Archiv für den Monat Februar 2024

Außenpolitik: reichlich Stoff für Tragödien

Was macht eine Gruppe von Menschen, die sich auf ein Projekt geeinigt hat und daran arbeitet, wenn sie merkt, dass vieles nicht so läuft, wie es geplant war und dass die Resonanz auf die eigene Vorgehensweise von außen immer kritischer wird? In der Regel sind zwei Vorgehensweisen repräsentativ. Die eine bestünde in einer kritischen Revision dessen, auf das man sich geeinigt hat und an deren Ende eine Kurskorrektur oder die Beerdigung des Projektes stehen könnte. Und die andere Reaktion kann sein, mit einem Gefühl des „Jetzt erst Recht!“ an allen Prämissen und Hypothesen festzuhalten und den Durchmarsch zu planen. Letzteres eignet sich sehr gut zur späteren Darstellung auf der Theaterbühne oder in der Literatur. Ersteres erregt im Nachhinein kein großes Aufsehen, weil die Katastrophe ausbleibt. Die Menschen, die von einem solchen betroffen sind, außer der beschriebenen Gruppe, versteht sich, wünschen sich Kurskorrekturen, die die Katastrophe verhindern könnten. Uneinsichtige Protagonisten hoffen bis zur Psychopathie auf den finalen Erfolg, selbst wenn sie insgeheim wissen, dass es sich um eine Illusion handelt. Dennoch machen sie weiter, weil der Gruppendruck immens und die Reputation nach außen bereits zerstört ist.

Einige der Leserinnen und Leser werden bereits gemerkt haben, worauf das abstrakt gehaltene Szenario hinzielt: es geht um die Bundesregierung und das durch sie mit initiierte Vorgehen der EU in Bezug auf das Verhalten in der internationalen Politik. Mit der Annahme einer Kongruenz der Interessen mit den USA liegt ein kardinaler Fehler vor, der bereits zu mächtigen Schäden geführt hat und letztendlich, sollte der Kurs nicht korrigiert werden, zu einer Selbstzerstörung historischen Ausmaßes führen wird. Und es macht keinen Sinn, über die innere Befindlichkeit der jeweiligen Akteure zu spekulieren. Entscheidend ist immer, was sie tun. Und sie waren aktiv daran beteiligt, den Konflikt mit Russland zu suchen, sie haben die Schwächung der eigenen Wirtschaftskraft in der irrigen Einschätzung in Kauf genommen, Russland mit einem Sanktionspaket nach dem anderen in die Knie zwingen zu können, sie haben sich nach einer Karenzzeit dazu bereit erklärt, die Kosten des Krieges auf Seiten der NATO gänzlich zu übernehmen, sie treiben die gesamte Ukraine in den Ruin, obwohl sie wissen, dass dieser Krieg von ihr nicht gewonnen werden kann, sie haben die Übernahme eines Großteils der ukrainischen Agrarfläche durch westliche Großkonzerne gebilligt, womit die Zukunftsprognose für das Land noch düsterer wird, sie akzeptieren Attacken auf ihre kritische Infrastruktur durch vermeintlich Verbündete, sie investieren im eigenen Land weder in Bildung und Infrastruktur in dem erforderlichen Ausmaß, sondern betreiben eine Militarisierung der Gesellschaft in allen Bereichen, gleichzeitig lechzen sie nach einer Perpetuierung dieses Krieges und beteiligen sich an seiner Ausweitung in unterschiedlichen Regionen dieser Welt. Kriegsschiffe im Roten und im Südchinesischen Meer, immer denen der USA und Großbritanniens hinterher. 

Ich bin mir sicher, dass dieses Vorgehen, sollte es nicht ein Ende finden, das nur durch die Abberufung derer hervorgerufen werden kann, die an der vermeintlichen Bündnistreue festhalten, Resultate zeitigen wird, von denen selbst eine Kassandra keine Vorstellung hat. Sollte das nicht der Fall sein, so kann als Trost allenfalls versprochen werden, dass die Theater reichlich Stoff für neue Tragödien bekommen werden und in der Literatur der Zukunft neue Dämonen vorkommen werden, die in ihrer Schlichtheit ein Novum sind. 


Fake News ohne Erröten

Angesichts des heutigen Jahrestages der russischen Invasion in die Ukraine und der auf allen Kanälen laufenden Berichterstattung befanden sich unter anderem historische Dokumente, die zum Nachdenken zwingen. Mir fielen Reportagen aus Formaten wie Monitor und Report auf, in denen vor acht Jahren auf das „Muskelspiel“ der NATO direkt an der russischen Grenze hingewiesen und gefragt wurde, ob diese Gebärden nicht als massive Provokation gewertet werden müssten und wie lange das noch gut, d.h. friedlich vonstatten gehen könne. Wir kennen die Antwort. Es ist nicht gut gegangen. Und es war geplant. Und wer heute etwas anderes erzählt, beteiligt sich an der Verbreitung der Unwahrheit. Diejenigen, die diesen Krieg provoziert haben, die ihn heute befeuern und die daran verdienen, werden sich irgendwann zu verantworten haben. Und, dazu bedarf es keiner elaborierten Prognostik, die Kritik und die Abrechnung wird von denen kommen, die den Preis vor allem für das Junktim von EU und NATO bezahlt haben: die Bevölkerung der Ukraine. 

Wer heute gerade mit dem Schicksal der Ukrainerinnen und Ukrainer argumentiert, wenn es um die Fortsetzung und Eskalation des Krieges geht, ist nicht nur zynisch, sondern gehört auch zu den Terroristen, die auf diese Art und Weise die politischen Konstrukte der EU-Staaten mit auf dem Gewissen haben. Eine im Kriegsmodus befindliche Kaste von Politikern, die den Crash mit inszeniert haben und dann in lautes Geschrei ausbrechen, dürfen sich nicht wundern, dass dieses Spiel bereits durchschaut ist und zu dem massiven Vertrauensverlust geführt hat, der sich in einer Wahl nach der anderen niederschlägt. Und solange die Agenten der Waffenindustrie, medial gehypt und gebrandet bis zum Erbrechen, keine offiziellen Gegenstimmen erhalten, wird der Prozess der Erosion weitergehen. Und, das nur zur Beruhigung aller, die sich die serienmäßig produzierten Fake News über das Kriegsgeschehen und seiner Bewertung nicht mehr anschauen und anhören wollen, sei eines zum Trost gesagt: die Stimmung kippt nicht nur hier, sondern auch in der Ukraine. Der Grad der Zerstörung und Auflösung ist derart fortgeschritten, dass staatliches Handeln ohne direkte fremde Unterstützung nicht mehr möglich ist.

Man muss keine subversiven Phantasien haben, wenn man sich die eingangs erwähnten Reportagen ansieht und sich fragt, wie es kommen kann, dass dasselbe Personal, das damals vor dem Zündeln von EU und NATO gewarnt hat, sich heute inbrünstig gegen die russischen Übeltäter stellt. Spannend wäre ja zu wissen, mit welchen Mitteln die Besagten zur Räson gebracht wurden? Reichten da Direktionsrechte aus? Wurden sie bestochen? Haben sie dem Druck nicht mehr standgehalten? Waren die Raten für das Eigenheim zu hoch? Fakt ist, dass schon sehr viel dazu gehört, in einem relativ kurzen historischen Zeitraum sich mit zwei entgegengesetzten Einschätzungen vor die Kameras zu stellen, ohne unter einer dauerhaften Errötung zu leiden. 

Wenn immer wieder von der deutschen Verantwortung geredet wird, ist damit die Beteiligung an imperialistischen Manövern gemeint. Zumindest von denen, die kontinuierlich den Schaden anrichten. Diese Schändung des Begriffes der Verantwortung muss revidiert werden. Sie müssen Verantwortung für das übernehmen, was sie bereits angerichtet haben. Für das Desaster in Afghanistan, für das Desaster in der Ukraine und – noch aktueller und unsäglicher – für das Desaster in Gaza. 

Wieviel Morde pro Woche?

Es lohnt, einmal für sich selbst zu zählen, wieviel Morde beim Fernsehen oder bei der Nutzung von Streaming-Diensten binnen einer Woche beobachtet werden können. Es sind mehr, als einem noch bewusst ist. Bereits vor Jahren lag eine Studie vor, nach der ein junger Mensch, der einen durchschnittlichen Fernsehkonsum aufwies, bis zur Vollendung seines 18. Lebensjahres an die 18.000 Mordfälle erlebt hatte. Meine These: die Zahl ist heute noch höher. Und die Frage, die sich kaum jemand stellt, die allerdings auf der Hand liegt, ist eine kulturprognostische. Was ist eigentlich mit einer Gesellschaft los, in der virtuell, zum Zeitvertreib, täglich gemordet wird, was das Zeug hält. Zugute zu halten ist der Gesellschaft, dass die virtuelle Übung nicht der tatsächlichen Statistik entspricht. Wäre das der Fall, dann hätte der Begriff des Fachkräftemangels bereits eine andere Dimension. 

Anscheinend existiert so etwas wie eine humane Urangst, die die Möglichkeit spiegelt, quasi aus dem Nichts heraus immer und überall gemeuchelt werden zu können. Was die vielen Mord- und Totschlag Serien allerdings garantieren, ist die Aufklärung der Delikte. Der Kitzel wird in der Regel besänftigt durch die Bestrafung der Täter und der damit verbundenen Rückversicherung, dass die Zahl der möglichen Mörder im Einklang mit ihren Vergehen reduziert wird. Ende gut, alles gut. Nichtsdestotrotz handelt es sich bei diesem Unterhaltungssetting um ein Indiz für eine krankhafte Entwicklung, die nicht unbedingt einen hohen Grad der Zivilisation widerspiegelt.

Dass diese archaischen Ängste systematisch genutzt werden, um die Gefühlslage der Bevölkerung emotional zu steuern, liegt auf der Hand. Ein bewährtes und immer wieder genutztes Mittel ist dafür der Agententhriller. Auch da geht es um Mord, Verschwörung, Betrug, Skrupellosigkeit und letztendlich das Überleben der Guten. Dass es sich bei den Delinquenten und den Charakteren des Bösen seit dem Kalten Krieg um Russen handelt, sofern die Produktionsstätten des Genres in den USA liegen, ist nicht verwunderlich. Kommen die Filme aus Großbritannien, sind bis zum heutigen Tag die Hunnen, sprich die Deutschen, immer noch die Bösewichter. Dass es so ist, bekommt man auf dem deutschen Markt wohlweislich kaum vermittelt.

Bei der Betrachtung der geschilderten Sachverhalte ist es kaum möglich, sich einer kritischen Gesellschaftsdiagnostik zu entziehen. Die Frage lässt sich nicht ausklammern, was mit einer Gesellschaft los ist, in der die Unterhaltung aus archaischen Existenzängsten besteht und in der eine politische Steuerung der nationalen Emotionslage mit Feindbildern bedient werden, die als Verursacher möglicher kollektiver Untergänge charakterisiert werden? 

Das Bedrückende sind die Ergebnisse. Alles scheint so zu funktionieren, wie geschildert.  Nach einem langweiligen Arbeitstag ein wenig gekitzelt und dann wieder beruhigt zu werden, erledigt durch die unzähligen, massenhaft produzierten Kriminalserien, oder, am besten kurz vor Wahlen, ein Agentenszenario frei Haus zu bekommen, bei dem die Salznüsschen nur unter Gänsehaut verschlungen werden können, ist die Art und Weise, wie es kredenzt wird.

Angesichts der gegenwärtigen, hoffentlich nicht mehr lange andauernden politischen Verhältnisse, die keinen qualitativen Wandel erwarten lassen, bleibt nur der Rat, sich dieser Art von Gehirnwäsche durch Abstinenz zu entziehen. Suchen Sie das Gespräch, sowohl mit Freunden als auch mit Menschen, die anders denken! Lesen Sie Bücher, die gut geschrieben sind und den Geist schulen! Und sprechen Sie mit denen, die sich immer noch im Prozess der sozialen Kontaminierung befinden! Sie brauchen Hilfe! Dringend!