Archiv für den Monat Februar 2024

Vom Römischen Recht und dem Schutz gegen den digitalen Trash-Orkan

Ferdinand von Schirach. Die Würde ist antastbar. Essays

Ein kleines Bändchen mit Reflexionen zu Themen der Zeit und zur eigenen Person, das vor zehn Jahren erschienenen ist, gehört in unseren Zeiten eigentlich bereits zu ständigen Remittenden. Stünde hinter dem unscheinbareren kleinen Buch nicht ein weltweit be- und geachteter Schriftsteller, der sich zu den legalen Drogen des Koffeins und Nikotins öffentlich bekennt, einen auf den Seiten der Geschichtsbücher dunklen Namen trägt und erst in seinem zweiten Leben das Schreiben zum Hauptberuf gemacht hat. Der ausgebildete Jurist Ferdinand von Schirach ist dieser Mann. „Die Würde ist antatstbar“ heißt der kleine Band, der nicht zu den Hauptwerken des Besagten zu zählen ist. Und dennoch oder gerade nach zehn Jahren sei die Lektüre unbedingt empfohlen. 

Denn die Themen, die behandelt werden, sind nicht nur brandaktuell, sondern die Hinweise, die Schirach in den Abhandlungen gibt, können angesichts einer weiteren historischen Entwicklung noch einmal in einem anderen Licht betrachtet werden. Die These, dass der Terrorismus über das Schicksal der Demokratie entscheidet ist virulenter denn je, wenn man sich die Dialektik der Maßnahmen gegen die Bekämpfung unter dem Aspekt ihrer Verhältnismäßigkeit ansieht. Eine Fragestellung, die Juristen immer umtreibt, die in der Politik allerdings allzu oft dem flächendeckenden Populismus zum Opfer fällt. Oder die Frage von Vorverurteilungen, die medial permanent stattfinden, die nahezu oft die vorgesehenen Verfahren gar nicht abwarten und sogar behindern und gleichzeitig in der Lage sind, Existenzen zu vernichten. Oder die Tendenz von Staatsanwaltschaften, eine eigene Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben, die ebenfalls ein faires Verfahren zu kontaminierenden in der Lage ist. 

Die Brisanz der angeschnittenen Themen ist immer noch gegeben, wenn nicht sogar größer als zum Zeitpunkt ihrer Niederschrift und des Erscheinens. Da hat jemand vor Tendenzen gewarnt, die sich leider etabliert und die Idee des Rechtsstaates schwer beschädigt haben. 

Zudem beinhaltet das Buch noch Aufklärungen, hinsichtlich des Schreibenden. „Über das Schreiben“ sollten all jene lesen, die denken, man setze sich hin, schreibe etwas nieder und fertig ist das Gedicht. Die Fragen zum eigenen Großvater, seinerseits der ehemalige Reichsjugendführer der NSDAP, lüften ein Geheimnis, das keines ist und seine Schilderung der Zeit im Jesuiten-Internat Sankt Blasien lassen vermuten, wie tief Disziplin und Langeweile bei der Herausbildung einer Persönlichkeit wirken können. Und das Bekenntnis zum IPad zeigt, dass ein vom Humanismus und dem Römischen Recht und der griechischen Philosophie geprägter Mensch alles andere ist, als ein analoger Eremit. Der Mann weiß, wie er sich gegen den digitalen Trash-Orkan schützen muss, um die Stringenz seines Denkens erhalten zu können. 

Ferdinand von Schirach. Die Würde ist antastbar. In jeder Lebenslage gut lesbar. Tiefsinnig wie inspirierend!

Nie wieder so wie Jetzt!

Manchmal ist es hilfreich, mit der Zeit zu spielen. Sich in eine andere historische Epoche zu versetzen und die Frage zu stellen, wie hätten sich die heutigen Verhältnisse dort gemacht? Wie hätte die Gesellschaft reagiert? Wären diese Verhältnisse überhaupt möglich gewesen? Oder, anders herum, historische Ereignisse auf das Heute zu hieven und durchzuspielen, wie die aktuelle Gesellschaft damit umgegangen wäre. Letzteres wird gerade in einer großen Kampagne gemacht. Da werden die heutigen Verhältnisse als Analogie zum Aufkommen des Nationalsozialismus gesetzt und daraus der Slogan gemacht: Nie wieder ist Jetzt! Vom Marketing-Aspekt ist das eine gelungene Volte. Ob der Vergleich stimmt, darüber lässt sich streiten. Denn vieles, was einer rechtsradikalen Gefahr zugeschrieben wird, ist ein zunehmend deutlicher werdendes Abbild dessen, was man zu bekämpfen sucht.

Bei der Übung, mit der Zeit zu spielen, drängt sich eine andere Variante auf. Zunächst sollte man sich der eigenen politischen Biographie bis vor wenigen Jahren vergegenwärtigen. Dann das letzte Jahrzehnt als große Abwesenheit nehmen. Und bei der Rückkehr würde vieles, womit man bei der Rückkehr konfrontiert würde, als undenkbar erscheinen und als groteske Regie in einem Spiel wirken, das man für unmöglich gehalten hätte. Da wäre allenthalben die Forderung zu lesen, schwere Waffen für Freiheit und Frieden zu liefern, da würden Bomben geworfen für unsere Werte, da würden Verbündete sich so verhalten, dass eigentlich der Bündnisfall ausgerufen werden müsste, da ließe man Menschen, die aus Gebieten geflüchtet sind, in denen das eigene Bündnis Kriege vom Zaun gebrochen hätte, wissentlich auf ihrem Weg im Meer ertrinken gelassen, da würden vermeintliche Feinde sanktioniert, wodurch das eigene Land mehr getroffen wird als die beabsichtigte Adresse und da werden alle, die auf diese Missstände hinweisen, ausgegrenzt und dessen bezichtigt, was man eigentlich selber verkörpert. Und damit aus allem ein Schuh wird,  werden sukzessive alle Rechte, die eine Demokratie ausmachen, beschnitten, ausgehebelt und durch proaktive Überwachungsmaßnahmen ersetzt.

Vor einem solchen Szenario mit dem Slogan konfrontiert zu werden: Nie wieder ist Jetzt! mutet an wie eine Montage aus den dystopischen Gesellschaftsromanen des XX. Jahrhunderts. 

Das Traurige an diesem Spiel ist nur, dass es sich um kein Spiel und um kein seminaristisches Setting handelt, sondern um die nackte Realität. Die Kriegsgeilen, die weder für die liberale Demokratie noch für die Freiheit irgend eines Landes stehen, sondern für die Börsenkurse der Waffenindustrie, werden gewürdigt als tapfere Demokraten. Und keine Perversion, die nicht doch noch zu steigern wäre. Jüngst war zu vernehmen, dass ein Erbe aus der Rüstungsdynastie Krauss Maffei, seinerseits Mitglied der Grünen, darauf hinwies, wie wichtig weitere Waffen für die Ukraine nun seien. Solche Zustände sind die Faktizität des Spotts. 

Bei der Betrachtung solcher Zustände kann die Schlussfolgerung nur sein, dass wir uns in einem neuen Zeitalter des Kannibalismus befinden. Und den Teufel treibt man nicht mit dem Beelzebub aus. Das ist eine alte, immer noch gültige Gewissheit. Der passende Slogan muss anders heißen: Nie wieder so wie Jetzt!