Bündnis an einem Punkt angekommen, an dem die meisten Mitglieder die Risse und Brüche nicht wahrhaben und an der Organisation festhalten wollen, obwohl sie von ihrem Geist bereits seit langem ausgehöhlt ist, von seiner Glaubwürdigkeit alles eingebüßt hat, was es einst versprach und eine Welt ignoriert, die mit der eigenen Ursprungsintention nichts mehr gemein hat.

Das nordatlantische Verteidigungsbündnis, einst gesehen als Gegenstück des Warschauer Paktes, steht seit langem dem von der damaligen Sowjetunion administrierten Bündnis nicht mehr gegenüber, weil es dieses seit dreieinhalb Jahrzehnten nicht mehr gibt. Seitdem ist aus dem vermeintlichen Verteidigungsbündnis eine Aggressionsallianz geworden, die aktiv in Interventionskriege verwickelt ist und durch ihre stetige Expansion das Sicherheitsbedürfnis anderer Staaten erheblich stört.

Intern ist die vermeintliche Gemeinsamkeit spätestens seit dem Zeitpunkt dahin, an dem die us-amerikanischen Interessen mit denen anderer Mitglieder kollidieren. Besonders die Bundesrepublik Deutschland hat dies zu spüren bekommen. Spätestens seit dem Konflikt um die Ukraine ist deutlich, dass es der damaligen Kriegskoalition von Obama/Biden um einen tiefen Graben zwischen Russland und Deutschland ging. Die Kooperation beider Länder ist das Schreckgespenst aller anglo-amerikanischen Imperial-Theorien und man wusste, dass das der Ukraine angebotene Junktim von EU- und NATO-Mitgliedschaft die robuste Reaktion Russlands hervorrufen würde. Dennoch hat man diesen Weg beschritten und hatte damit Erfolg.

Wenn man bedenkt, dass die Sprengung der Nordsee-Pipelines unter Mitwirkung von NATO-Bündnisstaaten geschah, dann wäre das Absurdum aktuell, dass innerhalb des Bündnisses der Bündnisfall aufzurufen wäre, weil es sich um die Zerstörung kritischer Infrastruktur handelt. Und wenn man zudem in Betracht zieht, dass dieser terroristische Anschlag unter Mitwissen deutscher Politiker geschah, dann gesellt sich zu dem NATO-Desaster noch der Straftatbestand des Landesverrats.  Glaubt man angesichts dieser Verstrickungen, dass dieses Bündnis noch eine Zukunft hat? Die gegenwärtigen europäischen Akteure innerhalb der NATO sind derartig von der amerikanischen Kriegsfraktion sozialisiert, dass sie dieses Credo vor sich hertragen. Ihre Loyalität trägt zu einer fortschreitenden Schädigung der europäischen Mitgliedsländer bei und beinhaltet zudem die Perspektive eines alles dem Erdboden gleichmachenden Krieges. 

Die einzige Konsequenz, die aus dem Zustand und dem Agieren der NATO zu ziehen ist, wäre mit einer in einem anderen Kontext von einem renommierten deutschen Konservativen bemühten Formulierung zu beschreiben: Isch over!

Europa braucht eine eigene Friedensordnung und eine andere Verteidigungsstrategie. Und mit Europa ist Europa gemeint. Ein Frieden in Europa ist nur mit Russland möglich. Und ein Verteidigungspotenzial mit Weltgewicht ebenso. Will Europa als Kontinent eine Perspektive, dann sind die Tage der NATO gezählt.

NATO: Isch over!