Birk Meinhardt, Wie ich meine Zeitung verlor. Ein Jahrbuch
Tief im Westen weiß man immer sehr schnell alles zu erklären. Auch und gerade die Befindlichkeiten derer, die im Osten aufgewachsen sind. Die Rede ist von den Deutschen. Die werfen einen Blick in irgend ein Lexikon oder auf Wikipedia, und schon sind sie Experten und erklären einem staunenden Publikum um sich herum, wie sich die Sache verhält. Für viele Menschen aus dem Osten, jener Republik mit Namen DDR, muss das eine schlimme Erfahrung gewesen sein. Dass man alles im germanischen Okzident besser weiß als im Orient. Umso befreiender sind bestimmte Dokumente, die darüber Aufschluss geben, wie es einem ergangen ist, der voller Hoffnung und vielleicht auch Illusion von Ost nach West ging und am Ende sehr ernüchtert war.
Eine dieser Geschichten ist die des Birk Meinhardt, der bereits ein angesehener Sportreporter in der DDR war und den man zu einem renommierten Blatt nach der Wiedervereinigung nach München holte. Sport, so dachte man dort, ist nicht gleich ein politisches Risiko. In seinem Buch „Wie ich meine Zeitung verlor“ erzählt Meinhardt seine Geschichte bei der Süddeutschen Zeitung. Wie er dort aufgenommen wurde, wie toll anfänglich das Arbeiten war, wie man ihm zutraute, auch in fremden, gar politischen Ressorts sein Können zu zeigen und wie er merkte, wo die Grenzen der journalistischen Freiheit liegen.
In seinem kleinen Buch schildert Meinhardt anhand dreier von ihm erstellten Reportagen, wie ihm die der Zensurring durch die Nase gezogen wurde. Die in Gänze dokumentierten Stücke haben es natürlich auch in sich: ein Werk über die mehr und mehr in die internationale Finanzspekulation verstrickte Deutsche Bank, die sich nahezu in toto von ihrem originären Auftrag, mit Krediten die deutsche Wirtschaft zu unterstützen, verabschiedet hat. Beim zweiten Beispiel handelt es sich um einen zu Unrecht verurteilten Rechtsradikalen. Das passte nicht ins Klischee und touchierte die Illusion von der Unabhängigkeit der Richter. Und die dritte Reportage befasste sich mit dem Status und den Aktivitäten der amerikanischen Streitkräfte in Ramstein. Da ging es um formales bundesrepublikanisches Recht und amerikanische Faktizität.
In allen drei Fällen kam es zu keiner Publikation. Und Meinhardt beschreibt sehr eindringlich, wie die zahlreichen Versuche aussahen, um ihn zu zensieren und den enthüllenden Charakter der Arbeiten zu zerstören. In einem Dialog mit einem Freund, seinerseits auch ein von Ost nach West Migrierter, aber in einem anderen Genre arbeitend, gibt ihm dieser den weisen Rat, radikal an seiner Desillusionierung zu arbeiten. Dann ließe sich hier, im Westen, leben und arbeiten.
Dass Birk Meinhardt nicht mehr bei „seiner“ Süddeutschen Zeitung arbeitet, versteht sich von selbst. Letztere hat die eindeutige Tendenz, die er in dem Buch beschreibt, in atemberaubender Weise in den letzten Jahren übertroffen. Freie Meinung und investigativer Journalismus gelten exklusiv für die als amtlich anzusehenden politischen Positionen. Für mehr ist da kein Platz. Auch hier zeigt sich, dass die Menschen aus dem Osten, sofern sie noch alt genug waren, um das politische System dort zu spüren, einen untrüglichen Riecher besitzen für Entwicklungen, die alles Mögliche sind, nur nicht demokratisch.

Die Spaltung geht tiefer und die Flüsse gebieten sie: Bis zur Elbe muss man sich mit allen Piraten des Atlantik arrangieren, sie gegeneinander ausspielen und profitieren. Ostelbien muss mit Russen leben und alles Fremde fürchten. Schwer zu überwinden, aber einfach zu verstehen. Aber niemals wird irgendein Nordischer die Winkelzüge der katholischen Donaudeutschen nachvollziehen können.
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